Montag, 19. Januar 2026

In der Endlosschleife – oder zukunftsfit

Viele Bauern ergehen sich in Pessimismus. Der Politik gehen die Rezepte aus, um die Stimmung zu heben.

Hans Gmeiner 

Berlin. Wenn am Dienstag die traditionelle Wintertagung des Ökosozialen Forums beginnt, haben die Vertreter der Landwirtschaftsbranche schon die Grüne Woche in Berlin und das AMA-Forum hinter sich. Die Themen sind überall die gleichen. Der Handelsvertrag der EU mit den Mercosur-Ländern und welche Gefahren das für die heimische Bauernschaft bedeutet, stehen ganz oben. Auch die geplante EU-Agrarreform ist ebenso Gesprächsstoff wie die schwierige Preissituation bei verschiedenen Agrarprodukten. Auch der Dauerbrenner Lebensmittelhandel und seine Preispolitik stehen im Mittelpunkt, die Wettbewerbsfähigkeit der Bauern im Allgemeinen und dazu so leidige Themen wie überbordende Produktionsauflagen oder die Herkunftskennzeichnung, die man nicht und nicht auf den Weg bringt.

Es sind unglaublich viele Bälle in der Luft Norbert Totschnig, Landwirtschaftsminister „Es sind unglaublich viele Bälle in der Luft“, sagte Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig am Rand der Grünen Woche in Berlin, die Lage der Branche sei „komplex und schwierig“. An starken Worten ließ man es nirgendwo vermissen. Landwirtschaftskammerpräsident Josef Moosbrugger polterte, dass es sich für die Bauern nicht ausgehen könne, wenn von ihnen immer mehr gefordert werde, man dafür aber immer weniger gezahlt bekomme. Und Georg Strasser, Präsident des VP-Bauernbundes, nahm wieder einmal den Handel in die Pflicht und forderte: „Schluss mit dem Rabattwettbewerb.“

Bauern müssen sich auf die Füße stellen

Man kennt Forderungen wie diese seit Jahren. Falsch sind sie nicht. Die Fortschritte aber sind überschaubar. Die Bauern müssen sich auf die Füße stellen, ihre Situation ist nicht einfach und herausfordernd. Aber es ist zu fragen, ob sich ihr Argumentarium nicht längst abgenutzt hat, weil man nur mehr schlechte Stimmung verbreitet, bei den Bauern genauso wie bei den Konsumenten und Steuerzahlern. Zunehmend hat man Probleme, verstanden zu werden. Nicht zuletzt deshalb fühlen sich viele Bauern von der Politik im Stich gelassen.

Das Mercosur-Abkommen ist typisch dafür. Fakten werden einseitig ausgelegt, Chancen nicht gesehen, Gefahren überbetont. Beinahe lustvoll malt man Gegenwart und Zukunft der heimischen Landwirtschaft in düsteren Farben.

Nicht einmal die agrarische Außenhandelsbilanz taugt mehr zum Heben der Stimmung. In Deutschland, dem wichtigsten Exportland, gab es zwar wieder schöne Zuwächse, aber insgesamt hat sich die agrarische Außenhandelsbilanz verschlechtert. Das Defizit hat sich 2025 gegenüber 2024 fast verdoppelt. Zwei Milliarden Euro groß ist die Lücke zwischen den Einfuhren und den Ausfuhren. Kenner gehen davon aus, dass die Lücke letztendlich 2,5 Milliarden Euro groß sein wird. Es ist richtig, dass die Bauern vor schwierigen Aufgaben stehen. Aber kaum wo ist zu spüren, dass Landwirtschaft auch einer der spannendsten Wirtschaftszweige ist, einer, dem eine große Zukunft vorausgesagt wird. Ganz im Gegenteil. Freude daran versagt man sich gern. Und Chancen sind schlichtweg kein Thema. Wer etwas als gut benennt, wird kritisiert und gerät in den sozialen Medien schnell in einen Shitstorm.

Die heimische Landwirtschaft ist in den vergangenen Jahren in eine Blase geraten, die sich hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt. Und in der Freude und Optimismus Fremdworte zu sein scheinen, die in der Öffentlichkeit unterdrückt werden. Man nimmt sich als besonderen Wirtschaftssektor wahr und weigert sich oft, zur Kenntnis zu nehmen, dass man nur einer von vielen ist. Man täuscht sich gern selbst und vermeidet, der Wahrheit ins Gesicht zu blicken. Stattdessen versteckt man sich zuweilen lieber gern hinter Argumenten, die sich längst als nicht mehr stichhaltig erweisen, so sie es denn überhaupt je waren.

Dabei steht es um die Landwirtschaft bei Weitem nicht so schlecht, wie man vorgibt. Oft freilich agiert man auf doppeltem Boden. Man hat in den vergangenen Jahrzehnten ein System aufgebaut, das Bauern auch unter schwierigen Verhältnissen Sicherheit gibt. Das beginnt bei den Ausgleichszahlungen und Umweltprämien, aus denen man gemeinsam zwischen Bund und Ländern und der EU ein passables, tragfähiges System gezimmert hat.

Zudem vergisst man gern, dass die Bauern in Österreich durch die Steuerpauschalierung und andere maßgeschneiderte Regelungen etwa bei Betriebsübergaben oder Pensionen bessergestellt sind als in anderen Ländern. Die Vertretung ist gut aufgestellt. Und die Landwirte sind es auch. Sie zählen zu den jüngsten in Europa und zu den am besten ausgebildeten. Dazu kommt die Angst vor Importen, die Grenze würde man am liebsten schließen und übersieht dabei, dass die heimische Landwirtschaft zu einem guten Teil selbst von Exporten lebt. Den Handel sieht man als Feind und übersieht, dass in der Vergangenheit nicht nur ein Mal Vertreter der Schweine- oder Milchbauern hinter vorgehaltener Hand Sonderaktionen der Handelsketten begrüßten, weil damit der übervolle Markt geräumt wurde, während die Bauern vor den Supermärkten demonstrierten.

Und man fühlt sich oft von den Konsumenten im Stich gelassen und vergisst, dass man selbst auch nicht anders handelt, wenn es darum geht, Landmaschinen oder Futtermittel möglichst billig zu bekommen, gleich woher sie kommen. Und: Handeln Bauern untereinander, schenken sie sich gar nichts.

Es sei unbestritten, dass viele Bauern unter den aktuellen Bedingungen leiden. Sehr viele Bauern aber kommen mit den aktuellen Bedingungen gut zurecht. Untersuchungen belegen immer wieder, dass unter gleichen Voraussetzungen die Erlöse im bestverdienenden Viertel doppelt so hoch sind wie im schlechtestverdienenden Viertel.

Jahr der Weichenstellungen

„2026 ist das Jahr der Weichenstellungen und der Chancen in der Landwirtschaft“, sagte Landwirtschaftsminister Totschnig in Berlin. Nicht nur er sollte das als Ansage und Programm sehen – auch die Bauern.

Salzburger Nachrichten  Wirtschaft, 19. Jänner 2026

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