
In Österreich leben wir, wie in allen anderen Staaten auch, seit Jahren in nicht gerade einfachen Zeiten. Und die sind durch den Krieg der USA und Israels mit dem Iran nicht einfacher geworden. Das fördert die Österreicherinnen und Österreichern permanent innewohnende Lust, schnell einmal die Not auszurufen, mit viel Aufgeregtheit natürlich und gerne auch mit einem Schuss Panik - immer unter dem Motto "nutzt's nix, so schad's nix". Alle verstehen sich drauf. Alles werde teurer, nichts könne man sich mehr leisten. Ja, man wisse gar nicht, wie das weitergehen solle. Und sich auf Probleme, die sich abzeichnen, vorzubereiten und fertig zu werden, heißt allemal sehr viel eher Geld zu fordern, als etwas zu ändern.
Ein besonders eindrückliches Beispiel lieferte in der vergangenen Woche der "Report", das Flaggschiff des ORF, wenn es um Hintergrundinformation und Aufklärung geht. "Teurer Einkauf - wie es mit den Lebensmittelpreisen weitergeht" ging der Frage nach, welchen Einfluss und welche Folgen der Krieg mit dem Iran hat. Es war alles angerichtet. Eine Pensionistin, die wortreich klagte, dass die Einkäufe immer teurer werden, ein Landwirt, der sagte, dass er wohl mehr verlangen muss in Zukunft. Dazwischen allerlei Erklärungen, die diese These und den Titel des Beitrags untermauern sollten -und der Wissenschaftler Franz Sinabell, der Agrarexperte des Wifo. Wie immer trocken und sachlich. Unaufgeregt, wie es seine Art ist, ließ er der Aufgeregtheit die Luft aus. Alle rechneten zwar damit, dass die Preise steigen, aber: "Derzeit merken wir bei den Lebensmittelpreisen noch nichts", sagte er in einer Klarheit, die gerne überhört wird. Und auch der zweite Teil seines Statements passt nicht zur herrschenden Aufgeregtheit. "Ich hätte erwartet, dass in Europa die Preise für Weizen, das ist die Grundlage für Mehl, steigen werden. Tatsächlich ist das aber nicht der Fall, weil wir im Vorjahr eine gute Ernte hatten", hält der Wissenschaftler offenbar für möglich, dass manche Entwicklung auch anders kommen kann, als derzeit befürchtet wird.
Mehr von dieser Sachlichkeit, die da der Agrarexperte des Wifo zeigte, täte dem Land gut. Aber davon will man offenbar nichts wissen. Mit dieser Haltung sind wir längst an einem Punkt angelangt, an dem vieles nicht mehr verständlich ist. Österreich zählt nicht nur zu den reichsten Ländern der Welt, sondern auch zu den Ländern mit den höchsten Sozialausgaben. Und dennoch tun nicht wenige so, als sei Österreich das Armenhaus der Welt.
Statt gegen diese Stimmung anzukämpfen, tut die Politik alles, um sie zu befeuern. Statt Maßnahmen zu entwickeln und Probleme wie BIP-Wachstum und Budgetdefizit und vieles andere wirklich anzugehen, um die Herausforderungen dieser turbulenten Zeiten in den Griff zu bekommen, streitet man wochenlang um Placebo-Maßnahmen wie Spritpreisbremse und Senkung der Mehrwertsteuer auf Lebensmittel. In diese Stimmungslage passt auch die aktuelle Diskussion ums geplante Doppelbudget. Überall Erklärungen, warum und weshalb Einsparungen undenkbar sind, dafür oft zusätzliche Forderungen. Das alles zeigt nichts anderes, als dass in diesem Land so viel nicht mehr zusammenpasst. Vor allem nicht die Stimmung und die Wirklichkeit. Selten wurde das so plakativ gezeigt wie durch die jüngste Studie des Handelsverbandes, die vorige Woche durch die Medien ging. Demnach sind die Ausgaben von Herrn und Frau Österreicher in den vergangenen zehn Jahren für Tätowierungen um 167 Prozent gestiegen, jene für Haustierbedarf um 159 Prozent und die für Schönheitseingriffe um 144 Prozent. Für Nahrungsergänzungsmittel haben sich die Ausgaben um 64 Prozent erhöht. Und für Gastronomiebesuche und Urlaube gibt man hier doppelt so viel aus als vor einem Jahrzehnt.
Das wird sicherlich nicht für alle gelten, zur Seite wischen sollte man es aber auch nicht. Vor allem deswegen nicht, weil so viele von denen, die stolz auf ihre Tätowierungen sind, denen für Hund und Katz' nichts zu teuer ist, die sich gerne einen Beauty-Doc leisten und von ihren Urlauben schwärmen, oft genau dieselben sind, die so laut jammern und schimpfen und sich in ihrer empörten Aufgeregtheit kaum einkriegen können -und damit den Blick auf das verstellen, was wirklich notwendig wäre. Und auch auf die, die wirklich Unterstützung bräuchten.
Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 23. April 2026
