Donnerstag, 16. August 2018

Wissen zurück auf den Thron



Es hat sie immer schon gegeben diese Alles- und Besserwisser. Aber - sie werden immer mehr. Und sie haben immer weniger Respekt. Und Zurückhaltung schon gar nicht. Heute glaubt schier jeder mitreden zu können. Bei allem. Beim Fußball sowieso und in der Politik, aber auch vor wirtschaftlichen Fragen kennt man kein Halten, nicht vor Umweltthemen und schon gar nicht, wenn es um soziale Fragen geht. Immer hat man schnell eine Lösung parat und man hat keine Scheu mehr, das auch hinauszuposaunen. 

Fragen? Aber wo! Was die anderen glauben zu wissen, weiß man selbst auch. Und das viel besser, ist man doch geborener „Experte für eh alles“, wie der Kabarettist Gunkl das einmal nannte. Man meint überall mitreden zu können und nimmt sich ohne langes Wenn und Aber auch das Recht dazu heraus. Jetzt, mit Facebook und Twitter und mit den zahllosen Internetforen, hat man ja die Möglichkeiten. Das stärkt das Selbstbewusstein, da ist man doch wer. Ich bin, daher kann ich mir auch das Recht heraus nehmen, zu allem und jedem etwas zu sagen. Wissen hält man da nicht für erforderlich, respektvollen Umgang damit schon gar nicht. Ein paar Wortfetzen, die man irgendwo aufgeschnappt hat, ein paar Zahlen dazu, das reicht ja dann doch wohl. Was da nicht in den Kram passt, ist halt dann Fake-News. Ist doch klar.

In einem deutschen Politikmagazin stand einmal der Satz „Nichts gelernt und auch noch stolz drauf“. Es trifft die Kultur, die sich in den vergangenen Jahren breit gemacht hat und die mittlerweile längst mehr weh tut, als dass man die neue Meinungsfreiheit, die da in Anspruch genommen wird und das neue Selbstbewusstsein, das viele Menschen aus den neuen Medien beziehen, als Fortschritt schätzen würde.

Das Gegenteil ist der Fall. Bildung zählt allenfalls noch formal als Qualifikation. Wissen aber, richtiges Wissen, zählt wenig. Vor allem scheint das Wissen ums Wissen in den vergangenen Jahren vollends unter die Räder gekommen zu sein. Für Wissen wird heute in der Gesellschaft, die auf Mulitple Choice-Fragen konditioniert ist, gehalten, wenn man das Kreuz möglichst oft an der richtigen Stelle macht und man ein paar gut klingende Zahlen und Zitathappen unter die Leute werfen kann. Man kennt nichts mehr anderes. Und es zählt auch nichts mehr anderes, will man zu Anerkennung und Erfolg kommen. Alles anderes ist zu kompliziert und zu langsam. Und hat damit kaum mehr eine Chance.

Es gibt diese Kultur auch dort, wo sie wirklich gefährlich wird und haarsträubend, und wo sie längst dabei ist,  die Grundfesten des gesellschaftlichen Zusammenlebens zu zerfressen. In der Politik ist diese Haltung weit verbreitet wie nie, in den Medien auch und oft auch in der Kunst, respektive dem, was sich dafür hält. In Bereichen also, die eigentlich eine ganz besondere Verantwortung hätten. Aber auch dort, und gerade dort, zählt Wissen, zumal fundiertes Wissen und der Respekt davor, immer weniger.

Ergo ist auch zuzuhören heute keine Kategorie mehr. Man hat es verlernt, es geht nur mehr darum, seinen Standpunkt durchzusetzen, als gäbe es keine andere Seite, schon gar eine, auf die man Rücksicht nehmen sollte. 

Diese Kultur, die sich in den vergangenen Jahren, beschleunigt von den neuen Medien und befeuert von populistischen Poltikern und Marketing-Gurus aus der Wirtschaft breit gemacht hat, macht uns alle zu Spielbällen, mit denen man schier tun und lassen kann, was man will. Die Politik nutzt das, die Wirtschaft auch und viele andere. Und niemand sagt „Stopp“. 

Dabei ist immer öfter erkennbar, wie verheerend die Folgen sein können, wenn statt auf Wissen und Verstand auf Halbwissen und Emotionen gesetzt wird. Dann werden Amateure und Blender wie ein Donald Trumpo ins US-Präsidentenamt gespült und bestimmen Krakeler jedweder Couleur die gesellschaftliche Diskussion und geben die politische Richtung vor und werden Entscheidungen getroffen, die verheerend sein können. 

Für die Gesellschaft wird es zur Überlebensfrage, dem Wissen und dem Respekt davor wieder zum Durchbruch zu verhelfen und ihm den Platz einzuräumen, den es auch verdient. Sich zurückzuziehen und das Feld den Schreiern zu überlassen, ist die falsche Strategie. 

Und auch falsch ist, Häme über die auszuschütten, denen Wissen nichts gilt. Hochnäsigkeit ist kein guter Ratgeber. Viel wichtiger ist es, den richtigen Umgang mit dieser Kultur und mit den Leuten, die sie leben und für richtig halten, zu finden.

Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 16. August 2018

Donnerstag, 9. August 2018

Ruhe vor dem Sturm



In der Agrarpolitik herrscht so etwas wie die Ruhe vor dem Sturm, ehe es in den kommenden Monaten
mit den Agrarreform-Verhandlungen wohl ernst wird. Auch wenn da und dort die Aufregung bereits groß war, als zunächst der EU-Haushaltskommissar seine Einsparungspläne bei der Landwirtschaft und dann der Agrarkommissar seine Eckpunkte zur Agrarreform vorstellte, ist kaum abzuschätzen, wohin es wirklich gehen wird.
Misstrauen und Skepsis sind freilich angebracht. Dass die heimischen Spitzenagrarier von der Landwirtschaftsministerin abwärts mit Empörung auf fast alles reagierten, was bisher vorgetragen wurde, ist nichts anderes als der Versuch, sich in eine Verhandlungsposition zu bringen. Interessant wird es erst, wenn es ernst wird. Und besonders interessant wird, wie Kanzler Kurz und sein System wirklich mit der Landwirtschaft umgehen – ob die Aussagen, dass man zur heimischen Landwirtschaft steht, mehr sind als Lippenbekenntnisse, oder ob am Ende des Tages nicht doch mehr zählt, dass man in Brüssel als Hardliner auf Budgeteinsparungen drängt, die wohl auch die Landwirtschaft treffen würden.
Manche in der Agrarpolitik scheint längst das Gefühl beschlichen zu haben, dass es auch in der Landwirtschaft kommen könnte, wie man es derzeit in anderen Bereichen, von der Mindestsicherung bis hin zur Reform der Sozialversicherungen, erlebt – dass eine vorgefasste Linie durchgezogen wird, ohne viel Wenn und Aber, ohne große Rücksichtnahmen und ohne große Diskussionen.
Dass diese Methoden auch in der Agrarpolitik der Regierung Kurz nicht fremd sind, haben die Bauernvertreter schon bei einigen Themen zur Kenntnis nehmen müssen, bei denen nicht lange herumgefackelt wurde und man Kompromisse erst gar nicht suchte. Der Einfluss der Vertreter, aber auch der Agrarpolitiker in den Ländern, scheint zunehmend geringer zu werden, ihre Mitsprache weniger gefragt. „In den bevorstehenden Verhandlungen sind jetzt der Bundeskanzler gefordert und der Finanzminister, da gibt es die klare Erwartung, alles daran zu setzen, die Bauernfamilien in Österreich nicht zu enttäuschen“, sah sich Landwirtschaftskammerpräsident Josef Moosbrugger in einem seiner Antritts­interviews in einer Zeitung genötigt zu sagen.
Blindes Vertrauen schaut anders aus.
Überraschungen und auch Enttäuschungen sind wohl nicht auszuschließen, gibt es doch nicht nur auf EU-Ebene viele offene Themen. Auch in Österreich selbst sind viele oft sehr unterschiedliche Vorstellungen unter einen Hut zu bringen. Der Bogen reicht von der Verteilung der Mittel zwischen den einzelnen Betriebszweigen und Regionen über die zahllosen Themen des Umweltprogrammes bis hin zum Umgang mit der Biolandwirtschaft. Das alles spielt sich vor dem Hintergrund einer Gesellschaft ab, die die Landwirtschaft zunehmend kritisch beobachtet und in der sich längst die Neider positioniert haben.
Die Landwirtschaftsministerin will eine „offensive Debatte, wie in Zukunft Lebensmittel produziert werden sollen“ führen. Man darf auf ihre Argumente gespannt sein und wie sie ankommen.
Und darauf, ob dabei nicht doch viele von denen, die ihre Hoffnungen auf sie setzen, unter die Räder kommen.

Gmeiner meint - Blick ins Land, August 2018

Donnerstag, 2. August 2018

Wer soll an dieses Europa glauben?



Es war nicht geplant, aber entlarvend war es dennoch. Just am gleichen Tag, an dem EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker freudig beklatscht wurde, dass er um des Handelsfriedens willen den europäischen Markt für Soja aus den USA, und damit vor allem für das in Europa so verteufelte GVO-Soja, noch weiter öffnete, beklatschte man auch freudig, dass der Europäische Gerichtshof dem Einsatz der "Genschere" in der Pflanzenzucht einen Riegel vorschob.

Man darf annehmen, dass es nicht wenige gewesen sind, die in beiden Fällen applaudiert haben. Aber so ist man offenbar in Europa. Die nicht genehmen Sachen schiebt man weit von sich weg, verbietet sie am besten und verschanzt sich hinter Bergen von Bürokratie und Vorschriften, während man keine Skrupel hat, genau das für sich zu nutzen, wenn es nur in den Kram passt. Da verschließt man einfach die Augen und redet nicht drüber.

Das ist im aktuellen Fall bei Soja so. So ist das auch bei arbeitsrechtlichen Vorschriften, bei Umweltauflagen, bei Löhnen und bei sozialen Standards, die der Wirtschaft und der Landwirtschaft im internationalen Wettbewerb oft einfach wie Mühlsteine umgehängt werden. Man mag nicht recht davon reden und schon gar nicht darüber diskutieren.

Das hat Folgen. Dass Europa damit sozial-oder umweltpolitische aber auch wissenschaftliche Themen und Probleme einfach ausblendet und auslagert und sich der Verantwortung entzieht, ist das eine. Das andere ist, dass man sich mit dieser Methode zunehmend wirtschaftlich selbst schadet, weil man sich gerade in vielen Bereichen, die die Zukunft bestimmen, sehr zurückhaltend verhält und mit regelrechten Denkverboten wie etwa bei der Gentechnik oft gar völlig aus dem Spiel nimmt.

Nicht nur, dass man damit die Position des alten Kontinents auf den internationalen Märkten schwächt, längst ist die Gefahr nicht mehr zu übersehen, dass Europa damit sich und seine Zukunft verkauft. Denn die Musik spielt in vielen Bereichen längst auf anderen Kontinenten und in anderen Wirtschaftszonen. Europa ist längst Passagier geworden, immer öfter kraft-und machtlos und mit immer weniger Einfluss darauf, wie sich die Dinge entwickeln. Nicht nur politisch, sondern vor allem auch wirtschaftlich, technologisch und wissenschaftlich.

Selbstgerecht, selbstherrlich und oft sehr blauäugig läuft man dabei mitunter in immer neue Abhängigkeiten. Der Soja-Deal der EU mit den USA und das Verbot der "Genschere" sind ein typisches Beispiel für die Doppelbödigkeit, die in Europa gesellschaftliche und politische Kultur geworden ist. Während bei dem einen die in Europa gepflegten Bedenken gegen Gentechnik keinerlei Rolle spielen, reicht beim anderen offenbar alleine, dass der Begriff "Genschere" verwendet wird, um dem Ganzen einen Riegel vorzuschieben. Da spielt in der öffentlichen Diskussion keine Rolle, dass es alle Welt verwenden wird, dass dabei keine Fremdgene transferiert werden, dass diese Technologie weltweit als Zukunftstechnologie gilt, dass es den zumeist mittelständischen europäischen Saatguterzeugern geholfen hätte, sich gegen die Saatgutmultis zu behaupten und dass man damit just jene Saatgutriesen stärkt, die in Europa so gerne verteufelt werden, weil sie die Saatgutproduktion monopolisieren.

An der "Genschere"-Entscheidung wurde, soferne überhaupt etwas kritisiert wurde, allenfalls bemängelt, dass sie eher von Emotionen geleitet war, denn von Fakten. Das ist bezeichnend für den Weg, den Europa geht. Es bestimmen Halbwissen, Ängste und Misstrauen, gepuscht von populistischen Politikern, von NGOs, von Unternehmungen auch und von Konzernen, die es verstehen, sich den heute zeitgemäßen und damit richtigen Anstrich zu geben. Längst ist dieses Klima in alle Institutionen eingesickert. Dazu gehören nicht mehr alleine die Parlamente, dazu gehören längst auch der Verwaltungsapparat und, wie die Genschere-Entscheidung zeigt, auch höchste Gerichte.

Die Wissenschaft, gleichwohl welcher Richtung, hingegen scheint abgemeldet zu sein. Sie hat ein Glaubwürdigkeitsproblem, ihr fehlen auch die Strukturen und der gesellschaftliche und politische Rückhalt, die ihr in der Öffentlichkeit Gewicht verleihen könnten.

Ein Problem hat aber auch die europäische Gesellschaft. Ein Problem, das sie freilich nicht wahrhaben will -dass sie mit ihrem Verhalten und der Politik, die sie damit favorisiert, am Ast sägt, auf dem sie sitzt.


Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 2. August 2018

Dienstag, 24. Juli 2018

"Das Problem ist ja nicht der Zucker"



Für Agrana-Chef Marihart ist das Verteufeln des Zuckers „unverantwortlicher Aktionismus“. Stattdessen sei besseres Wissen über Ernährung nötig.

Hans Gmeiner 

Wien. Eine Molkerei aus Ostösterreich verkündet, jährlich 40 Millionen Stück Würfelzucker einsparen zu wollen. Eine große Handelskette lässt ihre Kunden über den Zuckergehalt im Eigenmarken-Pudding abstimmen. Die andere tönt, man habe seit Beginn des Vorjahres 200 Tonnen Zucker bei zuckerhaltigen Getränken eingespart. Klingt nach viel, wirkt aber angesichts der Realität eher als billige Werbung, mit der man beeindrucken will.

Denn die 200 Tonnen Zucker sind nicht mehr, als ein einziger Rübenbauer in Österreich pro Jahr durchschnittlich erzeugt, die 40 Millionen Stück Würfelzucker – 165 Tonnen insgesamt – sind sogar noch weniger. Und sie nehmen sich mickrig aus angesichts der rund 300.000 Tonnen Zucker, die in Österreich pro Jahr verbraucht werden. Aber es klingt gut, hat doch Zucker seit einiger Zeit Fett als Bösewicht in unseren Kühlschränken und auf unseren Tellern abgelöst.

Johann Marihart, Vorstandschef des österreichischen Zucker- und Stärkekonzerns Agrana, nervt das Getrommel der Werber zusehends. „Unverantwortlicher Aktionismus“ sei das für ihn. „Das Problem ist ja nicht der Zucker, sondern die Ernährung“, sagt der Agrana-Chef, der auch Sprecher der heimischen Lebensmittelindustrie ist. Die öffentliche Debatte über Zucker grenzt für ihn an Irreführung. „Die Gleichung ,Weniger Zucker bedeutet auch weniger Kalorien‘ stimmt einfach nicht.“ In den meisten Fällen werde Zucker durch andere Energieträger ersetzt, vor allem durch Fette. Er warnt daher davor, die auf Verpackungen angegebenen reduzierten Zuckermengen mit eingesparten Kalorien gleichzusetzen.

Beispiele, wie Konsumenten oft in die Irre geführt werden, kann er reichlich nennen. So präsentiert er gern Cornflakes-Packungen, die sich zwar im Zuckergehalt deutlich unterscheiden, nicht aber im Kaloriengehalt. Er zeigt Butterkekse, die mit „30 Prozent weniger Zucker“ groß auf der Verpackung werben, sich im Kaloriengehalt aber vom Original nur um 4,4 Prozent bei insgesamt rund 400 Kilokalorien pro 100 Gramm unterscheiden. Und er nennt gern ein Kakaogetränk mit einem um die Hälfte reduzierten Zuckergehalt, das aber dennoch genauso viele Kalorien hat wie das stärker zuckerhaltige Original.

Marihart weiß auch die Wissenschaft auf seiner Seite. „Ich will Zucker nicht schönreden“, sagt Jürgen König, Ernährungswissenschafter an der Universität Wien. Dass Zucker krank mache, stimme aber nicht und könne nicht bewiesen werden. Auch sei Zucker kein Suchtmittel. Vielmehr werde Süßes von klein auf als Belohnung verwendet, „diesen Effekt könnte man aber auch anders erreichen“.

Für den Wissenschafter ist „nicht der Zucker das Problem, sondern der Umgang mit Lebensmitteln“. Wer etwa viel zuckerhaltige Softdrinks trinke, habe auch sonst meist ein ungünstiges Ernährungsverhalten. „Was ist dann der Anteil des Zuckers am Übergewicht oder an Krankheiten?“ Entscheidend ist für König die Energiebilanz. „Wenn Zucker aber in den Rezepturen durch andere Energieträger ersetzt wird, wird das kaum einen Effekt auf das Körpergewicht haben.“

Die Statistik bestätigt das. Obwohl der Pro-Kopf-Verbrauch von Zucker in Österreich in den vergangenen 20 Jahren von 41 auf 33 Kilogramm zurückgegangen ist, ist Übergewicht immer noch eines der größten Probleme. Für Marihart ist klar: „Die Diskussion über den Zucker verstellt den Blick auf die wahren Ursachen. Was wir wirklich brauchen, ist mehr und besseres Wissen über Ernährung.“

Wirtschaftlich macht es Marihart nicht wirklich Sorge, dass der Pro-Kopf-Verbrauch in Österreich in den vergangenen Jahren um fast ein Viertel gesunken ist. „Wegen des Bevölkerungszuwachses ist für uns der Gesamtabsatz gleich geblieben“, sagt er. Und auch wenn die Agrana wegen der Freigabe des Zuckermarkts in Europa und wegen Billigimporten unter Druck ist, weltweit sind die Absatzprognosen weiter gut. Marihart: „Der Weltmarkt wächst um ein Prozent pro Jahr.“


Salzburger Nachrichten - Wirtschaft, 24. Juli 2018

Donnerstag, 19. Juli 2018

Es geht um Anstand und Zivilisiertheit



Es war die treffendste Karikatur, und es war auch die böseste. Thomas Wizany zeichnete in den Salzburger Nachrichten einen vom Furor getriebenen Innenminister Kickl, der am Rand einer Betoninsel, die für die europäische Union steht, auf die Halt suchenden Finger eines Menschen springt, auf dass er sich nicht retten kann, schon gar nicht nach Europa.

Die Stimmung rund um den Umgang mit der Migration in Richtung Europa und mit den Flüchtlingen hat sich in den vergangenen Monaten in unsäglicher Weise radikalisiert. Statt Lösungen zu finden, heizten Politiker quer über den Kontinent und quer durch die Europäische Union eine Hysterie an, die längst in keiner Relation mehr zur Realität und auch nicht zu den Erfordernissen steht.

Dabei ging nicht nur der politische Anstand verloren, sondern sehr oft auch der menschliche. Schamgrenzen fielen und Denkgrenzen auch. Was man sich früher nicht zu sagen und nicht einmal zu denken getraute, sagt und denkt man heute ungeniert. Es scheint, als sei man dabei, endgültig jedes Maß zu verlieren. Nicht nur in der Politik, sondern auch in der Gesellschaft. Da ist in Restaurants nicht zu überhören, dass man am Nebentisch über "Maximalpigmentierte" redet und in der U-Bahn nicht, dass man "mit den Flüchtlingen abfahren" solle. Und man hat auch keine Scheu mehr, darüber zu diskutieren, ob man die Flüchtlinge im Mittelmeer als Signal der Abschreckung nicht doch besser einfach ertrinken lassen sollte.

"Die Grenze des Unsagbaren und des Unsäglichen droht zu verschwimmen", sah sich dieser Tage der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier angesichts der Eskalation der Worte rund um das Thema Migration, die Deutschland an den Rand des Koalitionsbruchs brachte, genötigt zu warnen.

Die selbstverliebte Gesellschaft, die in allem und jedem Alimentation, Hilfe und Unterstützung für sich selbst fordert und dabei nie genug kriegen kann, verroht in diesen Monaten in einem ungeahnten Ausmaß. In einem Ausmaß, das Sorgen macht. Als Menschen treten Migranten in diesen Monaten kaum noch in Erscheinung. Die Debatte scheint völlig entgleist zu sein, Dämme sind dabei zu brechen.

Die Sprache spiegelt die Wandlung. Da wird nur mehr von "Asyltourismus","Ankerzentren", "Flüchtlingswellen" und "Anlandeplattformen" geredet. Man hat in der Politik keine Scheu, selbst aus besonders unseligen Zeiten der Geschichte sprachliche Anleihen zu nehmen und von einer "Achse der Willigen" zu reden. Und man versteigt sich zu Forderungen, dass in Europa gar nicht mehr um Asyl angesucht werden dürfte und wird immer dreister in den Versuchen, sich die Menschenrechtskonvention zurechtzubiegen.

Und kaum jemand scheint diese Entwicklung stoppen zu wollen. Viel größer scheint das Verständnis dafür, weiter an der Spirale zu drehen. Auch wenn die Fakten andere sind und die Migration in Richtung Europa so gering ist, wie schon seit Jahren nicht, schürt man lieber Ängste -bis hin zur Lächerlichkeit.

Erst in der vergangenen Woche machten sich ausländische Journalisten über das martialische Auftreten der österreichischen Sicherheitskräfte beim Gipfel der EU-Innenminister in Innsbruck lustig. "Das haben wir nicht einmal in den schlimmsten Krisengebieten so erlebt", wunderten sie sich.

Auch wenn zweifellos Handlungsbedarf besteht und die Anliegen und die Sorgen der Menschen in Europa fraglos ernst zu nehmen sind, so ist doch in keiner Weise nachzuvollziehen und zu akzeptieren, was derzeit in Politik und Gesellschaft vor sich geht.

Europa braucht Lösungen, für die man sich nicht schämen muss und die wirkliche und nachhaltige Lösungen sind. Und es ist zu fragen, warum solche Lösungen nicht auch menschlich sein können. Davon freilich scheint man derzeit weit entfernt.

Viel eher festigt sich der Eindruck, dass man das Unvermögen, solche Lösungen zu finden, mit einer Eskalation der Worte zu übertünchen versucht. Und mit politischen Maßnahmen, die der Sache in keiner Weise gerecht werden, die aber, wie die Kontrollen an den Grenzen, für die eigenen Bürger zunehmend zur Plage und zum Ärgernis werden.

Es ist an der der Zeit, zum richtigen Maß zurückzufinden. So, wie es an der Zeit ist, zu tragfähigen Lösungen zu finden. "Es geht schlicht um ein Mindestmaß an Zivilisiertheit", stand dieser Tage in einer Zeitung zu lesen.

Und es sollte nicht um den Furor gehen, wie ihn Thomas Wizany zeichnete.


Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 19. Juli 2018

Mittwoch, 11. Juli 2018

Ein Zwerg zeigt's den Riesen



Nach langem Zögern will die Europäische Union die Abhängigkeit von Sojaimporten aus Nord- und Südamerika verringern. Das kleine Agrarland Österreich spielt dabei schon jetzt eine zentrale Rolle.

Hans Gmeiner  


Wien. Die Bauern in der Europäischen Union produzieren zwar in vielen Bereichen Überschüsse, aber sie müssen jährlich rund 33 Millionen Tonnen Soja und Sojaschrot, hochwertige Eiweißfuttermittel, aus Nord- und Südamerika importieren, um ihre Schweine und Hühner zu füttern. Nach langem Zögern will nun die Europäische Union die Eiweißlücke, wie sie im Fachjargon genannt wird, und damit die Importabhängigkeit deutlich verringern – auch wenn man sie nicht völlig beseitigen kann. Zudem will man der Abholzung des Regenwalds in Südamerika nicht länger Vorschub leisten.

Ausgerechnet das kleine Österreich spielt dabei eine bedeutende Rolle. Das Land ist in den vergangenen Jahren zur Triebfeder beim Ausbau der europäischen Sojaproduktion geworden. Der Verein Donausoja, den Unternehmen aus der österreichischen Agrarbranche 2012 gründeten, treibt von Wien aus den Anbau von GVO-freiem Soja in den an die Donau grenzenden Ländern bis zum Schwarzen Meer voran. Zudem initiierte der Verein eine Reihe von Vermarktungs- und Verarbeitungsprojekten.

Die Zahlen können sich sehen lassen. Allein in den EU-Ländern wurde die Anbaufläche für Sojabohnen zwischen 2013 und 2017 auf mehr als 528.000 Hektar verdoppelt. Neben Österreich bauten vor allem Ungarn und Rumänien die Produktion aus. Ähnlich verlief auch die Entwicklung in den Balkanstaaten, die ebenfalls zum Einzugsgebiet des Vereins gehören. In Serbien, Bosnien und Mazedonien verdoppelte sich die Anbaufläche für Soja im gleichen Zeitraum um 600.000 auf 1,243 Mill. Hektar. Größter europäischer Erzeuger ist die Ukraine. Dort wurde die Anbaufläche in den vergangenen fünf Jahren um knapp 50 Prozent auf 1,99 Mill. Hektar ausgeweitet.

In Österreich selbst hat sich die Anbaufläche in den vergangenen Jahren ebenfalls verdoppelt. Mit knapp 65.000 Hektar und einer Jahreserzeugung von 190.000 Tonnen ist Österreich fünftgrößter Erzeuger in Europa. Fast ein Drittel davon stammt aus biologischem Anbau. Bei einem Anteil von nur zwei Prozent an der gesamten EU-Ackerfläche kommen von Österreichs Bauern acht Prozent der europäischen Sojamenge und sogar 25 Prozent des in Europa verwendeten Saatguts. Der Plafond ist damit noch nicht erreicht. Eine weitere Ausweitung der Sojafläche auf 100.000 Hektar wird für möglich gehalten.

Verarbeitet wird das heimische Soja in Ölmühlen in der Steiermark und im bayerischen Straubing, aber auch von Futtermittelherstellern, die die Körner nur thermisch behandeln, um die Nährstoffe besser aufzuschließen, die aber kein Öl aus den Körnern pressen.

Weit wie kein anderes europäisches Land ist Österreich bei der Umstellung auf GVO-freies Soja in der Fütterung. In der Geflügel-und Eierproduktion werden die Tiere bereits seit Jahren ausschließlich mit GVO-freiem Soja gefüttert. Auch in der Milcherzeugung darf, wenn Soja überhaupt eingesetzt wird, nur GVO-freie Ware verwendet werden. Und selbst in der Schweineproduktion findet sich immer öfter GVO-freies Soja in den Futtertrögen. „Die Verfügbarkeit von GVO-freiem Soja ist kein Thema mehr“, heißt es vonseiten der Produzentenverbände.

Und in noch einer Sparte ist Österreich Spitzenreiter beim Sojaeinsatz. 50 Prozent der heimischen Produktion, so viel wie nirgendwo auf der Welt, gehen in die Erzeugung von Lebensmitteln wie Tofu und Tofuprodukten und Sojagetränken, aber auch in die Produktion von Mehlen für die Brot- und Backwarenerzeugung.

Die Möglichkeiten von Soja in Europa sind längst noch nicht ausgereizt, ist Matthias Krön, Obmann und seinerzeit Gründer des Vereins Donausoja, überzeugt. „Was in Österreich in den vergangenen Jahren gelungen ist, muss auch europaweit gelingen“, sagt er. „Im Norden Europas ist Soja noch nicht angekommen“, sagt der Donausoja-Chef und hat schon die nächsten Ziele im Visier. Dank enormer Züchtungsfortschritte kann Soja heute auch in gemäßigten und raueren Klimaregionen erzeugt werden und liefert deutlich bessere Erträge als noch vor wenigen Jahren. Das macht die Pflanze auch für die Landwirte in Ländern wie Deutschland, Frankreich und in den Niederlanden zunehmend interessant.

„Die Sojaproduktion ist keine Nische mehr“, ist Krön überzeugt. „Was wir in Österreich erleben, ist in ganz Europa möglich.“ Seine Vision: „Wenn es gelingt, in ganz Europa den Flächenanteil von Soja auf 5,6 Prozent, so viel wie derzeit in Österreich, zu erhöhen, dann könnten wir die Sojaimporte zumindest halbieren.“


Salzburger Nachrichten- Wirtschaft, 11. Juli 2018

Donnerstag, 5. Juli 2018

Kurz zu Herrn Kern



Christian Kern mit Kindern und Luftballons, beim Radiointerview, am Rednerpult im Parlament, an seinem Schreibtisch, beim Donauinselfest. Allein. Christian Kern ist auf Fotos fast immer allein zu sehen. Aber kaum je, mit Ausnahme einer Aufnahme mit Landeshauptmann Niessl, gibt es Bilder mit den Granden seiner Partei - mit dem neuen Wiener Bürgermeister, mit der SP-Vorsitzenden aus Oberösterreich oder ihrem Kollegen aus Niederösterreich oder der Steiermark. Auch nicht mit dem Kärntner Landeshauptmann Kaiser oder mit Gewerkschafts-und Arbeiterkammer-Chefs. Schon gar nicht gibt es so etwas wie Gruppenbilder, auf denen Kern gemeinsam mit einem oder gar mehreren der SP-Spitzen zu sehen ist. Gruppenbilder, die Gemeinsamkeit signalisieren könnten, Entschlossenheit auch, und Zusammenstehen. Nicht einmal bei der Demonstration am vergangenen Wochenende in Wien. Es wäre auch gar nicht möglich gewesen, zogen es doch die meisten der SP-Vorderen aus den Ländern ohnehin vor, daheim zu bleiben. Bei einer Sache, die Kern zu einem Herzensthema der SPÖ stilisiert hat.

Es mag Zufall sein, wiewohl, daran mag man nicht glauben. Viel eher glaubt man, dass die Bilder wohl die Position Kerns innerhalb der SPÖ spiegeln und dass sie auch spiegeln, wie schwierig es die Sozialdemokraten derzeit nicht nur mit der neuen Regierung, sondern auch mit sich selbst haben.

Opposition ist schwer. Zumal dann, wenn man sich als Partei, und im Fall Kerns auch als ehemaliger Bundeskanzler, als staatstragend versteht und prädestiniert dafür, Verantwortung zu tragen, und wenn man überzeugt davon ist, es besser zu machen, wenn man nur an den Schalthebeln wäre.

Das muss die SPÖ derzeit erleben. Und sie ist nicht die erste Partei, die das erleben und durchmachen muss. Der SPD in Deutschland geht es ganz ähnlich. Und erinnert sei an den jahrzehntelangen Kampf der ÖVP um die Rückkehr auf den Ballhausplatz. Man fühlte sich immer als der eigentlich berechtigte Hausherr dort. Man glaubte immer an einen Irrtum der Wähler, die nicht erkannten, dass man die besseren Ideen und die besseren Leute hatte. Man erinnere sich an das "Trockendock", zu dem man die Oppositionsrolle erklärte und daran, dass man aus in diesem Trockendock beinahe nicht mehr herausgekommen, sondern fast tatsächlich vertrocknet wäre. Man hatte ja möglicherweise die besseren Ideen und die besseren Leute, und vielleicht fühlte man sich zu Recht auch so etwas wie moralisch überlegen. Bloß es nutzte nichts. Man kam damit nicht bei den Leuten an, schon gar nicht bei der breiten Masse der Leute. Denn die SPÖ hatte Kreisky. Und die meisten, die nach ihm kamen, wussten von seiner Popularität zu zehren, sie weiterzuspinnen und sie für sich zu nutzen.

So ähnlich ist die Situation für Kern und die SPÖ wohl jetzt auch. Bloß sind die Vorzeichen umgekehrt. Jetzt hat die ÖVP Sebastian Kurz. Und gegen Kurz und das System, das inzwischen manche schon Regime nennen, ist kein Kraut gewachsen. Zumindest derzeit nicht. Selbst mit einem H.C. Strache an seiner Seite und Leuten wie Kickl oder Hartinger-Klein in der Regierung. Es spielt keine Rolle, Kurz überstrahlt alles. Selbst wenn sich politische Fehler häufen, wenn es für die Opposition aufgelegte Elfmeter wie den 12-Stunden-Tag gibt, geht nichts. Auch, wenn sich die SP noch so bemüht, Aufregung zu erzeugen, auch wenn sie durchaus Argumente hat. Es muss sich erst zeigen, ob das Momentum stark genug wird, um eine Bewegung zu erzeugen, die mehr ergreift, als hartgesottene Partei-und Gewerkschaftsmitglieder.

Und sie muss erst zeigen, ob sie auch die Regierung Kurz zumindest unter Druck setzen kann. Denn die kann derzeit offenbar nichts falsch machen, selbst wenn sie noch so viel falsch machen mag. Die Leute stehen hinter ihr, auch wenn das immer mehr nicht verstehen können. Noch immer scheint man am Trauma "Große Koalition" zu leiden und an den damaligen ewigen Streitereien und dem Stillstand, der das Land lähmte. Um das nicht wieder erleben zu müssen, nimmt man viel in Kauf. Immer noch. Und, wie es aussieht, noch länger.

Anders als von Kern und der SPÖ, hat man von Kurz und Strache noch nicht genug. Nicht ehemalige SP-Wähler, nicht die "schwarzen" ÖVPler, nicht die einst so selbstbewussten VP-Landeshauptleute und nicht einmal der "kleine Mann", den Strache zu vertreten vorgibt. Das mag ärgern, aber es verwundert kaum in dem Land, in dem derzeit alles Kurz ist.


Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 5. Juli 2018
 
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