
Die Schließung der Ardo-Werks ist ein Warnschuss für die gesamte Branche.
WIEN. Österreichs Agraraußenhandel, lange Zeit Aushängeschild der heimischen Landwirtschaft, bleibt unter Druck. Während man den Zahlen der gesamten Branche im ersten Halbjahr noch Positives abgewinnen kann („Das Defizit ist positiver geworden“: So beschreibt Christina Mutenthaler-Sipek, Chefin der AMA-Marketing, dass das Defizit um gut zehn Prozent kleiner wurde), ist bei der Lebensmittelindustrie Feuer am Dach. Und über sie läuft ein Großteil des Außenhandels. In diesem Bereich ist der Außenhandelssaldo zwar noch im Plus, schrumpfte aber in den vergangenen fünf Jahren von 2,1 Milliarden Euro auf dieses Jahr gerade einmal 800 Millionen Euro. Tendenz fallend.
„Die Exporte waren heuer erstmals sowohl wertmäßig als auch mengenmäßig rückläufig“
„Beim Außenhandel der Lebensmittelindustrie zeigte sich im ersten Halbjahr 2026 eine Trendumkehr“, sagt Katharina Koßdorff, die Geschäftsführerin des Fachverbandes der Lebensmittelindustrie, und schlägt Alarm. „Die Exporte waren heuer erstmals sowohl wertmäßig als auch mengenmäßig rückläufig.“ Damit nicht genug. Auch im Inland setzte es für die Lebensmittelindustrie, die mit 200 Unternehmen, einem Produktionsvolumen von 12 Milliarden Euro und fast 28.000 Mitarbeitern zu den großen fünf der heimischen Industriezweige gehört, ein kräftiges Minus. Ging der Absatz im Ausland, in das gut 80 Prozent des Produktionsvolumens gehen, mengenmäßig um 5,1 und wertmäßig um 0,8 Prozent zurück, gab es im Inland im ersten Halbjahr allein beim Wert ein Minus von 5,4 Prozent. Das heurige Jahr ist damit das für die Branche schlechteste seit Langem. Ein Minus gab es zuletzt 2020.
„Haben an Wettbewerbsfähigkeit verloren“
Diese Zahlen sind für die Geschäftsführerin des Verbandes der Lebensmittelindustrie ein klarer Beweis dafür, „dass die österreichischen Lebensmittelhersteller auf den internationalen Märkten, aber auch daheim an preislicher Wettbewerbsfähigkeit verloren haben“. Als Gründe dafür nennt Koßdorff vor allem die hohen Standort-, Energie- und Personalkosten und die „vielen Regularien“. „Die Regierung bemüht sich ja, aber ich glaube, es ist noch Luft nach oben, es geht aus unserer Sicht einfach nicht schnell genug.“
Im Vergleich zu ihren ausländischen Mitbewerbern hätten die heimischen Erzeuger daher einen schweren „Kostenrucksack“ zu tragen. „Und das rächt sich auf den Märkten.“ Der viel diskutierte Rückzug des Tiefkühlgemüse-Erzeugers Ardo aus Österreich ist für Koßdorff Beleg dafür, „dass wir ein Standortthema haben“. Die Kosten seien zu hoch und der Standort nicht mehr so attraktiv, dass ein internationaler Konzern sage, hier möchte er investieren. „Das hat uns unsere Lage und unsere Probleme deutlich vor Augen geführt.“
Hoffen auf Lösung für Ardo
Koßdorff hofft nun, wie auch Mutenthaler-Sipek, auf eine Lösung für Ardo, fordert aber von der Politik endlich die Umsetzung von Standort- und Exportoffensiven, wie sie im Regierungsprogramm stehen. Das wäre jetzt „der richtige Hebel zur richtigen Zeit“. Dabei geht es ihr darum, in Österreich Produktion und Arbeitsplätze zu sichern und im Ausland mithilfe der Regierung als Türöffner neue Märkte zu erschließen. „Solche Initiativen gab es schon einmal“, sagt sie. „Für die Agrar- und Lebensmittelindustrie ist der Export das wichtigste Standbein geworden, weil der Inlandsmarkt ein besonders hartes Pflaster ist.“ Bei allen Problemen gibt es auf den Exportmärkten für die heimische Agrar- und Lebensmittelwirtschaft nach wie vor schöne Erfolge. Insgesamt legte der Wert der Agrar- und Lebensmittelexporte im ersten Halbjahr gegenüber dem Vorjahreszeitraum um ein Prozent auf 8,73 Milliarden Euro zu. Etwas mehr als 60 Prozent davon entfielen auf die Ausfuhren der Lebensmittelindustrie, die wertmäßig ein Minus von 0,9 Prozent hinnehmen musste.
Während es in der Lebensmittelindustrie nur bei Tierfutter und Lebensmittelzubereitungen positive Zahlen gab, kann man sich im Agrarbereich vor allem über Verkaufszuwächse in Italien, in den Niederlanden und in Tschechien freuen. In Deutschland, dem wichtigsten Exportmarkt, wuchs der Handelsüberschuss.
Die größten Zuwächse bei Agrarprodukten gab es insgesamt bei Rindfleisch, Geflügel und Obst. Übertroffen wurden diese Erfolge nur von der Sparte fermentierte Milch, also Produkten wie Joghurt, Topfen, Buttermilch oder Kefir. Die Ausfuhren in dieser Produktgruppe legten um mehr als 20 Prozent zu. Verantwortlich dafür: der Eiweißhype in der Ernährung.
Salzburger Nachrichten - Wirtschaft, 28. Oktober 2026
