Freitag, 19. August 2016

Perpetuum mobile



Jeder träumt wohl davon. Wenn das Geld nicht reicht, geht man einfach zum Chef und lässt sich mehr auszahlen. Und wenn es rundherum zum Sparen ist, genehmigt man sich selbst eine Ausnahme.

Dieser Traum ist nicht nur ein Traum in diesem Land. Er wird in der Realität auch gelebt. Vornehmlich freilich vom Staat selbst, der seinen Bürgern trotz zahlloser gegenteiliger Beteuerungen ungeniert in die Taschen greift, von den Ländern auch, die es sich nach ihren Begehrlichkeiten zu richten wissen und natürlich auch von den Kommunen.

Gelebt wird dieser Traum in diesem Land auch von den politischen Parteien und von den Kammern - um das eigene Leben und Überleben zu sichern, greift man in die öffentlichen Kassen oder in die Taschen der Mitglieder um sich die Bedürfnisse, respektive das, was man dafür hält und woran man sich gewöhnt hat, zu befriedigen.

Die Fortschritte im Kampf gegen diese Unkultur sind bescheiden. Erst jüngst gab es in Oberösterreich ein heftiges Scharmützel um die Parteienfinanzierung, die dem staunenden Publikum vor Augen führte, wie schal Politikerversprechen vom Sparen klingen können, zumal, wenn es um die eigenen Parteien geht. Mitten in der Spardiskussion rund um das Landesbudget, die auch bundesweit wegen des Vorstoßes zur Kürzung der Mindestsicherung für Aufsehen sorgte, wurde ruchbar, dass man dabei einen Posten auszunehmen gedenkt - die Parteienförderung.

Das wäre mit einigem guten Willen und angesichts der Sorgen, die man sich um das Land machen muss, noch nachvollziehbar. Starke Parteien sind zweifellos wichtig, zumal in Zeiten wie diesen. Stutzig machte dabei allerdings zweierlei. Zum einen zählt die Förderung, die in Oberösterreich Jahr für Jahr an alle im Landtag vertretenen Parteien ausbezahlt wird, mit rund 20 Millionen Euro ohnehin zu den höchsten in Österreich. Zum anderen verblüfft die Chuzpe, mit der die führenden Politiker des Landes ob der Enns ihr Verhalten rechtfertigen. "Man muss die Parteien ordentlich dotieren, um nicht von Spenden, Mäzenen und Sponsoren abhängig zu sein", hieß es da. Oder -mit einem treuherzigen Augenaufschlag - "bei uns ist Politik nicht kaufbar, das ist etwas sehr Wertvolles". Die Grünen, wie immer ganz überzeugt von sich, ließen wissen, die Höhe sei gerechtfertigt, "denn in unseren Organisationen wird wirklich gut gearbeitet".

Den Vogel aber schoss der Landeshauptmann-Stellvertreter ab, der just jener Partei angehört, die hinter jedem Grashalm Abzocke, Betrug und Bereicherung vermutet. Wenn es darum geht, die Taschen der eigenen Partei zu füllen, hat er offenbar keinerlei Hemmungen. Mit breiter Brust diktierte er in die Mikrofone, es stimme, "dass wir eine sehr hohe Parteienförderung haben". Und er gestattete auch gleich dem p.t. Steuerzahlervolk, dass man das "auch kritisieren dürfe". Aber, er möchte halt kein System wie in Amerika.

Man staunt baff über die Dreistigkeit, mit der man da argumentiert, wenn es um die eigene Brieftasche geht. Wie die Chuzpe verbrämt wird, ohne den geringsten Anflug eines schlechten Gewissens. Davon, dass man sparen könnte, redet gleich niemand, als ob die Wählerschaft gar nicht genug kriegen könnte vom Tun der Parteien. Dieses Verhalten, dass da in Oberösterreich exemplarisch an den Tag gelegt wurde, fügt sich freilich in die Entwicklung der vergangenen Jahre. Die Parteien spüren sich -nicht nur in Oberösterreich - selbst immer weniger.

Das mit dem Spüren und das mit der Chuzpe gilt fast gleich auch für eine andere große Gruppe im politisch-wirtschaftlichen Leben Österreichs, die Kammern. Auch sie haben sich ein System eingerichtet, das der Perfektionierung des Perpetuum mobiles gleicht. Zum einen sind die Mitglieder als Zwangsmitglieder nolens volens zur Abführung von Mitgliedsbeiträgen verpflichtet. Zum anderen hat man durch die prozentuelle Bindung der Beträge an die Entwicklung der Gehälter und der Einkommen den Geldfluss noch geschickter als die Politik abgesichert. Man muss erst gar nicht nachverhandeln oder sich gar einer Wahl stellen, der Rubel respektive der Euro rollt automatisch.

Achja, die Parteien und die Kammern haben ja große Pläne und sind wichtig. Aber darf das der Grund sein all die Träume zu leben, während den eigentlichen Zahlern nicht zuletzt oft deswegen nur die Träume bleiben? Denn die hätten auch oft Pläne, die für sie wichtig sind.

Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 18. August 2016

Mittwoch, 17. August 2016

Die Bauern haben in der Krise schlechte Karten



Auf den Höfen gehen Zukunftsängste um. Seit 2011 sanken die Einkommen um ein Drittel. Geld allein reicht nicht aus, um den österreichischen Bauern zu helfen.

Hans Gmeiner

„Weitere 5,86 Millionen Euro der EU für österreichische Bauern“, twitterte Landwirtschaftsminister Rupprechter Mitte Juli stolz vom Agrarministerrat in Brüssel. Das Echo freilich war bescheiden. Die Bauern wissen, dass das allenfalls dem Minister Schlagzeilen bringt, ihnen aber nicht wirklich helfen wird. So wie schon die Sieben-Millionen-Euro-Hilfe, um die im Vorjahr großes Aufheben gemacht wurde, die aber für einen durchschnittlichen Milchbauern nicht mehr als 130 Euro ausmachte. Angesichts der Preiskrise, in der die Milchbauern seit zwei Jahren stecken, ist dieses Geld nicht einmal ein Tropfen auf den heißen Stein.

Mit Geld allein ist den Bauern derzeit kaum zu helfen. Auch der geplante und nach wie vor heftig umstrittene 170-Millionen-Euro-Nachlass bei der Sozialversicherung sorgt nicht für Jubelstürme. Denn selbst diese Summe ist, aufgeteilt auf alle rund 140.000 Bauern, angesichts der Probleme, in denen sie in allen Produktionszweigen stecken, nichts als ein mit der Gießkanne verteiltes Almosen.

Da nimmt es nicht wunder, dass die heimischen Agrarpolitiker bei den Bauern derzeit einen schweren Stand haben. Die Stimmung auf den Höfen ist denkbar schlecht. Zukunftsängste gehen um. Die Preise sind nicht nur bei der Milch im Keller. Auch bei Getreide und Fleisch sind sie nach wie vor alles andere als gut. Und mitten in dieser ohnehin angespannten Lage sorgen die neuen Einheitswerte, die ab 2017 gelten und die für viele Bauern oft kräftige Erhöhungen der Sozialversicherungsbeiträge und anderer Abgaben bedeuten, für Verunsicherung. Trotz großzügiger Förderangebote wird daher kaum mehr investiert. Die Landtechnikhersteller leiden und auch in der Agrarwirtschaft fühlt man sich mit den Anliegen nicht gehört, geschweige denn unterstützt.

Die Bauern brauchen substanzielle Maßnahmen und Weichenstellungen. Der ökosoziale Weg, der Landschaftserhaltung und Umweltschonung in den Mittelpunkt der heimischen Agrarpolitik stellte, ist nach 30 Jahren ausgelatscht. Das, womit Österreich einst Vorreiter war und den Bauern Luft verschaffte, macht man inzwischen überall. Totgelaufen und ohne Wirkung sind auch die steten Appelle an den Handel, bessere Preise zu zahlen, und bei den Konsumenten den, wie man meint, besonderen Wert heimischer Lebensmittel einzumahnen.Neue Ideen aber sind nirgendwo zu erkennen. Die Magazine der Agrarpolitik sind leer. Gegen die Märkte und ihren Druck ist man machtlos. Dazu kommt, dass Österreich in der ohnehin uneinigen EU, ganz anders als früher, kein Gewicht mehr hat. Und wenn es Ideen gibt, wie die in Diskussion stehenden Prämien für einen Milchlieferverzicht, dauert die Umsetzung viel zu lang, als dass sie eine wirkliche Hilfe für die Bauern wäre.

Längst ist da nichts mehr von den Ankündigungen und Prognosen, dass angesichts der wachsenden Weltbevölkerung die Landwirtschaft ein einträgliches Geschäft mit sicherer Zukunft ist. Für die meisten österreichischen Bauern stellt sich das anders dar. Vor allem für die, die sich darauf verlassen haben. Viele haben sich von der Hochpreisphase zwischen 2008 und 2011 blenden lassen, setzten auf Größe und investierten kräftig. Dass man sich damit auf ein Spiel eingelassen hat, in dem man angesichts der internationalen Konkurrenz schlechte Karten hat, zeigt sich jetzt drastisch. Im fünften Jahr hintereinander gehen die bäuerlichen Einkommen zurück. Im Vorjahr gab es gegenüber 2014 ein Minus von 17 Prozent. Im Vergleich zu 2011 beträgt der Einkommensrückgang laut Grünem Bericht mehr als ein Drittel. Heuer kommen aller Voraussicht nach noch einige Prozent dazu.

Für die Bauern ist es schwierig, einen Ausweg zu finden. Die Möglichkeiten sind begrenzt. Das gilt auch für Bio und Heumilch und alle anderen Initiativen, die gut laufen. Diese Nahrungsmittel sind aber deutlich teurer. Es geht nicht nur um Produktionsnischen, sondern auch um günstige Versorgung mit Lebensmitteln und um Fragen wie Ernährungssouveränität. Das sichern mehr als 80 Prozent der Bauern, die als konventionelle Erzeuger oft scheel angeschaut werden.

Einfache Lösungen, Patentrezepte gar, gibt es für die Landwirtschaft nicht. Es gibt viele Sorgen, aber auch viele Chancen. „Der Schwiegervater beklagt immer den drohenden Untergang der Landwirtschaft und ich weiß nicht, wo ich die Produkte herbekommen soll“, sagt ein junger Landwirt, dessen Hofladen in Oberösterreich Woche für Woche von Kunden gestürmt wird. Genau das ist das Spannungsfeld, in dem die Agrarpolitik gefordert ist. Sie muss für beide eine Perspektive schaffen.

Salzburger Nachrichten, Wirtschaft, 17. August 2016

Donnerstag, 11. August 2016

Die schlimmsten Feinde



In Umfragen beklagen die Bauern immer mit Nachdruck die fehlende Wertschätzung, das fehlende Verständnis und oft auch den fehlenden Respekt der nicht-bäuerlichen Bevölkerung für ihre Produkte und für ihre Arbeit. Man fühlt sich oft unverstanden, gering geschätzt und wenig anerkannt.

Untereinander ist das freilich auch oft nicht viel anders. Da unterscheiden sich viele Bauern kaum von den Konsumentinnen und Konsumenten, über die sie klagen. Für andere Bauern, für Bauern in anderen Produktionszweigen gar oder in anderen Bundesländern hört das Verständnis oft schon bei der Hoftür auf. Da legen sie oft die gleichen Verhaltensweisen an den Tag, unter denen sie selbst leiden, wenn es um ihren eigenen landwirtschaftlichen Betrieb geht.

Von Wertschätzung ist oft wenig zu spüren, wenn ein Milchbauer über die Ackerbauern redet. Da fühlen sich die Ackerbauern mit ihren Problemen übersehen, wenn nur mehr von der Lage der Milchbauern die Rede ist. Da halten sich die Biobauern mit breiter Brust für die besseren Bauern und schauen auf die anderen herab. Da sieht man in der Art, wie in Österreich heute Schweine gezüchtet und gemästet werden, genauso industrielle Produktionsweisen, bei denen Tierschutz zu kurz kommt, wie die nicht-landwirtschaftliche Bevölkerung auch. Und da bringt man den modernen Ackerbau genauso ohne jede Differenzierung mit Umweltvergiftung und Bodenvernichtung in Zusammenhang.

Man glaubt einander so wenig, wie die nichtbäuerliche Bevölkerung der Landwirtschaft insgesamt glaubt. Man hat Zweifel daran, wenn die Milchbauern und die Schweinebauern sagen, es gehe ihnen schlecht. Und erst recht gilt das, wenn das Ackerbauern sagen. Man versucht die Arbeitsleistung aufzurechnen, den Verdienst sowieso und auch den Leidensdruck. Und besonders schnell ist es mit dem gegenseitigen Verständnis vorbei, wenn es um die Verteilung von Fördermitteln geht.

Oft gilt der Eine beim Anderen nicht viel, oft misstraut man dem Gehörten  und oft will man nicht glauben, was man aus anderen Produktionszweigen hört. Ganz so, wie das die Bauern den Konsumentinnen und Konsumenten auch gerne vorwerfen.

Zuweilen hat man den Eindruck, als seien die Bauern der Bauern schlimmste Feinde. Grün ist man einander in der Tat immer weniger. Wie sonst etwa ist, um ein Beispiel zu nennen, zu erklären, dass sich die Biobauern, aber auch westliche Bundesländer, in denen der Ackerbau keine Rolle spielt, mit der Forderung nach einem Glyphosatverbot in der Öffentlichkeit auf Kosten der um Verständnis ringenden konventionellen Bauern gut dazustehen suchten? Und das Ganze ohne Not und ungefragt. Man möchte sich nicht ausmalen, was wäre, wenn sich die Ackerbauern in die Auseinandersetzung um die Anbindehaltung bei Kühen öffentlich einmischen würden oder bei Produktionsthemen im Biolandbau.

Der Zusammenhalt in der österreichischen Landwirtschaft ist überschaubar geworden. Von viel beschworenen Solidarität ist da immer weniger spüren.  Was man von den Konsumenten verlangt, tut man selbst oft nicht. Nicht einmal beim Einkauf von landwirtschaftlichen Produkten und Nahrungsmitteln. Auch auf Bauernhöfen zählt die Herkunft oft weniger als der Preis. Vor allem dann, wenn es um Produkte aus anderen Produktionszweigen geht.

Angesichts des wirtschaftlichen Drucks mag das verständlich sein. Gut für die österreichischen Bauern, und zwar für jeden von ihnen, ist es sicherlich nicht.

Gmeiner meint - Blick ins Land 8 -August 2016

Donnerstag, 4. August 2016

Jenseits der Schamgrenze



In Österreich häufen sich dem Vernehmen nach die Vorfälle, bei denen muslimischen Frauen Kopftücher heruntergerissen und ihre Kinder bespuckt werden. Die Zahl solcher und ähnlicher Übergriffe geht angeblich bereits in die Hunderte. In Wiener Neustadt wurde dieser Tage aus einem fahrenden Auto heraus auf eine Gruppe Flüchtlinge geschossen. Der Täter habe eine Softgun-Maschinenpistole ausprobieren wollen, heißt es tags darauf in einer Zeitung. Nicht in den Griff zu kriegen sind die zigtausenden Hasspostings rund um das Thema Flüchtlinge im Internet, in denen Menschen attackiert, denunziert und bedroht werden.

In den vergangenen Monaten scheinen alle Grenzen gefallen und alle Stricke gerissen zu sein, die bisher unserem gesellschaftlichen Leben Richtung und Anstand gaben. Was in diesen Monaten in diesem Land passiert, ist immer öfter erschreckend und oft zu nichts denn zum Schämen.

Überall werden die Masken fallen gelassen. Immer weniger Menschen nehmen sich ein Blatt vor den Mund, wenn es um das Thema Flüchtlinge geht. Unverhohlen tut man inzwischen kund, was man glaubt, was zu tun ist. Da ein verächtlicher Sager und dort ein vielsagendes Grinsen und Ratschläge, nach denen niemand gefragt hat. Die Terroranschläge in Frankreich und in Deutschland und die Vorgänge in der Türkei und das Verhalten vieler Türken in Österreich haben in den vergangenen Wochen die Stimmung nur weiter zugespitzt.

In diesem Umfeld gilt Helfen in diesem Land nicht mehr viel. Wer hilft, wird nicht mehr geschätzt und ist nicht mehr angesehen, sondern ist in den vergangenen Monaten unter Rechtfertigungsdruck geraten, wird angefeindet und mitunter gar attackiert. Gleiches gilt für die Organisationen, die sich in diesem Umfeld engagieren. "Keinen Cent bekommt ihr mehr gespendet", hört man dort immer öfter.

Wer noch hilft, ist ruhig geworden. Man ist froh, wenn man nicht angepöbelt wird und seine Arbeit unbehelligt tun kann. Man hat gelernt, viel auf sich zu nehmen und manches zu ertragen.

Es scheint gängige Meinung geworden zu sein, dass es sich bei den Hilfesuchenden ausschließlich um Wirtschaftsflüchtlinge handelt, die sich auf unsere Kosten ein besseres Leben machen wollen -auch in Kreisen, die sich zugute halten, ein christliches Leben zu führen. Völlig vergessen ist dabei inzwischen, dass die meisten dieser Menschen in ihrer Heimat durch Krieg und Terror alles verloren haben, dass sie Zuflucht suchen in Europa, um überleben zu können. Ausgeblendet wird, dass es um Not geht und ums nackte Überleben. Längst unterscheidet man nicht mehr, vielleicht auch, weil es einfacher ist und man sich der Aufgabe zu helfen so leichter entziehen kann. Es scheint, als gäbe es niemanden mehr, der Kraft und Mut aufbringt, dieser Stimmung Einhalt zu gebieten und die Motive der Flüchtlinge und die Schicksale, die dahinter stehen, der breiten Öffentlichkeit zu verdeutlichen. In der öffentlichen Diskussion geht es nur mehr um Abgrenzung, Von den Kirchen ist wenig zu hören, von den Intellektuellen auch und von der Politik wird das gleich gar nicht mehr erwartet. Pfarrer lavieren herum, wenn es um Hilfe geht, Lokalpolitiker auch. Man will es sich mit niemandem verscherzen im Ort und in der Gemeinde. Diskussionen werden vermieden, klare Positionen auch.

Verständnis für Fremde, für Flüchtlinge gar, hatte es in diesem Land noch nie leicht. So wie es jetzt ist, war es aber noch nie. Die Stimmung ist aufgeheizt, längst ist jede Differenzierung verloren gegangen. Ängste haben Oberhand gewonnen. Wir haben immer noch nicht gelernt, mit der Situation umzugehen.

Dass im vergangenen Jahr viel schief gelaufen ist beim Umgang mit den Flüchtlingsströmen aus dem Nahen Osten, dass man zu lange zugeschaut hat, dass man die Bedenken der Bevölkerung nicht ernst genommen hat und auch heute immer noch keine schlüssigen Konzepte hat, wie man mit den zigtausenden Menschen umgehen könnte, mag das erklären. Das aber ist kein Grund, alle Grundsätze und Ideen, auf denen unsere Gesellschaft fußt, und damit gleich auch jeden Anstand mit einem Mal fahren zu lassen.

Es tun sich Abgründe auf in der Gesellschaft und im Land. Die Töne, die immer öfter zu hören sind, lassen einen erschrecken. Und die Beiläufigkeit mit der damit umgegangen wird, erst recht. Und auch die Selbstverständlichkeit, mit der Respektlosigkeit, Verachtung und Verhöhnung hingenommen werden. Achselzuckend und jenseits jeder Schamgrenze.


Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 4. August 2016

Donnerstag, 21. Juli 2016

Ein Sommer-Albtraum



Für viele Briten war's wie ein böser Traum, als sie am 24. Juni aufwachten und zur Kenntnis nehmen mussten, dass sich die Populisten vom Schlage eines Nigel Farage oder eines Boris Johnson durchgesetzt haben und die Mehrheit ihrer Landsleute für einen Austritt aus der EU stimmte.

Seither ist einem auch in Österreich mulmig. Eine Abstimmung möglicherweise auch in Österreich? Mit einem Mal ist sie ein Thema. Der freiheitliche Präsidentschaftskandidat Norbert Hofer befeuerte mit Interviews diese Öxit-Fantasien, die von Gruppen wie seiner Partei seit geraumer Zeit geschürt werden und die gar nicht wenige Anhänger haben. Die EU gilt nicht viel in diesem Land. Brüssel gilt hierzulande vielen Menschen als der Sitz des Bösen, der Bürokraten und eines unersättlichen Verwaltungsapparats, der längst jeden Kontakt zum wirklichen Leben verloren hat. In Konstellationen, die Leute wie Strache oder Hofer an Schlüsselpositionen der Macht in Österreich bringen, scheint vor diesem Hintergrund ein Öxit mit einem Mal möglich.

Mit einem Mal wird realistisch, dass auch bei uns durchaus über kurz oder lang Wirklichkeit werden könnte, was nun bereits in Großbritannien Realität ist. Österreich verlässt die EU - möglicherweise, weil sich auch hier viele Menschen von Blendern leiten lassen und weil sich auch in unserem Land viel zu viele in die innere Emigration verabschiedet haben, was die Politik und die Gänge, die sie geht, betrifft.

Österreich mit einem Mal abgekoppelt von einer großen Gemeinschaft? Ohne viel Gewicht und ohne viele Möglichkeiten, Einfluss zu nehmen? Die kleine Alpenrepublik auf sich selbst zurückgeworfen? Ein kleines Land eingezwängt zwischen Deutschland, Tschechien, Ungarn und Italien? Plötzlich abgeschnitten von wichtigen Märkten, die man sich in den vergangenen Jahrzehnten nicht zuletzt dank des EU-Beitritts aufbaute? In die man investierte, im Vertrauen darauf, dass sie langfristig Chancen bieten? Die Landwirtschaft, die in wichtigen Sparten wie Milch großteils vom Export lebt, ohne freien Zugang nicht einmal zu Deutschland und Italien? Man mag sich gar nicht vorstellen, welche Opfer so ein Umbruch der Bevölkerung abverlangen würde. Welche Mühsal er wäre, was alles verloren gehen würde, wie lange das dauern würde und was man alles auf sich nehmen müsste. Und das nicht nur, weil man sich für den Italien-Urlaub wieder stundenlang in Thörl-Maglern anstellen müsste oder am Brenner.

Vielen Österreichern läuft es angesichts solcher Aussichten kalt über den Rücken. Sie fürchten um Österreichs Zukunft, um das offene Klima in der Gesellschaft. Sie fürchten die Rückkehr des Kleingeistes und der Beschränkung, ausgeliefert möglicherweise Leuten, denen der Blick bis zum Tellerrand schon zu weit ist, geschweige denn der darüber hinaus. Sie fürchten, um die Chancen für ihr Leben und das ihrer Kinder beschnitten zu werden. Und man mag sich gar nicht vorstellen, was es heißt, Österreich hätte dann sein Schicksal selbst in der Hand und könnte es nach seinen Bedürfnissen gestalten. Denn, wovon Öxit-Phantasten träumen, ist mit Verlaub in vielen Fällen wohl eher als Drohung zu verstehen. In Sachen Bürokratie etwa sind wir, wie man leidvoll weiß, Weltmeister. Und in den meisten anderen Disziplinen des politischen und wirtschaftlichen Lebens ist auch nicht zu erwarten, dass sich automatisch alles zum Besseren wenden würde, träte Österreich tatsächlich aus der Europäischen Union aus. Ganz sicherlich nicht.

In den vergangenen Jahren konnte man die EU-Feindlichkeit und die EU-Feindseligkeiten, die in diesem Land Kultur wurden, als Einstellungen abtun, die zur Politik gehören, als nichts Besonderes, sondern als etwas im politischen Geschäft Normales, mit dem sich halt manche Richtungen zu profitieren suchten.

Seit der Entscheidung der Briten für den Brexit ist das anders. Mit einem Mal ist klar, dass Gedankenspiele mit einer Öxit-Abstimmung "scharf" sind. Im wahrsten Sinn des Wortes. Sie sind als Bedrohung zu sehen. Die Zeit des Geredes ist vorbei.

Man kann sich nur wünschen, dass die Österreicherinnen und Österreicher kühlen Kopf bewahren, dass sie erkennen, worum es geht. Und dass sie dann auch entsprechend handeln, wenn es denn wirklich erforderlich werden sollte. Gleiches gilt freilich auch für die Verantwortlichen in der Europäischen Union. Kommt von dort nichts, wird der Kampf gegen einen EU-Zerfall ein Kampf gegen Windmühlen.

Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 21. Juli 2016

Montag, 18. Juli 2016

Wie der Bauernhof zum Therapiezentrum wird



Für immer mehr Bauern sind Angebote im Sozialbereich eine wirtschaftliche Perspektive. „Green Care“ wird ab Herbst auch an landwirtschaftlichen Fachschulen angeboten.

Hans Gmeiner Buchkirchen. Dienstag ist „Kuhtag“ am Putti-Hof. „Da können die Kinder der Gruppe, die die Caritas bringt, beim Melken helfen, beim Buttermachen und beim Füttern“, erklärt Andreas Purtscheller. Gemeinsam mit seiner Frau Heike, einer Waldorfpädagogin, betreibt der ehemalige Pilot der Tyrolean im Lachgraben zwischen Buchkirchen und Mistelbach in Oberösterreich einen Bauernhof. Hier aber steht nicht die landwirtschaftliche Produktion im Mittelpunkt, sondern soziale Dienstleistungen.

„Naturkinder im Garten“ hieß 2011 das erste Projekt der beiden Quereinsteiger, bei dem sie private Kinderbetreuung anbieten. Inzwischen gibt es auch reitpädagogische Betreuung am Putti-Hof und das Projekt „Sprungbrett“, bei dem gemeinsam mit Caritas und pro mente Oberösterreich junge Menschen mit Beeinträchtigungen auf den Arbeitsmarkt vorbereitet werden. Zudem bietet man Jugendlichen und Erwachsenen mit oder ohne Beeinträchtigung Beschäftigungsmöglichkeiten in Werkstätte, Garten und Stallungen. Zu tun gibt es genug auf dem Hof, auf dem sich Kühe, Pferde, Esel, Ziegen, Schweine und Hühner tummeln. Dazu lernen im Rahmen des Projekts „Schule am Bauernhof“ Jahr für Jahr Hunderte Schüler aus der Umgebung auf dem Putti-Hof die Landwirtschaft aus nächster Nähe kennen.

Der kleine Hof ist einer von bisher 18 zertifizierten Green-Care-Betrieben in Österreich, der erste in Oberösterreich. In Salzburg gibt es bisher zwei solche zertifizierte Green-Care-Betriebe. Der Reiterhof der Familie Rohrmoser in St. Johann im Pongau wird als Therapiebauernhof für Kinder und Erwachsene mit Einschränkungen geführt. Und das Zacherlgut der Familie Schroffner in Thalgau bietet Psychotherapie, bei der die Tiere am Hof eine wichtige Rolle spielen.

„Das Zertifikat, für das eine Reihe von Voraussetzungen wie berufliche Qualifikation, aktive Mitarbeit oder Kooperation mit geeigneten Institutionen verlangt wird, ist freiwillig und soll allen Beteiligten Sicherheit geben“, sagt der Obmann von Green Care in Österreich, Robert Fitzthum. Dabei stehe die Sicherung der Qualität im Vordergrund. Kontrolliert wird von einer unabhängigen Zertifizierungsstelle in regelmäßigen Abständen.

Mit Green-Care-Angeboten versuchen inzwischen viele Bauern in ganz Österreich ein zusätzliches Standbein aufzubauen. Das Angebotsspektrum reicht von Kindergärten auf Bauernhöfen über Programme für Schüler bis hin zur Seniorenbetreuung. Im Mittelpunkt stehe der Bauernhof als Arbeitsort, der für Menschen mit Beeinträchtigungen und für arbeitssuchende Jugendliche und ältere Menschen Beschäftigungsmöglichkeiten bietet, sagt Green-Care-Geschäftsführerin Nicole Prop. Der Schwerpunkt könne aber auch auf Bildung liegen, auf Gesundheitsförderung oder einfach auch beim Leben, wenn es um innovative Tagesbetreuung- oder Wohnmodelle gehe.

Zu den bisher zertifizierten Betrieben dürften bald neue kommen. „Wir haben 50 Betriebe in der Pipeline“, sagt Prop. Bisher habe es knapp 700 Anfragen gegeben. Auch die jüngste Jahrestagung von Green Care Ende Juni in Wien habe heuer alle Erwartungen übertroffen. „Das Interesse wächst unübersehbar“, sagt die Geschäftsführerin erfreut.

Dabei ist der Aufbau eines Green-Care-Angebots als zusätzlicher Betriebszweig einer Landwirtschaft sehr anspruchsvoll. „Es muss von den persönlichen, räumlichen und betrieblichen Voraussetzungen bis hin zu den Kooperationspartnern sehr vieles zusammenpassen“, sagt Robert Fitzthum. Dementsprechend langwierig gestalte sich oft die Umstellung.

Rückenwind gibt es von der Politik. Green Care bekommt Fördermittel aus der Ländlichen Entwicklung. Bei den Landwirtschaftskammern sind in allen Bundesländern inzwischen Beratungsstellen eingerichtet. Seit zwei Jahren gibt es an der Hochschule für Agrar- und Umweltpädagogik auch einen eigenen Green-Care-Lehrgang samt Masterabschluss.

Demnächst soll das Angebot sozialer Dienstleistungen auf Bauernhöfen auch an den rund 100 landwirtschaftlichen Fachschulen für Mädchen in ganz Österreich zum Thema gemacht werden. Ab dem heurigen Herbst wird in Schulen in allen Bundesländern Green Care als Wahlfach angeboten.

Salzburger Nachrichten - Wirtschaft, 18. Juli 2016

Donnerstag, 7. Juli 2016

Gelernter Selbstschutz



"Ich hoffe sehr, dass diese Entscheidung des Verfassungsgerichtshofes dazu führt, dass man auf allen Ebenen, die verantwortlich sind, in Zukunft die Sache wirklich ernst nimmt und auf Punkt und Beistrich die Vorschriften einhält." Das sagte der Präsident des Verfassungsgerichtshofes, Gerhart Holzinger, nach der Wahlaufhebung in einem Interview. Diese Aufforderung ist nur zu unterstreichen. Was rund um die Wahlen geschehen ist, kann nicht sein und darf auch nicht sein. Da ist dem Gerichtspräsidenten nur beizupflichten. Da sollte es auch nichts zu diskutieren geben.

Holzinger fügte aber noch etwas dazu. "Das ist ja im Übrigen gar nicht so schwer", sagte er in dem Interview abschließend. Darüber sollte man freilich schon diskutieren. Denn, dass das "nicht so schwer" ist, mag man ihm nicht einmal für die Vorschriften rund um die Bundespräsidentenwahlen konzedieren. Schon gar nicht mag man sich seiner Meinung anschließen, wenn es um viele, viele Gesetze, Verordnungen und Vorschriften geht, an die sich die Bürgerinnen und Bürger in diesem Land halten müssen, deren Sinn sie nicht verstehen, deren Inhalt sie nicht nachvollziehen können und die sie oft als nichts, denn als Schikane empfinden.

Da nimmt nicht Wunder, dass man sie sich zurechtbiegt, um sich mit ihnen zu arrangieren. Für viele ist das nichts anderes als Selbstschutz. Bei den Bundespräsidentenwahlen waren es die vorgeschriebenen Zeiten, was wann wie gemacht werden durfte und an die man sich nicht halten wollte, weil sie als unpassend empfunden wurden. Es ging um die Farben von Kuverts und um anderes mehr, das weniger mit der Wahl und ihrem Ausgang, als vielmehr mit einer als überzogen erscheinenden Bürokratie zu tun hatte. In anderen Fällen liegen die Dinge zwar anders, sind in der Struktur aber ähnlich. Der Bogen reicht von Geschwindigkeitsbegrenzungen, die oft nicht nachvollziehbar sind, über die Registrierkassenpflicht , die Mehrwertsteuervorschriften bis hin zu den Vorschriften für Ausschreibungen und den Regularien unter denen die Banken zu leiden haben.

Nach dem Urteil des Verfassungsgerichtshofes ist daher nicht nur die Frage zu stellen, warum bei der Wahl dieser saloppe Umgang mit den Gesetzen passieren konnte, sondern es ist auch die Frage nach der Qualität der Gesetze und damit nach der Qualität der Gesetzgebung im Generellen zu stellen. Und ob diese Qualität gut ist, sei in Frage gestellt.

Viele der Gesetze und Vorschriften werden als kompliziert empfunden und oft auch als weltfremd. Wo früher klare und praxisgerechte Formulierungen standen, stehen heute zehn Absätze mit zehn Anmerkungen, die ohne anwaltlichen Beistand kaum mehr zu verstehen sind und die zu erfüllen in der Praxis zuweilen kaum möglich ist. Solche Vorschriften einzuhalten ist für viele oft nichts denn eine Mühseligkeit. Selbst wer genauestens aufpasst, ist nicht vor Fehlern gefeit.

Die Gesetze, die in Österreich von Gesetzgebern in Bund und Ländern verabschiedet werden, füllen jedes Jahr einen Regal-Meter. Zuweilen drängt sich der Eindruck auf, ein Land wolle sich selbst strangulieren. Nicht ohne Grund werden die Klagen über die überbordende Bürokratie immer lauter. Das Geld, das dabei verschwendet wird, ist nicht mehr zu zählen und auch nicht die Arbeitskraft und die Energie.

Die oft schlechte Qualität der Gesetze und die Vorschriftenwut, die sich breit gemacht hat, hat aber auch das Rechtsverständnis und das Rechtbewusstsein respektive das Unrechtsbewusstsein in diesem längst nachhaltig erschüttert. Und sie tragen auch ihren Anteil an der Politikverdrossenheit.

Die Bundespräsidentenwahl ist auch dafür ein typisches Beispiel. Und das nicht nur, weil die Zeitpläne realitätsfern waren. Typisch macht sie auch, dass sich über Jahre niemand daran gestoßen hat, dass man bei Wahlen dieser Art mit Überzeugung die Dinge arglos und ohne Unrechtsbewusstsein zurechtbog, die nun das Missfallen des Verfassungsgerichtshofes fanden. Nicht einmal viele von den Journalistinnen und Journalisten, die nun alles besser wissen, stießen sich daran und nutzten und schätzten bisher die frühe Übermittlung von Detailergebnissen durch Austria Presseagentur, an der sich nun der Verfassungsgerichtshof stieß.

Aber sie sind ja, wie die Frauen und Männer in den Wahlbehörden auch, nur Österreicherinnen und Österreicher. Und als solche haben auch sie gelernt, sich Gesetze und Vorschriften so zurechtzubiegen, dass man mit ihnen leben kann.

Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 7. Juli 2016
 
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