
Philip Kucher, Klubchef der SPÖ im Nationalrat und neuerdings Drittel-Chef der Partei, sorgte in der Vorwoche im Netz und bei Medien als erster Roter seit Langem für so etwas wie Begeisterung. "SPÖ-Klubchef grillte Kickl im Parlament", stand in einer Zeitung gar. Kickl sei seinerzeit nach Ibiza "stärker am Sessel geklebt als irgendein Klimakleber auf der Straße", formulierte Kucher in einer sechsminütigen Rede im Plenum des Nationalrats. "Bitte, bitte, lieber Sebastian, unsere Hand ist ausgestreckt, gehen wir doch den gemeinsamen Weg weiter", habe er gebettelt. "Und heute will er bei der kleinsten Meinungsverschiedenheit der amtierenden Regierung Neuwahlen haben." Dann nahm sich Kucher die Themen Haft in der Heimat, strengeres Waffengesetz, Social Media-Verbot und Maßnahmen gegen die Teuerung vor. "Wer ist dagegen?", fragte er, um gleich die Antwort zu liefern -"die FPÖ". Und dann setzte er zum großen Finale an. Über die Spritpreisbremse rede er gar nicht, sagte Kucher, längst zu Hochform aufgelaufen, in Richtung Kickl und FPÖ. "Die Hälfte von euch hat inzwischen eh keinen Führerschein mehr, deswegen habt ihr vielleicht kein Mitgefühl in dieser Frage." Der Applaus bei der SPÖ sei "donnernd" gewesen, die Mienen bei der FPÖ "versteinert", manche "schmunzelten", hieß es im "Kurier".
Ja, eh lustig, was Kucher da sagte. Er hat auch manches angesprochen und auf den Punkt gebracht, worüber viel zu wenig geredet wird. Aber Rezept gegen die FPÖ und ihren Anführer ist auch das keines. Es ist nicht mehr als ein weiteres Kapitel in Sachen Kickl-Bashing und zeigt doch wieder nur die Hilfslosigkeit und Unfähigkeit, gegen Kickl und die Seinen Boden zu gewinnen.
Man ließ Kickl und die FPÖ -so wie die Deutschen Alice Weidel und die AfD -viel zu lange einfach wachsen. Viel zu lange nahm man sie nicht ernst, viel zu lange machte man sich darüber lustig, viel zu lange distanzierte man sich und viel zu lange dämonisierte man sie. Auch heute noch. Kaum je aber setzte man sich ernsthaft mit den Themen und Argumenten auseinander, mit denen Kickl und die FPÖ und die AfD in Deutschland punkten. Und das, obwohl sie immer so flach daherkamen, mit so vielen Vorurteilen und ohne genaue Fakten.
Man ignorierte, dass sie es schafften, Punkte zu treffen, mit denen er bei den Leuten ankam, obwohl auch er die Antworten schuldig blieb. Man schaute zu. Oder war und ist man immer noch einfach nur zu bequem? Warum arbeitet man nicht -um wieder auf Österreich zurückzukommen -daran, von den FPÖ-Sympathisanten verstanden zu werden? Oder hat man diesen Leuten wirklich nichts zu sagen?
Man setzt sich kaum je mit den Menschen und ihren Wünschen und Sorgen auseinander und damit, warum Kickl und die FPÖ die breite Masse überzeugen konnten, und auch nicht damit, warum es schlecht sein sollte, Kickl und die FPÖ zu wählen. Kaum je schaffte man es, Kickls Argumente sachlich so zu zerlegen, dass das auch seine Fans zumindest zum Nachdenken brachte. Viel lieber machte man auch sie gleich schlecht und schob sie und ihre Wünsche und Vorstellungen einfach ins rechte Eck.
Bald blieb nichts mehr anderes, als zu reagieren. Die Themen setzt seit Jahren die FPÖ. Bei der Migration und Integration, bei den Rundfunkgebühren, bei den Pensionen, neuerdings sogar bei der Landwirtschaft. Dazu, eigene Ideen und Pläne zu verwirklichen oder gar Themen zu setzen, kommt man kaum mehr. Wenn man sie denn überhaupt hat. Auch der "Herbst der Ergebnisse" lässt bislang nur wenig erkennen. Da sind keine "Raketen" dabei, die begeistern könnten, und schon gar keine Antworten auf Themen, mit denen Kickl immer mehr Wähler um sich schart. Dennoch redete man von einer "großartigen Sache" - bei den möglichen Kickl-Wählern wird das wohl nicht so gesehen werden, weil sie anderes erwarten.
Nun, glaubt man den Meinungsumfragen, hat die FPÖ mehr Stimmen als die drei Regierungsparteien zusammen. Bei den anderen Parteien brodelt es. Die SPÖ steckt in einer Führungskrise, in der ÖVP werden die Landeschefs zunehmend unrund und die Neos finden keine Linie. Damit bieten sie Kickl und der FPÖ Tag für Tag Angriffsflächen und Chancen, sich zu profilieren. Dabei platzt die ohnehin schon vor Selbstbewusstsein, fordert immer lauter Neuwahlen und stößt - man mag es nicht glauben -selbst in Regierungsparteien auf immer mehr offene Ohren.
Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 22. Oktober 2026
