Sonntag, 20. Januar 2019

Agrarreform kommt mit Verspätung



Hans Gmeiner 

Berlin. Völlig aus dem Lot geraten ist der Zeitplan für die 2021 geplante EU-Agrarreform. So wie die Dinge derzeit liegen, wird sie erst 2022 kommen. „2021 wird ein Übergangsjahr werden“, bestätigte Landwirtschaftsministerin Elisabeth Köstinger auf der Grünen Woche in Berlin den SN. Schon zuvor hatte EU-Agrarkommissar Phil Hogan gesagt, dass frühestens im Herbst, also nach den Wahlen zum Europaparlament, überhaupt mit der Verabschiedung des neuen EU-Haushalts zu rechnen sei. Der aber ist Voraussetzung für die endgültige Ausgestaltung der Agrarreform.

Es sind aber nicht allein die Kalamitäten rund um das EU-Budget und um den Brexit, die den Zeitplan durcheinanderbrachten. In den vergangenen Monaten kamen auch die Gespräche zwischen den EU-Landwirtschaftsministern zunehmend ins Stocken. Vor allem beim Thema Subsidiarität, die im Agrarreform-Vorschlag der EU-Kommission eine zentrale Rolle spielt und die den Ländern wieder mehr Spielraum geben soll, spießte es sich zunehmend. Die Bauern brauchen dennoch nicht fürchten, dass sie im Regen stehen gelassen werden. Die Fortführung der aktuellen Förderungen und gesetzlichen Vorschriften während des Übergangsjahrs seien abgesichert, sagt Köstinger.

Für Verunsicherung in bäuerlichen Kreisen sorgt auch der Brexit. Die Präsidenten Josef Moosbrugger von der Landwirtschaftskammer Österreich und Georg Strasser vom ÖVP-Bauernbund warnen jedoch vor Panikmache. EU-Kommissar Hogan sicherte, falls notwendig, den Bauern Hilfen zu.

Salzburger Nachrichten, Wirtschaft, 19. Jänner 2019

Woher kommen die Lebensmittel?




Bauern fordern Kennzeichnung – Industrie wehrt sich



Hans  Gmeiner 


Berlin. „Die Zeit ist reif für eine Kennzeichnung der Herkunft bei verarbeiteten Lebensmitteln“, sagt Josef Moosbrugger, Präsident der Landwirtschaftskammer Österreich. Seit Langem kämpfen die Bauern darum, dass ersichtlich wird, woher die Lebensmittel kommen, die im Handel angeboten oder in der Gastronomie und von Großküchen aufgetischt werden. Sie wissen die Konsumenten auf ihrer Seite. „86 Prozent der Konsumenten wollen eine klare Herkunftskennzeichnung“, sagte Landwirtschaftsministerin Elisabeth Köstinger bei der Grünen Woche in Berlin.

Sie will nun mit Hochdruck an der Entwicklung eines entsprechenden Kennzeichnungsystems zunächst bei Produkten aus Fleisch, Milch und Eiern arbeiten. Gekennzeichnet werden soll die Hauptzutat eines Produkts, wenn das mehr als die Hälfte des gesamten Inhalts ausmacht. Mit einer Verwirklichung ist frühestens 2020 zu rechnen.

Den Lebensmittelverarbeitern schmeckt das freilich gar nicht. Der Verband der Lebensmittelindustrie etwa befürchtet Nachteile im internationalen Wettbewerb. „Damit werden die österreichischen Hersteller schlechtergestellt als Mitbewerber aus dem Ausland, die diese Verpflichtung beim Verkauf ihrer Produkte in Österreich nicht umsetzen müssen“, heißt es dort.

Im Export ist die heimische Lebensmittelwirtschaft ungebrochen erfolgreich. 2018 wuchsen die Agrarausfuhren kontinuierlich weiter. Die Exportmenge ging zwar leicht zurück, der Exportumsatz kletterte aber nach ersten Schätzungen um vier Prozent auf das neue Rekordhoch von 11,5 Mrd. Euro. Die Importe legten nur um zwei Prozent auf 12,3 Mrd. Euro zu. Das Außenhandelsdefizit verringerte sich damit weiter.

Völlig neu aufgestellt unter den Fittichen der AMA-Marketing wird das Netzwerk Kulinarik. Neue Leiterin ist Christina Mutenthaler, bisher in der niederösterreichischen Kulinarik-Initiative. Mehr Gewicht soll die Gastronomie bekommen.


 Salzburger Nachrichten, Wirtschaft - 19. Jänner 2019

Donnerstag, 17. Januar 2019

Zu viele lassen Politik im Stich



In Salzburg stehen am 10. März dieses Jahres Gemeinderatswahlen an. Und das macht manchen Verantwortlichen in Parteien nicht nur Kopfzerbrechen, sondern echte Probleme. Sie finden in vielen Gemeinden und Städten nicht genügend Bürgerinnen und Bürger, die sich für die Wahlen aufstellen lassen. Zuweilen kann eine Partei gar nicht kandidieren, weil sie keine Leute findet. So können etwa die Neos, so wie derzeit die Dinge liegen, in nicht mehr als fünf Gemeinden antreten und gewählt werden.

Keine zwei Monaten vor den Wahlen klaffen in andere Gemeinden und Städten noch auf vielen Listen Lücken und wird die Suche nach Leuten, die sich in der Gemeindepolitik engagieren wollen immer verzweifelter. Was nicht neu ist. Schon bei den letzten Wahlen schon wusste man sich da und dort nicht mehr anders zu helfen, als per Postwurf nach Kandidaten zu suchen. 

Die Kuriositäten häufen sich nicht nur in Salzburg. Im ganzen Land stellt sich mittlerweile die Situation so dar, wie sie Thomas Wizany, Karikaturist der Salzburger Nachrichten zeichnete. Auf die Frage „Wollen Sie vielleicht Gemeindevertreter werden?“ kontert ein Mann klipp und klar und ohne langes Herumreden: „Na danke, da bleib‘ ich lieber Staubsaugervertreter“. 

Man tut sich in ganz Österreich schwer damit, Listen aufzustellen. Die renommierten und alteingesessenen Parteien genauso wie die neuen und auf Bundes- und Landesebene durchaus erfolgreichen. In Oberösterreich etwa schaffte es vor drei Jahren nicht einmal die damalige Regierungspartei SPÖ in ihrem Kernland in allen Gemeinden für den Gemeinderat zu kandidieren. Der FPÖ ging es kaum anders und auch nicht den Grünen und andere kleineren Parteien.

Bei Licht betrachtet skurrile Situationen gab es aber auch am anderen Ende der Skala. Wegen des großen und unerwarteten Wahlerfolges etwa konnte Neos nur ein Mandat im Gemeinderat von Perwang am Grabensee besetzen und musste das zweite leer lassen, weil man nur mit einem einzigen Kandidaten angetreten war. „Ein blöde G‘schicht“ hieß es damals, zumal man auch niemand nachnominieren konnte. Mittlerweile ist auch das überholt. Im Gemeindesrat sind laut Gemeinde-Homepage inzwischen beide Neos-Mandate frei. 

Man mag sich mokieren über die Probleme der Parteien Kandidaten zu finden und Listen zu erstellen und auch darüber, dass man gewonnen Mandate nicht besetzen kann – das Problem ist ein Ernstes, spiegelt es doch deutlich wie selten, das gespaltene Verhältnis vieler Österreicherinnen und Österreicher zur Verantwortung, zumal der im politischen Leben wider. Man schimpft zwar gerne, aber man lässt lieber machen, als dass man selbst macht.

Dafür mag es viele und auch gute Gründe geben. Etwa, dass die Arbeit immer fordernder wird und, anders als früher, immer weniger Luft lässt für politisches und freiwilliges Engagement. Etwa, dass man sich in einem immer schrofferen politischen Klima nicht mehr exponieren mag. Nicht aus privaten Gründen aber wohl auch nicht aus beruflichen Gründen. Oder dass man keine Unflätigkeiten riskieren will. Da bleibt man lieber in der Deckung, und wenn es schon sein muss, dann am allenfalls in der zweiten Reihe. Die Zeiten, in denen man sich in Ämter drängt, ist vorbei, schon gar, wenn es nicht um Spitzenämter, sondern um Ämter in den unteren Chargen der Politik geht. Und nicht nur in der Politik, gilt Gleiches doch auch für die Interessenvertretungen.

Diese Entwicklung hat weitreichende Folgen. Oft wird diskutiert, dass sich gerade viele von den fachlich und menschlich am besten geeigneten Kräften nicht mehr politisch engagieren wollen. Im Umkehrschluss freilich heißt das nichts anderes, als dass - im besseren Fall – die politische Arbeit und die Vertretung der Bürgerinnen und Bürger oft nur in den zweitbesten Händen liegt. Und oft heißt es freilich auch nichts anderes, als dass es in Händen von Glückrittern und anderen moralischen Fragwürdigkeiten liegt.

Was ganz unten anfängt, zieht sich bis hinauf in die Landtage und ins Parlament und durch die Gremien der Interessensvertretungen. Etwa zu den vielen der oft immer ruhigen Hinterbänkler zum Beispiel, die zuweilen nur für sich selbst laufen und die ihre politische Verantwortung längst an ihre Parteiführer abgegeben haben und nur die Hand heben, wie es von ihnen verlangt wird.  

Zu verantworten hat sich die Gesellschaft das wohl selbst. Nicht wegen der Politik, sondern weil sie die Politik im Stich lässt.

Meine Meinung, Raiffeisenzeitung, 17. Jänner 2019 

Donnerstag, 10. Januar 2019

Plädoyer für etwas in Verruf Gekommenes



„Am Ende einen Kompromiss zu finden ist keine Schwäche, sondern zeichnet uns aus“. Das sagte der deutsche Bundespräsident Frank Walter Steinmeier in seiner Neujahrsansprache. Und vom deutschen Kabarettisten Dieter Nuhr stammen die Sätze Kompromisse sind das Wichtigste überhaupt. Weil wir nicht alleine sind auf der Welt. Den Zustand, Kompromisse auszuhalten, nennt man Zivilisation."

Es ist selten geworden, dass der Kompromiss gelobt wird. Diese Suche nach einem Ausgleich von Interessen und Ansprüchen, nach Lösungen, die für alle verträglich sind und die keine Verlierer machen. Die getragen sind von der simplen Idee des „leben und leben lassen“. 

Der Kompromiss gilt derzeit nicht viel in der Gesellschaft. Auch nicht in der politischen Diskussion und in der Politik. Nicht ohne Grund finden wir uns gerade in einer immer breiteren Diskussion über eine mögliche Spaltung der Gesellschaft, die inzwischen nicht nur von Parteien geführt wird, die damit oft nicht mehr als politisches Kleingeld machen wollen, sondern sogar vom Bundespräsidenten. 

Der Kompromiss, Kompromissbereitschaft auch, sind in den vergangenen Jahren in Verruf geraten. Aus der Mode gekommen als Haltung, sogar als Zeichen der Schwäche. Wer dem Kompromiss und dem Ausgleich anhängt, wird mittlerweile von vielen oft als „Kompromissler" verunglimpft. Denn anerkennend ist dieses Wort nicht, eher gilt es vielen als Schimpfwort. Als Synonym für Weichling, für Schwächling auch.

Wer Kompromisse sucht und für den besseren Weg hält, passt im Moment nicht recht in die Zeit, die scheinbar vor allem schwarz und weiß kennt und nichts mehr dazwischen. In der immer mehr nach dem Freund-Feind-Schema leben und in der viele meinen vor allen „klare Kante“, wie die Deutschen sagen, zeigen zu müssen und Härte auch. Kompromisslosigkeit eben.

Aus der Geschichte der vergangenen Jahre ist das durchaus verständlich. Zumal aus der österreichischen Geschichte. Klarheit war in den vergangenen Jahrzehnten nie etwas, was die Politik auszeichnete, aber auch das Denken und Handeln des Volkes. Schon gar nicht eine klare Linie und eine klare Richtung. Vor lauter Rücksichtnahmen und Ausnahmen verzettelte man sich viel zu oft und bliebt in der Entwicklung stecken. Zu oft wurde wohl der Kompromiss und die Suche danach überstrapaziert. Allzu oft waren die Kompromisse wirklich nichts denn faule Kompromisse. Mit allen negativen Folgen. Ideen, Konzepte und Lösungen blieben liegen, selbst Notwendiges wurde auf die lange Bank geschoben. Zu oft wohl wurde Kompromiss damit verwechselt, nötige Entscheidungen nicht zu treffen.

Es gibt nicht wenige, die meinen, damit sei viel angerichtet worden und dass deswegen erst allzu viele Dinge so sehr ins Schleifen gekommen sind, dass viele das ganze Land in eine Schieflage gekommen sahen. 

Aber, so ist angesichts der Entwicklung zu fragen, rechtfertigt das, den Kompromiss und die Suche danach aus der politischen Werkzeuglade auszusortieren? Ihn gering zu schätzen und schlecht zu machen? 

Man sollte es nicht tun. Auch wenn es in Vergessenheit geraten zu sein scheint, ist der Kompromiss die höchste Kunst in der Politik. Denn einen guten Kompromiss zu finden, macht gute Leadership aus. Und die hat nichts mit dem Durchdrücken von Interessen zu tun, ohne groß auf die andere Seite Rücksicht zu nehmen und darauf, was man damit bewirkt und oft auch anrichtet. Die hohe Kunst ist es vielmehr nach Ausgleich zu suchen und Lösungen zu finden, mit denen alle leben können und die eine Sache dennoch weiterbringen.

Österreichs Politik ist dabei sich davon zu entfernen, gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Die Regierung macht es sich immer öfter zur Gewohnheit ihre Interessen im Schnelldurchgang durchs Parlament zu bringen ohne die Opposition zu hören. Aber auch die Opposition lässt bei all dem, was sie oft vernehmen lässt, Verständnis und Respekt für das vermissen, was die Mehrheit der Österreicherinnen und Österreicher will.
Es ist an der Zeit, das wieder zu ändern. Auch wenn in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten viel schief gelaufen sein mag und der Kompromiss in Verruf geriet – man sollte ihn wieder zu Ehren und Ansehen kommen lassen. Wie sagte Dieter Nuhr? „Kompromisse sind das Wichtigste überhaupt. Weil wir nicht alleine sind auf der Welt.“ Und : „Den Zustand, Kompromisse auszuhalten, nennt man Zivilisation."

Meine Meinung, Raiffeisenzeitung, 10. Jänner 2019

Donnerstag, 3. Januar 2019

"Unsere Bauern" am Gängelband von Handel und Gesellschaft



Zuweilen wirkt es, als hätten es sich die heimischen Lebensmittelketten, aber auch manche Lebensmittelverarbeiter in den vergangenen Jahren zum Spaß gemacht, die Anforderungen an die Bauern für ihre Qualitätsprogramme, respektive das was sie dafür halten, immer höher zu schrauben. 

Mittlerweile fühlen sich viele Bauern in einem regelrechten Wettlauf gefangen. Wenn die eine Handelskette das verlangt, dann lässt sich die andere gleich etwas Zusätzliches einfallen. Bei den Verarbeitern ist das nicht anders, ist doch Applaus in Zeitungen, Funk und Fernsehen, von der Seitenblicke-Gesellschaft und selbsternannten Weltrettern immer sicher, bedient man doch damit perfekt, was sich die Gesellschaft angeblich wünscht - Tierwohl, Rettung der Umwelt und eine Landwirtschaft, wie man sie aus den Schulbüchern und von der Oma kennt. 

Auch wenn man sich in Handel und Politik gerne darauf beruft, damit auch auf „unsere Bauern“ zu schauen, tut man oft genau das damit genau das Gegenteil davon – man macht das Geschäft der Großen. Denn mit all den Vorschriften und Auflagen arbeitet man immer auch nolens volens eher einer groß strukturierten und auch industriellen Landwirtschaft sehr viel eher in die Hände, als dass man damit die kleinen Bauern (und damit auch die kleinstrukturierte Landwirtschaft) Chancen eröffnet und sie schützt. Denn gerade Landwirte mit wenig Flächen in zudem oft auch noch schwierigen Lagen, mit geringen Tierzahlen und ohne Fremdarbeitskräfte kommen finanziell und organisatorisch angesichts all der oft kostspieligen und aufwändigen Auflagen sehr viel schneller an ihren Grenzen, als Großbetriebe. Denn die tun sich leichter, all die Anforderungen zu bewältigen. 

Der Aufstand der Osttiroler Bauern gegen den Diskonter Hofer, der von seinen Zurück zum Ursprung-Biomilchlieferanten die ganzjährige Weidehaltung der Kühe und ab 2022 Laufställe verlangt, brachte das Problem endlich in die breite Öffentlichkeit. 
Es wäre zu wünschen, dass damit ein Wendepunkt markiert ist und ein Nachdenkprozess in Gang kommt. Denn der ist nicht nur bei manchen Eigenprogrammen des Handels und der Verarbeiter nötig, sondern auch auf vielen anderen Ebenen der Agrar- und Umweltpolitik.

Nicht ohne Grund geht in vielen, vor allem in bäuerlich geführten Betrieben, die Angst um, dass ihnen das immer engere Vorschriften- und Auflagenkorsett die Luft zum Leben nimmt. Der Bogen reicht von den vom immer restriktiveren und sachlich oft nicht mehr nachvollziehbare Umgang mit Themen wie Pflanzenschutz und Tierwohl, über Umweltauflagen bis hin zum Thema Genschere. Man verteuert die Produktion, verschlechtert damit die eigene Wettbewerbsposition und verzichtet auf neue Technologien.

In vielen Bereichen ist man nicht nur in Österreich, sondern auch ganz Europa dabei, sich auf diese Weise selbst aus den Märkten zu schießen und sich damit nicht nur die Versorgungssicherheit, sondern auch die Möglichkeit, die Dinge selbst zu beeinflussen und zu gestalten, aus der Hand zu nehmen zu lassen. 

Ganz abgesehen davon, dass man damit die kleinstrukturierte und flächendeckende Landwirtschaft und ihre über Jahrhunderte funktionierenden Strukturen in den Ruin treibt.

Gmeiner meint - Blick ins Land1/19 - 3. Jänner 2019

Landwirtschaft 4.0 auf der Kriechspur



Die Digitalisierung hat längst auch die Landwirtschaft erreicht. Es gibt unter den Bauern einige Vorreiter, aber um das Potenzial auszuschöpfen, fehlt es auch hier an Fachkräften, sagen Experten.

Hans Gmeiner 


Linz, Salzburg. Bei der Digitalisierung der Landwirtschaft werden den Bauern wahre Wunderdinge versprochen. Traktoren und Geräte, die per Satellit über die Felder gesteuert werden, Roboter, die Kühe melken und jede Menge Daten zur Milchqualität liefern, oder Sensoren an Rinderohren, die aufs Handy melden, wenn es einem Tier nicht gut geht. Was vor wenigen Jahren noch Science-Fiction war, bieten viele Hersteller längst als Realität an. Dennoch kommt die Digitalisierung der Bauernarbeit in Österreich, und nicht nur dort, nicht recht in die Gänge. Man hat großen Respekt vor den neuen Technologien und scheitert in der Praxis oft daran, die Möglichkeiten zu nutzen und aus den vielen Daten, die die Geräte liefern, Informationen für die Betriebsführung zu gewinnen.

Kleine und mittlere Bauernbetriebe bräuchten laut EU-Agrarkommissar Phil Hogan einen „Kickstart“. Laut einer Umfrage des österreichischen Marktforschers KeyQuest ist für immerhin 23 Prozent der Tierhalter „Landwirtschaft 4.0“ tägliches Brot. „Sie nutzen computergesteuerte Fütterungssysteme und digitale Möglichkeiten, die Tiergesundheit zu überwachen, drei Prozent der Milchproduzenten setzen auch Melkroboter ein“, sagt Johannes Mayr von KeyQuest. Vor allem Zucht- und Kontrollverbände treiben die Entwicklung voran. Ein Programm, das Daten zur Kälbergesundheit oder Fruchtbarkeit von Kühen liefert, nutzen 5500 Bauern als App und 14.000 in der Computerversion. „D4Dairy“ heißt ein Projekt, das man gemeinsam mit Universitäten betreibt.

In anderen Bereichen der Landwirtschaft hinkt man dagegen nach. So werden derzeit nur rund 13 Prozent der Ackerflächen mithilfe GPS-gesteuerter Technologie bewirtschaftet. Mit Farm-Management-Systemen, die von Maschinen auf den Feldern gewonnene Daten nutzen, um Informationen für die Betriebsführung und die Bewirtschaftung zu gewinnen, arbeiten lediglich fünf bis zehn Prozent der Bauern. Als Bremse für die Digitalisierung auf den Bauernhöfen erweist sich neben den hohen Kosten die wachsende Kluft zwischen den Anbietern und den Landwirten. „Die Hemmschwelle bei Bauern ist oft hoch“, sagt Martin Anzengruber, der sich an der Universität Salzburg mit dem Thema beschäftigt. „Viele sagen von vornherein, da kann ich nicht mit, wenn sie sehen, wie weit die Firmen die Entwicklung schon vorangetrieben haben.“

Für Anzengruber ist daher Bildung der Schlüssel, um der Digitalisierung auf den Höfen zum Durchbruch zu verhelfen. „Die Ausbildungsstrukturen hinken dem Wissensstand und dem Bedarf extrem nach.“ Vor allem auf Anbieterseite fehlten Fachkräfte, die den Bauern nicht nur die Technik verkaufen, sondern ihnen auch bei der konkreten Anwendung unter die Arme greifen können. „Die Lehre kann das nicht mehr abbilden.“

Anzengruber hat an der HTL in Ried im Innkreis vor drei Jahren einen eigenen Ausbildungszweig mit dem Schwerpunkt Agrar- und Umwelttechnik aufgebaut, bei dem auch namhafte Landtechnikhersteller von Pöttinger über Einböck bis zum Traktorenerzeuger Steyr, aber auch der Landtechnik-Handel eingebunden sind. Das Interesse an dem in Österreich einzigartigen HTL-Zweig ist sowohl bei Schülern als auch den Herstellern groß. „Sogar die ABB-Tochter Bernecker und Rainer ist bei uns im Boot, weil man spannend findet, was wir machen.“

Inzwischen befassen sich auch andere Bildungseinrichtungen mit dem Thema. So ist Landwirtschaft 4.0 selbst auf der HAK in Ried, an den HLBLA in Ursprung, in St. Florian, in anderen Landwirtschaftsschulen, an der FH in Wels und am neu gegründeten Campus Wieselburg Thema. Auch Unternehmen wie die Raiffeisen Ware Austria oder Agrana wollen der „Landwirtschaft 4.0“ zum Durchbruch verhelfen. So bietet der heimische Zuckererzeuger den Rübenbauern ein Jahr lang gratis Zugang zu Farmdok, einer in Österreich entwickelten App, mit der sie ihre Arbeit planen und aufzeichnen können.

Landwirtschaftsministerin Elisabeth Köstinger präsentierte Mitte November eine eigene Plattform für die Entwicklung der Digitalisierung der Landwirtschaft in Österreich. Trotz der Gefahr, dass die Kluft zwischen kleinen und großen Bauern wachse, sieht Anzengruber „viele positive Effekte für die Menschen, deren Arbeit erleichtert werden kann“. Auch Umwelt und Tiere würden profitieren, „die neue Technologie bietet auch im Biolandbau etwa bei der mechanischen Unkrautbekämpfung ganz neue Möglichkeiten“, nennt er ein Beispiel.


Salzburger Nachrichten - Wirtschaft, 3. Jänner 2019

Donnerstag, 20. Dezember 2018

Der Wahnsinn der stillsten Zeit im Jahr



Zuerst war der "Black Friday". Dann folgte drauf der "Cyber Monday". Und dann ging der Advent los. Erster Einkaufssamstag, zweiter, dritter. Am kommenden Wochenende steht der vierte Einkaufssamstag an. Seit Wochen beherrscht uns der Konsumwahn. Wie jedes Jahr im Advent, der beharrlich immer noch von manchen die "stillste Zeit im Jahr" genannt wird. Die Straßen sind noch verstopfter als sonst, die Geschäfte noch voller, die Menschen noch hektischer. Der Konsumwahn eskaliert in diesen Wochen. So als sei nach den Weihnachtstagen das Leben vorbei.

Da scheint alles vergessen, worum man während des Jahres vorgibt sich zu kümmern. Da werden alle Vorsätze zur Seite geschoben, da nehmen sich alle Bemühungen, dem Wahnsinn Herr zu werden, als vergeblich aus. Nicht, dass man sparen will oder sollte. Nicht, dass man österreichisch kaufen will, um der heimischen Wirtschaft unter die Arme zu greifen. Nicht, dass man nachhaltig schenken oder dabei gar auf die Folgen für die Umwelt Rücksicht nehmen will. Alles scheint hinweggefegt, vergessen und aufgeschoben, wenn die Weihnachtsbeleuchtung erst einmal angeht. Da wird auch das schnell zur Makulatur, was etwa in diesen Tagen vom Weltklimagipfel in Katowice beschworen wurde, wie all die Bemühungen Energie einzusparen. Und die Bemühungen, mit Verboten von Plastiktrinkhalmen oder Plastiksackerln die Probleme in den Griff zu kriegen, nehmen sich nie im Jahr so hilflos aus.

Wenn Weihnachten ist, scheint alles außer Kraft gesetzt. Und von irgendeiner Not oder Bedürftigkeit, über die geklagt wird, scheint auch nichts zu spüren zu sein. Von überall werden Rekorde gemeldet. Vom Handel, von der Post, von den Online-Händlern.

Elf Millionen Packerl bringen allein im Dezember die Briefträger in die Haushalte. Rechnet man den November dazu (und das ist durchaus angebracht, weil in vielen Haushalten schon ab Allerheiligen das Weihnachtsfest das Denken bestimmt), sind es sogar 24 Millionen Packerl. Das sind 500.000 pro Tag und manchmal noch mehr. Der diesjährige Tagesrekord bei der Post lag gar bei 650.000 Paketen.

"Heuer dürfte die Paketmenge in Österreich erneut um mehr als zehn Prozent steigen", meldeten die Zeitungen. Und nicht nur das. Der Postregulatur RTR ließ wissen, dass drei von zehn Paketen in Österreich aus dem Ausland kommen. "Tendenz stark steigend." Man mag sich gar nicht vorstellen, wie viel zusätzliches Verkehrsaufkommen das ausmacht, wenn all die Post-,DHL-, DPD-,GLS-und UPS-Autos von früh bis spät durch Stadt und Land fahren, nur um all die Bestellungen direkt ins Haus zu bringen.

6,7 Geschenke, haben eifrige Statistiker errechnet Österreicher kaufen. Im Durchschnitt. Im Detail sieht das anders aus. Denn die Frauen sind mit 7,8 Geschenken pro Kopf deutlich schenkfreudiger als Männer. 542 Euro sind es insgesamt, die man für Geschenke, Essen, Reisen und Ausgehen an Weihnachten ausgibt. Pro Kopf. Das sind fast fünf Milliarden Euro. Mehr als jedes andere Jahr zuvor.

Das Geschäft brummt, wenn das Christkind kommt. Nach wie vor und mehr denn je. Und wohl auch, weil Weihnachten nur mehr wenig mit seinen Ursprüngen zu tun hat. Die christlichen Themen und die Werte, die mit dem Weihnachtsfest verbunden sind, sind längst aus dem Fokus geraten in all dem Trubel. Nicht mehr die Geburt Christi wird gefeiert, viel öfter neigt man dazu, sich selbst zu feiern. Man will es sich gut gehen lassen, man will zeigen, was man hat, man will sich selbst beschenken. Als Eigenlob. Man denkt an sich, man denkt an die Familie.

Dagegen ist nichts einzuwenden. Aber es macht Sorge, dass man an die anderen immer weniger denken mag, vor allem an die, die es im Leben nicht so gut erwischt haben. Zuweilen ist es, als gäbe man dafür die Verantwortung immer öfter bei "Licht ins Dunkel" ab. Mit einer Spende. So als ob man sich loskaufen möchte von der Verantwortung für andere.

Dabei wäre gerade Weihnachten die Zeit dazu, genau das zu überdenken und vielleicht da und dort das eigene Verhalten nachzujustieren. Aber eher werden während der Feiertage wohl viele schon wieder damit beschäftigt sein, wie sie nach den Feiertagen ihre Geschenke möglichst schnell zurückschicken und umtauschen können.

Und damit am Wahnsinn weiterdrehen.


Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 20. Dezember 2018
 
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