Donnerstag, 21. März 2019

Feuer auf den Kammer-Dächern



Die Arbeiterkämmerer haben es auch schon einmal lustiger gehabt. Zuerst werden sie immer wieder mit dem Karfreitagschaos in Zusammenhang gebracht, weil sie dem Kläger, der alles ins Rollen brachte, Unterstützung angedeihen ließen. Dann zeigten die Mitglieder in den Ländern, in denen heuer die AK-Wahlen bereits stattfanden, wenig Lust auf die Kammerwahlen. Man kam in die Schlagzeilen, weil in Oberösterreich bei den Wahlunterlagen für 7.800 Wahlberechtigte, die verschickt wurden, die Stimmzettel fehlten, was für Aufregung und Häme sorgte. Und schließlich geriet man in die Medien, weil der Sturm in der Vorwoche sichtbar machte, dass sich, wie das Nachrichtenmagazin profil schrieb, "die Grenzen zwischen der Arbeiterkammer als überparteilicher Interessenvertretung und den SPÖ-Gewerkschaftern als wahlwerbender Gruppe, weitgehend auflösten". Der Wind, der Plakate verwehte, entblößte, dass die FSG ihre Kandidaten im Land ob der Enns auf Plakatständern der Arbeiterkammer affichierte.

Richtig Feuer am Dach war aber erst, als August Wöginger, ÖAAB-Obmann und als Klubobmann im Parlament rechte Hand von Bundeskanzler Sebastian Kurz, Öl ins Feuer goss und die Zusammenfassung der je nach Bundesland sehr unterschiedlichen Wahltermine auf einen einzigen Wahlsonntag vorschlug. Damit könne seiner Meinung nach eine höhere Wahlbeteiligung erzielt werden. Er kritisierte, dass die Arbeitnehmer die Wahlunterlagen inklusive Stimmzettel in ihren Betrieb oder an die Wohnadresse zugeschickt bekommen. "Das landet oft im Altpapier, viele Wahlberechtigte wissen gar nicht, dass AK-Wahlen stattfinden", sagte er in den "Salzburger Nachrichten". So wie das jetzt laufe, "ist die Zusammensetzung der Arbeiterkammer nicht mehr repräsentativ", meinte er. Die Zahlen zur Wahlbeteiligung sind tatsächlich beschämend und besorgniserregend. 37 Prozent in Vorarlberg, weniger als 34 Prozent in Tirol und Salzburg und gerade einmal 38,5 Prozent in Kärnten. 

Der Beifall der Seinen war dem Innviertler gewiss, bediente er doch damit perfekt und nachgerade lustvoll die Vorurteile gegen die "roten" Arbeiterkammern. Aufgeblasene Apparate, die mitunter Selbstbedienungsläden gleichen, sich in Schlampereien verstricken, die aber längst nicht mehr die breite Masse der Mitglieder vertreten -a lles schwang da mit.

Man mag das so sehen. Wenn man richtig findet, was Wöginger sagt, dann sei aber empfohlen, auch ein Auge auf die "schwarzen" Kammern zu werfen, insbesondere auf die Wahlbeteiligungs-Zahlen, auf die man dort die Macht gründet. Denn da ist keinerlei Unterschied auszumachen. Bei den Landwirtschaftskammerwahlen sind Wahlbeteiligungsquoten über 50 Prozent längst die Ausnahme. Oberösterreich brachte es 2015 auf 53,6 Prozent, Niederösterreich auf gerade einmal 59,03 Prozent. Sehr viel eher sind bei den Bauern inzwischen Quoten weit darunter die Regel. Im Burgenland lag die Wahlbeteiligung im Vorjahr gerade einmal bei 37,9 Prozent und zwei Jahre zuvor waren es in Kärnten auch nicht mehr als 39,15 Prozent. Und auch bei den Wirtschaftskammern ist man längst auf dem Niveau der Arbeiterkammern angelangt. Weniger als 30 Prozent waren es zuletzt in Wien und in ganz Österreich auch nicht mehr als 38,9 Prozent.

Vor diesem Hintergrund klingt Wögingers Vorwurf, dass die Zusammensetzung der Arbeiterkammer "nicht mehr repräsentativ" ist, gleich ganz anders. Zum einen müssen angesichts der bekannt reservierten Haltung der Kurz/Strache-Regierung den Sozialpartnern gegenüber die Alarmglocken schrillen. Denn längst hat die Regierung den über Jahrzehnte geübten Kurs der Konsenssuche mit den Sozialpartnern verlassen und geht gerne eigene Wege, ohne lange zu fragen. Die Vorgangsweise bei der Einführung des 12-Stunden-Tages sei nur als ein Beispiel genannt.

Zum anderen sollte nicht nur die Arbeiterkammer, sondern auch alle andere Kammern, die sich immer noch viel zu oft in Sattheit und Selbstzufriedenheit wiegen, Wögingers Aussagen als Weckruf sehen, alles daran zu setzen, das Vertrauen ihrer Mitglieder wieder zurückzugewinnen. Was man bisher machte, war allem Anschein nach zu wenig.

Wenn sich das nicht ändert, wird das wohl nicht anders werden. Und man wird wohl Wöginger recht geben müssen.


Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 21. März 2019

Donnerstag, 14. März 2019

Gefährliche Politik nach Prozenten



"Für 96 Prozent der Bevölkerung ändert sich nichts." Leichtfüßig, wie immer, möchte man sagen, wollte wohl Bundeskanzler Sebastian Kurz mit seiner knappen Antwort über Fragen zur Karfreitagsregelung drüberkommen. 96 Prozent -was sind da schon vier Prozent, schwang in dieser Antwort automatisch mit. "Nicht viel", wollte er damit wohl sagen. "Das tut mir nicht weh und auch nicht unserer Bewegung." Die evangelische und die altkatholische Kirche und deren Mitglieder sehen das anders. Die Proteste werden nicht geringer und die Aufregung und die Verärgerung darüber auch nicht, dass der Karfreitag nun kein Feiertag mehr sein soll. 

Sie machen in diesen Wochen eine Erfahrung, die unter der neuen Regierung, die seit etwas mehr als einem Jahr im Amt ist, schon einige Gruppen gemacht haben, die es nicht auf die nötigen Prozente Anteil an der Gesellschaft bringen und ihnen damit in den Augen der Regierenden die nötige Relevanz geben, dass man auf sie in Entscheidungen groß Rücksicht nimmt. Sie werden nicht lange gefragt nach ihren Wünschen und Bedürfnissen, sie werden nicht groß in Diskussionen und Lösungsprozesse eingebunden. Viel eher ist es oft so, dass über sie einfach drübergefahren wird und sie vor Entscheidungen gestellt werden, mit denen sie dann zurechtkommen müssen.

Bisher machten diese Erfahrungen in erster Linie Gruppierungen und Einrichtungen außerhalb des Umfelds, das den Regierungsparteien zugerechnet wird. Mit der evangelischen und altkatholischen Kirche trifft die Linie der neuen Regierung erstmals das eigene Umfeld. Das ist nicht nur bemerkenswert, darin liegt auch eine gewisse Brisanz, die ihre Folgen wohl erst zeigen wird.

Das Verständnis von Politik, wie Kanzler Kurz es mit seiner 96-Prozent-Antwort erkennen lässt, kann Sorgen machen. Denn darin schwingt immer auch ein gerütteltes Maß an Geringschätzung von kleinen Gruppen mit und von Missachtung auch. Und es wirft die Frage auf, wie man es wirklich mit Minderheiten hält in diesem Land, mit Gruppierungen in der Gesellschaft und mit Meinungen und Haltungen, die nicht mehrheitsfähig sind. Die bisherigen Erfahrungen scheinen darauf hinzudeuten, dass man sich am liebsten erst gar nicht lange bemüht um Ausgleich und auch nicht um Erklärungen. Und man lässt sich erst gleich nicht darauf ein, zu

berücksichtigen, wie sich die Betroffenen fühlen und wie sie damit umgehen können. Es legt aber auch ein grundsätzliches Thema offen, mit dem die Politik, und nicht nur die der aktuellen österreichischen Regierung, zurechtkommen muss. Wie findet man zu Entscheidungen, ohne Menschen als Opfer zu hinterlassen, ohne ihnen das Gefühl zu geben, alleine gelassen zu sein? Wie hart dürfen Entscheidungen sein, was können sie den Menschen zumuten und an welchen Punkten orientiert man sich? An Prozentzahlen? An der Klientel, die man vertritt? An dem, was den wenigsten weh tut? Was darf dabei welche Rolle spielen?

Klar scheint mittlerweile, dass Empathie in der aktuellen Innenpolitik keine Rolle spielt. Es sei denn, man hält Empathie für die Bedürfnisse zum eigenen Fortkommen der Regierungsparteien für eine politische Kategorie. Freilich ist die Politik gefordert, Entscheidungen zu treffen und nicht hinauszuschieben, und sie ist auch gefordert, sich Vorschläge und Vorhaben nicht zerreden zu lassen und am Ende nichts voranzubringen. Wohin das führen kann, ist in diesem Land sattsam bekannt. Aber dennoch ist auch von einer Regierung wie der aktuellen zu fordern, dass sie die richtige Balance zwischen Empathie und Härte findet, die politische Entscheidungen immer erfordern. Davon, ist zu konstatieren, ist man meilenweit entfernt.

Das kann Sorgen machen. Nicht nur den Sozialdemokraten und Gewerkschaften und dem Rest der Opposition, die von der Regierung vorzugsweise im wahrsten Sinn des Worts links liegen gelassen werden. Mittlerweile scheint es auch angebracht, dass man sich auch überall dort Sorgen macht, wo man sich im Regierungslager wähnt.

Und es scheint mittlerweile auch angebracht zu sein, einzumahnen, mit Minderheiten und ihren Bedürfnissen sorgsam umzugehen. Allein schon aus dem Grund, weil jeder irgendwann einmal zu einer Minderheit gehören kann, auch die, die derzeit so gerne nach Härte rufen und sie beklatschen.


Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 14. März 2019

Donnerstag, 7. März 2019

Das muss man wollen



Dirk Stermann und Christoph Grissemann, die beiden Lästermäuler von "Willkommen Österreich", hatten ihren Spaß. "Wenn ein Mann irgendetwas fragt -einfach ja sagen", kriegten sie sich jüngst nicht mehr ein über die Antwort von Claudia Plakolm, der jüngsten Abgeordneten im Nationalrat, auf die Frage, was sie jungen Frauen rate, wenn sie gefragt werden, ob sie sich politisch engagieren sollen. Sie hatten ihren Running Gag für die Sendung. "Wenn sie gefragt werden - einfach ja sagen", ätzten sie in einem fort. "Das ist das Statement zur #metoo-Debatte."

Dabei taten die beiden Comedians der jungen Politikerin um des Gags willen Unrecht. Denn Plakolms Rat, ja zu sagen, bezog sich nur auf die Frage, was sie jungen Frauen rate, wenn sie gefragt werden, ob sie sich politisch engagieren sollen. Darauf und auf nichts anderes. Und das kann ja nun wirklich nicht falsch sein. Denn "ja" zu sagen heißt ja nicht, alles zu akzeptieren, und schon gar nicht, dem zu folgen, was Männer sagen -auch nicht ihren Ansichten, Einschätzungen und Haltungen. "Ja" zu sagen im Sinn von Plakolm meint wohl nichts anderes, als zu einer Aufgabe "ja" zu sagen und damit Bereitschaft zu signalisieren, mitreden zu wollen, mitzubestimmen auch und seine Meinung einzubringen. Und wohl auch, um die Sicht und die Positionen von Frauen einzubringen.

Und in dieser Hinsicht ist der jungen Politikerin nur recht zu geben. Denn Frauen sagen viel zu oft nicht "ja", wenn sie gefragt werden. Die Gründe dafür sind freilich nicht unverständlich. Immer noch sind sie viel zu oft in Konstellationen gefangen, die ihnen ein solches "ja" einfach aus zeitlichen oder anderen persönlichen Gründen nicht erlauben, weil es sie und jene, für die sie Verantwortung tragen, überfordern würde und weil es am Umfeld und an der Bereitschaft im Umfeld fehlt.

Und freilich auch oft, weil man sich selbst zu wenig zutraut. Viele Frauen tun sich immer noch schwer damit. Immer noch, und zuweilen wieder sehr viel mehr als noch vor wenigen Jahren, ist das Frauenbild, nicht nur das von Männern, sondern auch das von Frauen, in alten Mustern gefangen, die man längst überholt glaubte. Das der Männer zumeist, weil sie sich nicht lösen wollen vom Frauenbild, das von ihren Eltern und Großeltern geprägt ist, nicht zuletzt, weil es für sie wesentlich einfacher, angenehmer und in jeder Hinsicht bequemer ist. Und das der Frauen wohl aus den nämlichen Gründen. Auch bei ihnen ist es oft auch die Prägung des Elternhauses und der Umgebung, die sie zurückhaltend sein und zögern lässt, wenn es um so etwas wie Engagement in der Öffentlichkeit geht.

Der Weg zu einem modernen und auch zeitgemäßen Frauenbild ist immer noch mühsam, auch wenn es längst in allen gesellschaftlichen Schichten jede Menge Vorbilder dafür gibt. Frauen in öffentlichen Positionen gelten immer noch als etwas Besonderes.

Nicht anders ist es, wenn es um Spitzenpositionen in der Wirtschaft geht. Frauen müssen dafür immer noch sehr viel mehr in Kauf nehmen als Männer. Von Beginn an. Sie müssen sich immer noch fragen lassen nach dem Warum. Sie müssen mit einer besonderen Aufmerksamkeit umgehen können, die ihnen entgegengebracht wird, und oft auch mit einem wesentlich schärferen Urteil.

Das muss man wollen. Und damit muss man umgehen können. Nichtsdestotrotz ist zu wünschen, dass die Frauen nicht locker lassen in ihrem Wollen und in ihrem Bemühen. Und dass sie sich zutrauen, Aufgaben zu übernehmen, die ihnen lange nicht zugetraut wurden, und zu tun, was in den Augen immer noch viel zu vieler nicht opportun erscheint. Nicht nur in der Politik und in der Wirtschaft, sondern auch in vielen anderen Situationen im Leben. Man ist in den vergangenen Jahren schon ein gutes Stück weitergekommen. Am Ziel ist man freilich noch lange nicht -dass man das Thema unverkrampft angeht, dass es eine Selbstverständlichkeit ist, dass das Umfeld entsprechend aufbereitet ist und vieles andere mehr.

Anforderung an die Männer ist, solchen Bemühungen den Weg frei zu machen und alles zu tun, um das entsprechende Umfeld zu schaffen. Und sich von dem Frauenbild möglichst rasch zu lösen, das Grissemann und Stermann zur Schau trugen. Denn bei Licht betrachtet war das Lästern über die junge Politikerin nichts als das altbackene Machogehabe, das Frauen an Männern so sehr hassen. Denn statt ihr zuzuhören und sie ernst zu nehmen, stellten sie sie als naives, willfähriges Dummerchen hin.


Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 7. März 2019

Donnerstag, 28. Februar 2019

Mit "Kopf im Sand" auf verlorenem Posten



Für die Bauern scheint es wieder dick zu kommen. Wann immer etwas in der Umwelt und Natur nicht so ist, wie es sein sollte, werden zuallererst sie als die Schuldigen genannt. Eine UNO-Studie warnt vor dramatischen Folgen des Artensterbens. Eine australische Studie hat errechnet, dass es in hundert Jahren keine Insekten mehr geben könnte. In Bayern unterschrieben mehr als 1,7 Millionen Menschen das Volksbegehren „Rettet die Bienen – für mehr Artenschutz“. Und auch in Österreich werden von Zeitungen und Politikern schon Kampagnen gestartet. Die Devise hat man schon - „Seit es den Traktor gibt, geht’s bergab“.

Zuweilen könnte man meinen, da sind Dämme am Brechen. 

Die Landwirtschaft weiß damit nicht umzugehen. Die Verteidigung ist, so sie denn überhaupt zu erkennen ist, schwach. Man zieht Studien und Untersuchungen in Zweifel und versucht Lichtsmog, Versiegelung der Böden, akkurat gemähte Rasenflächen und die Mode, Hausgärten mit Steinen zu gestalten, für den Arten- und Insektenschwund verantwortlich zu machen. Ansonsten fühlt sich wie man sich, wie man sich in solchen Situationen immer fühlt – unverstanden und verfolgt. 

Man mag ja mit vielem Recht haben, was man zur Verteidigung vorbringt. Aber hieb- und stichfeste Fakten und Daten, mit denen man all den Vorwürfen entgegentreten oder sie zumindest relativieren könnte, hat man kaum. Da gibt es bis auf ein Bienenmonitoring der Ages nichts. Keine Studien, keine Analysen, keine Untersuchungen und schon gar keine Strategie, mit diesem Thema umzugehen – es sei denn man hält für eine solche, den Kopf in den Sand zu stecken. Bezeichnend ist wohl auch, dass sich auf den Homepages des Landwirtschaftsministeriums und der Landwirtschaftskammer Österreich zum Thema Artensterben gerade einmal ein Handvoll Einträge und zum Thema Insektensterben gar nur ein einziger findet.

Faktum ist, dass es weit und breit praktisch keine Untersuchungen aus der Landwirtschaft selbst gibt, die Zahlen und Daten zum Insekten- und Artensterben bieten und man es so anderen überlässt, die Diskussion zu bestimmen. Allenfalls beklagt man das allerorten ausbleibende Niederwild, Probleme mit Krähen und Raubwild, das man nicht bejagen darf, und verweist darauf, dass es Probleme mit dem Artensterben auch in Bioregionen und abseits der landwirtschaftlichen Intensivgebiete gibt. Aber sonst? Nichts. Schon gar nichts zu Insekten und Vögeln, das aufklärend sein könnte, oder zu den Themen wie Steingärten, Lichtsmog und ähnlichem, die man in die Diskussion einbringen will, um aus dem Schussfeld zu kommen. Nirgendwo irgendetwas, woran man eine Argumentation festmachen könnte. 

Mit Verlaub – das ist noch sehr viel weniger, als all die vorweisen können, die man in der öffentlichen Diskussion als Gegner sieht. Ein Gesprächspartner auf Augenhöhe, der ernstgenommen werden muss, ist man damit jedenfalls nicht. 

Da ergeht man sich allemal lieber in Selbstmitleid, klopft sich selbst auf die Schultern dafür, dass man Brachen anlegt, Pflanzenschutz und Düngung beschränkt. So hofft man Verständnis für die Sorgen der Bauern zu erreichen. 

Wenn das nicht rasch anders wird, wird es wohl beim Hoffen bleiben.

Gmeiner meint - Blick ins Land, 28. 2. 2019 

Vollkasko gegen Fahrlässigkeit



Die Aufregung in der heimischen Bauernschaft, zumal in jener, die ihr Vieh die Sommer über auf Almen auftreibt, ist seit Tagen enorm. Zu einer Zahlung von insgesamt 490.000 Euro wurde ein Bauer im Stubaital verurteilt, weil er nach Meinung des Gerichts durch eine entsprechende Abzäunung verhindern hätte können, dass eine Urlauberin nach einer Kuhattacke zu Tode kam. Die Reaktionen sind wütend und bitter. "Unter diesen Verhältnissen können die Bauern die Hoftore für immer zusperren", hieß es "Weidehaltung, wie wir sie in Österreich kennen und schätzen, wird es nie wieder geben" und "Wenn dieses Urteil in den Instanzen halten sollte, hätte es dramatische Folgen".

Das Urteil in diesem fraglos tragischen Fall - für das es, das sei angemerkt, in juristischen Kreisen durchaus Verständnis gibt -ist nicht das erste, das drastisch vor Augen führt, wohin unsere Gesellschaft steuert. Eine Gesellschaft, in der Eigenverantwortung und Hausverstand immer weniger zählen, in der es dafür aber immer moderner wird, juristische Möglichkeiten bis auf den allerletzten Beistrich auszunutzen, gleichsam als Vollkasko-Schutz gegen Fahrlässigkeit und sehr oft auch Dummheit.

Die Sorgen, die die Bauern formulieren, kennen auch die Veranstalter von Festen, selbst wenn sie nur der Finanzierung von Freiwilligenarbeit dienen, aber auch Berufsgruppen wie Lehrer, für die es heute alles andere als ein Kinderspiel ist, Verantwortung etwa bei Ausflügen für die Schüler zu tragen und viele andere auch, die sich über ein Mindestmaß hinaus engagieren. Und der Geist, der da so große Sorgen macht, ist der Nämliche wie der, der Bergretter und andere Gruppen, die auslöffeln müssen, wenn sich die Leute nichts denken und jede Vorsicht und Umsicht fahren lassen, so oft verzweifeln lässt.

Zu leicht und zu schnell kann überall dabei etwas schief gehen, zu leicht und zu schnell können sie in die Verantwortung gezogen werden, aus der ihnen dann oft niemand heraushilft. Nicht zu Unrecht fürchtet man auch bei uns amerikanische Verhältnisse, wo Schadenersatzprozesse, bei denen es um Millionenbeträge geht, gefürchtete Tradition geworden sind.

Diese Entwicklung ist aber nicht nur für Betroffene eine Belastung. Sie wird es zunehmend für die gesamte Gesellschaft. Rund um das Almen-Urteil nahmen in der öffentlichen Diskussion bereits die Folgen nicht nur für die Landwirtschaft, sondern auch für den Tourismus breiten Raum ein. Man kann die Diskussion ruhig auf die gesamte Wirtschaft ausweiten und die Gesellschaft dazu, die an den Folgen zu tragen haben könnten.

Der volkswirtschaftliche Schaden, der aus Entscheidungen entsteht, die von diesem Denken und Verhalten getragen sind, könnte enorme Ausmaße erreichen, wenn es nicht gelingt, zum rechten Maß zu finden. Jede Initiative wird gehemmt, und jede Großzügigkeit, werden doch just jene gestraft, die über das Notwendige hinaus Engagement und Initiative zeigen.

Es sind ja nicht nur die Almen, die für Urlauber gesperrt werden könnten. Der Bogen reicht bis hin zu immer rigideren und kostspieligeren Auflagen und Vorschriften mit all ihren Folgen, mit denen sich Unternehmen und andere Einrichtungen absichern müssen. Und sie reichen natürlich bis hin zu jeder Art von freiwilligem Engagement, das sich angesichts des Risikos möglicherweise bald niemand mehr antun will.

Diese Entwicklung ist so gesehen nichts als Gift für Wirtschaft und Gesellschaft. Statt Fortschritt und Weiterentwicklung drohen Stillstand, Zögerlichkeit und Blockade. Solche Urteile, wie das in Tirol, drohen jede Offenheit abzuwürgen, jedes Engagement und auch jede Bereitschaft, etwas für die Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen und sie lassen um die gesellschaftliche Solidarität und den Zusammenhalt fürchten. Zu Ende gedacht, rüttelt so ein Urteil an den gesellschaftlichen Grundfesten, weil es jeden Akteur nolens volens mit einem Fuß immer ins Kriminal stellt.

Darum gilt es wohl auch, so wie es Gesetze und Vorschriften gibt, die Anwender, Betroffene und Konsumenten schützen, auch die andere Seite zu schützen vor der Willkür des Rechts und vor Auslegungen, die es alleine auf Spitzfindigkeiten anlegen, die nicht nachvollziehbar sind und die darin oft nichts denn eine Geldquelle sehen. Sie darf nicht zum Freiwild von dehnbaren Vorschriften und von spitzfindigen Anwälten werden.


Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 28. Februar 2019

Donnerstag, 21. Februar 2019

Im Strudel gefangen



Am Donnerstag dieser Woche beginnt im Vatikan das vom Papst einberufene Spitzentreffen zu Missbrauch und Kinderschutz in der katholischen Kirche. In Österreich bestimmen seit Wochen Interviews mit Ordensschwestern und Geschichten aus der Diözese Gurk-Klagenfurt die Schlagzeilen.

Die katholische Kirche scheint keinen Boden unter den Füßen finden zu können. Die Probleme reißen nicht ab. Wenn man etwas bewältigt und überwunden zu haben glaubt, kommt etwas Neues aufs Tapet. Seit nunmehr fast dreißig Jahren, seit der Affäre Groer Mitte der neunziger Jahre, ist man in einem Strudel gefangen, aus dem es kein Entkommen zu geben scheint. Man diskutiert dies, man diskutiert das, zum Kern aber kommt man nie, schon gar nicht zu einem Wendepunkt.

Da ein Schuldeinbekenntnis und dort schöne Worte. Zu mehr reicht es meist nicht. Man habe an die Missbrauchsopfer schon mehr als 27 Millionen Euro an Entschädigung gezahlt, heischt man um Gnade und Verzeihung. Das und vieles andere, was man vorbringt und tut, mag ja schön und gut sein. Bei Licht betrachtet ist es aber vor allem wohl nur eines -viel zu spät und wohl auch immer noch viel zu wenig von Offenheit, Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit getragen.

Nicht ohne Grund hat sich wohl Kardinal Schönborn in den vergangenen Tagen vor dem Anti-Missbrauchsgipfel in Rom in Interviews bemüßigt gefühlt, extra zu betonen, dass Missbrauchsopfer in der Kirche allzu oft die Erfahrung gemacht hätten, dass sie zur Seite geschoben würden. "Die entscheidende Frage ist, ob wir ihnen glauben", betont der Kardinal. Nach mehr als 20 Jahren der Diskussion über dieses und ähnliche Themen ist das durchaus bemerkenswert zu nennen. Und wohl auch als bezeichnend für versteinerte Haltungen in der katholischen Kirche und für die mangelnde Bereitschaft, sich wirklich zu ändern.

Immer noch scheint es am Mut zu fehlen, sich den entscheidenden Fragen und allen Konsequenzen, die sich daraus ergeben, in aller Ernsthaftigkeit zu stellen. Auch der Vorwurf, dass man zwar die Klasnic-Kommission zur Aufarbeitung von Missbrauchsfällen eingerichtet und an Opfer auch Entschädigungen gezahlt, aber dass man die Täter "nicht einmal mit Glacèhandschuhen" angefasst habe, wie das ein Kommentator formuliert, bestätigt das.

Nicht nur bei der Opferkommission hat man in den vergangenen Jahren immer wieder selbst den Bonus verspielt, mit dem man glaubte, sich aus der Krise befreien zu können. Die Hilflosigkeit ist zuweilen in der Tat oft wirklich so "erschreckend", wie sie von Beobachtern immer wieder kritisiert wird. Man wagt es nicht wirklich durchzugreifen, man getraut sich nicht klar genug Stellung zu beziehen, man hofft stattdessen sehr viel öfter billig davonzukommen und mit einfachen Lösungen. Man verschanzt sich immer noch zu oft hinter dicken Mauern -und auch, wenn es um Dinge des täglichen Lebens und nicht des Glaubens geht, hinter Ansichten, mit denen heute kaum jemand mehr etwas anfangen kann und auch nicht will.

Nicht zuletzt deshalb auch findet man den Kontakt zu den Menschen nicht mehr. Hilflos muss man seit Jahren zuschauen, wie jährlich 50.000 Menschen und mehr die Kirche allein in Österreich verlassen. Jedes Jahr ist das die Bevölkerung einer Stadt wie etwa Wels, die in Österreich zu den größeren zählt. Und das geht nun schon seit Jahren so. Allein, dass man sich den Aufwand antut, aus der Kirche auszutreten - nach wie vor ist dafür meist eine persönliche Abmeldung bei der Bezirkshauptmannschaft erforderlich -ist Zeichen dafür, wie stark entfremdet sich die Menschen fühlen und wie weit es fehlt.

Und das tut es. Gottesdienste werden kaum mehr besucht, bei Priestern fehlt es seit Jahren an Nachwuchs, Pfarren müssen zusammengelegt werden, Themen der Kirche, die die Menschen berühren könnten, sind nicht zu erkennen und Antworten auf brennende Fragen der Zeit auch nicht. Nicht einmal diskutiert wird mehr darüber. Schon gar nicht in der breiten Öffentlichkeit und oft auch intern kaum mehr. Dass es in der katholischen Kirche und schon gar im Klerus an charismatischen Figuren fehlt, die diesen gordisch anmutenden Knoten durchschlagen könnten, macht die Sache nicht einfacher.

Es scheint, als habe man sich gefügt. Die Neigung, sich selbst genug zu sein, scheint allemal stärker als das Bedürfnis, auf die Menschen zuzugehen - ohne Vorbehalte, ohne Vorurteile und ohne sie gleich mit missionarischem Eifer zu erdrücken.


Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 21. Februar 2019

Donnerstag, 14. Februar 2019

Nicht von dieser Welt



Der norwegische Skiheld Aksel Lund Svindal nahm sich gleich gar kein Blatt vor den Mund. "Das ist so blöd, dass man das nicht kommentieren muss." Die meisten anderen schwiegen betreten zu dem, was Gianfranco Kasper, der Präsident des Welt-Skiverbandes FIS, im Vorfeld der Ski-WM in Aare in einem Zeitungsinterview sagte. "Ich will nur noch in Diktaturen gehen, ich will mich nicht mit Umweltschützern herumstreiten", hieß es da. Denn dann könne man "solche Veranstaltungen mit links durchführen" und müsse "nicht das Volk befragen". Es gehe schließlich nur um den Sport. "Wo er stattfindet, ist in gewisser Weise sekundär."

Immer wieder und gerade zu Großveranstaltungen wie Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen zeigt sich die Sportwelt als Refugium längst überholter Einstellungen, die in der Politik und auch im gesellschaftlichen Leben längst keinen Platz mehr haben und als vorgestrig gelten. So, als wäre man nicht von dieser Welt.

Autokraten alten Zuschnitts haben die Welt der Höchstleistungen, der Hundertstelsekunden und der Schlagerspiele, die Millionen begeistern, immer noch fest im Griff. Und natürlich auch das Geld, das dort verteilt wird. Sie halten die Zügel fest in der Hand, Widerspruch dulden sie selten, mit Kritik können sie meist nicht umgehen -vor allem, weil sie sie ohnehin für anmaßend halten. Sie leben und herrschen in eigenen Welten. Nicht nur Gianfranco Kasper ist einer davon. Auch Österreichs Peter Schröcksnadel gehört zu diesen Zampanos alter Schule, denen Zeitströmungen nicht anzukönnen scheinen. Im Fußball sind es Typen wie Uli Hoeneß, nach einem Gefängnis-Aufenthalt Wieder-Präsident von Bayern München, und in der Formel 1 war es lange Bernie Ecclestone.

Sport bewegt sich nicht zuletzt wegen Funktionärstypen dieses Zuschnitts immer noch außerhalb von Raum und Zeit. Dabei gilt, was dort zählt, im gesellschaftlichen Leben außerhalb der Stadien und Sportarenen und abseits der Ski-und Rennpisten nicht ohne Grund längst oft als verpönt. Im Sport aber ist es immer noch statthaft. Mehr noch -es wird als integraler Bestandteil dieses eigentümlichen Kosmos gesehen, der sich außerhalb aller gängigen Kategorien hält und in dem noch erlaubt und angesehen ist, was es sonst nirgendwo mehr ist.

Und das sind nicht nur die Rituale der Fans, die sich im normalen Leben als nichts denn lächerlich ausnehmen würden -all die Bekleidungsvarianten, die Schals, die Kappen, die Hüte und die Transparente und die Gesichtsbemalungen. Da ist auch viel dabei, das ganz andere Dimensionen hat. Da werden Härte und Erbarmungslosigkeit hoch gehalten. Da wird immer noch viel zu oft Trainer-Despoten gehuldigt und der Nationalismus und der Chauvinismus schier ungebremst gelebt. Da wird mit nationalen Gefühlen gespielt, meist ziemlich ungefiltert und ohne viel Zwischentöne. Und man mag gar nicht erst das Frauenbild, das dort oft immer noch gepflegt wird, ins Spiel bringen.

Viel zu oft scheint alles ausgehebelt. Nicht nur in den großen Stadien, sondern selbst auf den kleinen Fußballplätzen. Und nicht nur, wenn es um Erwachsene geht. Im vergangenen Herbst sorgten in Oberösterreich Mütter, die untereinander handgreiflich wurden, und Eltern, die bei Kinderspielen aufs Spielfeld stürmten, für Aufsehen. Der Ton könnte schon dort nicht rauer sein -"Schau, wie deppert dein Bub rennt!"

Da fügt es sich auch, dass in dieser Welt außerhalb der Welt oft nachgerade lächerliche Regularien gelten, die wenig mit den wirklichen Herausforderungen zu tun haben, denen man gegenübersteht. Oft erinnern sie eher an die Welt der Kindergärten, denn an das Millionengeschäft, zu dem der Sport heute geworden ist. Oder wie ist anders zu nennen, wenn ein Weltmeister wie Hannes Reichelt in der Startliste zurückgereiht wird, nur weil er nicht zur Startnummernvergabe erschienen ist? Oder wenn die rasenden Millionäre aus der Formel 1 Geldstrafen zahlen müssen, wenn sie nicht so spuren, wie es die Herren Chefs wollen?

Aber die Welt des Sports scheint allen zum Trotz unanfechtbar. Immer noch und weiterhin. Fairness? War das etwas? Vieles muss wohl so sein, wie es ist. Aber das heißt nicht, dass die Gesellschaft weiterhin die Augen so fest zudrücken soll, wie sie es seit jeher tut.

Und vielleicht sollten aber auch Leute wie Aksel Lund Svindal doch öfter kommentieren, was sie für blöd halten.


Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 14. Februar 2019
 
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