Samstag, 6. Juni 2026

Gemüsebauern klagen über Benachteiligung

 


Erleichterungen bei den Lohnkosten für Saisonarbeiter fordert die Branche seit Langem.

Hans Gmeiner

Salzburg. Seit Jahren klagen die heimischen Gemüsebauern wegen hoher Lohnnebenkosten über Wettbewerbsnachteile auf dem Markt. Außer Versprechungen und Vertröstungen auch von höchsten Stellen gab es freilich wenig für sie. Verbesserungen wurden bisher immer verhindert. „Wir haben es satt“, nimmt sich Stefan Hamedinger, Geschäftsführer des Gemüsebauernverbandes in Oberösterreich, kein Blatt vor den Mund. Auch der Branchenverband Obst und Gemüse forderte erst kürzlich in einem Schreiben an Finanzminister Markus Marterbauer sozialversicherungsrechtliche Erleichterungen für Saisonarbeitskräfte, „um mehr Netto vom Brutto ermöglichen zu können“.

Lohnnebenkosten machen bis zu 50 Prozent der Gesamtkosten aus

„Ständig wird über die höheren Lebensmittelkosten geklagt und bei uns stellt man auf stur, wenn wir Entlohnungsmodelle, wie sie in Bayern und Südtirol üblich sind, fordern“, beklagt Hamedinger. Dort gibt es Modelle, die die speziellen Verhältnisse und Anforderungen im Gemüse- und Obstbau berücksichtigen. Die Lohnnebenkosten insbesondere für Saisonarbeitskräfte seien dort deutlich niedriger. „In vielen europäischen Ländern hat man erkannt, dass man Gemüsebauern und Produzenten von Spezialkulturen, die besonders handarbeitsintensiv sind, entgegenkommen muss.“ In Deutschland etwa bekommen die Saisonarbeitskräfte dank der Sonderregelungen laut Hamedinger mindestens 13,90 Euro pro Stunde. „Unsere Bauern können wegen der hohen Lohnnebenkosten nur neun Euro zahlen, weil bisher nichts geschehen ist.“ Er will nicht akzeptieren, dass Politik und Sozialpartner weiter wegschauen. „Für die Schwerindustrie und andere gibt es Energie- und Stromkostenzuschüsse, für die Landwirtschaft gibt es diesbezüglich bei den Arbeitskosten nichts.“

Bei manchen Gemüsearten machen die Lohnkosten mehr als 50 Prozent der Gesamtkosten aus. Da wächst sich die Differenz bei den Löhnen schnell zu einer drückenden Last im Wettbewerb aus. Pro Hektar Salat beziffern die Gemüsebauern die Mehrkosten mit rund 4000 Euro. Bei Einlegegurken betrage der Nachteil wegen der höheren Arbeitskosten sogar 14.000 Euro pro Hektar. Da verwundert es nicht, dass der Druck aus dem Ausland auf die Gemüsebauern beständig wächst. So ist etwa in Oberösterreich seit dem EU-Beitritt der Marktanteil bei Einlegegurken von 80 auf heute 50 Prozent gesunken. Auch bei frischem Gemüse wie Spargel werden bereits zwei Drittel importiert. Selbst Salat kommt immer öfter aus dem Ausland. Seit Jahren sinkt der Selbstversorgungsgrad.

Bierradi verschwand in Österreich ganz

Verschärfend zu den höheren Arbeitskosten kommt die in Österreich besonders strenge Auslegung der Regeln für Pflanzenschutzmittel hinzu. Während man in Bayern und anderen Ländern die Vorschriften großzügiger auslegt, müssen die heimischen Gemüsebauern auf wichtige Mittel zum Schutz ihres Anbauguts verzichten. Schlagzeilen macht immer wieder der Bierradi, der von Österreichs Gemüsefeldern praktisch verschwunden ist und aus dem benachbarten Bayern importiert werden muss.

Mit der strengen Auslegung der Vorschriften hat auch zu tun, dass heimische Radieschen und heimischer Kohlrabi in den Supermärkten oft ohne Blattgrün verkauft werden, weil Gemüse mit abgefressenen oder löchrigen Blättern liegen bleibt. „Man greift stattdessen leider lieber zur Ware aus dem Ausland, die daneben feilgeboten wird, weil dort wegen der Behandlung mit Pflanzenschutzmitteln, die bei uns nicht erlaubt sind, das Blattgrün dran und nicht zerfressen und löchrig ist“, sagt Hamedinger.

19.600 Hektar Gemüse

In Österreich wird laut Agrarmarkt Austria auf 19.600 Hektar Gemüse angebaut, von denen im Vorjahr rund 726.800 Tonnen Feld- und Gartenbaugemüse geerntet wurden. Die Anbauflächen für Gemüse liegen überwiegend im für den Gemüsebau klimatisch günstigeren Osten des Landes, vor allem in Niederösterreich (mehr als 11.000 Hektar), Oberösterreich (knapp 2000 Hektar) und dem Burgenland (rund 1500 Hektar).

Salzburger Nachrichten - Wirtschaft, 6. Juni 2026


Mittwoch, 3. Juni 2026

Teures Festhalten an der Vergangenheit

Österreich ist ein Land mit Vergangenheit. Viele meinen sogar mit großer Vergangenheit. Mag sein. Man kann es so sehen. Österreich ist aber auch, und das macht einen guten Teil unserer aktuellen Probleme aus, ein Land der Vergangenheit -im Denken, Leben und Handeln vieler Menschen, die gerne die "alten Zeiten" und was da war verherrlichen. Tradition und Brauchtum stehen hoch im Kurs in diesem Land, Verwurzelung auch.

Dass Österreich ein Land der Vergangenheit ist, ist aber auch ein Problem. Vor allem auch in der Politik. Und damit wird es gerade zu einem der größten Probleme, das wir haben, ist die Politik doch darauf ausgerichtet, in praktisch allen Bereichen den Status quo abzusichern. Also abzusichern, was war, und sich dabei zu weigern, nach vorne zu schauen. Koste es, was es wolle, man kennt das ja inzwischen. Kein Euro ist zu schade, um die Vergangenheit zu erhalten. Jedes Jahr drehen sich die wichtigsten politischen Diskussionen und Auseinandersetzungen darum, die Pensionen abzusichern und die Beamtengehälter, die Ausgaben im Sozialbereich nicht anzugreifen und die in der Landwirtschaft, in der Bildung und in der Kultur. Auch das, was sich im Gesundheitswesen abspielt respektive nicht abspielt, und vieles andere mehr ist davon geprägt und gebremst. Dass die Budgetzahlen völlig aus dem Ruder laufen und nun überall gespart werden muss, hat sehr viel damit zu tun, dass man unbedingt an der Vergangenheit festhalten will.

Alles Bemühen ist darauf ausgerichtet, alles so zu belassen, wie es ist. Und sei das noch so unhaltbar und sei noch so klar abzusehen, wohin das führt. Man tut alles, um die Vergangenheit zu erhalten und um ja nichts ändern zu müssen. Ganz so, als ob die Vergangenheit das Größte gewesen wäre. Dafür ist man bereit alles zu tun. Dass die Wahrscheinlichkeit deutlich größer ist, sich damit noch tiefer in die Malaise hineinzumanövrieren, ist genauso wenig ein Thema, wie dass dabei die Wahrscheinlichkeit wächst, eine bessere, wenn nicht gar richtig gute Zukunft zu verspielen. Und da sei noch gar nicht die Rede von der Zukunft der jungen Generation.

"Alles soll bleiben, wie es ist", laute inzwischen der geheime Wappenspruch der Dreier-Koalition, ätzte kürzlich Presse-Chefredakteur Florian Asamer. Sein Fazit: "Diese Koalition liefert nicht." Nicht beim Budget, nicht bei der Heeresreform, nicht bei den Pensionen. Nirgendwo. Da trickst man lieber herum wie bei den Bauern, die man vorne mit 100 Millionen Euro für den Agrardiesel beruhigt und denen man hinten herum die gleiche Summe bei der Sozialversicherung und Streichungen da und dort wieder wegnimmt. "Absicherung des Erreichten" lautet der Euphemismus, also die beschönigende Ausdrucksweise, dafür. Deckel drauf und ein paar Millionen dazu, das ist alles. "Und gut ist", würde man bei unseren deutschen Nachbarn dazu sagen. Aber die Entwicklung von Visionen, die Suche nach neuen Wegen, nach Antworten auf die Fragen, die sich aufdrängen, bleiben dabei auf der Strecke. Außer Sonntagsreden nichts von schlankeren Strukturen und einem schlankeren Staat. Von Umsetzung meist keine Spur. Forderungen nach Entrümpelung überkommener und immer kostspieliger werdender Strukturen werden regelmäßig ins Abseits geleitet. Es ist zuweilen, als traue man sich nicht in die Zukunft schauen. Und schrillen die Alarmsysteme noch so laut. 

Und vor diesem Hintergrund setzt ein Mann zum Sprung ins Kanzleramt an, der keinen Wechsel verspricht, sondern noch mehr von der Vergangenheit. Es müsse das Ziel einer verantwortungsvollen Politik für Österreich sein, diese "gute alte Zeit zu einer guten neuen Zeit" zu machen, tönte Herbert Kickl bei seiner Ansprache zum 1. Mai vor johlendem Publikum und legte gleich noch eins drauf, was zeigt, dass in Zukunft nicht nur Migranten nichts zu lachen haben sollen in diesem Land, sondern auch Schüler: "Und wenn sie nicht gespurt haben", sage Kickl grinsend, "dann hat ein Lehrer, der noch eine Respektsperson gewesen ist, ein bisserl nachgeholfen -und das hat niemandem geschadet, wenn ich das so sagen darf!"

Da wird wohl noch mehr kommen. Auch was andere Gesellschaftsgruppen betrifft. Das sollte Sorgen machen. Allen im Land der Vergangenheit, das sich keine Zukunft zutraut.

Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 3. Juni 2026

Montag, 1. Juni 2026

Schweinebauern rutschen tief in die roten Zahlen

162 Euro für ein ausgewachsenes Mastschwein: Das sei deutlich zu wenig, um die Kosten decken zu können, klagt die Branche. Jetzt hofft man auf die Grillsaison – und die Fußball-WM.

Hans Gmeiner

Salzburg. Bis vor wenigen Monaten war die bäuerliche Welt noch einigermaßen in Ordnung. Bei den meisten Produkten waren die Erzeugerpreise hoch wie selten zuvor. Seither hat sich das Blatt freilich gewendet. Im Monatstakt kommen Hiobsbotschaften aus der Landwirtschaft. Zuerst schlugen die Ackerbauern Alarm, weil die Düngerpreise und die Treibstoffpreise explodierten. „Ackerbau wird unrentabel“, hieß es mit einem Mal. Dann folgten die Milchbauern, weil die Erzeugerpreise einbrachen und auf ein Niveau fielen, von dem man glaubte, dass man es dauerhaft überwunden habe. Dann schlugen die Rinderhalter Alarm. Und nun meldeten sich auch die Schweinemäster zu Wort. „Uns fehlen derzeit rund 50 Euro pro Mastschwein, um die Kosten decken zu können“, sagt Raimund Tschiggerl, Chef der Österreichischen Schweinebörse.

Pro Mastschwein fehlen 50 Euro, um die Kosten decken zu können

Der Basispreis für ein Mastschwein liegt derzeit bei 1,62 Euro pro Kilogramm. Das sind gerade einmal 162 Euro für ein ausgewachsenes, schlachtreifes Schwein, das in der Regel 100 Kilogramm auf die Waage bringt. Vor einem Jahr erhielten die Bauern mit 1,83 Euro noch um gut 15 Prozent mehr, gar nicht zu reden von den 2,22 Euro, die Mitte 2024 für ein Kilogramm gezahlt wurden. „Dass wir in der Schweinemast negative Deckungsbeiträge schreiben, also die Produktionskosten nicht abgedeckt werden können, war in den vergangenen Jahrzehnten selten der Fall“, sagt der Chef der Schweinebörse, die für die Bauern der wichtigste Vermarkter ist.Wir sind ja den Schweinezyklus gewohnt Raimund Tschiggerl, Schweinebörse „Wir sind ja den Schweinezyklus, das Auf und Ab der Preise, gewohnt“, sagt Tschiggerl. Aber heuer laufe es anders. Der Markt habe sich vom traditionellen Tief nach dem Weihnachtsgeschäft nicht erholt. Auch Ostern brachte nicht die erwartete Wende. „Dabei hätten sich viele Bauern eigentlich erwartet, dass sich der Preis wegen der gestiegenen Kosten nach oben bewegt.“

Danach freilich schaut es nicht aus. Der Markt ist voll. Die guten Preise vor zwei Jahren haben das Angebot angekurbelt. Daran leidet man bis heute. „Der größte Feind des guten Preises ist der sehr gute Preis“, zitiert Tschiggerl eine alte Handelsweisheit. Waren es zunächst die großen Schlachtbetriebe, die eine Preiserholung verhinderten, weil sie ihre Kühllager räumten, so leidet man derzeit vor allem unter dem Überangebot auf dem europäischen Markt. „Billigst-Fleischangebote aus Spanien sind momentan der Renner“, sagt Tschiggerl. Die deutschen Bauern stehen dem kaum nach. Dazu kommen Verschiebungen auf den internationalen Märkten, mit denen die EU-Schweineproduzenten zu kämpfen haben. Sie erschweren es, durch Exporte den Markt zu entlasten. Insbesondere China kauft weniger Schweinefleisch, das dann auf anderen Märkten untergebracht werden muss.

In der Gastronomie zählt die Herkunft wenig

Besonders schmerzt die Schweinebauern, dass bei den Gastro-Zulieferern und damit in der Folge in der Gastronomie die Herkunft wenig zählt. Dieses Fleisch komme vorzugsweise aus Spanien und Deutschland. Tschiggerl: „Das wichtigste Schild ist ganz offensichtlich nicht das Herkunftsschild, sondern das Preisschild.“ Die Unterschiede sind oft enorm. „Wir sind mit Angeboten konfrontiert, die um 50 Prozent unter den Preisen für österreichische Ware liegen“, sagt Tschiggerl.

Tierwohlhaltung stagniert

Das erklärt zu einem Teil auch, dass die Nachfrage nach Schweinen aus Tierwohlhaltung stagniert. Die großen Erwartungen und auch Versprechungen kann sie kaum erfüllen. „Wir wollen so vielen Betrieben wie möglich den Umstieg auf tierwohlgerechtere Haltungsformen ermöglichen“, meint Tschiggerl. „Das muss allerdings im Einklang mit den Anforderungen des Marktes passieren.“ Daran hapert es allerdings. Vom Ziel, im Jahr 2030 in Österreich eine Million Schweine pro Jahr aus Bio- und Tierwohlhaltung zu vermarkten, ist man weit entfernt. Im Vorjahr waren es gerade einmal 270.000 Schweine aus diesen Haltungsformen. Rund die Hälfte der Schweine in Österreich wird immer noch außerhalb aller Gütesiegelprogramme erzeugt.

Unterkriegen wollen sich die Schweinebauern freilich nicht lassen. Sie hoffen, dass die Grillsaison, aber auch die Fußball-WM den Markt beleben, und darauf, dass die Umfragen stimmen, die davon reden, dass Fleisch zu essen wieder in ist. Dass sich die Lage rasch verbessert, glauben sie nicht. „Es wird wohl bis Weihnachten dauern, bis wir wieder positive Deckungsbeiträge erreichen“, sagt Tschiggerl.

Salzburger Nachrichten - Wirtschaft, 1. Juni 2026