Donnerstag, 17. November 2016

Wenn nichts mehr Gültigkeit hat



Wenn es um Themen wie Flüchtlinge geht, illustriert man die Berichte gerne mit vollverschleierten Frauen, blutigen Messern und montiert gleich auch noch eine Stopp-Tafel ins Bild. Die "Tiere in Not"-Kampagne ziert das Bild eines deutschen Schäferhundes. Dazwischen lässt man Hansi Hinterseer Sätze sagen wie "Wenn du in einem fremden Land bist, musst du dich an diese Regeln und Gesetze einfach anpassen. Wenn du das nicht tust, bist du halt weg" und bringt ein Foto von Norbert Hofer beim Schuhkauf. Scheu, sich trotzdem für "unabhängigen und kritischen Journalismus" zu loben, hat man dennoch keine.

"Wochenblick" heißt die Zeitschrift, die in Oberösterreich gemacht wird und die alle Medienkanäle bespielt. Wer dahinter steht, ist bis heute nicht klar. Es bleiben nur Mutmaßungen, wenn man angesichts der vorwiegenden "blauen" Themen die transportiert werden, die FPÖ als Finanzier im Hintergrund vermutet.

Auf Mutmaßungen ist man auch beim Internetportal "unzensuriert.at" angewiesen, das aus einem Blog des seinerzeitigen Dritten Nationalratspräsidenten Martin Graf hervorging. Auch dort werden Meldungen mit eindeutigem Stallgeruch unter dem Deckmantel eines Journalismus, der so tut, als verberge er nichts, verbreitet. Die Realität ist freilich eine andere. Es werden nicht einmal die Autoren der Texte angegeben, man verbreitet gerne Meldungen aus dubiosen Quellen wie "sputnik.polls", einer russischen Propaganda-Plattform, und man lässt, wie beim "Wochenblick", im Unklaren, wer hinter "unzensuriert. at" steht. Gemacht wird es von Leuten aus dem FP-Umfeld. Genauere Nachfragen blockt man aber gerne mit dem Hinweis auf Datenschutz ab.

Quellen wie diese sind es, aus denen sich der Hass und die Verunsicherung der Menschen nähren. Da geht es selten um Fakten, und viel öfter dafür um Gerüchte. Da werden mit Halbwahrheiten, Schreckensmeldungen und Weltverschwörungstheorien Ängste geschürt. Diese Medien sind zu einer Parallel-Öffentlichkeit geworden, in der Erwartungen bedient und Stimmungen erzeugt werden, die das Zeug haben, die Gesellschaft aus den Angeln zu heben. Denn da wird von den Nutzern, die sich den etablierten Medien gegenüber so gerne skeptisch zeigen, nichts mehr hinterfragt, da wird für bare Münze genommen, was man liest und sieht. "Krone","Heute" und "Österreich", die Rabauken vom heimischen Boulevard, nehmen sich dagegen wie seriöse Qualitätsmedien aus.

Niemand in Österreich versteht sich auf den Umgang und Einsatz mit dieser Art neuer Medien und auf das Spiel mit so genannnten sozialen Medien Facebook und Twitter so gut wie die Freiheitlichen. Geschickt haben sie eine parallele Medien-und Öffentlichkeitswelt aufgebaut und setzen diese Medien für ihre Ziele ein. HC Strache hat auf Facebook 455.000 Follower und versorgt seine Fans so direkt mit Informationen. Norbert Hofer bringt es auf knapp 300.000. Da kann Kanzler Kern nicht mit und auch nicht Außenminister Kurz. Und schon gar nicht Alexander Van der Bellen.

Augenscheinlicher, wie im ORF-Report in der Vorwoche, hätte man den Unterschied zwischen dem herkömmlichen und dem neuen Stil in der Kommunikation nicht machen können. "Wenn ich unterwegs bin zu einer Veranstaltung und ich sitze im Auto, dann mache ich eine kleine Nachricht mit meinem Handy", sagte Norbert Hofer. "Da gibt es immer sehr, sehr viele Aufrufe." Für Van der Bellen wäre das undenkbar. "Wie stellen Sie sich das vor?" fragt er zurück. "Ich setze mich sicher nicht privat hin und bediene irgendein Gerät und das vielleicht aus meiner Wohnung."

Man mag diese Haltung für ehrbar und sympathisch halten, effektvoller ist wohl die andere.

Die Entwicklung, die wir in Österreich erleben, ist erst der Anfang. Medien wie das "Wochenblatt" oder Plattformen wie "unzensuriert.at" schießen rund um den Globus aus dem Boden. Facebook und Twitter können längst Wahlen beeinflussen. Der Kampf um die US-Präsidentschaft zeigte es.

Das Ende der Entwicklung ist damit noch nicht erreicht. "Social Bots" ist das neue Schlagwort, das für Aufregung sorgt und vor dem einem bange werden kann. Solche Bots sind Programme, die sich in sozialen Netzwerken als Menschen ausgeben. Der Nutzer merkt nichts davon. Und auch nichts davon, dass er manipuliert wird. Im US-Präsidentenwahlkampf stammte dem Vernehmen nach jede dritte Pro-Trump-Nachricht auf Twitter von so einem Roboter.

Wie die Wahlen ausgegangen sind, ist bekannt.

Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 17. November 2016

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