Montag, 19. Februar 2018

Österreichs schlaue Bauern



Von wegen rückständig – auf Österreichs Bauernhöfen lebt mehr Erfinder- und Pioniergeist, als man gemeinhin annimmt. In Sachen Innovation hängt die Landwirtschaft andere Branchen ab.

Hans Gmeiner
Salzburg. Weil sie mit dem Geld, das sie für ihre Milch bekamen, keine rechte Zukunft mehr sahen, begannen vor gut zehn Jahren Salzburger Bauern die Fütterung umzustellen. Statt mit vergorener Silage fütterten sie ihre Kühe mit natürlichem Heu, wie es direkt von ihren Wiesen kam. Angesichts der wachsenden Nachfrage nach möglichst naturnahen Produkten versprachen sie sich davon bessere Preise. Das Kalkül ging auf. Die Marke „Heumilch“ ist heute eine der großen Erfolgsgeschichten der österreichischen Landwirtschaft.

Knapp 500 Mill. Kilogramm werden inzwischen im In- und Ausland als Heumilch vermarktet. Für die Landwirte gibt es einen eigenen Heumilch-Zuschlag von fünf Cent pro Kilogramm. „Für unsere Bauern haben wir damit im Vorjahr einen Mehrwert von 24 Mill. Euro geschaffen“, sagt Karl Neuhofer, Obmann der Arge Heumilch, stolz.

Für Franz Sinabell vom Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) ist das Heumilch-Projekt typisch für das Innovationsverhalten in der heimischen Agrarszene. „Die Leute, auch in der Wissenschaft, glauben immer noch, dass die Bauern nicht innovativ sind, sondern arme Hascherln, denen man helfen muss“, sagt der Wifo-Experte. „Sie kaufen, so die landläufige Meinung, nur über Maschinen, Saatgut und Pflanzenschutzmittel Innovationen zu, die in anderen Bereichen entstanden sind, und wenden sie an.“

Die Realität sei aber eine ganz andere. Auf den Höfen gebe es permanent Anpassungen und Veränderungen, die von den Bauern selbst mit viel Ausdauer, Know-how und Geld entwickelt werden, um mit ihrer Situation zurechtzukommen.

„Innovation in der Landwirtschaft ist etwas anderes als sonst in der Wirtschaft“, sagt Sinabell. Es gehe weniger um das Entwickeln von Patenten und auch nicht um Gewinnmaximierung. „Meist geht es darum, die eigene Lage und die Lage der Landwirtschaft insgesamt zu verbessern und den Hof langfristig abzusichern. Und nicht darum, dass ein einziger Bauer so die ganzen Gewinne macht“, sagt Sinabell. „Damit festigt die Landwirtschaft ihre Position in der Gesellschaft und auf den Märkten und verringert ihre Abhängigkeit.“

In einer eigenen Innovationserhebung fand das Wirtschaftsforschungsinstitut heraus, dass im Zeitraum zwischen 2011 und 2015 auf fast 80 Prozent der heimischen Höfe entweder Neuerungen bei Produkten oder Dienstleistungen, in produktionsbezogenen Prozessen oder in der Organisation eingeführt wurden. Damit liegen die Bauern, was die Innovationsfreude anlangt, um gut 20 Prozentpunkte über dem Durchschnitt.

Wichtigste Triebfeder für Innovationen in der Landwirtschaft ist das schwierige wirtschaftliche Umfeld. „Die einen gehen in die Produktdifferenzierung und versuchen sich vom Angebot abzuheben, andere verfolgen die Strategie, alles darauf auszurichten, um im Preiswettbewerb mithalten zu können.“

Heumilch ist nicht das einzige Beispiel für die Innovationsfreude der heimischen Bauern. Ständig wird auf den Feldern und in den Ställen an Verbesserungen getüfttelt, werden neue Produkte ausprobiert, neue Früchte, neue Produktionsverfahren und neue Vermarktungskanäle.

Inzwischen wird selbst in Oberösterreich Kürbis angebaut, setzen Ackerbauern auf Walnüsse als neuen Betriebszweig. Es gibt sogar heimische Melonen im Angebot, und man hat sich mit einst fremden Früchten wie Soja ein neues Standbein aufgebaut. Viele Bauern spezialisieren sich auf Produktionszweige oder stellen auf biologische Wirtschaftsweise um.

Zu den Innovationen gehört auch die Entwicklung neuer Geräte wie ein spezieller Häufelpflug, der im Biolandbau ein Renner ist.

Direkte Innovationsförderung in der Landwirtschaft ist in Österreich hingegen eher mager dotiert. Die Kosten und das Risiko für die Innovationen tragen die Bauern daher meist selbst. Nur neidvoll können sie auf das Ausland schauen. Der Anteil der Forschungsausgaben für die Landwirtschaft aus öffentlichen Budgets liegt in Österreich bei einem schmalen Prozent der agrarischen Bruttowertschöpfung. „Das sind rund 27 Mill. Euro“, sagt Sinabell. Damit liege man in Europa im hinteren Drittel. „Die Niederlande haben eine vier Mal höhere Wertschöpfung und geben zwei Mal soviel aus, das ist insgesamt also acht Mal mehr als Österreich.“

Nicht zuletzt deshalb spielt die dortige Landwirtschaft international in einer anderen Liga. „Wenn man einmal an der Universität in Wageningen war, dem Zentrum der Agrarforschung in Holland, dann wird klar, dass viel Geld auch viel hilft“, sagt Sinabell.

Salzburger Nachrichten - Wirtschaft, 19. Februar 2018

Donnerstag, 15. Februar 2018

Wir Hampelmänner wir



Zu den bemerkens- wie staunenswerten Dingen eines durchschnittlichen österreichischen Lebens gehört es, wie der Konsument respektive die Konsumentin sich von den großen Handelsketten des Landes an der Nase herumführen lässt. Man sammelt Bonuspunkte und klebt Rabattmarken. Man fährt Montag in den Supermarkt, um Papiertaschentücher in Aktion zu kaufen, am Dienstag um günstiges Faschiertes zu erwischen, mittwochs, um sich nicht vorwerfen zu müssen, Käse zu teuer eingekauft zu haben und von Donnerstag bis Sonntag fährt man gleich noch einmal, um Limonaden, Apfelsaft und Bier in Aktion ins Auto zu laden. Man lässt sich von der Kassierin beraten, auf welche Stücke im Einkaufswagen man gescheiterweise die 25-Prozent-Ermäßigungspickerl aus der Zeitung klebt, und wenn sie gleich auch fragt "wollen's den Rabattsammler abbuchen?", nicken alle eilfertig wie Schulbuben und -mädchen.

Die Konsumentinnen und Konsumenten springen ganz offensichtlich gerne nach, was ihnen die Handelsketten vorspringen und machen ihnen den Hampelmann. Blindlings und viel zu oft. Da ein paar Cent weniger, dort ein bisserl gutes Gewissen haben sie gefügig gemacht. Darum mag auch nicht verwundern, was sie sich alles aufbinden lassen. Es ist immer wieder zum Staunen. So wie dieser Tage angesichts einer Kampagne eines der großen heimischen Lebensmittel-Handelsriesen. "Weniger Zucker -mehr vom Leben", heißt es da flächendeckend in Inseraten. Die Eigenmarken würden auf Zuckereinsparungspotenzial hin überprüft, "mindestens 1.000 Tonnen" wolle man "in den nächsten Jahren sparen".

Klingt ja fraglos beeindruckend. Wiewohl, wieviel sind eigentlich diese 1.000 Tonnen im Verhältnis zur gesamten Menge, die in den Eigenmarken steckt, wirklich? Und, wie viele Jahre meint man mit den "nächsten Jahren"? Aber sei's drum. Das hat Methode, dahinter steckt Strategie. Man will gefeiert werden dafür in der Öffentlichkeit. Dass die Bühne, auf der man sich produziert, aber eine Bühne mit doppeltem Boden ist, wird dabei tunlichst unterschlagen.

Nur manchmal, manchmal passieren dann doch Regiefehler. Da zeigt sich, dass Qualitätsware doch nicht mehr zählt als Diskontware, da drückt man auch bei Bio ein Auge zu und da gilt Natur nichts mehr, sondern mit einem Mal Chemie. Wird ja doch nicht wegen des Geschäfts sein, wegen des Mammons, der ansonsten gerne als so schnöde dargestellt wird, fragen sich da Beobachter des Treibens, die sich aller Inseraten-und PR-Gehirnwäsche zum Trotz ein gerüttelt Maß an Argwohn erhalten haben.

Oft sind es die Milchbauern, die deswegen einen dicken Hals haben, oft auch die Schweinebauern und die Geflügelerzeuger. Oder die Bäcker oder die Metzger. Diesmal sind es die Rübenbauern. "Spar ersetzt Zucker durch Erythrit und Xylit" schimpfen die in einer Aussendung über eine Kampagne des größten heimischen Handelskonzerns. Österreichischer Zucker würde ersetzt durch zwei Süßstoffe, die das Unternehmen "Spar Vital Zukka" und "Spar Vital Birkenzucker" nennt, die aber nichts seien als pure Chemie. Da ist plötzlich nichts mehr mit "Natur pur", mit grünen Feldern, mit Regionalität und mit Nachhaltigkeit.

Das passt zur ganzen Veggie-Manie, die Handel und Industrie forcieren. Und das passt auch zur Doppelbödigkeit, zu der sich nicht nur der Lebensmittelhandel, sondern auch viele Hersteller in den vergangenen Jahren haben hinreißen lassen. "Einst verteufelten wir Analogkäse, heute boomen vegane Ersatzprodukte aus dem Labor", lästern Lebensmitteltechniker. Man hängt die rotweiß-rote Fahne und ein paar andere nette Schilder vor die Tür, richtet sich aber in Wahrheit sehr oft die Dinge, wie man sie braucht. Mit Billigimporten, um die heimischen Erzeuger in Schach zu halten oder mit Ersatzprodukten wie Reis im Bier oder Gerstenmalz aus dem Ausland und mit vielem anderen mehr. Da ist dann oft sehr schnell Schluss mit Österreich, Natur und Nachhaltigkeit, da muss vor allem die Kassa stimmen.

Und die Konsumenten schlucken es, als wären sie dressiert. Auch was ihnen Spar rund um Zucker und Zukka an Doppelbödigkeit auftischt. Während man auf den Flugblättern vorne für den chemischen Zukka die Werbetrommel rührt, hat man keine Scheu, ein paar Seiten weiter hinten den verteufelten Zucker in großen Mengen an den Mann bringen zu wollen. Aber das nicht zum normalen Preis freilich, sondern, damit das Geschäft denn auch gut geht, zum Aktionspreis von 59 Cent -wenn man nicht eine, sondern gleich drei Packungen mit nach Hause nimmt.

Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 15. Februar 2018

Donnerstag, 8. Februar 2018

Bohren in harten Brettern



Nein, diese unsägliche Zeilen in diesem unsäglichen Liederbuch sollen hier nicht schon wieder zitiert werden. Sie sind durch nichts erklärbar und durch nichts entschuldbar. Sie haben das Land entblößt. Wieder einmal. Warum gibt es solche Texte immer noch und solche Bücher? Und warum muss da überhaupt noch diskutiert werden, wo doch die Dinge so klar liegen? Diese Leute, in deren Umfeld solche Liedtexte gehortet und wohl auch gesungen werden, sind doch ansonsten schnell mit Forderungen nach Verbieten, Abschieben, Einsperren und Ähnlichem bei der Hand. Bei Themen, die sie selbst betreffen, ist das freilich anders. Da sind sie um keine Erklärung verlegen und haben immer wieder die Stirn, Verständnis und Rücksicht einzufordern, statt endlich einen klaren Strich zu ziehen, wo es nur einen klaren Strich geben kann. Und, das wohl typisch Österreichische ist, dass sie dieses Verständnis und diese Rücksicht auch von immer noch viel zu vielen Österreicherinnen und Österreichern bekommen. Nicht immer zwar vor Mikrofonen oder sonstwo in der Öffentlichkeit, wo einem das zum Schaden gereichen könnte, sehr wohl aber immer noch in den Hinterzimmern der Öffentlichkeit, an Stammtischen und wohl auch an nicht wenigen Wohnzimmmertischen, an die man sich Freunde eingeladen hat.

Immer noch bestimmt viel zu oft dieses gewisse Augenzwinkern die Dialoge, das signalisiert, dass man für solche Meinungen und Forderungen, Rücksicht zu nehmen, durchaus Verständnis hat. Da kommen aus allen Ecken Erklärungen, die mit "ja, aber" anfangen und es gibt jede Menge beiläufiges Nicken, wenn sich einmal jemand alteriert, dass "die in der Zeitung Blödsinn schreiben".

Es sind freilich nicht nur Freiheitliche, denen das vorzuwerfen ist. Stille Sympathisanten dieser Unkultur sind in allen Parteien und in allen Gesellschaftskreisen zu finden. Die unseligen Nazigeschichten sind ja nicht das einzige Thema, bei dem sich die Tiefen der österreichischen Seele und der österreichischen Unkultur zeigen, mit heiklen Themen umzugehen. Denn auch in vielen anderen Bereichen wird Rücksicht eingefordert und Rücksicht genommen, wo bei Licht betrachtet keine Rücksicht zu nehmen ist, sondern wo klare Linien gefragt sind. Dazu gehören auch Themen, wie sie im Gefolge der #MeToo-Debatte hochgekommen sind, Erziehungsfragen, Bildungsfragen, der Umgang mit Ausländern und Migranten auch und viele andere.

Diese Leute, die mit Achselzucken, "ja, aber"-Erklärungen, vielsagenden Blicken oder schlichtem Schweigen Zustimmung und Verständnis signalisieren, wo keine Zustimmung und kein Verständnis angebracht sein sollten, bestimmen in vielen Bereichen das Meinungsklima. Tief durchwirken sie den gesellschaftlichen Alltag, die Arbeitswelt und die Familien und erhalten damit überkommene Strukturen, Ansichten und Einstellungen.

Sie haben diese Wirkung freilich auch, weil es eine viel zu große schweigende Mehrheit gibt, die sich duckt und alles schluckt. Viel zu oft. Auch bei noch so fragwürdigem Verhalten und noch so kruden Einstellungen. Und sie haben diese Wirkung freilich auch, weil die, die sie im Visier haben, immer noch - aus Angst oder aus anderen Gründen -viel zu oft gute Miene zum bösen Spiel machen und Ungeheuerlichkeiten schlucken, die man ihnen zumutet. Dass man damit viel zu oft gerade den Umständen und Einstellungen, unter denen man leidet, Tür und Tor öffnet und Tyrannen, Polit-Machos und Ewiggestrigen und ihren Ansichten und Methoden die Bahn frei macht, mag man ihnen freilich nicht vorwerfen.

Die österreichische Gesellschaft ist feig, wo klare Linien nötig wären. Viel zu oft lässt man die falschen Leute gewähren und gibt ihnen damit Raum und Macht, mit der sie oft nichts anderes tun, als die Umgebung und oft sogar das ganze Land zu beschädigen.

Freilich gilt es das richtige Maß zu finden. Das gilt aber für beide Seiten. Und nicht nur für jene, wie es derzeit meist den Anschein hat, die sich gegen altgewohnte Vorgangs-und Verhaltensweisen auflehnen und sie ändern wollen, sondern vor allem für jene, die glauben, die Zeit aufhalten zu müssen.

Es ist wohl das, was man Bohren in harten Brettern nennt. Aber es führt wohl kein Weg darum herum. Schon jetzt trägt das Land schwer genug daran, dass es sich immer noch mit vielem herumschlagen muss, das längst aus der Zeit gefallen ist.

Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 8. Februar 2018

Freitag, 2. Februar 2018

Hausgemachte Gefahrenzone



Allerorten in der Agrarpolitik freut man sich, dass die EU den einzelnen Ländern in Zukunft mehr Gestaltungsfreiheit geben will. „Nationale Strategiepläne“ soll das neue Wunderding heißen. Auf Grundlage von Eckvorgaben Brüssels sollen sich die einzelnen Staaten aus einem Maßnahmenbaukasten selbst die Maßnahmen aussuchen können, mit dem sie die von der EU vorgegebenen Ziele erreichen, plant die Agrarreform.

Das klingt zweifelllos gut. Ob es dann auch wirklich gut wird, das ist freilich eine andere Geschichte. Nicht wenige interpretieren sie denn auch als den Beginn des Endes der gemeinsamen Agrarpolitik und als Renationalisierung, die die einem Subventionswettlauf Tür und Tor öffnet. Und ob das angesichts der Entwicklung auf den internationalen Märkten und der Situation der Bauern die richtige Strategie Europas ist, ist die Frage. Und wenn schon bisher die Vereinheitlichung der Agrarpolitik nicht funktionierte und immer noch enorme und oft ungerechte Unterschiede zwischen den einzelnen EU-Staaten bestehen, warum sollte es dann gerechter werden, wenn man die Verantwortung wieder in die Mitgliedsstaaten verlagert, fragt man.

Nicht zu unrecht. Wo die Bauern eine stärkere Lobby haben, werden sie wohl mehr bekommen, als dort, wo das nicht der Fall ist. In reicheren Staaten wird es mehr sein, als in ärmeren Ländern. Und dass sich Bauern in kleineren Staaten leichter tun werden, als in größeren, ist wohl auch nicht von vorneherein als ausgemacht anzunehmen. 

Dabei geht es nicht nur um die finanziellen Mittel, mit denen man solche Maßnahmen ausstattet. Es geht auch um letztlich von den Mitgliedsstaaten gewählten Auflagen und Vorschriften, die zu sehr unterschiedlichen und belastenden Wettbewerbsverzerrungen führen können. Und es geht wohl auch um die Bürokratie. Denn auch in diesem Bereich will Brüssel den Mitgliedsstaaten mehr Verantwortung geben. Auch das freilich kann man durchaus als Bedrohung empfinden. Gerade in Österreich. Nicht so sehr wegen der so gerne als böse gescholtenen AMA, sondern sehr viel mehr wegen der zahllosen Agrarlandesräte, Kammervertreter und Bauernpolitiker jedweder Couleur, die dann meinen, mit allem Nachdruck ihre Ideen durchdrücken zu müssen und damit alles nur noch sehr viel komplizierter und bürokratischer machen. Schon jetzt wurde hinter vorgehaltener Hand über die hausgemachte Bürokratie geklagt, die die Bauern viel mehr belaste, als die aus Brüssel.

Mit der Landwirtschaftsministerin möchte man da nicht tauschen. Denn über allem geht es zudem ja auch, mehr nationaler Spielraum oder nicht, vor allem ums Geld, das Brüssel in Zukunft für die Bauern insgesamt zur Verfügung stellt. Und damit schaut es bekanntermaßen schlecht aus. Es wird wohl deutlich weniger werden. Dass das durch mehr Mittel aus dem österreichischen Budget ausgeglichen werden kann, ist wohl Illusion. So wie es Illusion ist, dass die EU-Staaten den Brexit-Verlust in den Brüsseler Kassen ausgleichen werden.

Die Schuld für fehlendes Geld kann man in Zukunft Brüssel nicht mehr in die Schuhe schieben. Schon gar nicht in Österreich, gehört doch Kanzler Kurz ganz vorne zu denen, die eine Erhöhung der Beiträge nach Brüssel ablehnen.
 
Gmeiner meint - Blick ins Land 2/Februar 2018

Donnerstag, 1. Februar 2018

Hurra, wir leben noch!



Es sind nur ein paar Schlagzeilen aus den vergangenen Wochen. "EZB-Beobachter erhöhen BIP-Prognose" hieß es da. Oder "Rekord bei österreichischen Exporten", "Deutsches BIP legt 2017 das achte Jahr in Folge zu" und "Umkehr auf dem Arbeitsmarkt -erstmals sank Arbeitslosigkeit auch bei den Älteren". Die Konjunktur brummt, von den Börsen wird seit mehr als einem Jahr ein Rekord nach dem anderen gemeldet, die Wirtschaftsforscher sind durch die Bank optimistisch. Und "täglich schaffen 100.000 Menschen den Weg aus der Armut", heißt es.

Eigentlich dürfte das alles gar nicht sein, ginge es nach dem Grundton, in dem die öffentliche Diskussion nicht nur in Österreich gefärbt ist. Denn die ist seit Jahren geprägt, als gäbe es nichts anderes als Aufgregtheit, Angst, Furcht, Sorge, Panik und Warnungen sonder Zahl. In dicken Lettern, in martialischen Worten und unterfüttert von düsteren Prognosen. Wäre es danach gegangen, müsste allerorten längst Chaos, Not und Untergang herrschen.

Tut es aber nicht. Und nach dem, was alles prognostiziert und befürchtet wurde, kann man nur staunen -hurra, wir leben noch. Und das sogar sehr gut. Wir haben immer noch den Euro und auch der Dollar hält, Griechenland ist dabei, sich wieder zu erfangen, in Spanien sinkt die Jugendarbeitslosigkeit, Osteuropa ist nicht untergegangen und kein europäischer Staat hat Pleite gemacht. Die Arbeitsmärkte haben sich erholt und die Konjunkturprognosen sind zuversichtlich wie schon lange nicht. Statt der Horrorjahre, die man vor zehn Jahren nach der Lehman-Krise düster prophezeite, wundert man sich jetzt auf einmal über eine "inzwischen fast zehnjährige Aufschwungphase".

Es ist, als ob sich die Wirtschaft nicht unterkriegen lassen und gegen alle negativen Prognosen sträuben würde. Als ob sie müde ist vom ewigen Krisengerede und als ob sie sich wehren würde dagegen, dass alles schlecht gemacht wird. Als ob ihr nicht einmal schlechte Politik und fehlende Weichenstellungen etwas anhaben könnten.

Das System, das in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten gestrickt wurde, ist ganz offensichtlich stabil und belastbar. Es hat ganz offensichtlich genug Kraft, um Krisen einzelner Länder zu schlucken, es hält schlechte Politiker aus, Irrlichter wie den US-Präsidenten Trump und eine schwache EU-Kommission. Und es verträgt auch, wenn eine Wirtschaftslokomotive wie Deutschland über ein halbes Jahr de facto führungslos und nur mit sich selbst beschäftigt ist.

Man wundert sich. Und man fragt sich, was von all den Experten und Wissenschaftlern zu halten ist, die in den vergangenen Jahren den baldigen Untergang voraussagten. Die sich nicht einkriegten mit ihren Warnungen, die die Stimmung drückten und die damit die vergangenen Jahre für viele zu verlorenen Jahren machten. Wie konnte es dazu kommen, ist zu fragen. War die Expertise tatsächlich so schlecht? Oder hat sie sich in der immer schnelleren Umgebung von neuen Medien und Kommunikation aus der Spur bringen lassen?

Statt einen kühlen Kopf und einen klaren Blick zu bewahren und der Wahrheit verpflichtet zu bleiben, hat man sich wohl in einem Maß, wie es zuvor nie der Fall war, von Interessen leiten lassen. Wenn es nicht die eines Staates oder von Unternehmen waren, dann waren es so oft wie nie zuvor eigene. Heute geht es in einem Maß wie nie zuvor darum, Interessen zu bedienen und durchzusetzen. Es geht darum, Fakten einen erwünschten Spin zu geben, Stimmungen zu erzeugen und sich Gehör zu verschaffen. Mit überdrehten Formulierungen, mit zugespitzten Daten, mit pointierten Statements.

Die Folgen sind fatal. Immer öfter zeigt sich, dass man sich auf Prognosen und Einschätzungen nicht verlassen kann, dass Themen falsch diskutiert werden, dass an den falschen Ecken und auf dem falschen Niveau diskutiert wird. Der Sache selbst tut das selten gut. Es werden falsche Maßnahmen gesetzt, es werden Weichenstellungen verhindert, es wird Geld verbrannt und Energie.

Aber, das System hält es aus. Gottseidank. Das heißt freilich nicht, dass man sorglos sein kann. Aber es zeigt, dass oft mehr Gelassenheit angebracht ist in der Beurteilung von Entwicklungen und von Zahlen. Das gilt für den gemeinen Bürger, der in diesem Klima immer öfter glaubt, grundsätzlich zu den Verlierern zu gehören. Das gilt für die Medien und oft auch für die Politik, der es durchaus anstehen würde, sich mehr zurückzunehmen und ein Land zu steuern - statt es hyperventilierend zu hysterisieren.

Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 1. Februar 2018

Dienstag, 30. Januar 2018

"Der Landwirtschaft fehlt es an Offenheit"



Europa darf sich nicht von internationalen Agrarmärkten verabschieden.

Hans Gmeiner

Wien. Rund um die anlaufenden Verhandlungen über die nächste EU-Agrarreform rücken die Produktionsmethoden der Landwirtschaft, ihre Aufgaben und auch die Kosten, die sie verursacht, wieder verstärkt in den Mittelpunkt. Während immer größere Teile der Gesellschaft einer Extensivierung der Produktion das Wort reden, fühlen sich die Bauern zunehmend in ihren Möglichkeiten eingeschränkt.

Der deutsche Agrarwissenschafter Martin Banse vom Thünen-Institut in Braunschweig hält beide Positionen für überzogen. „Die Welt braucht in Zukunft deutlich mehr Nahrungsmittel“, sagte er Montag am Rande der Agrar-Wintertagung des Ökosozialen Forums in Wien im Gespräch mit den SN. „Angesichts der weltweit knappen Ressourcen müssen wir uns daher auch in Europa fragen, welchen Beitrag wir zum weltweit steigenden Nahrungsmittelverbrauch leisten können.“

Für ihn ist keine Frage, dass sich Europa nicht von den Agrarmärkten verabschieden darf. Und er fordert auch eine offene Diskussion über Themen wie Gentechnik oder „Genschere“. Es sei schon sehr viel Know-how weggebrochen. Die Diskussionsverweigerung darüber arbeite vor allem den so heftig kritisierten Multis in die Hände und befördere die Verengung des Angebots. Er sieht angesichts der kritischen Öffentlichkeit eine „geduckte Haltung, was Diskussionskultur und Forschung angeht“ und fordert Mut zur Diskussion ein.

Banse redet aber nicht blinder Produktionssteigerung das Wort, sondern fordert auch verstärkte Berücksichtigung von Themen wie Nachhaltigkeit, Umweltschutz und Biodiversität in der Produktion, die freilich finanziell abgegolten werden sollten. „Es gibt genügend Spielraum dafür, ohne Versorgungssicherheit und Bauern zu gefährden.“ Aber großen EU-Agrarländern wie Frankreich, Deutschland und Polen gehe es darum, die gegenwärtige Politik zu verteidigen.

Der deutsche Wissenschafter sieht vor allem die Politik in der Pflicht. Themen wie etwa die Verbesserung von Tierwohl sollten nicht privatwirtschaftlichen Initiativen überlassen bleiben, sondern vom Staat geregelt werden. Die Gesellschaft habe Verständnis für den Geldbedarf der Landwirtschaft. Dafür bedürfe es einer offenen Diskussion. Die vermisst er: „Es fehlt an Offenheit und Ehrlichkeit, es ist ein Herumdoktern ohne Strategie.“

Salzburger Nachrichten - Wirtschaft, 30. Jänner 2018

Donnerstag, 25. Januar 2018

Wie ist das mit der Verantwortung?



Das Greinen wird lauter und es verfestigt sich. Wer in diesem Land auf sich als Hüter des Guten zu halten glaubt, reibt sich an der Regierung. Man arbeitet sich an Kanzler Kurz ab, an Strache und an Kickl. Der ehemalige Bundeskanzler scheint sich gar nicht mehr einzukriegen und auch nicht Matthias Strolz. Von den Grünen und den Pilzen kann man die Aufregung nur vermuten, weil sie nicht einmal mehr schaffen die öffentlich zu artikulieren. Man malt die Zukunft in düsteren Farben, fürchtet um die soziale Gerechtigkeit und zeigt sich vorzugsweise in ernster Sorge. Das alles steht ihnen zu und über vieles, das da befürchtet und vor dem gewarnt wird, kann und muss man ohne Frage diskutieren. Und freilich ist es jetzt notwendig aufzupassen und wachsam zu sein. Der Fall Landbauer zeigt es besonders eindrücklich. Aber dass in diesem Land nunmehr mit einem Mal Leute wie Strache, Kickl, Gudenus oder eben Landbauer etwas zu sagen haben und wenn man darüber klagt, dass Sebastian Kurz am Ballhausplatz sitzt, hat man sich dies zu einem guten Teil, zu einem sehr guten sogar, selbst zuzuschreiben.

All jene, die sich jetzt so wortreich als Gegner und Warner gerieren, sollten daher in sich gehen und Selbstkritik üben. Und sie sollten sich auch ihrer Verantwortung stellen. Denn auch wenn es viele Erklärungen geben mag, im Kern ist ihnen allen vorzuhalten: Hätten sie gute Politik gemacht und den Großteil der Wähler mit ihrer Politik, mit ihren Ideen und mit ihren Konzepten überzeugt, wäre wohl nicht gekommen, was sie jetzt so heftig beklagen zu müssen meinen.

Davon freilich ist derweilen so gut wie nichts zu erkennen. Man schreitet mit erhobenem Zeigefinger durchs Land, fühlt sich im Besitz von Moral und Richtigkeit und weiß, wie immer möchte man sagen, was besser gemacht zu werden hätte und was die Leute tun und denken sollten. Man ist selbstgerecht wie immer und weit weg von dem, was die Menschen wollen und brauchen.

Verdrängt und ausgeblendet wird, dass die neuen Machtverhältnisse auf demokratischem Weg zustande kamen. Da hat sich niemand etwas ergaunert, da hat sich niemand an die Staatsspitze geputscht, da ist alles mit rechten Dingen zugegangen. Gekommen ist es gar nicht so sehr, weil die Neuen so gut sind, sondern wohl sehr viel eher, weil es genau jene, die jetzt als Kritiker vorne stehen, nicht schafften, den richtigen Draht zu den Wählern zu finden, sie zu überzeugen und wohl auch, weil das Vertrauen verloren gegangen war.

Man hat es nicht verstanden, Konzepte zu entwickeln, die die eigenen Ideen mit den Bedürfnissen und Wünschen der Bevölkerung in Einklang bringen. Die SPÖ etwa war immer zu bequem sich von der Vergangenheit zu lösen und schaffte es nie, sich einen Zuschnitt zu verpassen, der ihre Grundideen mit den Bedürfnissen der Menschen im 21. Jahrhundert in Deckung brachte. Obwohl man alle Zeit dieser Welt gehabt hätte und sogar die Macht. Und es war der Wiener Bürgermeister Häupl, der mehrmals meinte "Meine Wiener san net deppert" und damit wohl Bauern und andere schwarze Wähler verächtlich machen wollte, aber übersah, dass er damit auch zahllosen SP-Wählern auf dem Land seine Geringschätzung ausdrückte.

Noch schlimmer ist es nur bei den Grünen. Haben sie es sich nicht zu bequem gemacht in ihren Elfenbeintürmen? Haben sie es nicht verabsäumt, den Leuten wirklich zuzuhören und für sie Lösungen zu finden? Haben sie sich nicht viel zu sehr darauf verlegt, ihnen mit erhoben Zeigefinger zu zeigen, was man tun und denken sollte? Und dabei aus den Augen verloren, wie man mit dieser Selbstgerechtigkeit viele derer verärgerte und überforderte, die sie eigentlich wählen sollten?

Es ist immer schwer, einbekennen zu müssen, dass man nicht gut genug ist oder war. Die deutsche SPD, in ihrer Krise den österreichischen Sozialdemokraten voraus, hat schon etwas begriffen, was die SPÖ offenbar noch nicht begriffen hat und auch nicht die Grünen. "Offensichtlich ist es uns bisher nicht gelungen, genügend Antworten auf die Zukunft zu geben, den Leuten die Ängste zu nehmen und mehr Vertrauen zu erzeugen", donnerte SPD-Fraktionschefin Andrea Nahles am Sonderparteitag am vergangenen Sonntag, als es um den Wiedereinstieg in eine große Koalition ging, vom Rednerpult und fragte: "Aber was hat das mit dem blöden Dobrindt, der Merkel und den anderen zu tun? Das ist ausschließlich unser Problem, das wir lösen müssen, und zwar jetzt."

Verdrängt und ausgeblendet wird, dass die neuen Machtverhältnisse auf demokratischem Weg zustande kamen."

Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 25. Jänner 2018
 
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