Donnerstag, 23. Februar 2017

Die Dreistigkeit der Image-Surfer


Der Wirbel im Land war ein veritabler, als ruchbar wurde, dass das "TirolBerg", Aushängeschild Österreichs und internationaler Treffpunkt bei der Skiweltmeisterschaft in St. Moritz, seinen Gästen "Seefelder Wildragout" aus ungarischem Fleisch und "Innsbrucker Gröstl", das aus Zutaten deutscher Provenienz gemacht wurde, servierte. Dazu war in den Medien noch die Rede von "Schnitzelsemmeln", für die das Fleisch aus Kroatien stammte. Da brauchte es nichts mehr, um nicht nur die Tiroler Bauern auf die Palme zu bringen.

Selten wurde die heimische Gastronomie und die dort immer noch häufig geübten Usancen so radikal entlarvt, wie von den Schweizer Vorschriften, die verlangen, dass die Herkunft der Zutaten fürs Essen auf den Speisekarten ausgewiesen werden muss.

Nichts dagegen, dass man in den Küchen auch ausländische Produkte verwendet. Aber alles dagegen, dass man das Image Österreichs und namentlich seiner Landwirtschaft und die damit verbundene Qualität der Lebensmittel in die Auslage stellt, aber statt Produkten von österreichischen Bauern oft nur beliebige, weil billige, international zusammengekaufte Lebensmittel in den Pfannen hat.

Gerade in der Gastronomie und im Fremdenverkehr hat man keine Scheu, sich mit allen Attributen zu schmücken, die man für Österreichisch hält. Dazu gehören die Bilder von gepflegten Almen, Berglandschaften, Kühen und Bauernhöfen, die in keinem Prospekt und keiner Präsentation fehlen. Bei der Einrichtung der Häuser kann man nicht rustikal genug tun mit schwerem Holz, Schmiedeeisen und bäuerlichem Gerät als Zierde an den Wänden. Oft bis zum Abwinken. Man gibt sich österreichisch und rustikal bis hin zum - oft ausländischen - Personal, das in Dirndl und Lederhose gesteckt wird.

Das freilich heißt nicht, dass man das auch lebt. Allzuoft ist es nichts als Attitude, Staffage und Marketingschmäh. Denn als Imagevehikel sind die Bauern und ihre bäuerliche Welt nur recht, als Partner ganz offensichtlich zumeist sehr viel weniger. Die heimische Gastronomie dazu zu bringen, zu heimischen Lebensmitteln zu greifen, ist immer noch Bohren in harten Brettern. Generationen von Agrarpolitikern wissen das, alle Initiativen, die es gibt das zu ändern, tun sich schwer.

Der Widerstand ist nach wie vor groß, auch wenn immer mehr Gastronomen die Regionalität entdecken. Nach wie vor kommt ein Gutteil des Fleisches, das in Österreichs Gastronomie ausgespeist wird, aus dem Ausland. Und während in den Supermärkten keine Eier von in Käfigen gehaltenen Hühnern mehr angeboten werden, sind Käfigeier aus Spanien, Tschechien, Polen, Ungarn oder sogar der Ukraine in den Restaurantküchen dieses Landes nach wie vor gang und gäbe.

Die Gastronomie ist aber nur ein Beispiel für die Dreistigkeit, mit der man hierzulande gerne das Image der Bauern und der Landwirtschaft nutzt, um Geschäft zu machen. Mitunter drängt sich der Eindruck auf, als seien allerorten längst alle Bremsen und jede Zurückhaltung gelöst. Anders ist nicht zu erklären, dass etwa der größte Diskonter des Landes in diesen Tagen in den Tageszeitungen groß Anzeigen schaltet, in denen er seine Initiativen für das Fortkommen der heimischen Landwirtschaft lobt und das Bauernsterben beklagt.

"In den letzten Jahren mussten jährlich mehr als 2000 Landwirte ihren Hof aufgeben, ihre Betriebe verkaufen oder verpachten", schreibt man mit einem Anflug von Rührseligkeit und denkt sich nichts dabei, wenn man im nächsten Absatz mit dem Satz "Kein Balkon ist zu klein, keine Mauer zu schmal, um eigenes Gemüse anzubauen" dafür wirbt, dass die Städter selbst zu "(An-)Bauern", wie man es formuliert, werden.

Man staunt.

Nichts dagegen, dass auch in der Stadt die Menschen versuchen, ihr Gemüse zu ziehen, weil ihnen das Freude macht. Aber es grenzt schon an Unverschämtheit, wie man die Bauern, ihr Image und auch ihre Nöte benutzt, um die eigenen Geschäfte zu machen -indem einerseits das Bauernleid beklagt und im gleichen Atemzug die Konsumenten auffordert, sich ihre Nahrungsmittel selbst zu erzeugen und das auch noch als "Leuchtturmprojekt" bezeichnet.

Aber man denkt sich wohl gar nichts dabei, weil dieses Denken auf Kosten der Landwirtschaft üblich geworden ist. So wie im "TirolBerg" in St. Moritz.

Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 23. Februar 2017

Donnerstag, 16. Februar 2017

Ein Volk von Auskennern



Neulich im örtlichen Wirtshaus. Am Nebentisch, dem Stammtisch. Er war laut, er dominierte das Gespräch, er hatte Antworten auf alle Fragen und er wusste, warum es auf der Welt so schief läuft. Ganz genau. Er muss wohl einer von denen sein, die für sich keine politische Herausforderung für zu groß halten. Gemeinderat sowieso nicht. Landhauptmann? Wohl auch kein Problem. Bundeskanzler? Eh klar. Und sogar als Präsident der EU-Kommission würde er seiner Meinung nach wohl keine Fehler machen.

Er muss wohl einer von den vielen Österreichern sein, die sich einer Umfrage des market-Institutes im Auftrag der Tageszeitung "Der Standard" zufolge politisch sehr viel zutrauen. Einer von überraschend vielen. Demnach glauben 80 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher von sich, als Gemeinderat eine gute Figur zu machen. 35 Prozent glauben auch, keine Probleme mit einem Bürgermeisteramt zu haben und fast zwei Drittel trauen sich zu, ein Betriebsratsmandat zu übernehmen.

So weit das, was noch eher wenig staunen macht. Dass sich vier von zehn Befragten für ein Landtagsmandat qualifiziert fühlen, mag auch noch in diese Kategorie fallen. Bemerkenswert wird das Selbstvertrauen der Österreicherinnen und Österreicher in ihre politischen Fähigkeiten aber vollends, wenn es um höhere Ämter geht. 39 von 100 glauben für den Nationalrat geeignet zu sein und 31 von hundert, also ein knappes Drittel der Bevölkerung, glaubt laut Umfrage genug zu wissen und zu können, um der Bundesregierung anzugehören.

Sehr von sich überzeugt ist man auch, wenn es um echte Führungs-und Entscheidungsfunktionen geht. Landeshauptmann oder Bundespräsident? Diese Jobs auszufüllen trauen sich zwölf Prozent der Österreicherinnen und Österreicher zu. Bundeskanzler am Ballhausplatz? Neun Prozent sähen darin kein Problem für sich. Und Präsident der EU-Kommission? "Sieben Prozent der Befragten glauben sogar, diesem Anforderungsprofil zu entsprechen", heißt es im "Standard".

Dass wir ein Volk von 8,5 Millionen Skitrainern und ebenso vielen Fußballtrainern sind, daran hat man sich gewöhnt. Aber dass so viele Politik-Experten zwischen Neusiedler- und Bodensee leben, überrascht dann doch.

Auch wenn die Umfrage wohl nicht in allen Details für bare Münze zu nehmen ist und man die Ergebnisse durchaus auch als Negativauslese werten kann, passt sie doch zu dem Bild, das man vom Land hat. Viele hier scheinen auf Wolke sieben zu leben, ziemlich weit weg von der Realität und von den Anforderungen, die sie stellt. Aus der Distanz mag man sich schon einiges zutrauen, zumal dann, wenn man ohnehin nicht im Entferntesten daran denkt, sich auch im richtigen Leben und nicht nur an den Stammtischen oder anderen Biotopen von Besserwissern politisch zu engagieren.

Denn wenn das anders wäre, würde man in vielen Gemeinden nicht händeringend nach Bürgermeisterkandidaten suchen und nach Männern und Frauen, die sich bereit erklären, ein Gemeinderatsmandat zu übernehmen. Gar nicht zu reden davon, dass dann die Auswahl für die Landtage, den Nationalrat und auch die Spitzenämter der Republik eine viel einfachere wäre. Denn dann gäbe es, hat ein findiger Kollege errechnet, alleine für die Ministerämter 2,697 Millionen Kandidaten, für den Job des Bundeskanzlers 783.000 Frauen und Männer, die nach eigenem Dafürhalten bestens geeignet wären. Und wir hätten bei der Bundespräsidentenwahl 1,044 Millionen Kandidaten haben können und dürften mit der Frage herumspielen, ob sich diese Wahl dann auch auf eine Entscheidung zwischen Van der Bellen und Hofer zugespitzt hätte.

Die Selbstüberschätzung, die sich in dieser Umfrage spiegelt, hat in Österreich Kultur. Und sie passt gut zur Besserwisserei, die sich allerorten breitmacht und die von populistischen Parteien nach Kräften gefördert wird, zumal sie für sie selbst Programm ist. Sie ist auch Beleg für den fortschreitenden Realitätsverlust, der in unserer Gesellschaft grassiert. Man verliert das Gefühl um die wirklichen Anforderungen, man verliert das Gefühl um Zusammenhänge und weiß immer seltener, von woher etwas kommt. Ganz abgesehen davon, dass man von einer eigenen Verantwortung immer weniger wissen will und man keine Scheu hat, die Ansprüche in immer neue Höhen zu schrauben.

Aber vielleicht ist das alles gut so, wie es bei uns ist. Denn wohin es führen kann, wenn einer von diesen Menschen ernst macht, erleben wir gerade in den Vereinigten Staaten von Amerika.

Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 16. Februar 2017

Donnerstag, 9. Februar 2017

Wehe, wenn sie losgelassen



Die Grundsätze, auf denen unsere Gesellschaft und unser gesellschaftliches Zusammenleben beruht, waren in den vergangenen Jahrzehnten für viele Menschen kein Thema. Es lief alles in allem gut. Es hatte alles einigermaßen seine Ordnung. Die Grundpfeiler standen außer Streit. So sehr sogar, dass ihre Bedeutung dem öffentlichen Bewusstsein und dem Bewusstsein der Menschen selbst entglitten. In Vergessenheit geriet, dass diese Grundpfeiler Werte sind, die oft in jahrzehnte-und jahrhundertelangen Kämpfen erstritten wurden, dass zahllose Menschen sehr viel dafür auf sich nahmen um sie durchzusetzen und dass viele sogar ihr Leben aufs Spiel setzten dafür, dass sie Wirklichkeit wurden. Man schätzte es kaum mehr, man nahm es als selbstverständlich hin.

Damit ist es nun allem Anschein nach vorbei. Die Sorgen wachsen. Spätestens seit dem Einzug von Donald Trump ins Weiße Haus und seinen furiosen Anordnungen finden sich auch in unseren Medien Sätze wie "Es geht um die Grundprinzipien des Westens. Um Errungenschaften, die so abstrakte Namen tragen wie Gewaltenteilung, Rechtsstaat, Gleichheit vor dem Gesetz, demokratische Kontrolle." Es ist davon zu lesen, dass "immer seltener Kompromiss, Ausgleich und Integration die Prämissen der Politik sind, sondern Ausgrenzung, Unterwerfung und Recht des Stärkeren".

In den vergangenen Jahren sind Grenzen gefallen, von denen man längst glaubte, dass sie nie mehr Grenzen sein könnten. Es geht mit einem Mal um Themen, von denen man meinte, sie stünden außer Streit.

Die Erosion der Werte kam schleichend. Befeuert vom wachsenden wirtschaftlichem Druck, dem die Politik kaum Perspektiven entgegenzusetzen vermochte, und vom oft hetzerischen Stakkato rechter Parteien, die mit Schuldzuweisungen und einfachen Lösungen immer schnell zur Hand sind, kamen die Grundwerte der Demokratie und der Gesellschaft unter Druck.

Das Tempo der Erosion der politisch-gesellschaftlichen Werte ist mittlerweile bestürzend. Und bestürzend ist oft auch, wie sich die, die Kraft ihres Amtes oder ihrer gesellschaftlichen Position dagegen halten müssten, treiben lassen. Wie sie still bleiben und wie sie sich zurückziehen, wo sie Position halten müssten. Und wie schnell sie oft um eines Vorteils willen beigeben. Die Hemmschwellen fallen immer rasanter. Was noch vor wenigen Jahren allenfalls in Hasspostings stand oder an alkoholgeschwängerten Stammtischen gesagt wurde, ist heute oft Politik. Was manche Politiker heute sagen und fordern, wäre vor wenigen Jahren in ihrem Umfeld nicht möglich gewesen.

Innenminister Sobotka von der nach wie vor als bürgerlich geltenden ÖVP lieferte in den vergangenen Wochen eindrückliche Beispiele dafür, wie sich manche Politiker gar nicht mehr einkriegen, wenn sie sich denn einmal losgelassen fühlen. Die Nutzung und Vernetzung privater Überwachungskameras schlug er vor und schwärmte von der Möglichkeit, damit per Kennzeichenerfassung Bewegungsprofile erstellen zu können. Er brachte die Idee einer Fußfessel auf Verdacht für Gefährder in die Diskussion, neue Formen von Lauschangriffen und Vorratsdatenspeicherung und seit Tagen ventiliert er öffentlich seine Idee, das Demonstrationsrecht zu beschneiden.

Es sei dem Herrn zugestanden, dass viele Rechte, vor allem das Demonstrationsrecht, in der Vergangenheit allzu oft und allzu missliebig missbraucht wurden. Dennoch ist ihm der Vorwurf nicht zu ersparen, den dieser Tage ein Kommentator so formulierte: "Es besteht der Verdacht, dass Sobotka nicht bloß die Randalierer des 'Schwarzen Blocks', sondern sämtliche Angehörige der Zivilgesellschaft als seine persönlichen Feinde betrachtet und dass ihm Zucht und Ordnung wichtiger als demokratische Grundrechte sind."

Was das so besorgniserregend macht, ist, dass der Innenminister mit diesen Absichten nicht alleine steht. Nicht in seiner Partei und auch nicht in der Bevölkerung.

Nur langsam indes beginnt man zu erkennen, was auf dem Spiel steht. Noch dominiert eher das Kalkül, bei den nächsten Wahlen mit einer Politik zum Erfolg zu kommen, die von ganz rechts vorgegeben wird.

Dass damit auch hierzulande die Gefahr für die Grundpfeiler der Gesellschaft immer größer wird, verkennt man.

Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 9. Februar 2017

Donnerstag, 2. Februar 2017

Die Landwirtschaft und die Wirklichkeit



Die bäuerlichen Politikerinnen und Politiker und auch die Bauern selbst neigen dazu, sich lieber die Wirklichkeit mit allerhand Erklärungen und Verklärungen zurechtzurücken, als sie zu akzeptieren und entsprechend zu handeln. Das hat Folgen. Statt der Realität ins Gesicht zu schauen und die richtigen Schlüsse zu ziehen, neigt man allzu oft lieber zu bequemen und oft selbstmitleidvollen Erklärungen und verabsäumt darüber, rechtzeitig die Weichen für Veränderungen zu stellen. Die Schuld sucht man zumeist lieber bei anderen und übersieht dabei, dass man genau deswegen mit dieser Wirklichkeit, die viele als belastend und voller Gefahren empfinden, nicht zurecht kommt.

Aber es ist halt der einfachere Weg. Den Politikern gibt er zum einen die Möglichkeit, wortreich Aktivität und Bemühung um die bäuerliche Sache darzustellen und so ihrer Existenz den Anstrich von Berechtigung zu geben. Andernfalls müsste man ja richtige Ideen haben, die die Lage der Bauern verbessern könnten. Und dann zeigt sich möglicherweise, dass man da ziemlich blank da steht.

Den Bauern gibt es die Gelegenheit Verantwortung für die eigne Lage von sich zu schieben und in herkömmlichen Verhaltensweisen zu verharren.

Beides trägt selten zu Fortschritten in der Sache bei. Viel öfter ist der Fall, dass alles nur noch schlechter wird.

So ist es, um ein Beispiel zu nennen, in den vergangenen Jahren zum Mantra der Agrarpolitik geworden, den "Handel" zum Hauptschuldigen für die schlechten Agrarpreise zu machen. Gebetsmühlenartig werden von Bauern und ihren Vertretern die Vorwürfe heruntergerattert. Oft zurecht. Dass die österreichischen Bauern für ihre Produkte zwar schlechte, aber meist dennoch durchwegs höhere, aber selten niedrigere Preise bekommen, als etwa die deutschen Kollegen und auch die Kollegen in viele anderen Ländern, wird da tunlichst unter den Teppich gekehrt. Und auch, dass nur gut die Hälfte der Produkte, die von den Bauern erzeugt werden, über den Handel auf den Markt kommen. Und gar nicht erst diskutieren mag man darüber, ob man denn überhaupt das Richtige für den Markt produziert.

Dass man trotz des jahrlangem Dauerfeuers bisher genau gar nichts bewirkt hat, stört da nicht weiter. Man macht unverdrossen weiter, offenbar weil's so am einfachsten ist

Dazu passt auch die "Taskforce Agrarmärkte", mit der die EU die Position der Bauern auf den Märkten stärken soll. Das klingt gut und nach Bemühungen für die Bauern. Bloß, wer sagt, dass die Bauern profitieren, wenn der Handel an die Kandare genommen wird, oder ob das nicht doch eher die  Verarbeiter, wie die Molkereien oder Fleischbetriebe sind, die als direkte Partner des Handels das Geld als Erste in der Hand haben? Dass die das Geld selbstlos weitergeben, glaubt wohl auch niemand. Aber Hauptsache, man macht viel Wind.

Und dazu passt auch, dass sich viele Bauern und viele ihrer Vertreter den Schutz ihres Heimmarktes wünschen und das hohe Lied der Regionalität singen. Dass Österreichs Landwirtschaft zu mehr als der Hälfte vom Export lebt, blendet man einfach aus. Ist ja allemal einfacher und Beifall bringender, jedes fremde Milchpackerl umgehend auf Facebook und Twitter anzuprangern. Man mag sich gar nicht vorstellen, wenn irgendwo im Ausland auch lauter solche Leute nichts besseres zu tun haben, als ausländische Agrarprodukte zu brandmarken.

Dann würde Österreich wahrscheinlich schnell schlecht ausschauen. Aber man hätte wieder Böse, auf die man schimpfen könnte. Der Einfachheit halber.

Gmeiner meint - Blick ins Land, 2. Februar 2017

Letzter Akt



"Für Österreich" heißt es. Und das Wort "Neustart" soll man damit nicht in Verbindung bringen, wünschten sich die Protagonisten bei der Präsentation des überarbeiteten Regierungsprogrammes, mit dem man diese "Regierungskrise aus dem Nichts", wie ein Kommentator sie nannte, wieder in den Griff bekam. Sie haben es geschafft. Wieder. Sie haben sich zusammengerauft. Nach fünf Tagen. Beifall wird jetzt gewünscht, und dass man glaubt, was sie versprechen.

Und die Öffentlichkeit scheint zu folgen. Was Kanzler Christian Kern und sein Vize Reinhold Mitterlehner nach tagelangen Verhandlungen zu Beginn dieser Woche präsentierten, wird durchaus positiv aufgenommen. Es wird zwar nicht mit Lob überschüttet, aber man zeigt sich der großen Koalition gewogen. Mit einer Inbrunst, die so gar nicht zur sonstigen Geringschätzung der Koalitionsarbeit passt, werden die Pläne interpretiert und analysiert. Dass ein Zeitplan für die Umsetzung gleichsam als Raster den Erfolg garantieren soll, wird anerkannt.

Es mutet freilich alles sehr österreichisch an. Man scheint vor allem froh, dass die Krise wieder vom Tisch ist, dass vorerst wieder einmal Ruhe ist und dass man sagen kann, dass alles wieder gut ist. Dafür nimmt man schon einiges in Kauf, und dafür schaut man über vieles hinweg.

Denn wirklich Neues enthält das neue Programm nicht. Und weil in vielen Punkten die Details noch offen sind, kann man die angepeilten Termine auch als ausgestreute Tretminen für die nächsten Regierungskrisen verstehen.

Der Kanzler und sein Vize standen einig, stolz und frohen Mutes vor der Presse, um zu verkünden, dass man an einem Strang zieht und in die gleiche Richtung, das gab es schon. Bei allem guten Willen, den man der Koalition entgegenbringen will, bleibt über allem die Frage hängen, warum man just jetzt glauben soll, dass es klappen wird, dass man sich nicht schon in ein paar Wochen wieder an die Gurgel gehen wird? Denn das alles hatten wir schon. Und zur Genüge.

"Unser gemeinsames Regierungsprogramm steht. Es gab intensive, notwendige Diskussionen, nun liegt unser inhaltliches Programm vor. Es ist kein SPÖ-oder ÖVP-Programm, sondern die Summe von Maßnahmen aus den gemeinsamen Schnittmengen", sagt Kern jetzt. Vor Weihnachten klang das ähnlich, wenn auch nicht ganz so salbungsvoll. Wenige Wochen ist das erst her. "Wir haben in den vergangenen sieben Monaten manches erreicht", sagt er damals in einem profil-Interview. "Die ersten Monate waren von Misstrauen geprägt. Wir haben uns belauert wie in einem schlechten Western: Zwei stehen sich gegenüber, mit dem Finger am Abzug, und beim ersten nervösen Grinsen passiert ein Unglück. Jetzt können wir endlich die Colts einpacken."

Wir wissen, dass es anders kam und wir müssen befürchten, dass es auch in Zukunft, trotz aller Gelöbnisse, wieder anders kommen wird. Schon was nach der Präsentation zu hören war, war oft nicht geeignet, den Glauben an das neue Gute zu nähren. Und da sei noch gar nicht auf den Innenminister und seine Starrköpfigkeit rund um die Unterzeichnung des Abkommens verwiesen. Im Nu rangelten auch die Parteisekretariate darum, wer denn nun mehr seiner Standpunkte im Programm untergebracht habe. Der Innenminister nahm in Anspruch, dass das Paket "eine ganz große Handschrift der ÖVP" trage. Wolfgang Katzian, Chef der Gewerkschaft der Privatangestellten, befand, das Paket sei "teilweise halt noch nicht ausformuliert" und sah "Bedarf zu hinterfragen". Und die Landeshauptleute wollten auch nicht gerade in Jubel verfallen. Für Salzburgs Wilfried Hauslauer etwa ist "die Detailtiefe des Programms nicht sehr ausgeprägt" und er meinte, es würden noch viele Detailgespräche zu führen sein.

Das macht hellhörig, verheißt nicht wirklich Gutes und gibt den Pessimisten - oder nennt man sie angesichts der Erfahrung mit dieser Regierungskonstellation lieber Realisten? - in diesem Land Spielraum für ihre Befürchtungen. Auch wenn jetzt wieder allerorten Erleichterung angesagt ist, ist für sie schon jetzt klar, dass die rotschwarze Koalition ein Totalschaden ist. Die Risse und Beulen sind wohl kaum mehr auszubiegen, kein Kitt kann dick genug aufgetragen werden, dass das Ding noch lange zusammenhält und kein Lack ist dick genug, um es wieder zum Glänzen zu bringen.

Bei all der Zuversicht, die man jetzt zu verbreiten sucht - die Ereignisse der vergangenen Tage, diese Regierungskrise aus dem Nichts, lässt viele in diesem Land eher ratlos zurück, denn zuversichtlich. Was war das, was da geboten wurde? Und warum? War es Taktik, Inszenierung oder war es Leadership? Oder doch Start in den Wahlkampf?

Oder war es von all dem nichts? Insgesamt wieder nichts?

Meine Meinung -Raiffeisenzeitung, 2. Februar 2017

Dienstag, 31. Januar 2017

Rupprechter will um EU-Gelder "bis zum letzten Cent" kämpfen



Wien. Ende dieses Jahres will EU-Agrarkommissar Phil Hogan erste Pläne veröffentlichen, wie es mit der Agrarpolitik in der neuen EU-Budgetperiode ab 2020 weitergehen soll. Schon jetzt ist man allerorten dabei, Positionen abzustecken, schließlich drohen wegen des Brexits, aber auch wegen höherer Kosten für die Bewältigung der Flüchtlingskrise Budgetkürzungen in Höhe von zumindest fünf Milliarden Euro jährlich.

Das sorgt auch in der Landwirtschaft für Nervosität. „Wir werden in Brüssel um jeden Cent kämpfen“, kündigte am Montag bei der Wintertagung des Ökosozialen Forums in Wien Landwirtschaftsminister Andrä Rupprechter vorsorglich an. Es wird wohl ein harter Kampf. Auch Hogan ließ am Montag in Wien neuerlich keinen Zweifel daran, dass der Landwirtschaft Kürzungen ins Haus stehen. Konkret wollte er nicht werden. Als mögliche Alternative zu Kürzungen nannte er die Erschließung neuer Einnahmequellen. Von Rupprechter gab es postwendend Empfehlungen: „Es gibt die Möglichkeit einer Finanztransaktionssteuer oder einer EU-weiten CO2 -Abgabe.“ gm

Salzburger Nachrichten - Wirtschaft, 31. Jänner 2017

Montag, 30. Januar 2017

Ein Schnitzel zum Wohlfühlen



Freiwillige Programme, die die Herkunft des Fleisches betonen und mehr Platz sowie spezielle Fütterung vorschreiben, boomen. Bei Fleisch entsteht zwischen konventionell und bio ein neuer Markt.

Hans Gmeiner

Salzburg. Das Wohl der Nutztiere ist in Deutschland seit Monaten ein großes Thema. Handelsketten gründeten im Vorjahr die „Initiative Tierwohl“ und zahlen den Bauern für ihre Schweine und Rinder mehr, wenn sie sich an bestimmte Vorgaben halten, die über die gesetzlichen Vorschriften hinausgehen. Der deutsche Landwirtschaftsminister will darüber hinaus spätestens im kommenden Jahr ein staatliches Tierwohl-Siegel einführen.

Die österreichische Landwirtschaft will sich deswegen nicht ins Bockshorn jagen lassen. Weder vom Handel noch aus der Politik gibt es Signale, den deutschen Weg einschlagen zu wollen. „Wir sind schon einen Schritt weiter“, sagt Österreichs Landwirtschaftsminister Andrä Rupprechter. Er verweist auf die in Österreich in vielen Bereichen tierfreundlicheren Vorschriften und auf das AMA-Gütesiegel, das zentrale Instrument in der heimischen Qualitätsstrategie, nach dessen Richtlinien rund 40 Prozent des Rind- und Schweinefleischs erzeugt werden.

Mit einem eigenen „Tierwohl-Siegel“ arbeitet in Österreich nur „zurück zum Ursprung“, die Biomarke von Hofer, bei Rindfleisch, Eiern und Geflügel. Und das seit Kurzem. Die Kriterien dafür stammen vom Verein gegen Tierfabriken und dem Wiener Tierschutzverein.

Hofer könnte bald Nachahmer bekommen. Seit dem vergangenen Herbst werden den Bauern im Rahmen des Agrarumweltprogrammes spezielle Förderungen angeboten, wenn sie sich verpflichten, den Tieren mehr Platz zu bieten und auf den Liegeflächen Einstreu zu verwenden. Bei Schweinen etwa macht das sechs bis sieben Euro je Tier aus. Ergänzend dazu bietet die AMA-Marketing seit Kurzem als Erweiterung des AMA-Gütesiegels Schweinehaltern ein sogenanntes „Modul Tierwohl“. Es schreibt den Bauern vor, den Schweinen um 60 Prozent mehr Platz als gesetzlich verlangt, eingestreute Liegeflächen und Spielmaterial zu bieten. Schon bald soll es das Modul auch für Mastrinder und Geflügel geben. „Da ist Potenzial drinnen“, sagt Martin Gressl, Qualitätsmanager der AMA-Marketing. „Die Differenzierung hilft den Bauern, die Wertschöpfung zu erhöhen.“ Das Interesse ist groß. Bei der AMA-Marketing spricht man von 900 Interessenten für das neue Gütesiegel-Modul. Für die Agrar-Umwelt-Maßnahme haben sich mehr als 1000 Schweinehalter und mehr als 2500 Rinderhalter angemeldet.

Das überrascht nicht. Angesichts der gedrückten Preissituation suchen die Bauern nach besseren Verwertungsmöglichkeiten. Allerorten schießen seit einigen Jahren eigene Spezial- und Regionalprogramme aus dem Boden. Es gibt zahllose Varianten. Neben der Herkunft stehen dabei Fütterung und Tierwohl meist im Mittelpunkt. Ein „Salzburger Jungrind“ oder ein „Tullnerfelder Schwein“ verkauft sich eben besser als ein No-Name-Rind oder -Schwein, das nur den gesetzlichen Vorschriften entsprechend gemästet wurde. Viele Beobachter sehen diese Programme als künftige dritte Schiene auf dem Markt zwischen konventionell erzeugter Ware und Biofleisch, dessen Marktanteil wegen der sehr hohen Preise bei nicht mehr als zwei Prozent liegt. Grundlage für die Programme ist zumeist das AMA-Gütesiegel, das Herkunft, Haltungsform, tierärztliche Betreuung und andere Qualitätsparameter sowie einen offiziellen Rahmen garantiert. Aufbauend darauf versucht man sich mit speziellen Haltungs-, Fütterungs- und Herkunftsvorschriften von der Konkurrenz abzuheben. Zuweilen arbeitet man dabei mit Nichtregierungsorganisationen und Tierschutzorganisationen zusammen, für die das ein Geschäft ist.

Auf solche Programme, hinter denen zumeist Handelsketten und bäuerliche Gruppierungen stehen, entfallen mittlerweile Schätzungen zufolge rund 15 Prozent des heimischen Marktes. Bei Rindfleisch begleitet die AMA-Marketing mit den Qualitätssicherungssystemen bereits 62 unterschiedliche Regional- und Markenprogramme. Bei Schweinefleisch sind es 20. „Tendenz stark steigend“, heißt es. Erst jüngst sorgte die Marke „FairHof“ der Handelskette Hofer und des oberösterreichischen Fleischverarbeiters Hütthaler für Aufsehen. Dabei müssen die Bauern den Schweinen doppelt so viel Platz wie gesetzlich vorgesehen und Auslauf ins Freie bieten, dürfen nur heimisches Futter und gentechnikfreies Soja verwenden. Dafür verspricht man den Landwirten einen um rund 30 Prozent besseren Preis.

In den Verbänden der Erzeuger beobachtet man die Entwicklung nicht nur wegen des rasant wachsenden Gütesiegel-Dschungels mit Zurückhaltung. „Manche machen das eher zur Behübschung ihres Sortiments“, sagt Johann Schlederer von der österreichischen Schweinebörse. Auch wenn den Bauern mehr bezahlt werde, sei der wirtschaftliche Anreiz oft sehr bescheiden, „weil die zusätzlichen Kosten nicht immer gedeckt sind“.

Salzburger Nachrichten - Wirtschaft, 30. Jänner 2017
 
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