Donnerstag, 11. April 2013

Kopf im Sand


 
130.000 Konten in den Steueroasen dieser Welt, tausende Milliarden Dollar, die mit einem Mal im Visier sind. Ehrlich verdient? Ergaunert? Versteuert? Voller Blut? Nirgendwo in der Welt scheut man sich, den Überraschten zu mimen. Wieder einmal und ganz unverfroren. Man tut so, als ob man nichts gewusst hätte, zeigt sich überrascht vom Ausmaß und fordert Maßnahmen.

Man kennt Reaktionen wie diese. Es gibt sie überall. Bei der Produktion von Waffen etwa, die selbst im neutralen Österreich immer ein wichtiger Wirtschaftszweig war, ist es nicht anders. Wie jetzt bei den Drohnen aus  der Alpenrepublik, die nun in Korea eingesetzt werden sollen. Zuerst großes Lob für die High-Tech-Produkte, jetzt freilich beginnt man sich dafür zu interessieren, was die Dinger anrichten können und will sie stoppen.

Bei Lebensmitteln ist das Muster nicht anders und auch nicht bei zahllosen, ganz harmlosen Produkten des täglichen Lebens, wie der Jeans um 9,90 Euro oder dem Smartphone zum Nulltarif. Wer je bei Reportagen aus den Jeansfabriken in Bangladesh oder aus den Hallen der Handy-Erzeuger in China nicht weitergezappt ist, sondern hingeschaut hat, weiß, was gespielt wird. Die Umstände, unter denen dort erzeugt wird, was wir so oft so schnell wegwerfen, weil es nur wenig gekostet hat, sind zumeist nur erbärmlich und menschenunwürdig zu nennen.

Die Welt neigt dazu, den Kopf in den Sand zu stecken. Gleichwo, man tut möglichst lange so, als gäbe es keine Anlass zum Handeln, als sei alles in Ordnung. Man findet allerlei Erklärungen, um Kritiker und sich selbst zu beruhigen, man dreht und wälzt Argumente so lange, bis man sie selbst glaubt, man lügt sich an und richtet sich die Fakten passend zurecht, man schiebt Reaktionen hinaus und verschiebt sie und verschiebt sie.

Dass sich auch Politik so verhält, verwundert nicht. Gerade die Politik in einem Land, das zuweilen erscheint, als sei es alleine aufs Kopf in den Sand stecken und aufs Verschieben ausgerichtet. Im Vorfeld der Wahlen in manchen Ländern und im Bund erleben wir, wie dem p.t. Wahlvolk genau das als hohe Kunst vorgeführt wird. Da stellen sich in Salzburg die gleichen Politiker, die in dem Land unfassbare Zustände in der Finanzverwaltung ermöglicht und damit Milliardenschulden beschert haben, hin und erklären, sie wollen das Land jetzt nicht im Stich lassen. Und da tut man in Wien so, als würde man heiße Eisen anpacken und tut doch nichts anderes als nichts. Die Mieten sind als Thema gerade aktuell. Viel Palaver, keine Folgen. Nächste Woche wird es etwas anderes sein. Und übernächste Woche wieder etwas anderes.

Aber: Alles klingt gut und lenkt ab. Eben Politik, wie man sie in Österreich versteht. Politik, die oft wider besseres Wissen gemacht wird. Im Sozialbereich, bei den Förderungen, bei der Infrastruktur, bei den Pensionen, bei der Bildung oder im Gesundheitswesen. Schulterzuckend und Wählerstimmen fest im Auge.

Schulden werden an Schulden gehäuft. Allerorten versucht man, zumal in Vorwahlzeiten, die Begehrlichkeiten zu befriedigen. Den Schuldenbergen kann man beim Wachsen zuschauen. Und kaum jemand bremst. "Geld ist genug da" ist neuerdings die Devise, die der Gewerkschaftsbund formuliert hat. Es steht zu fürchten, dass sie als Freibrief für eine von wenig Verantwortung und vor allem von wenig Sinn für Realität getragene Politik zu verstehen ist. Der Kampfruf "Geld ist genug da", heißt nichts anderes, als dass man den Kurs der vergangenen Jahre und Jahrzehnte, dessen Kennzeichen nicht Nachhaltigkeit und sparsamer Umgang mit dem Geld der Steuerzahler waren, ungebremst forstsetzen will. An Veränderungen, strukturellen Anpassungen zumal, ist man offenbar nicht interessiert. Wäre wohl auch zu kompliziert und könnte sich gar die eigene Klientel richten. "Geld ist genug da" klingt wohl in vielen Wählerohren wie Musik. Und es sicher einfachere Lösung.

So wie den Kopf in den Sand zu stecken. Das freilich, steht zu befürchten, wird niemanden hindern, in ein paar Jahren, wenn auch dieses Geld verbraucht ist, den Überraschten zu mimen. So wie man ihn jetzt angesichts der Konten in den Steueroasen, der österreichischen Drohnen in Korea oder der Reportagen aus den Industrie-Hinterhöfen der Welt mimt.
 
Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 11. April 2013

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