Samstag, 6. Juni 2026

Gemüsebauern klagen über Benachteiligung

 


Erleichterungen bei den Lohnkosten für Saisonarbeiter fordert die Branche seit Langem.

Hans Gmeiner

Salzburg. Seit Jahren klagen die heimischen Gemüsebauern wegen hoher Lohnnebenkosten über Wettbewerbsnachteile auf dem Markt. Außer Versprechungen und Vertröstungen auch von höchsten Stellen gab es freilich wenig für sie. Verbesserungen wurden bisher immer verhindert. „Wir haben es satt“, nimmt sich Stefan Hamedinger, Geschäftsführer des Gemüsebauernverbandes in Oberösterreich, kein Blatt vor den Mund. Auch der Branchenverband Obst und Gemüse forderte erst kürzlich in einem Schreiben an Finanzminister Markus Marterbauer sozialversicherungsrechtliche Erleichterungen für Saisonarbeitskräfte, „um mehr Netto vom Brutto ermöglichen zu können“.

Lohnnebenkosten machen bis zu 50 Prozent der Gesamtkosten aus

„Ständig wird über die höheren Lebensmittelkosten geklagt und bei uns stellt man auf stur, wenn wir Entlohnungsmodelle, wie sie in Bayern und Südtirol üblich sind, fordern“, beklagt Hamedinger. Dort gibt es Modelle, die die speziellen Verhältnisse und Anforderungen im Gemüse- und Obstbau berücksichtigen. Die Lohnnebenkosten insbesondere für Saisonarbeitskräfte seien dort deutlich niedriger. „In vielen europäischen Ländern hat man erkannt, dass man Gemüsebauern und Produzenten von Spezialkulturen, die besonders handarbeitsintensiv sind, entgegenkommen muss.“ In Deutschland etwa bekommen die Saisonarbeitskräfte dank der Sonderregelungen laut Hamedinger mindestens 13,90 Euro pro Stunde. „Unsere Bauern können wegen der hohen Lohnnebenkosten nur neun Euro zahlen, weil bisher nichts geschehen ist.“ Er will nicht akzeptieren, dass Politik und Sozialpartner weiter wegschauen. „Für die Schwerindustrie und andere gibt es Energie- und Stromkostenzuschüsse, für die Landwirtschaft gibt es diesbezüglich bei den Arbeitskosten nichts.“

Bei manchen Gemüsearten machen die Lohnkosten mehr als 50 Prozent der Gesamtkosten aus. Da wächst sich die Differenz bei den Löhnen schnell zu einer drückenden Last im Wettbewerb aus. Pro Hektar Salat beziffern die Gemüsebauern die Mehrkosten mit rund 4000 Euro. Bei Einlegegurken betrage der Nachteil wegen der höheren Arbeitskosten sogar 14.000 Euro pro Hektar. Da verwundert es nicht, dass der Druck aus dem Ausland auf die Gemüsebauern beständig wächst. So ist etwa in Oberösterreich seit dem EU-Beitritt der Marktanteil bei Einlegegurken von 80 auf heute 50 Prozent gesunken. Auch bei frischem Gemüse wie Spargel werden bereits zwei Drittel importiert. Selbst Salat kommt immer öfter aus dem Ausland. Seit Jahren sinkt der Selbstversorgungsgrad.

Bierradi verschwand in Österreich ganz

Verschärfend zu den höheren Arbeitskosten kommt die in Österreich besonders strenge Auslegung der Regeln für Pflanzenschutzmittel hinzu. Während man in Bayern und anderen Ländern die Vorschriften großzügiger auslegt, müssen die heimischen Gemüsebauern auf wichtige Mittel zum Schutz ihres Anbauguts verzichten. Schlagzeilen macht immer wieder der Bierradi, der von Österreichs Gemüsefeldern praktisch verschwunden ist und aus dem benachbarten Bayern importiert werden muss.

Mit der strengen Auslegung der Vorschriften hat auch zu tun, dass heimische Radieschen und heimischer Kohlrabi in den Supermärkten oft ohne Blattgrün verkauft werden, weil Gemüse mit abgefressenen oder löchrigen Blättern liegen bleibt. „Man greift stattdessen leider lieber zur Ware aus dem Ausland, die daneben feilgeboten wird, weil dort wegen der Behandlung mit Pflanzenschutzmitteln, die bei uns nicht erlaubt sind, das Blattgrün dran und nicht zerfressen und löchrig ist“, sagt Hamedinger.

19.600 Hektar Gemüse

In Österreich wird laut Agrarmarkt Austria auf 19.600 Hektar Gemüse angebaut, von denen im Vorjahr rund 726.800 Tonnen Feld- und Gartenbaugemüse geerntet wurden. Die Anbauflächen für Gemüse liegen überwiegend im für den Gemüsebau klimatisch günstigeren Osten des Landes, vor allem in Niederösterreich (mehr als 11.000 Hektar), Oberösterreich (knapp 2000 Hektar) und dem Burgenland (rund 1500 Hektar).

Salzburger Nachrichten - Wirtschaft, 6. Juni 2026


Mittwoch, 3. Juni 2026

Teures Festhalten an der Vergangenheit

Österreich ist ein Land mit Vergangenheit. Viele meinen sogar mit großer Vergangenheit. Mag sein. Man kann es so sehen. Österreich ist aber auch, und das macht einen guten Teil unserer aktuellen Probleme aus, ein Land der Vergangenheit -im Denken, Leben und Handeln vieler Menschen, die gerne die "alten Zeiten" und was da war verherrlichen. Tradition und Brauchtum stehen hoch im Kurs in diesem Land, Verwurzelung auch.

Dass Österreich ein Land der Vergangenheit ist, ist aber auch ein Problem. Vor allem auch in der Politik. Und damit wird es gerade zu einem der größten Probleme, das wir haben, ist die Politik doch darauf ausgerichtet, in praktisch allen Bereichen den Status quo abzusichern. Also abzusichern, was war, und sich dabei zu weigern, nach vorne zu schauen. Koste es, was es wolle, man kennt das ja inzwischen. Kein Euro ist zu schade, um die Vergangenheit zu erhalten. Jedes Jahr drehen sich die wichtigsten politischen Diskussionen und Auseinandersetzungen darum, die Pensionen abzusichern und die Beamtengehälter, die Ausgaben im Sozialbereich nicht anzugreifen und die in der Landwirtschaft, in der Bildung und in der Kultur. Auch das, was sich im Gesundheitswesen abspielt respektive nicht abspielt, und vieles andere mehr ist davon geprägt und gebremst. Dass die Budgetzahlen völlig aus dem Ruder laufen und nun überall gespart werden muss, hat sehr viel damit zu tun, dass man unbedingt an der Vergangenheit festhalten will.

Alles Bemühen ist darauf ausgerichtet, alles so zu belassen, wie es ist. Und sei das noch so unhaltbar und sei noch so klar abzusehen, wohin das führt. Man tut alles, um die Vergangenheit zu erhalten und um ja nichts ändern zu müssen. Ganz so, als ob die Vergangenheit das Größte gewesen wäre. Dafür ist man bereit alles zu tun. Dass die Wahrscheinlichkeit deutlich größer ist, sich damit noch tiefer in die Malaise hineinzumanövrieren, ist genauso wenig ein Thema, wie dass dabei die Wahrscheinlichkeit wächst, eine bessere, wenn nicht gar richtig gute Zukunft zu verspielen. Und da sei noch gar nicht die Rede von der Zukunft der jungen Generation.

"Alles soll bleiben, wie es ist", laute inzwischen der geheime Wappenspruch der Dreier-Koalition, ätzte kürzlich Presse-Chefredakteur Florian Asamer. Sein Fazit: "Diese Koalition liefert nicht." Nicht beim Budget, nicht bei der Heeresreform, nicht bei den Pensionen. Nirgendwo. Da trickst man lieber herum wie bei den Bauern, die man vorne mit 100 Millionen Euro für den Agrardiesel beruhigt und denen man hinten herum die gleiche Summe bei der Sozialversicherung und Streichungen da und dort wieder wegnimmt. "Absicherung des Erreichten" lautet der Euphemismus, also die beschönigende Ausdrucksweise, dafür. Deckel drauf und ein paar Millionen dazu, das ist alles. "Und gut ist", würde man bei unseren deutschen Nachbarn dazu sagen. Aber die Entwicklung von Visionen, die Suche nach neuen Wegen, nach Antworten auf die Fragen, die sich aufdrängen, bleiben dabei auf der Strecke. Außer Sonntagsreden nichts von schlankeren Strukturen und einem schlankeren Staat. Von Umsetzung meist keine Spur. Forderungen nach Entrümpelung überkommener und immer kostspieliger werdender Strukturen werden regelmäßig ins Abseits geleitet. Es ist zuweilen, als traue man sich nicht in die Zukunft schauen. Und schrillen die Alarmsysteme noch so laut. 

Und vor diesem Hintergrund setzt ein Mann zum Sprung ins Kanzleramt an, der keinen Wechsel verspricht, sondern noch mehr von der Vergangenheit. Es müsse das Ziel einer verantwortungsvollen Politik für Österreich sein, diese "gute alte Zeit zu einer guten neuen Zeit" zu machen, tönte Herbert Kickl bei seiner Ansprache zum 1. Mai vor johlendem Publikum und legte gleich noch eins drauf, was zeigt, dass in Zukunft nicht nur Migranten nichts zu lachen haben sollen in diesem Land, sondern auch Schüler: "Und wenn sie nicht gespurt haben", sage Kickl grinsend, "dann hat ein Lehrer, der noch eine Respektsperson gewesen ist, ein bisserl nachgeholfen -und das hat niemandem geschadet, wenn ich das so sagen darf!"

Da wird wohl noch mehr kommen. Auch was andere Gesellschaftsgruppen betrifft. Das sollte Sorgen machen. Allen im Land der Vergangenheit, das sich keine Zukunft zutraut.

Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 3. Juni 2026

Montag, 1. Juni 2026

Schweinebauern rutschen tief in die roten Zahlen

162 Euro für ein ausgewachsenes Mastschwein: Das sei deutlich zu wenig, um die Kosten decken zu können, klagt die Branche. Jetzt hofft man auf die Grillsaison – und die Fußball-WM.

Hans Gmeiner

Salzburg. Bis vor wenigen Monaten war die bäuerliche Welt noch einigermaßen in Ordnung. Bei den meisten Produkten waren die Erzeugerpreise hoch wie selten zuvor. Seither hat sich das Blatt freilich gewendet. Im Monatstakt kommen Hiobsbotschaften aus der Landwirtschaft. Zuerst schlugen die Ackerbauern Alarm, weil die Düngerpreise und die Treibstoffpreise explodierten. „Ackerbau wird unrentabel“, hieß es mit einem Mal. Dann folgten die Milchbauern, weil die Erzeugerpreise einbrachen und auf ein Niveau fielen, von dem man glaubte, dass man es dauerhaft überwunden habe. Dann schlugen die Rinderhalter Alarm. Und nun meldeten sich auch die Schweinemäster zu Wort. „Uns fehlen derzeit rund 50 Euro pro Mastschwein, um die Kosten decken zu können“, sagt Raimund Tschiggerl, Chef der Österreichischen Schweinebörse.

Pro Mastschwein fehlen 50 Euro, um die Kosten decken zu können

Der Basispreis für ein Mastschwein liegt derzeit bei 1,62 Euro pro Kilogramm. Das sind gerade einmal 162 Euro für ein ausgewachsenes, schlachtreifes Schwein, das in der Regel 100 Kilogramm auf die Waage bringt. Vor einem Jahr erhielten die Bauern mit 1,83 Euro noch um gut 15 Prozent mehr, gar nicht zu reden von den 2,22 Euro, die Mitte 2024 für ein Kilogramm gezahlt wurden. „Dass wir in der Schweinemast negative Deckungsbeiträge schreiben, also die Produktionskosten nicht abgedeckt werden können, war in den vergangenen Jahrzehnten selten der Fall“, sagt der Chef der Schweinebörse, die für die Bauern der wichtigste Vermarkter ist.Wir sind ja den Schweinezyklus gewohnt Raimund Tschiggerl, Schweinebörse „Wir sind ja den Schweinezyklus, das Auf und Ab der Preise, gewohnt“, sagt Tschiggerl. Aber heuer laufe es anders. Der Markt habe sich vom traditionellen Tief nach dem Weihnachtsgeschäft nicht erholt. Auch Ostern brachte nicht die erwartete Wende. „Dabei hätten sich viele Bauern eigentlich erwartet, dass sich der Preis wegen der gestiegenen Kosten nach oben bewegt.“

Danach freilich schaut es nicht aus. Der Markt ist voll. Die guten Preise vor zwei Jahren haben das Angebot angekurbelt. Daran leidet man bis heute. „Der größte Feind des guten Preises ist der sehr gute Preis“, zitiert Tschiggerl eine alte Handelsweisheit. Waren es zunächst die großen Schlachtbetriebe, die eine Preiserholung verhinderten, weil sie ihre Kühllager räumten, so leidet man derzeit vor allem unter dem Überangebot auf dem europäischen Markt. „Billigst-Fleischangebote aus Spanien sind momentan der Renner“, sagt Tschiggerl. Die deutschen Bauern stehen dem kaum nach. Dazu kommen Verschiebungen auf den internationalen Märkten, mit denen die EU-Schweineproduzenten zu kämpfen haben. Sie erschweren es, durch Exporte den Markt zu entlasten. Insbesondere China kauft weniger Schweinefleisch, das dann auf anderen Märkten untergebracht werden muss.

In der Gastronomie zählt die Herkunft wenig

Besonders schmerzt die Schweinebauern, dass bei den Gastro-Zulieferern und damit in der Folge in der Gastronomie die Herkunft wenig zählt. Dieses Fleisch komme vorzugsweise aus Spanien und Deutschland. Tschiggerl: „Das wichtigste Schild ist ganz offensichtlich nicht das Herkunftsschild, sondern das Preisschild.“ Die Unterschiede sind oft enorm. „Wir sind mit Angeboten konfrontiert, die um 50 Prozent unter den Preisen für österreichische Ware liegen“, sagt Tschiggerl.

Tierwohlhaltung stagniert

Das erklärt zu einem Teil auch, dass die Nachfrage nach Schweinen aus Tierwohlhaltung stagniert. Die großen Erwartungen und auch Versprechungen kann sie kaum erfüllen. „Wir wollen so vielen Betrieben wie möglich den Umstieg auf tierwohlgerechtere Haltungsformen ermöglichen“, meint Tschiggerl. „Das muss allerdings im Einklang mit den Anforderungen des Marktes passieren.“ Daran hapert es allerdings. Vom Ziel, im Jahr 2030 in Österreich eine Million Schweine pro Jahr aus Bio- und Tierwohlhaltung zu vermarkten, ist man weit entfernt. Im Vorjahr waren es gerade einmal 270.000 Schweine aus diesen Haltungsformen. Rund die Hälfte der Schweine in Österreich wird immer noch außerhalb aller Gütesiegelprogramme erzeugt.

Unterkriegen wollen sich die Schweinebauern freilich nicht lassen. Sie hoffen, dass die Grillsaison, aber auch die Fußball-WM den Markt beleben, und darauf, dass die Umfragen stimmen, die davon reden, dass Fleisch zu essen wieder in ist. Dass sich die Lage rasch verbessert, glauben sie nicht. „Es wird wohl bis Weihnachten dauern, bis wir wieder positive Deckungsbeiträge erreichen“, sagt Tschiggerl.

Salzburger Nachrichten - Wirtschaft, 1. Juni 2026

Freitag, 29. Mai 2026

Was passiert, wenn der Dünger knapp wird

Die Sperre der Straße von Hormus könnte zur Gefahr für die Welternährung werden.
Hans Gmeiner
Salzburg. Seit dem Iran-Krieg und der Sperre der Straße von Hormus, über die ein Drittel der weltweiten Düngerexporte abgewickelt wird, ist der Markt für Düngemittel völlig aus dem Ruder gelaufen. Dazu kommt die Preisexplosion bei Erdgas, dem wichtigsten Produktionsmittel für den Stickstoffdünger. Dessen Preis ist innerhalb kurzer Zeit, wie die Preise für Phosphor und Kali, um 40 bis 50 Prozent gestiegen.
Weltbank und FAO warnen seit Wochen vor den Folgen der Engpässe bei der weltweiten Düngerversorgung. Befürchtet werden eine deutliche Verringerung der Ernteerträge und in der Folge Probleme mit der Nahrungsmittelversorgung. Erste Länder müssen den Düngerverbrauch einschränken. So wurden in Indien erst vor Kurzem die Landwirte aufgerufen, den Düngemitteleinsatz zu reduzieren.
Heimische Bauern versuchen, Krise auszusitzen
Die Bauern in Österreich versuchen derzeit, die Krise noch auszusitzen, und warten mit Bestellungen für die nächste Saison. Die Bauernmedien sind aber längst voll mit Ratschlägen, wie man trotz weniger Dünger noch passable Erträge erzielen kann.
Auch wenn industriell erzeugter Dünger wegen des hohen Energiebedarfs in der Produktion, aber auch wegen umstrittener Auswirkungen auf Klima und Böden, in keinem guten Ruf steht, für die Sicherung des weltweiten Nahrungsmittelbedarfs und leistbare Lebensmittel ist er unverzichtbar, liefert er doch Nährstoffe für Weizen, Mais und Co. Weltweit ist ein Großteil der Landwirtschaft ohne Düngemittel, namentlich ohne künstlich aus Erdgas erzeugten Stickstoff, der in verschiedenen Formen angeboten wird, nicht denkbar. Am bedeutendsten dabei sind Harnstoff und Kalkammonsalpeter. Kali und Phosphor hingegen sind Bergbauprodukte, die für die landwirtschaftliche Nutzung aufbereitet werden.
Düngerherstellung ist Big Business
Organische Dünger wie Gülle, Stallmist, Jauche oder Kompost spielen nur eine untergeordnete Rolle und können den Bedarf an industriell erzeugten Düngern nicht ersetzen. Das gilt auch für den Biolandbau, auf den weltweit nur 1,2 Prozent der bewirtschafteten Flächen entfallen und in dem der Einsatz von „Kunstdünger“, wie industriell erzeugter Stickstoff oft genannt wird, unzulässig ist.
Die Erzeugung von Düngemitteln ist heute Big Business. Die Aktien der großen Düngerkonzerne gelten seit Wochen als heiße Tipps für Anleger. Die größten Produzenten sitzen durchwegs in Ländern, die zu einem guten Teil auch auf dem internationalen politischen Parkett zu den „Big Players“ zählen.
Größter Düngerproduzent ist nach Angaben der Fachzeitschrift „Agrarheute“ Russland, vor China, Kanada, Marokko, USA und Saudi-Arabien. Zusammen entfällt auf diese Staaten die Hälfte der weltweiten Düngerexporte. Mit einem Marktanteil von 17,9 Prozent ist Russland führender Düngemittelexporteur. Besonders bei Harnstoff gibt es kaum eine Alternative. Der Angriff auf die Ukraine tat dem keinen Abbruch – im Gegenteil. Der Anteil Russlands an den EU-Düngemittelimporten stieg von 18 Prozent 2022 sogar auf rund 30 Prozent im Jahr 2024.
Anteil der Golfstaaten am Stickstoffdünger bei 40 Prozent
Was die Sperre der Straße von Hormus besonders brisant macht: Der Anteil der Golfstaaten am weltweiten Handel mit Stickstoffdüngern beträgt 40 Prozent. Zudem haben sie einen hohen Anteil am Handel mit Vorprodukten wie Schwefel und Ammoniak. Insgesamt kommen 11,5 Prozent der weltweiten Düngemittelexporte aus den Golfstaaten. Europa hat in diesem Umfeld einen schweren Stand, ein Drittel der Düngemittel muss importiert werden. Zu den wichtigsten Lieferanten zählen bisher Russland, aber auch Ägypten und Algerien.
Man macht sich aber auch selbst das Leben schwer. Derzeit wird heftig um die Einführung des CO2-Grenzausgleichs CBAM gerungen. Dieser Ausgleich wird von der Düngerindustrie als Schutz vor Importkosten gefordert. Von den Bauern wird er abgelehnt, weil sie höhere Kosten befürchten. Größte Hersteller in Europa sind die norwegische Yara International ASA und die LAT Nitrogen des ehemaligen tschechischen Ministerpräsidenten Babiš, die auch in Linz ein Werk betreibt. Probleme macht vor allem die Energieabhängigkeit.
109 Millionen Tonnen Stickstoffdünger
Weltweit werden jährlich (die jüngsten Angaben sind aus den Jahren 2022/2023) rund 109 Millionen Tonnen Stickstoff-Reinnährstoff verbraucht. Dazu kommen 44,1 Mill. Tonnen Phosphat und 34,7 Mill. Tonnen Kali.
In Österreich nehmen sich die Zahlen naturgemäß bescheidener aus. Der Stickstoffverbrauch sank im Zeitraum 2013/2014 bis 2023/2024 mit Schwankungen von seinerzeit 114.000 Tonnen auf 94.000 Tonnen. Das hat nicht nur mit dem hohen Bio-Anteil zu tun, sondern auch damit, dass viele konventionelle Bauern im Rahmen von Umweltprogrammen den Stickstoffeinsatz einschränken und optimieren. Gleiches gilt für Phosphat und Kali. Bei Phosphat halbierte sich die ausgebrachte Menge in zehn Jahren fast auf 22.000 Tonnen. Bei Kali betrug der Rückgang rund ein Drittel und lag zuletzt bei 21.000 Tonnen.
Wie es mit der Versorgung von Düngemittel weitergehen wird, ist noch unklar. Russland bleibt international wohl der wichtigste Akteur, weil man über billiges Erdgas verfügt. Ägypten und Algerien, die bereits heute für Europa wichtige Lieferanten von Stickstoffdüngern und Ammoniak sind, könnten an Bedeutung gewinnen, hängen aber von Erdgasimporten ab. China wiederum könnte zwar, schreibt „Agrarheute“, theoretisch die Exporte von Harnstoff ausweiten, ist aber durch Exportquoten, die die nationale Versorgung sichern sollen, blockiert.
Daten & Fakten Dünger
Für Wachstum, Ertrag und Qualität benötigen Pflanzen Nährstoffe. Sie werden dem Boden durch die Ernte und den Abtransport des Erntegutes entzogen und müssen durch Dünger ersetzt werden. 
Der wichtigste Nährstoff ist Stickstoff, der synthetisch über das energieintensive Haber-Bosch-Verfahren hergestellt wird, bei dem Stickstoff aus der Luft mit Wasserstoff (meist aus Erdgas) zu Ammoniak umgesetzt wird. Dieses Verfahren revolutionierte Anfang des 20. Jahrhunderts die landwirtschaftliche Produktion und sorgte für eine deutliche Erhöhung der Erträge und Verbesserung der Qualitäten.
Kalium ist für die Regulierung des Wasserhaushaltes und die Widerstandsfähigkeit der Pflanze zuständig, aber auch für Qualität und Ertrag.
Phosphor fördert die Blüten- und Fruchtbildung, begünstigt das Wurzelwachstum und verbessert die Winterfestigkeit der Pflanzen.
Salzburger Nachrichten - Wirtschaft, 29. Mai 2026

Donnerstag, 21. Mai 2026

Seelenlos scheinheilige Freundlichkeit

So weit hat sich noch keiner verstiegen wie dieser steirische FPÖ-Nationalrat mit Namen Leinfellner. Was mit Bildern von Politikern begann, die Adventkerzen anzünden und verbunden mit den zugehörigen Wünschen auf ihren Social Media-Kanälen veröffentlichten, hat der FP-Politiker, der vor allem durch das Zitat "Menschen, die Schweinefleisch essen, neigen weniger dazu sich in die Luft zu sprengen" auffiel, in neue Dimensionen geführt. "Ich wünsche Ihnen einen schönen Feiertag", postete er zu Christi Himmelfahrt auf Facebook ein Bild, das eine schwebende Christus-Figur in wallenden Gewändern vor blauem Himmel mit dunklen Wolken und mit Blick nach oben zeigt. Die Hände dieser Figur sind nach oben hin ausgebreitet, just dorthin, wo auf dem Bild das FPÖ-Logo drapiert ist. Kitschiger geht nicht. Und anmaßender wohl auch nicht. "Blasphemisch" hat jemand drunter geschrieben.

Der steirische Politiker macht so etwas nicht zum ersten Mal. Bereits vor wenigen Wochen bebilderte er seinen Post mit dem Slogan "Werte bewahren am Karfreitag" mit dem in dramatischem Licht gehaltenen Bild eines Kreuzes.

Aber hier soll nicht Thema sein, wie es die Freiheitlichen mit der Kirche halten und wie viel Kreide sie fressen, um von den Christen Stimmen zu bekommen. Hier soll die Scheinheiligkeit Thema sein, die unseren Umgang zunehmend zerfrisst. Die Scheinheiligkeit und das Interesse, die uns vorgespielt werden, um an unsere Wählerstimmen, aber auch, und damit sei die Wirtschaft vom Stromlieferanten bis zum Wirt ums Eck einbezogen, an unser Geld zu kommen.

Man macht den Leuten immer öfter vor, was einer genaueren Prüfung nicht standhält, schon gar nicht den Erwartungen, die man damit weckt. Man spielt ihnen Interesse vor, wo in Wahrheit eigentlich keines ist -außer dem an ihren Wählerstimmen oder an ihrem Geld. Man spielt Respekt vor, wo allenfalls höfliche Distanz ist. Und man gibt sich freundlich, wo eigentlich keine Freundlichkeit ist. All das hat in der Regel nichts mehr von ursprünglicher Authentizität und vermittelt immer seltener den Eindruck, dass es von Herzen kommt und ein Anliegen ist. Was Interesse und Freundlichkeit zeigen soll, wirkt viel eher oft wie ausgedacht von irgendwelchen Beratern, auf dem Reißbrett entstanden und als Marketing-Instrument ausgebaut bis ins Detail -und nicht, weil es ein Anliegen ist. Oft ist es nicht mehr als eine maschinengesteuerte Freundlichkeit, entstanden in Computern und angelernt in Kursen, die sich schnell als heiße Luft erweist und sonst nichts. Seelenlos und oft nichts als berechnend. Längst durchzieht die Art von "Freundlichkeit" das Land, das sich seiner Freundlichkeit so gerne rühmt, bis in den letzten Winkel. Die Beispiele sind zahllos. Das beginnt bei Politikern, die heute nicht mehr einfach sagen, dass sie wo dabei waren oder etwas eröffnet haben, sondern nur mehr anbiedernd davon reden, dass sie "dabei sein durften" oder "eröffnen durften", und dabei längst übersehen, dass das nicht mehr als eine hohle Phrase ist.

Am besten erkennt man solche Konstrukte, wenn der Störfall eintritt. Reagiert man nicht wie erwartet, oder läuft gar etwas schief, dann ist schnell Schluss mit lustig. Sagen Sie in einem Restaurant auf die Frage, "Hat es Ihnen eh geschmeckt?" einmal wirklich, was Sie meinen, wenn das mit dem "Schmecken" nicht ganz so toll war, schnell werden Sie meist erkennen müssen, dass das mit der Freundlichkeit doch nicht ganz so ernst gemeint war. Und das nicht nur dort.

Diese Entwicklung ist wohl nichts anderes als Ausdruck der Beziehungslosigkeit und auch Gleichgültigkeit und allenfalls des geschäftlichen Interesses, die sich allerorten breitgemacht haben. Es fehlt das Herz und es lässt die Ehrlichkeit vermissen. Es ist aber auch oft ein Zeichen des Überfordertseins und der Hilflosigkeit. Bei Politikern am Rednerpult genauso wie bei der Kellnerin im Restaurant, die ohne ein "Tut mir leid" mit finsterem Gesicht die Teller abserviert, wenn man nicht sagt, was erwartet wurde.

Kommendes Wochenende ist Pfingsten, das Fest des Heiligen Geistes. Man wünscht sich, dass der auf all jene niedergeht, die mit ihrer seelenlosen Art von Freundlichkeit Politik und Geschäft machen. Und man wünscht sich das vor allem für die, die daraus auch noch blasphemische Bilder machen.

Meine Meinung -Raiffeisenzeitung, 21. Mai 2026

Mittwoch, 13. Mai 2026

Armutsdiskussion zum "Schwindligwerden"

Man erinnert sich noch gut an den damaligen SPÖ-Spitzenkandidaten Babler, der sich im Wahlkampf nicht genug auf die Brust klopfen konnte, um dabei zu schwören, dass er sich gegen Ungerechtigkeit einsetzen werde und dafür, dass niemand zu kurz kommen dürfe. Jetzt rechnet ihm ausgerecht das SPÖ-nahe Momentum Institut vor, dass die im Zuge der Budgetsanierung geplante Erhöhung der Arbeitslosenversicherungsbeiträge Geringverdiener, vor allem Frauen in Teilzeitbeschäftigung, trifft. "Diese Reform belastet ausgerechnet jene, die ohnehin jeden Euro umdrehen müssen", sagt die Studienautorin. Der Verlust könne sich auf bis zu 735 Euro pro Jahr summieren, heißt es -nicht wenig, wenn das Bruttoeinkommen 1.500 bis 2.600 Euro beträgt. Die Gegenwehr der SPÖ und vom heutigen Vizekanzler Babler sind überschaubar. Die Regelung wird wohl so kommen.

Das ist aber nur eine der Facetten nicht nur bei der Budgetsanierung, sondern auch bei der Diskussion um und über die Sozialpolitik im Land. Vor zwei Wochen gerade wurde sie wieder, wie jedes Jahr, von der neuesten Armutsstatistik angeheizt. Demnach waren im Vorjahr laut Statistik Austria 1,7 Millionen Menschen in Österreich armuts-oder ausgrenzungsgefährdet. Sie verdienen maximal 1.806 Euro pro Monat, 60 Prozent des Medianeinkommens, also des mittleren Haushaltseinkommens. Caritas, Rotes Kreuz und viele anderen reagierten postwendend. Von "Alarmsignal" war die Rede und vom "Kurswechsel", der nötig sei. Dabei sinke die Armut, titelte die "Presse" und machte sich per Leitartikel zum Sprachrohr derer, die den Alarmismus rund um die Armut nicht mehr nachvollziehen mögen und für kontraproduktiv halten. "In der Diskussion über Armut werden Daten und Fakten vermischt, dass einem schwindlig wird", schrieb die Autorin Jeannine Hierländer und zog mit einer Reihe von Beispielen die Armutsstatistik in Zweifel. Die Armutsgefährdung habe sich nur erhöht, weil nicht alle, etwa Bezieher von Notstandshilfe, von der Indexanpassung profitierten, schreibt sie. "Die Statistik sagt wenig aus, wie viel Menschen tatsächlich in Not leben." Die Zahl der wirklich Armen sei zuletzt sogar gesunken, hält sie fest. "Trotzdem dominieren in der Debatte Krisenstimmung und Alarmismus." Zweifel an der Statistik hegt auch die Agenda Austria. Auf Twitter ätzte man: "Wer Armut über 60 Prozent des Medianeinkommens definiert, hat eine Grenze eingebaut, die konstruktionsbedingt nie verschwindet."

Die Lage ist in der Tat kompliziert. Und es gilt wohl, was die Caritas-Direktorin sagt. "Armut ist mehr als eine einzige Zahl", meinte sie in einem Gastkommentar ebenfalls in der Presse. Dies nicht zuletzt deswegen, weil einige Themen in der Diskussion zu kurz kommen. Da ist zum einen die fehlende Zielgenauigkeit von Statistik und in der Folge von Maßnahmen. Viele geraten in die Armutsstatistik, obwohl sie gar nicht arm sind. Nicht zuletzt deswegen kommen aber die, die die Unterstützung am nötigsten bräuchten, immer wieder zum Handkuss. Denn wegen dieser fehlenden Zielgenauigkeit fehlt genau für sie oft Geld. Und wohl auch, weil sie keine Lobby haben, auch nicht die, die, siehe oben, damit immer auf Stimmenfang gehen.

Zu wenig beleuchtet ist auch, warum jemand in die Armut abrutscht. Da werden allenfalls Krankheit, Scheidung, Arbeitslosigkeit genannt. Kaum die Rede ist hingegen von denen, die oft leichtsinnig und nicht selten mit Anlauf und im Vertrauen darauf, dass ja dann immer noch der Staat da ist, in die Armut rutschen.

Das ist kein unbeträchtlicher Teil. Aber man weiß wenig darüber. Etwa von denen, die gerne auf großem Fuß leben, ihr weniges Geld in große Autos stecken, die beim Urlaub nicht sparen wollen und nicht bei der Kleidung und sonst auch nirgends. Selbstverantwortung ist ihnen ein Fremdwort. Nicht selten sind es die, die am lautesten Forderungen stellen.

Auf der anderen Seite stehen die, die tatsächlich sparen und auf vieles verzichten müssen, die aber bedacht mit ihrem Leben zurechtzukommen versuchen. Sie sind meistens ruhig. Zu ruhig oft, um wahrgenommen zu werden. Nicht zuletzt deshalb werden sie oft alleine gelassen.

Das Verursacherprinzip ist da keine Kategorie. Beide Gruppen werden vom Sozialsystem gleich behandelt. Zu verstehen ist das, wie vieles andere in diesem Umfeld, nicht. Aber nachdenken darüber sollten alle, die sich da jetzt rund um die Armutszahlen echauffieren. Auf beiden Seiten. Und erst recht in der Politik.

Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 13. Mai 2026

Donnerstag, 7. Mai 2026

Folklore der Selbstüberschätzung

Die gesetzliche Gleichstellung der Frauen ist heute eine Selbstverständlichkeit. Die Ächtung von Antisemitismus auch. Und auch die Rechte von Minderheiten sind in Gesetzen festgeschrieben. Selbst die von Geflüchteten. Gar nicht zu reden vom Schutz der Umwelt und des Klimas, von Nachhaltigkeitsvorschriften, die Unternehmen abverlangt werden, und vieles andere mehr auch. Politisch wurde lange gekämpft darum, die Wogen gingen zuweilen hoch. Und dennoch, vieles von dem, was da so richtig und wichtig war und dessen Ziele zumeist unstrittig waren, ist nie bei allen Menschen angekommen. Mehr noch. Oft hat es sich geradezu ins Gegenteil verkehrt. Erschreckend ist oft, wie wenig diese Themen akzeptiert und gelebt werden. Die Gleichbehandlung von Frauen ist nicht nur in der Berufswelt, sondern auch und vor allem im Privaten so ein Thema. Auch der regelrecht explodierende Antisemitismus, die immer öfter ungezügelte Fremdenfeindlichkeit und der zuweilen zu beobachtende regelrechte Hass auf Umweltvorschriften. Es ist wie ein Flächenbrand -sogar die Menschenrechtskonvention ist nicht mehr unantastbar und wird inzwischen in Misskredit gezogen.

Wie konnte es dazu kommen, ist zu fragen? Was hat man falsch gemacht? Was wurde übersehen? Das hat wohl viel damit zu tun, dass man zu wenig darauf geachtet hat, möglichst alle Menschen ins Boot zu holen. Anstatt sie ernst zu nehmen, hat man sie nur geringgeschätzt. Man hat ihnen nicht zugehört und sie schnell weltanschaulich und politisch punziert und damit stigmatisiert. Viel zu oft wollte man nicht erkennen, dass sich viele Menschen angegriffen und abgewertet fühlen. Viele fühlen sich überfordert, viele können vieles nicht nachvollziehen, was da verlangt wird.

Aber anstatt sich ernsthaft der Anforderungen dieser Menschen anzunehmen und tatsächlich Fortschritte zu erreichen, ruft man lieber zum tausendsten Mal zu einer Demo auf oder zu einer Lichterkette, wo man die eigenen Ansichten und Vorgaben einer Monstranz gleich vor sich herträgt. Mit den immergleichen Argumenten, mit den immergleichen Methoden und ohne jeden Zweifel darüber, ob man nicht doch etwas falsch macht respektive ohne sich zu fragen, ob man etwas besser und anders hätte machen können, um die eigenen Ziele, die Menschen, die man überzeugen will, zu erreichen. Es ist längst Folklore geworden, was einst als Beginn einer Veränderung gedacht war -Märsche und Demonstrationen der Selbstzufriedenheit, bei denen man nicht erkennen will, dass sie der Sache kaum mehr dienen, sondern nur zusätzliche Widerstände erzeugen.

Und es ist wohl auch von der Verantwortung derer zu reden, die in der öffentlichen Diskussion gerne Gewicht und Bedeutung für sich in Anspruch nehmen und die davon überzeugt sind, zu wissen, was richtig ist. Solche Leute sitzen in politischen Zirkeln, in NGOs, in Medien und sie sind mit ihrem Hintergrund in der Position, die öffentliche Diskussion beeinflussen und nicht selten auch dominieren zu können, ohne auf irgendwen Rücksicht nehmen zu müssen. Sie wissen immer, was zu tun ist, und verschaffen zuweilen Randthemen ein übergebührliches Gewicht. Man kennt es. Gendern ist so ein Thema, LBGTQ wohl auch und manches andere mehr. Man ist nicht zimperlich dabei und teilt die Menschen schnell in Gute und in Schlechte. Dabei sei die Wichtigkeit solcher Themen gar nicht bestritten, aber es geht um die Gewichtung, die man ihnen gibt, und die für Irritation, Verärgerung und oft gar Hass sorgt.

Das hat Folgen. Und es schadet der Sache. Denn längst hat man bei vielen, auch großen Themen genau das Gegenteil erreicht. Längst hat sich die Politik all dieser Themen bemächtigt, die im Land in vielen Bereichen zu einer regelrechten Spaltung geführt haben. Die Gräben sind dabei, immer tiefer zu werden. Weil die einen eine Chance für ihre Interessen sehen und die Stimmung weiter anheizen. Und weil die anderen nicht erkennen wollen, dass sie nach anderen Wegen suchen müssen, wenn es ihnen wirklich ernst sein sollte, die Leute für ihre Anliegen zu gewinnen. Und das nicht nur bei LBGTQ und Gendern. Denn es geht um weitaus Weitreichenderes, das man mit dieser Haltung gefährdet, um die großen Themen, die eingangs genannt wurden -um die Gleichberechtigung von Frauen, um den Antisemitismus, um Umwelt und Klima und auch um die Menschenrechte.

Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 7. Mai 2026

Bauern sehnen sich nach Regen

Die Dürre trifft vor allem Grünlandbauern. Im Ackerbau ist es für Prognosen noch zu früh.

Hans Gmeiner 

Salzburg. Landauf, landab wischen sich derzeit die Bäuerinnen und Bauern auf ihren Mobiltelefonen auf der Suche nach Regen durch die Welt der Wetter-Apps. Viel mehr als die Ankündigung von regionalen Gewittern und Schauern mit geringen Regenmengen finden sie derzeit nicht. Größere Regenmengen prognostiziert österreichweit keine der Wetter-Apps. „Dabei bräuchten wir dringend ein paar Tage mit einem ordentlichen Landregen“, sagt Helmut Feitzlmayr, Pflanzenbau-Chef in der Landwirtschaftskammer Oberösterreich. „Es zeichnen sich aber keine größeren Niederschläge ab.“ Auf den Wiesen steht das Gras nur kurz, bereits gemähte Grünlandflächen sind oft mehr braun als grün. Die Felder sind staubtrocken, die Saat geht da und dort nur zögerlich auf, in Getreidefeldern sind die Probleme an den Aufhellungen zu erkennen. Statt eines satten Grüns zeigen blasse Bestände, dass sie Wasser bräuchten.

Statt sattem Grün nur blasse Bestände

Die Monate März und April waren heuer nach Angaben von Geosphere Austria so trocken wie noch nie seit Messbeginn im Jahr 1898. Allein im April betrug das Niederschlagsdefizit in Österreich rund 70 Prozent. Auf einer Österreich-Karte, die die Niederschlagsdefizite von März und April zeigt, zieht sich die rote Fläche, die Regionen mit 60 bis 100 Prozent Defizit markiert, vom Wald- und Mühlviertel über das Innviertel bis hinein in den Salzburger Flachgau. Dunkelrot markiert sind auch Teile des Salzburger Pongaus, der gesamte Lungau, Osttirol, Kärnten und die südliche Steiermark. In Salzburg fehlten laut Geosphere Austria allein im April 72 Prozent der Niederschläge gegenüber dem Mittel der Jahre 1991 bis 2020.

Bauern haben gelernt, mit Trockenphasen umzugehen

Die Bauern haben in den vergangenen Jahren gelernt, mit Trockenphasen umzugehen. Fruchtfolgen wurden umgestellt, Früchte wie Sommergerste verschwanden von den Feldern, während der Anbau von Soja und Mais ausgeweitet wurde. Zudem wurde die Bodenbearbeitung angepasst und neue Aussaatverfahren entwickelt, um das schnelle Austrocknen der Felder zumindest zu bremsen. Tierhalter mit Ackerflächen weichen auf Ganzpflanzensilage aus oder setzen beim Zwischenfruchtanbau bewusst auf Futterpflanzen.

Das freilich ist nicht überall möglich. Die größten Probleme mit der Trockenheit haben derzeit die reinen Grünlandbauern. Der erste Schnitt, der in diesen Wochen eingebracht wird, ist der wichtigste Teil der Grünlandernte. „Darauf entfällt normalerweise rund ein Drittel der Jahresernte“, sagt Michael Wöckinger von der Landwirtschaftskammer Oberösterreich. Heuer sind die Wiesenbestände nur halb so hoch wie in Normaljahren. Wenn die Bauern die Hälfte ernten, müssen sie schon zufrieden sein. Für Panik sieht man allerdings dennoch keinen Grund. „Wir haben 2025 ein sehr gutes Jahr gehabt, viele Bauern können noch auf Futtervorräte von damals zurückgreifen“, sagt Wöckinger. „Es kommt sehr viel auf die Strategie der Betriebe an und darauf, wie sich das Wetter zum zweiten Schnitt hin entwickelt, der im Juni ansteht.“

Noch kein Grund zur Panik

Einen positiven Effekt könnte die derzeitige Situation freilich auf den Milchmarkt haben. Im Vorjahr wuchs die Milchproduktion nicht zuletzt auch wegen des hohen Futterangebots stark und sorgte wegen des Überangebots gegen Jahresende für einen starken Rückgang des Erzeugermilchpreises, von dem sich der Markt bisher nicht erholt hat. Dass es heuer weniger Futter gibt, könnte sich auf die Lieferungen dämpfend und stabilisierend auf den Markt auswirken.

Wind trocknet die Böden aus

Im Ackerbau ist die Lage angespannt, aber noch nicht verloren. „Für ernsthafte Prognosen über Auswirkungen auf die Ernte ist es jetzt noch zu früh“, sagt Feitzlmayr. Bei Wintergetreide sehe man aber schon seit Wochen, dass es vor allem auf Standorten mit leichten Böden Probleme gebe. Das werde sich sicherlich auch in schlechteren Ernteerträgen zeigen. „Aber auch auf den besseren Böden sehen wir jetzt seit Tagen zunehmend Auswirkungen.“ Zudem mache der ständige Wind, der das Austrocknen der Böden beschleunigt, zunehmend Probleme. Früh angebautes Wintergetreide sei noch etwas im Vorteil, weil es besser verwurzelt ist und die Bestände dichter seien. „Aber auch da muss in den nächsten Tagen Regen kommen, weil sonst haben wir auch auf den guten Standorten Probleme.“

Wenn die Saat tief genug in den noch feuchten Bodenhorizont ausgebracht und kein Fehler in der Bodenbearbeitung gemacht wurde, ist bei den Frühjahrssaaten Zuckerrüben, Mais und Sojabohne derzeit noch alles in Ordnung. „Diese Kulturen halten trockene Verhältnisse am längsten aus“, sagt Feitzlmayr.

Probleme sieht er nur beim Ölkürbis, der in diesen Tagen nicht nur in der Steiermark, sondern auch in Nieder- und in Oberösterreich gesät wird. „Den legt man jetzt in den trockenen Staub, dazu kommt, dass der Pflanzenschutz auch nicht wirkt.“

Salzburger Nachrichten - Wirtschaft, 7. Mai 2026 

Donnerstag, 30. April 2026

„Luftschlösser“-Kommunikation

Es sollte besonders sein, doch es war wie immer bei Veranstaltungen dieser Art. Vom „Land der Leistung“ sprach der Landeshauptmann beim Parteitag seiner Partei in Oberösterreich, das er seit Jahren und seine Partei seit Jahrzehnten regiert. Vom „Land des Miteinander“ und vom „Land der Möglichkeiten“. Und natürlich vom „Kinderland“, vom „Kulturland“ und vom „Uni-Land“. Und davon, dass in Zeiten wie diesen kein „Luftschlösserbauen“ gefragt sei und „keine Show“. 

Und dennoch war der Parteitag der oberösterreichischen ÖVP, der vorigen Freitag in Linz über die Bühne ging, eine Show. Eine, wie viele andere auch, wenn Parteien meinen, Eindruck machen zu müssen beim Volk. Und das gilt nicht nur für die Volkspartei, das gilt für alle. Sprechblasen, Superlative, Aussagen, die beeindruckend klingen mögen, aber ganz sicher zu einem nicht reichen – die Menschen draußen, um die es bei ihrer Politik vorgeblich geht, zu erreichen. 

Selbst Funktionäre tun sich zuweilen schwer damit hinauszutragen, was ihnen dort eingebläut und eingeimpft wurde. Denn dort ist die Wirklichkeit oft eine andere, und nicht selten scheitert ihr aufgepimptes Engagement schon an den ersten Wider-Sätzen. Schnell müssen sie erkennen, dass der Politsprech vom Parteitag bei denen, die ihre Partei wählen sollen, nicht ankommt. Und das aus vielerlei Gründen. Weil die Lebenswelten und die Sorgen, Wünsche und Bedenken andere sind, als man in den Zentralen meint. Weil man ihnen nicht mehr glaubt, was sie versprechen, weil sie schon zu oft enttäuscht haben, und weil, was sie versprochen haben, zu oft nicht eingehalten wurde und sich als Windei entpuppte. Und, das vor allem, weil man nicht die Sprache der Leute spricht, weil man auf ihre Fragen keine Antworten hat, und wohl auch, weil man das vorsorglich zur Seite schiebt, was unangenehm ist – Themen wie Probleme in den Schulen, mit dem Verkehr, mit Immigranten, mit der Teuerung und mit vielem anderem. Antworten auf Fragen von Eltern, deren Kinder in Klassen sitzen, in denen kaum jemand Deutsch versteht, hat man nicht. Und auch nicht für junge Paare, die davon träumen, zu Wohnungseigentum zu kommen und sagen, „bei unseren Eltern ist das gegangen, aber wir können nicht einmal dran denken, weil alles so unerschwinglich ist“. 

Dieser Bogen, der in den vergangenen Jahren auch von einer intellektuellen Elite mit zunehmendem Druck, der immer auch eine Verachtung für Andersdenkende innewohnte, entwickelt wurde, reicht weit – auch, was man „nicht mehr sagen darf“ gehört dazu, Verständnis für LGBTQ, das Gendern und vielerlei Geschlechter und andere Themen, die gesellschaftlicher Mainstream geworden sind, gegen den sich zu stellen kaum jemand wagt. Das reicht tief und geht in die persönliche Betroffenheit, dorthin, wo selbst Menschen, die sich um Aufgeschlossenheit bemühen, ihre Grenzen haben. 

Da greift man schnell zu Floskeln, redet um klare Antworten herum, will nicht auf den Punkt kommen und vergrault dabei die Menschen mit Belehrungen und Aufforderungen, die sie nicht nachvollziehen können. Und das nicht so sehr, weil sie das nicht wollen, sondern, weil sie die Antworten, die sie gerne hätten, aber nicht kriegen, woanders bekommen. Bei einer Partei und bei deren Anführer, die keine oder kaum Verantwortung trägt in diesem Land. Die nichts lösen müssen und die alles versprechen können. Sie schauen, wie es so schön heißt, nicht nur dem „Volk auf den Mund“, sondern sie reden dem Volk auch „nach dem Mund“. 

Alle anderen können das nicht mehr. Haben es verlernt im Gestrüpp der politischen Verantwortung, in der man sich verheddert hat und vor allerlei Rücksichtnahmen von den Bedürfnissen der Leute entfernt hat. Sie meiden die Auseinandersetzung mit den heiklen Themen und haben keine Antworten darauf, die befriedigen könnten. Die Menschen, deren Stimme man haben will, zu überzeugen, schafft man immer weniger. 

Derweil klettert der, der auf diesem Klavier die klaren Töne anschlägt und den Leuten zumindest das Gefühl gibt, gehört zu werden, in den Umfragen immer höher. In der vorigen Woche legte Kickl in der Kanzlerfrage-Hochrechnung um zwei Prozent auf nunmehr 45 Prozent zu, während Stocker und Babler, ohnehin weit abgehängt, je einen Prozentpunkt verloren. „Das freut mich sehr und ist eine schöne Bestätigung unserer Arbeit – vielen Dank“ postete er auf Facebook. Man kann es ihm nicht verdenken.

Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 30. Mai 2026

Donnerstag, 23. April 2026

Tätowieren statt Sparen

In Österreich leben wir, wie in allen anderen Staaten auch, seit Jahren in nicht gerade einfachen Zeiten. Und die sind durch den Krieg der USA und Israels mit dem Iran nicht einfacher geworden. Das fördert die Österreicherinnen und Österreichern permanent innewohnende Lust, schnell einmal die Not auszurufen, mit viel Aufgeregtheit natürlich und gerne auch mit einem Schuss Panik - immer unter dem Motto "nutzt's nix, so schad's nix". Alle verstehen sich drauf. Alles werde teurer, nichts könne man sich mehr leisten. Ja, man wisse gar nicht, wie das weitergehen solle. Und sich auf Probleme, die sich abzeichnen, vorzubereiten und fertig zu werden, heißt allemal sehr viel eher Geld zu fordern, als etwas zu ändern. 

Ein besonders eindrückliches Beispiel lieferte in der vergangenen Woche der "Report", das Flaggschiff des ORF, wenn es um Hintergrundinformation und Aufklärung geht. "Teurer Einkauf - wie es mit den Lebensmittelpreisen weitergeht" ging der Frage nach, welchen Einfluss und welche Folgen der Krieg mit dem Iran hat. Es war alles angerichtet. Eine Pensionistin, die wortreich klagte, dass die Einkäufe immer teurer werden, ein Landwirt, der sagte, dass er wohl mehr verlangen muss in Zukunft. Dazwischen allerlei Erklärungen, die diese These und den Titel des Beitrags untermauern sollten -und der Wissenschaftler Franz Sinabell, der Agrarexperte des Wifo. Wie immer trocken und sachlich. Unaufgeregt, wie es seine Art ist, ließ er der Aufgeregtheit die Luft aus. Alle rechneten zwar damit, dass die Preise steigen, aber: "Derzeit merken wir bei den Lebensmittelpreisen noch nichts", sagte er in einer Klarheit, die gerne überhört wird. Und auch der zweite Teil seines Statements passt nicht zur herrschenden Aufgeregtheit. "Ich hätte erwartet, dass in Europa die Preise für Weizen, das ist die Grundlage für Mehl, steigen werden. Tatsächlich ist das aber nicht der Fall, weil wir im Vorjahr eine gute Ernte hatten", hält der Wissenschaftler offenbar für möglich, dass manche Entwicklung auch anders kommen kann, als derzeit befürchtet wird.

Mehr von dieser Sachlichkeit, die da der Agrarexperte des Wifo zeigte, täte dem Land gut. Aber davon will man offenbar nichts wissen. Mit dieser Haltung sind wir längst an einem Punkt angelangt, an dem vieles nicht mehr verständlich ist. Österreich zählt nicht nur zu den reichsten Ländern der Welt, sondern auch zu den Ländern mit den höchsten Sozialausgaben. Und dennoch tun nicht wenige so, als sei Österreich das Armenhaus der Welt.

Statt gegen diese Stimmung anzukämpfen, tut die Politik alles, um sie zu befeuern. Statt Maßnahmen zu entwickeln und Probleme wie BIP-Wachstum und Budgetdefizit und vieles andere wirklich anzugehen, um die Herausforderungen dieser turbulenten Zeiten in den Griff zu bekommen, streitet man wochenlang um Placebo-Maßnahmen wie Spritpreisbremse und Senkung der Mehrwertsteuer auf Lebensmittel. In diese Stimmungslage passt auch die aktuelle Diskussion ums geplante Doppelbudget. Überall Erklärungen, warum und weshalb Einsparungen undenkbar sind, dafür oft zusätzliche Forderungen. Das alles zeigt nichts anderes, als dass in diesem Land so viel nicht mehr zusammenpasst. Vor allem nicht die Stimmung und die Wirklichkeit. Selten wurde das so plakativ gezeigt wie durch die jüngste Studie des Handelsverbandes, die vorige Woche durch die Medien ging. Demnach sind die Ausgaben von Herrn und Frau Österreicher in den vergangenen zehn Jahren für Tätowierungen um 167 Prozent gestiegen, jene für Haustierbedarf um 159 Prozent und die für Schönheitseingriffe um 144 Prozent. Für Nahrungsergänzungsmittel haben sich die Ausgaben um 64 Prozent erhöht. Und für Gastronomiebesuche und Urlaube gibt man hier doppelt so viel aus als vor einem Jahrzehnt.

Das wird sicherlich nicht für alle gelten, zur Seite wischen sollte man es aber auch nicht. Vor allem deswegen nicht, weil so viele von denen, die stolz auf ihre Tätowierungen sind, denen für Hund und Katz' nichts zu teuer ist, die sich gerne einen Beauty-Doc leisten und von ihren Urlauben schwärmen, oft genau dieselben sind, die so laut jammern und schimpfen und sich in ihrer empörten Aufgeregtheit kaum einkriegen können -und damit den Blick auf das verstellen, was wirklich notwendig wäre. Und auch auf die, die wirklich Unterstützung bräuchten.

Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 23. April 2026

Dienstag, 21. April 2026

Zündstoff für Bauern und Konsumenten

Das Wifo lässt mit einer Idee zur Umsetzung des Verursacherprinzips bei Emissionen in der Landwirtschaft aufhorchen. Lebensmittel würden dadurch teurer.

Hans Gmeiner

Wien. Biobauern, manch NGO und auch Umweltparteien bekritteln es schon lang. Sie klagen, dass die wahren Kosten, die die Landwirtschaft durch Belastungen der Umwelt verursacht, nicht in den Preisen berücksichtigt sind, sondern dass die Allgemeinheit für die Beseitigung von allfälligen Schäden und Folgen aufkommen muss. Nun macht auch das österreichische Institut für Wirtschaftsforschung (Wifo) die Kostenwahrheit in Landwirtschaft und Ernährung in der Europäischen Union zum Thema. Die Wissenschafter schlagen vor, Stickstoffdünger, Pflanzenschutzmittel und auch Methan in das europäische System für den Handel mit Treibhausgas-Emissionszertifikaten einzubeziehen. Die Folgen hätten dabei nicht nur die Bauern in Form höherer Preise für die Betriebsmittel zu tragen, auch für die Konsumenten würden sich die Lebensmittel markant verteuern.

Aktuelles Förderregime dämmt Klimafolgen zu wenig ein

Die Wissenschafter lassen sich davon nicht beirren. Dem Wifo geht es um eine Politik, die den Landwirt als Unternehmer stärkt und nicht als Antragsteller für Förderungen. Das System, das man vorschlägt, sei weitaus effizienter und kostengünstiger als das derzeitige System mit regulativen Eingriffen und Umweltprogrammen, lautet das Argument. Das Expertenteam des Wifo zielt auf eine fundamentale Änderung in der Herangehensweise der EU-Agrar- und Umweltpolitik ab. „Das bisherige System greift zu kurz, da die Belastungen von Klima, Umwelt und natürlichen Lebensräumen nur unzureichend eingedämmt werden“, meint Franz Sinabell, einer der Autoren der Studie. Administrative Hürden und Bürokratie ließen derzeit viele Anstrengungen verpuffen und verzerrten zudem den Wettbewerb zwischen den Ländern.

Als einziger großer Emittent ist die Landwirtschaft bisher nicht in dieses Zertifikatsystem einbezogen. Man erwartet, dass durch die Einbeziehung die Treibhausgase und die Grundwasserbelastung gesenkt werden. Nach Schätzung des Wifo ist die Landwirtschaft derzeit weltweit für rund 20 Prozent der Treibhausgasemissionen verantwortlich. Im Durchschnitt würden derzeit pro Hektar Ackerland 50 Kilogramm mehr Stickstoff ausgebracht, als von den Pflanzen aufgenommen werden. Zudem trügen Pestizide erheblich zum Artensterben bei. Um zu verhindern, dass umweltschädliche Produktionsmethoden anderswo auf der Welt zunehmen, schlägt das Wifo in der Studie die Einführung eines Grenzausgleichsmechanismus vor.

Emissionshandel sollte Agrarindustrie umfassen

Und so soll das System funktionieren: Die europäischen Dünger-und auch Pflanzenschutzmittelerzeuger und Importeure sollen auf Basis von Emissionszielen Zertifikate erhalten, die sie untereinander, wie jetzt auch schon Industriebetriebe, handeln können, wenn sie ihre Emissionen senken. Die Bauern sind davon ausgeschlossen. Sie bekommen die Auswirkungen nur über die höheren Preise zu spüren, über die sie angehalten werden sollen, die Umweltbelastungen zu verringern. „Entweder sie nehmen den höheren Preis in Kauf oder sie verwenden weniger Dünger und Pflanzenschutzmittel“, sagt Sinabell und verweist darauf, dass das schon jetzt beim Treibstoff so sei.

Im neuen System einbezogen sind aber nicht nur die Ackerbauern, sondern auch die Tierhalter. Der Methan- und Ammoniakausstoß macht einen Großteil der Belastung durch Treibhausgase aus der Landwirtschaft aus. In diesem Bereich sieht das Wifo die Vergabe von Länderkontingenten vor, die die Wirtschaftsweise und die aktuellen Emissionen berücksichtigt. Österreich würde dabei wegen der umweltfreundlichen Tierproduktion vergleichsweise gut abschneiden. In diesem Bereich haben die Bauern mehr Spielraum. „Wenn einer seinen Betrieb aufstocken will, braucht er Zertifikate“, sagt Sinabell: „Wenn zum Beispiel jemand, der 20 Kühe hält, aufhört, kann er um 20 Kühe Zertifikate verkaufen, die der andere kaufen kann.“ 

Das Wifo versteht seinen Vorschlag als Diskussionsbasis für die Zukunft, der allenfalls bei der übernächsten EU-Agrarreform durchschlagen wird. Zu den Knackpunkten gehören der Außenschutz, die Bürokratie, eine zumindest vorübergehende Abfederung für Konsumenten und ein Thema, das schon jetzt die Bauern aufregt – wie wird gesichert, dass die höheren Kosten nicht an ihnen hängen bleiben? Man ist sich bewusst, dass es sowohl für die Bauern als auch die Konsumenten Übergangs- und Ausgleichsmaßnahmen geben muss. „Da muss man sich sicher vorübergehend etwas überlegen“, sagt Sinabell. „Aber die Landwirtschaft ist am stärksten vom Klimawandel betroffen, daher muss sie auch etwas machen, um ihn zu reduzieren.“

Salzburger Nachrichten - Wirtschaft, 21. April 2026 

Wifo nimmt Umweltkosten der Landwirtschaft ins Visier


Das Institut für Wirtschaftsforschung (Wifo) wartet mit einem Vorschlag auf, der gravierende Folgen für die Landwirtschaft und Konsumentinnen hätte. Um die vom Agrarsektor verursachten Kosten für Umweltschäden dort in die Preise einzubeziehen, wo sie anfallen, sollte die vorgelagerte Pflanzenschutz- und Düngemittelindustrie in den Handel mit Emissionszertifikaten einbezogen werden. Über die Verteuerung der Betriebsmittel würden die Produktionskosten für Bäuerinnen und Bauern steigen und am Ende auch Lebensmittel teurer werden.

Hintergrund der Überlegungen des Wifo ist, dass das jetzige System von Umweltprogrammen in Europa die negativen Klimafolgen des Ackerbaus und der Viehzucht nur unzureichend eindämmt. Wenn man Kostenwahrheit wolle, könne man nicht länger ignorieren, dass rund ein Fünftel der weltweiten Treibhausgasemissionen auf die Landwirtschaft entfalle. Daher sollten die Erzeuger und Importeure von Stickstoffdünger und Pflanzenschutzmitteln auf Basis von Zielen Emissionszertifikate erhalten. Die Bäuerinnen und Bauern würden durch höhere Preise angehalten, den Einsatz von Dünger und Pflanzenschutz zu reduzieren.

Eine solche Systemänderung muss laut Wifo gut vorbereitet sein und könnte daher frühestens bei der übernächsten EU-Agrarreform umgesetzt werden. Zudem müsse es Maßnahmen zum Abfedern der höheren Kosten für die Bauernschaft und die Konsumenten geben.

Salzburger Nachrichten, 21. April 2026 - Seite 1


Donnerstag, 16. April 2026

Kirche im Abverkauf

 

Es war vor gut 20 Jahren. Und es war in Aberdeen in Schottland. Das Restaurant hinter- ließ einen bleibenden Eindruck. Weniger wegen der Küche, sondern sehr viel mehr wegen des Ambientes. Es war in einer ehemaligen Kirche untergebracht. Das gab es damals bei uns noch nicht. Eine Kirche, die nicht mehr als Kirche genutzt wird, sondern als so Profanes wie als Restaurant. 

Heute ist das auch bei uns nicht mehr ganz fremd. Erst Anfang März sorgte die Pfarre St. Josef in Steyr für bundesweites Aufsehen, weil man das Gotteshaus auf dem Immobilienmarkt zum Verkauf anbot. „Das Herz blutet, aber wir müssen die Kirche verkaufen“, hieß es. Im Vorjahr übernahm ein Künstler in Wien die Kirche „Dreimal Wunderbare Muttergottes“ im zehnten Bezirk. Ebenfalls im Vorjahr verkaufte die Erzdiözese Wien in Hirschwang an der Rax eine Kirche an eine GmbH. In Linz bezog schon vor Jahren eine Steuerberatungskanzlei ein ehemaliges Kloster und in Innsbruck wurde aus einer Kirche eine Boulderhalle. Und so manche Kirche wurde in den vergangenen Jahren an christliche Schwesterkirchen übergeben. In den vergangenen Jahren wurden in der Erzdiözese Wien jährlich ein bis zwei Kirchen aufgegeben. Und man geht davon aus, dass sich diese Zahl in Zukunft leicht erhöhen wird. 

Auch die evangelische Kirche ist vor dieser Entwicklung nicht gefeit. In diesen Tagen wird auf der Verkaufsplattform „Willhaben“ die evangelische Kirche in Heidenreichstein im Waldviertel – „mit Wohnung in sonniger Aussichtslage“ – um wohlfeile 250.000 Euro angeboten. 

In Wien konnte man jüngst freilich ein Angebot wie dieses vermeiden, weil man ein Vorhaben entwickelte, bei dem die Kirche weiter Sakralort bleibt, aber gleichzeitig zu einem Sozial- und Begegnungszentrum wird. „Kirchenschiff“ heißt das Projekt, bei dem die Caritas nun ihre Dienste anbietet. Noch ist dieses Projekt freilich die Ausnahme.

Denn Kirchen im Land haben kaum mehr finanziellen Spielraum. Da nimmt nicht wunder, dass man inzwischen nicht nur Immobilienbesitz wie Ländereien, Wälder und Gebäude, sondern auch Kirchen veräußern muss. Das Umfeld ist rau, Finanzierungsinstrumente wie der Kirchenbeitrag sind permanenten Angriffen ausgesetzt. Erst im Vorjahr ließ der Wahlsieger FPÖ vor den Koalitionsverhandlungen wissen, dass man den Kirchenbeitrag am liebsten abschaffen würde. Und das vor allem: Immer mehr Menschen treten aus den Kirchen aus. Die katholische Kirche hat in Österreich nur noch 4,5 Millionen Mitglieder, um mehr als eine Million weniger als vor 25 Jahren. Heute sind keine 50 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher mehr katholisch. Vor zehn Jahren betrug ihr Anteil noch mehr als 60 Prozent. Auch die evangelischen Kirchen schrumpften in den vergangenen 40 Jahren um rund 40 Prozent auf 248.000 Mitglieder. 

Seit Jahren geht es rasant bergab. Glaubten vor zehn Jahren Umfragen zufolge 60 Prozent der Menschen an Gott, so sollen es heute nur mehr gut 20 Prozent sein. Da nimmt nicht wunder, dass die Kirchenbänke selbst an hohen Festtagen oft leer sind. 

Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen haben sich verändert. Die Kirche tut sich schwer zu den Leuten zu kommen. Immer wieder rütteln Skandalgeschichten an den Grundfesten. Viel zu oft und viel zu viel scheint man mit sich selbst und mit Themen beschäftigt zu sein, die viele nicht mehr nachvollziehen können. Und man hat verloren, was die Gesellschaft so dringend bräuchte, gerade in Zeiten wie diesen – die Position als moralische Instanz, die gehört wird. Die Kirche hat in der öffentlichen Diskussion kaum mehr Gewicht. Es fehlt an charismatischen Persönlichkeiten, denen die Menschen vertrauen und an denen sie sich orientieren. Derzeit setzt man auf den neuen Wiener Erzbischof. Die Erwartungen an ihn sind jedenfalls hoch. Auch, dass er seine Stimme häufiger erheben wird – wie dies notwendig ist in unruhigen Zeiten. 

Dabei sind die Voraussetzungen für ein Wiedererstarken jedenfalls sind nicht so schlecht, wie man meinen möchte. Die jungen Menschen zwischen 14 und 25 Jahren suchen wieder verstärkt Halt in der Religion, bestätigten zuletzt Studien. Ihr Sukkus: Die Jugend hält zwar Distanz zur Kirche, ist aber dennoch durchaus religiös. 

Darauf sollte sich aufbauen lassen, zumal es auch andere positive Zeichen gibt, wie die Zahl der Erwachsenentaufen, die seit fünf, sechs Jahren steigt.

Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 16. April 2026

Samstag, 11. April 2026

Der E-Traktor als „Eier legende Wollmilchsau“

Hoher Dieselpreis und viel Platz für Photovoltaik: Elektromobilität ist auch in der Landwirtschaft längst ein großes Thema. Was der E-Traktor schon alles könnte – und wo es sich spießt.

Hans Gmeiner 

Wels. Der hohe Preis für Diesel auf der einen Seite und die niedrigen Einspeisetarife für Strom auf der anderen Seite wären eigentlich die idealen Voraussetzungen. Für den Tadus, einen reinen E-Traktor, den ein bayerisches Start-up in den vergangenen eineinhalb Jahren auf die Räder stellte, ist es allerdings noch etwas zu früh. „Aber wir sind auf dem richtigen Weg“, sagt Martin Anzengruber, Professor an der HTL in Ried, der auch an der Fachhochschule in Wels unterrichtet. Er arbeitete an der Entwicklung des Traktors und an den Praxistests mit. Der Traktor mit den vier gleich großen Rädern ist so etwas wie die „Eier legende Wollmilchsau“. Er funktioniert sowohl als Arbeitsgerät auf den Feldern als auch als mobiler Stromgroßspeicher für die Versorgung von Stromverbrauchern auf dem Bauernhof wie etwa Melkanlagen. Dafür sorgt ein Energiemanagementsystem, das Photovoltaik-Überschüsse optimal nutzen soll. „Der Tadus ist das Herzstück unseres Projekts ‚Der energieeffiziente Bauernhof‘“, sagt Anzengruber. „Und er funktioniert.“

„E-Mobilität ist in der Landwirtschaft ein großes Thema“

Mit 160 PS, einer Batteriekapazität von 196 kWh, einer Einsatzzeit von bis zu acht Stunden, stufenlosem Getriebe und einer Höchstgeschwindigkeit von 40 km/h soll der Traktor noch heuer in Vorserienproduktion gehen. Die Batterien sind auswechselbar und ermöglichen damit einen Dauerbetrieb des Traktors. Der Tadus sei prädestiniert für Grünland- und Bergarbeiten, für Frontladerarbeiten und für Pflege- und Hofarbeiten, wirbt der Hersteller. „Das geht wirklich perfekt“, sagt Anzengruber, unter dessen Verantwortung Praxis-Verbrauchswerte und entsprechende Kennzahlen ermittelt wurden. „Für leichte Arbeiten braucht man für einen Hektar deutlich weniger als 10 kWh.“ Auch Mäharbeiten, leichte Bodenarbeiten und selbst das Pressen von Heu- und Strohballen oder der Antrieb eines Futtermischwagens sind für den Tadus kein Problem.

Das bayerisch-oberösterreichische Projekt ist in seiner Konzeption einzigartig. „E-Mobilität ist auch in der Landwirtschaft ein großes Thema, ganzheitliche Konzepte wie beim Tadus gibt es aber kaum“, sagt Anzengruber. Auf den Höfen gibt es bisher aber allenfalls E-Hoflader für kleinere Arbeiten. „Alle großen Traktorenhersteller haben etwas im Talon, aber sie widmen sich dem Thema eher lustlos“, wundert er sich.

„Pioniergeist wird es in jedem Fall brauchen“

Der Preis ist auch beim Tadus ein Thema. Offiziell gibt es noch keinen, man geht aber davon aus, dass der Traktor deutlich mehr kostet als ein konventioneller Dieseltraktor. Anzengruber ist dennoch zuversichtlich. „Der Tadus ist für Bauern mit großen PV-Anlagen und Stromüberschüssen durchaus ein Thema, die Betriebsstunden sind deutlich billiger, zudem wird es auch Förderprogramme geben.“ Er gibt aber zu: „Pioniergeist wird es in jedem Fall brauchen.“

Das Lenkrad muss man nicht mehr in die Hand nehmen

Davon gibt es in der Landwirtschaft auch abseits der E-Mobilität reichlich. Die Landtechnik ist im Umbruch. Das Tempo ist zuweilen atemberaubend. Elektronische Steuerungen sind bei den Geräten Standard, der Großteil der Traktoren ist mittlerweile mit GPS-gesteuerten Lenksystemen ausgestattet, die den Traktor zentimetergenau steuern, ohne dass der Fahrer das Lenkrad in die Hand nehmen muss. Digitalisierung ist einer der großen Trends. Für die Überwachung und Analyse werden überall Apps eingesetzt. Drohnen werden zur Ausbringung von Saatgut und Düngern genutzt, in Wäldern werden damit in unwegsamem Gelände Baumsamen ausgebracht.

Zunehmend setzt man in der Landtechnik auch auf künstliche Intelligenz. „In allen Bereichen wird herumprobiert“, sagt Claudia Probst von der FH Wels. Am weitesten ist man in der Innenmechanisierung und in der Tierhaltung. „Dort ist man weit voraus, vor allem geht es um Themen wie Brunsterkennung oder Tiergesundheit.“ Aber auch bei der Pflanzenerkennung, etwa bei Pflanzenschutzgeräten, wird KI eingesetzt. „Damit wird das sogenannte Spot-Spraying ermöglicht, also die punktgenaue Applikation des Pflanzenschutzmittels auf eine Unkrautpflanze“, so Probst. Das erspare große Mengen an Spritzmitteln und schone damit die Umwelt.

Der Roboter im Gemüsefeld

Immer öfter – vor allem in Spezialkulturen wie Gemüse – sind Roboter zu sehen, die die Arbeit erledigen, die ansonsten entweder nur mit Pflanzenschutzmitteln oder durch mühsame Handarbeit erledigt werden konnte. Gesteuert von Kameras können sie Unkraut erkennen und entfernen.

Ihr großer Nachteil ist – neben dem Preis –, dass sie nicht selbst fahren können, sondern zu den Feldern transportiert werden müssen. Große Traktorenhersteller wie Fendt, die auf dem Markt Fuß fassen wollten, haben das Feld nicht zuletzt deshalb längst Spezialherstellern überlassen.

Selbstfahrende Traktoren nicht für die Straße zugelassen

Dieses Transportproblem haben auch autonom fahrende Traktoren, die die großen Hersteller gern in die Auslage stellen. Sie sind in Europa im Straßenverkehr nicht zugelassen und bleiben wohl Zukunftsmusik, meinen Kenner der Szene wie Martin Anzengruber. 

Er sieht einen Trend in eine andere Richtung. „Wir gehen zu Großtraktoren mit automatisierten, hochintelligenten Anbaugeräten“, glaubt er. „Die Traktoren werden über GPS gesteuert, die Anbaugeräte über Kameras.“ Mit herkömmlichem Traktorfahren hat das nur mehr wenig zu tun. „Der Fahrer wird zum Maschinenbeobachter, der Arbeitsprozess selbst wird voll automatisiert“, sagt Anzengruber. Wo bleibt da der Bauer? „Der muss das Ganze managen“, sagen Anzengruber und Probst. „Man braucht bei aller Technik immer noch jemanden, der am Feld steht und Boden und Pflanzen beobachtet. Denn all die Technik bleibt nur Hilfsmittel.“ Und wenn der nicht zu den Großen zählt? „Die kleinen Betriebe können davon besonders profitieren, weil die neuen Technologien Anpassungen erleichtern“, antworten die beiden Experten unisono.

Salzburger Nachrichten - Wirtschaft, 11. April 2026

 
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