Dienstag, 21. April 2026

Zündstoff für Bauern und Konsumenten

Das Wifo lässt mit einer Idee zur Umsetzung des Verursacherprinzips bei Emissionen in der Landwirtschaft aufhorchen. Lebensmittel würden dadurch teurer.

Hans Gmeiner

Wien. Biobauern, manch NGO und auch Umweltparteien bekritteln es schon lang. Sie klagen, dass die wahren Kosten, die die Landwirtschaft durch Belastungen der Umwelt verursacht, nicht in den Preisen berücksichtigt sind, sondern dass die Allgemeinheit für die Beseitigung von allfälligen Schäden und Folgen aufkommen muss. Nun macht auch das österreichische Institut für Wirtschaftsforschung (Wifo) die Kostenwahrheit in Landwirtschaft und Ernährung in der Europäischen Union zum Thema. Die Wissenschafter schlagen vor, Stickstoffdünger, Pflanzenschutzmittel und auch Methan in das europäische System für den Handel mit Treibhausgas-Emissionszertifikaten einzubeziehen. Die Folgen hätten dabei nicht nur die Bauern in Form höherer Preise für die Betriebsmittel zu tragen, auch für die Konsumenten würden sich die Lebensmittel markant verteuern.

Aktuelles Förderregime dämmt Klimafolgen zu wenig ein

Die Wissenschafter lassen sich davon nicht beirren. Dem Wifo geht es um eine Politik, die den Landwirt als Unternehmer stärkt und nicht als Antragsteller für Förderungen. Das System, das man vorschlägt, sei weitaus effizienter und kostengünstiger als das derzeitige System mit regulativen Eingriffen und Umweltprogrammen, lautet das Argument. Das Expertenteam des Wifo zielt auf eine fundamentale Änderung in der Herangehensweise der EU-Agrar- und Umweltpolitik ab. „Das bisherige System greift zu kurz, da die Belastungen von Klima, Umwelt und natürlichen Lebensräumen nur unzureichend eingedämmt werden“, meint Franz Sinabell, einer der Autoren der Studie. Administrative Hürden und Bürokratie ließen derzeit viele Anstrengungen verpuffen und verzerrten zudem den Wettbewerb zwischen den Ländern.

Als einziger großer Emittent ist die Landwirtschaft bisher nicht in dieses Zertifikatsystem einbezogen. Man erwartet, dass durch die Einbeziehung die Treibhausgase und die Grundwasserbelastung gesenkt werden. Nach Schätzung des Wifo ist die Landwirtschaft derzeit weltweit für rund 20 Prozent der Treibhausgasemissionen verantwortlich. Im Durchschnitt würden derzeit pro Hektar Ackerland 50 Kilogramm mehr Stickstoff ausgebracht, als von den Pflanzen aufgenommen werden. Zudem trügen Pestizide erheblich zum Artensterben bei. Um zu verhindern, dass umweltschädliche Produktionsmethoden anderswo auf der Welt zunehmen, schlägt das Wifo in der Studie die Einführung eines Grenzausgleichsmechanismus vor.

Emissionshandel sollte Agrarindustrie umfassen

Und so soll das System funktionieren: Die europäischen Dünger-und auch Pflanzenschutzmittelerzeuger und Importeure sollen auf Basis von Emissionszielen Zertifikate erhalten, die sie untereinander, wie jetzt auch schon Industriebetriebe, handeln können, wenn sie ihre Emissionen senken. Die Bauern sind davon ausgeschlossen. Sie bekommen die Auswirkungen nur über die höheren Preise zu spüren, über die sie angehalten werden sollen, die Umweltbelastungen zu verringern. „Entweder sie nehmen den höheren Preis in Kauf oder sie verwenden weniger Dünger und Pflanzenschutzmittel“, sagt Sinabell und verweist darauf, dass das schon jetzt beim Treibstoff so sei.

Im neuen System einbezogen sind aber nicht nur die Ackerbauern, sondern auch die Tierhalter. Der Methan- und Ammoniakausstoß macht einen Großteil der Belastung durch Treibhausgase aus der Landwirtschaft aus. In diesem Bereich sieht das Wifo die Vergabe von Länderkontingenten vor, die die Wirtschaftsweise und die aktuellen Emissionen berücksichtigt. Österreich würde dabei wegen der umweltfreundlichen Tierproduktion vergleichsweise gut abschneiden. In diesem Bereich haben die Bauern mehr Spielraum. „Wenn einer seinen Betrieb aufstocken will, braucht er Zertifikate“, sagt Sinabell: „Wenn zum Beispiel jemand, der 20 Kühe hält, aufhört, kann er um 20 Kühe Zertifikate verkaufen, die der andere kaufen kann.“ 

Das Wifo versteht seinen Vorschlag als Diskussionsbasis für die Zukunft, der allenfalls bei der übernächsten EU-Agrarreform durchschlagen wird. Zu den Knackpunkten gehören der Außenschutz, die Bürokratie, eine zumindest vorübergehende Abfederung für Konsumenten und ein Thema, das schon jetzt die Bauern aufregt – wie wird gesichert, dass die höheren Kosten nicht an ihnen hängen bleiben? Man ist sich bewusst, dass es sowohl für die Bauern als auch die Konsumenten Übergangs- und Ausgleichsmaßnahmen geben muss. „Da muss man sich sicher vorübergehend etwas überlegen“, sagt Sinabell. „Aber die Landwirtschaft ist am stärksten vom Klimawandel betroffen, daher muss sie auch etwas machen, um ihn zu reduzieren.“

Salzburger Nachrichten - Wirtschaft, 21. April 2026 

Wifo nimmt Umweltkosten der Landwirtschaft ins Visier


Das Institut für Wirtschaftsforschung (Wifo) wartet mit einem Vorschlag auf, der gravierende Folgen für die Landwirtschaft und Konsumentinnen hätte. Um die vom Agrarsektor verursachten Kosten für Umweltschäden dort in die Preise einzubeziehen, wo sie anfallen, sollte die vorgelagerte Pflanzenschutz- und Düngemittelindustrie in den Handel mit Emissionszertifikaten einbezogen werden. Über die Verteuerung der Betriebsmittel würden die Produktionskosten für Bäuerinnen und Bauern steigen und am Ende auch Lebensmittel teurer werden.

Hintergrund der Überlegungen des Wifo ist, dass das jetzige System von Umweltprogrammen in Europa die negativen Klimafolgen des Ackerbaus und der Viehzucht nur unzureichend eindämmt. Wenn man Kostenwahrheit wolle, könne man nicht länger ignorieren, dass rund ein Fünftel der weltweiten Treibhausgasemissionen auf die Landwirtschaft entfalle. Daher sollten die Erzeuger und Importeure von Stickstoffdünger und Pflanzenschutzmitteln auf Basis von Zielen Emissionszertifikate erhalten. Die Bäuerinnen und Bauern würden durch höhere Preise angehalten, den Einsatz von Dünger und Pflanzenschutz zu reduzieren.

Eine solche Systemänderung muss laut Wifo gut vorbereitet sein und könnte daher frühestens bei der übernächsten EU-Agrarreform umgesetzt werden. Zudem müsse es Maßnahmen zum Abfedern der höheren Kosten für die Bauernschaft und die Konsumenten geben.

Salzburger Nachrichten, 21. April 2026 - Seite 1


Donnerstag, 16. April 2026

Kirche im Abverkauf

 

Es war vor gut 20 Jahren. Und es war in Aberdeen in Schottland. Das Restaurant hinter- ließ einen bleibenden Eindruck. Weniger wegen der Küche, sondern sehr viel mehr wegen des Ambientes. Es war in einer ehemaligen Kirche untergebracht. Das gab es damals bei uns noch nicht. Eine Kirche, die nicht mehr als Kirche genutzt wird, sondern als so Profanes wie als Restaurant. 

Heute ist das auch bei uns nicht mehr ganz fremd. Erst Anfang März sorgte die Pfarre St. Josef in Steyr für bundesweites Aufsehen, weil man das Gotteshaus auf dem Immobilienmarkt zum Verkauf anbot. „Das Herz blutet, aber wir müssen die Kirche verkaufen“, hieß es. Im Vorjahr übernahm ein Künstler in Wien die Kirche „Dreimal Wunderbare Muttergottes“ im zehnten Bezirk. Ebenfalls im Vorjahr verkaufte die Erzdiözese Wien in Hirschwang an der Rax eine Kirche an eine GmbH. In Linz bezog schon vor Jahren eine Steuerberatungskanzlei ein ehemaliges Kloster und in Innsbruck wurde aus einer Kirche eine Boulderhalle. Und so manche Kirche wurde in den vergangenen Jahren an christliche Schwesterkirchen übergeben. In den vergangenen Jahren wurden in der Erzdiözese Wien jährlich ein bis zwei Kirchen aufgegeben. Und man geht davon aus, dass sich diese Zahl in Zukunft leicht erhöhen wird. 

Auch die evangelische Kirche ist vor dieser Entwicklung nicht gefeit. In diesen Tagen wird auf der Verkaufsplattform „Willhaben“ die evangelische Kirche in Heidenreichstein im Waldviertel – „mit Wohnung in sonniger Aussichtslage“ – um wohlfeile 250.000 Euro angeboten. 

In Wien konnte man jüngst freilich ein Angebot wie dieses vermeiden, weil man ein Vorhaben entwickelte, bei dem die Kirche weiter Sakralort bleibt, aber gleichzeitig zu einem Sozial- und Begegnungszentrum wird. „Kirchenschiff“ heißt das Projekt, bei dem die Caritas nun ihre Dienste anbietet. Noch ist dieses Projekt freilich die Ausnahme.

Denn Kirchen im Land haben kaum mehr finanziellen Spielraum. Da nimmt nicht wunder, dass man inzwischen nicht nur Immobilienbesitz wie Ländereien, Wälder und Gebäude, sondern auch Kirchen veräußern muss. Das Umfeld ist rau, Finanzierungsinstrumente wie der Kirchenbeitrag sind permanenten Angriffen ausgesetzt. Erst im Vorjahr ließ der Wahlsieger FPÖ vor den Koalitionsverhandlungen wissen, dass man den Kirchenbeitrag am liebsten abschaffen würde. Und das vor allem: Immer mehr Menschen treten aus den Kirchen aus. Die katholische Kirche hat in Österreich nur noch 4,5 Millionen Mitglieder, um mehr als eine Million weniger als vor 25 Jahren. Heute sind keine 50 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher mehr katholisch. Vor zehn Jahren betrug ihr Anteil noch mehr als 60 Prozent. Auch die evangelischen Kirchen schrumpften in den vergangenen 40 Jahren um rund 40 Prozent auf 248.000 Mitglieder. 

Seit Jahren geht es rasant bergab. Glaubten vor zehn Jahren Umfragen zufolge 60 Prozent der Menschen an Gott, so sollen es heute nur mehr gut 20 Prozent sein. Da nimmt nicht wunder, dass die Kirchenbänke selbst an hohen Festtagen oft leer sind. 

Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen haben sich verändert. Die Kirche tut sich schwer zu den Leuten zu kommen. Immer wieder rütteln Skandalgeschichten an den Grundfesten. Viel zu oft und viel zu viel scheint man mit sich selbst und mit Themen beschäftigt zu sein, die viele nicht mehr nachvollziehen können. Und man hat verloren, was die Gesellschaft so dringend bräuchte, gerade in Zeiten wie diesen – die Position als moralische Instanz, die gehört wird. Die Kirche hat in der öffentlichen Diskussion kaum mehr Gewicht. Es fehlt an charismatischen Persönlichkeiten, denen die Menschen vertrauen und an denen sie sich orientieren. Derzeit setzt man auf den neuen Wiener Erzbischof. Die Erwartungen an ihn sind jedenfalls hoch. Auch, dass er seine Stimme häufiger erheben wird – wie dies notwendig ist in unruhigen Zeiten. 

Dabei sind die Voraussetzungen für ein Wiedererstarken jedenfalls sind nicht so schlecht, wie man meinen möchte. Die jungen Menschen zwischen 14 und 25 Jahren suchen wieder verstärkt Halt in der Religion, bestätigten zuletzt Studien. Ihr Sukkus: Die Jugend hält zwar Distanz zur Kirche, ist aber dennoch durchaus religiös. 

Darauf sollte sich aufbauen lassen, zumal es auch andere positive Zeichen gibt, wie die Zahl der Erwachsenentaufen, die seit fünf, sechs Jahren steigt.

Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 16. April 2026

Samstag, 11. April 2026

Der E-Traktor als „Eier legende Wollmilchsau“

Hoher Dieselpreis und viel Platz für Photovoltaik: Elektromobilität ist auch in der Landwirtschaft längst ein großes Thema. Was der E-Traktor schon alles könnte – und wo es sich spießt.

Hans Gmeiner 

Wels. Der hohe Preis für Diesel auf der einen Seite und die niedrigen Einspeisetarife für Strom auf der anderen Seite wären eigentlich die idealen Voraussetzungen. Für den Tadus, einen reinen E-Traktor, den ein bayerisches Start-up in den vergangenen eineinhalb Jahren auf die Räder stellte, ist es allerdings noch etwas zu früh. „Aber wir sind auf dem richtigen Weg“, sagt Martin Anzengruber, Professor an der HTL in Ried, der auch an der Fachhochschule in Wels unterrichtet. Er arbeitete an der Entwicklung des Traktors und an den Praxistests mit. Der Traktor mit den vier gleich großen Rädern ist so etwas wie die „Eier legende Wollmilchsau“. Er funktioniert sowohl als Arbeitsgerät auf den Feldern als auch als mobiler Stromgroßspeicher für die Versorgung von Stromverbrauchern auf dem Bauernhof wie etwa Melkanlagen. Dafür sorgt ein Energiemanagementsystem, das Photovoltaik-Überschüsse optimal nutzen soll. „Der Tadus ist das Herzstück unseres Projekts ‚Der energieeffiziente Bauernhof‘“, sagt Anzengruber. „Und er funktioniert.“

„E-Mobilität ist in der Landwirtschaft ein großes Thema“

Mit 160 PS, einer Batteriekapazität von 196 kWh, einer Einsatzzeit von bis zu acht Stunden, stufenlosem Getriebe und einer Höchstgeschwindigkeit von 40 km/h soll der Traktor noch heuer in Vorserienproduktion gehen. Die Batterien sind auswechselbar und ermöglichen damit einen Dauerbetrieb des Traktors. Der Tadus sei prädestiniert für Grünland- und Bergarbeiten, für Frontladerarbeiten und für Pflege- und Hofarbeiten, wirbt der Hersteller. „Das geht wirklich perfekt“, sagt Anzengruber, unter dessen Verantwortung Praxis-Verbrauchswerte und entsprechende Kennzahlen ermittelt wurden. „Für leichte Arbeiten braucht man für einen Hektar deutlich weniger als 10 kWh.“ Auch Mäharbeiten, leichte Bodenarbeiten und selbst das Pressen von Heu- und Strohballen oder der Antrieb eines Futtermischwagens sind für den Tadus kein Problem.

Das bayerisch-oberösterreichische Projekt ist in seiner Konzeption einzigartig. „E-Mobilität ist auch in der Landwirtschaft ein großes Thema, ganzheitliche Konzepte wie beim Tadus gibt es aber kaum“, sagt Anzengruber. Auf den Höfen gibt es bisher aber allenfalls E-Hoflader für kleinere Arbeiten. „Alle großen Traktorenhersteller haben etwas im Talon, aber sie widmen sich dem Thema eher lustlos“, wundert er sich.

„Pioniergeist wird es in jedem Fall brauchen“

Der Preis ist auch beim Tadus ein Thema. Offiziell gibt es noch keinen, man geht aber davon aus, dass der Traktor deutlich mehr kostet als ein konventioneller Dieseltraktor. Anzengruber ist dennoch zuversichtlich. „Der Tadus ist für Bauern mit großen PV-Anlagen und Stromüberschüssen durchaus ein Thema, die Betriebsstunden sind deutlich billiger, zudem wird es auch Förderprogramme geben.“ Er gibt aber zu: „Pioniergeist wird es in jedem Fall brauchen.“

Das Lenkrad muss man nicht mehr in die Hand nehmen

Davon gibt es in der Landwirtschaft auch abseits der E-Mobilität reichlich. Die Landtechnik ist im Umbruch. Das Tempo ist zuweilen atemberaubend. Elektronische Steuerungen sind bei den Geräten Standard, der Großteil der Traktoren ist mittlerweile mit GPS-gesteuerten Lenksystemen ausgestattet, die den Traktor zentimetergenau steuern, ohne dass der Fahrer das Lenkrad in die Hand nehmen muss. Digitalisierung ist einer der großen Trends. Für die Überwachung und Analyse werden überall Apps eingesetzt. Drohnen werden zur Ausbringung von Saatgut und Düngern genutzt, in Wäldern werden damit in unwegsamem Gelände Baumsamen ausgebracht.

Zunehmend setzt man in der Landtechnik auch auf künstliche Intelligenz. „In allen Bereichen wird herumprobiert“, sagt Claudia Probst von der FH Wels. Am weitesten ist man in der Innenmechanisierung und in der Tierhaltung. „Dort ist man weit voraus, vor allem geht es um Themen wie Brunsterkennung oder Tiergesundheit.“ Aber auch bei der Pflanzenerkennung, etwa bei Pflanzenschutzgeräten, wird KI eingesetzt. „Damit wird das sogenannte Spot-Spraying ermöglicht, also die punktgenaue Applikation des Pflanzenschutzmittels auf eine Unkrautpflanze“, so Probst. Das erspare große Mengen an Spritzmitteln und schone damit die Umwelt.

Der Roboter im Gemüsefeld

Immer öfter – vor allem in Spezialkulturen wie Gemüse – sind Roboter zu sehen, die die Arbeit erledigen, die ansonsten entweder nur mit Pflanzenschutzmitteln oder durch mühsame Handarbeit erledigt werden konnte. Gesteuert von Kameras können sie Unkraut erkennen und entfernen.

Ihr großer Nachteil ist – neben dem Preis –, dass sie nicht selbst fahren können, sondern zu den Feldern transportiert werden müssen. Große Traktorenhersteller wie Fendt, die auf dem Markt Fuß fassen wollten, haben das Feld nicht zuletzt deshalb längst Spezialherstellern überlassen.

Selbstfahrende Traktoren nicht für die Straße zugelassen

Dieses Transportproblem haben auch autonom fahrende Traktoren, die die großen Hersteller gern in die Auslage stellen. Sie sind in Europa im Straßenverkehr nicht zugelassen und bleiben wohl Zukunftsmusik, meinen Kenner der Szene wie Martin Anzengruber. 

Er sieht einen Trend in eine andere Richtung. „Wir gehen zu Großtraktoren mit automatisierten, hochintelligenten Anbaugeräten“, glaubt er. „Die Traktoren werden über GPS gesteuert, die Anbaugeräte über Kameras.“ Mit herkömmlichem Traktorfahren hat das nur mehr wenig zu tun. „Der Fahrer wird zum Maschinenbeobachter, der Arbeitsprozess selbst wird voll automatisiert“, sagt Anzengruber. Wo bleibt da der Bauer? „Der muss das Ganze managen“, sagen Anzengruber und Probst. „Man braucht bei aller Technik immer noch jemanden, der am Feld steht und Boden und Pflanzen beobachtet. Denn all die Technik bleibt nur Hilfsmittel.“ Und wenn der nicht zu den Großen zählt? „Die kleinen Betriebe können davon besonders profitieren, weil die neuen Technologien Anpassungen erleichtern“, antworten die beiden Experten unisono.

Salzburger Nachrichten - Wirtschaft, 11. April 2026

Freitag, 10. April 2026

Pflanzenschutz - Gift oder Segen?

Die Bauern kämpfen mit Schädlingen, Pflanzenkrankheiten und Resistenzen. Es gibt zu wenig Pflanzenschutzmittel, wird geklagt. Die EU will die Zulassung nun erleichtern.

Hans Gmeiner

Salzburg Der Widerstand ist immer noch heftig und Berührungsängste der Politik mit dem Thema sind nicht zu übersehen. Dennoch scheint sich in Europa die Erkenntnis durchzusetzen, dass es ohne Pflanzenschutzmittel nicht geht. „In Brüssel hat man das Problem erkannt“, sagt Christian Stockmar, Leiter der Österreich-Niederlassung von Syngenta und Sprecher der Arbeitsgemeinschaft für integrierten Pflanzenschutz in Österreich. „Das Verständnis für die Probleme und Sorgen der Bauern wächst.“ Im Zuge einer sogenannten Omnibus-Verordnung will man die Zulassung von Mitteln erleichtern. Mehr als Vorschläge gibt es derzeit allerdings noch nicht.

Vor allem die Obst- und Gemüsebautriebe, aber auch die Ackerbauern klagen darüber, dass immer weniger Wirkstoffe zugelassen sind. Die Bauern kämpfen mit Schädlingen, Pflanzenkrankheiten und Resistenzen, derer sie immer öfter nicht Herr werden können und die die Ernten zuweilen schwer beeinträchtigen. Die Probleme der Erdäpfel- und Zuckerrübenbauern mit dem Kartoffel- und dem Rüsselkäfer sorgen seit Jahren für Schlagzeilen. Und die Anbauflächen sind zurückgegangen. Auch die Rapsflächen verringerten sich mittlerweile stark. Imker klagen deshalb, dass die Blüten als Nahrung für ihre Bienen fehlten.

Zulassungsprozess dauert fünf Jahre

Pflanzenschutzmittel seien „kein Selbstzweck“ sagt Stockmar, sondern Werkzeuge für die Bauern, um Ertrag und Qualität der Erzeugnisse zu sichern und Verluste zu minimieren. Weil außerhalb der EU wesentlich mehr Wirkstoffe zur Verfügung stehe, gehe es auch um die wirtschaftliche Konkurrenzfähigkeit der Landwirtschaft und um Versorgungssicherheit. „Vor 20 Jahren haben wir noch rund 1000 Wirkstoffe gehabt“, erklärt Stockmar. „Heute sind es 300 und es geht in Richtung hundertfünfzig, zweihundert, seit sechs Jahren überhaupt kein neuer Wirkstoff mehr zugelassen.“ Der Grund dafür? „Die EU ist sehr restriktiv. Der Zulassungsprozess bis zur Registrierung dauere zumindest fünf Jahre, die Kosten für die Entwicklung eines Wirkstoffs gingen in die Hunderte Millionen Euro, klagt Stockmar. Vor allem kleinere Unternehmen verzichteten deshalb auf Registrierungen.

In der EU gibt es auch Pläne, dass Produkte, die nicht zugelassen sind, auch gar nicht mehr in Europa produziert werden dürfen. Stockmar sieht darin einen Worst Case. „Dann würden große Konzerne wohl die Produktion komplett aus Europa verlagern.“ Dabei wären die Voraussetzungen grundsätzlich gut, befindet er. Die internationalen Konzerne investierten Milliarden, die Innovations- und Wirkstoffpipeline sei gut gefüllt, die Produkte seien strenger geprüft als Pharma-Produkte.

Zeitlich begrenzte Notfallzulassungen

Derzeit behelfen sich die Hersteller von Pflanzenschutzmitteln im Verein mit den Bauern mit zeitlich begrenzten Notfallzulassungen. Insgesamt 52 gab es in den vergangenen zwölf Monaten. Rund ein Drittel davon entfiel auf biologische Pflanzenschutzmittel die unter der „Überregulierung und Überbürokratisierung“ des Pflanzenschutzes, wie Stockmar das nennt, genauso zu leiden hätten wie chemisch-synthetische Mittel.

In Österreich ist in den vergangenen Jahren der Verbrauch von Pflanzenschutzmitteln kontinuierlich zurückgegangen. Einen deutlichen Anstieg gab es nur bei CO2, das in der Lagerhaltung bei Obst und Gemüse eingesetzt wird und vor zehn Jahren in die Statistik aufgenommen wurde. Darauf entfallen knapp 40 Prozent des Wirkstoffeinsatzes.

„Biologicals“ gewinnen an Bedeutung

Insgesamt hat der Markt für Pflanzenschutzmittel für die Landwirtschaft in Österreich ein Volumen von rund 100 Mill. Euro pro Jahr. Ein Großteil des Angebotes entfällt auf chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel. Biologische Produkte, so genannte Biologicals, gewinnen aber nicht nur im Bioanbau an Bedeutung, sondern auch in der konventionellen Landwirtschaft. So wird etwa im Zuckerrübenanbau ein bedeutendes Mittel zur Erhaltung der Blattgesundheit auf Kupferbasis hergestellt. Auch im Obst-, Gemüse und Weinbau sind immer mehr „Biologicals“ im Einsatz.

Zwei große Hersteller in Österreich

Noch sind alle großen internationalen Hersteller mit ihrem Angebot über Vertretungen in Österreich präsent. Produziert wird hierzulande – abgesehen von kleineren, zumeist spezialisierten Unternehmen - aber nur mehr von zwei Betrieben in großem Umfang. In Linz hat die Nufarm, ein internationaler Konzern mit Sitz in Australien, bereits 1995 die Pflanzenschutzaktivitäten der Agrolinz, einem Nachfolgeunternehmen der Chemie Linz, übernommen. Mit 160 Beschäftigten werden jährlich 10.000 Tonnen Wirkstoff und 20.000 Tonnen formulierte Produkte für den Acker-, Wein-, Obst und auch für Biolandbau hergestellt.

Der zweite große Hersteller ist das Familienunternehmen Kwizda Agro mit Sitz in Wien und einer Produktion in Leobendorf. Das Unternehmen, das heuer 100 wird, hat schon früh auf Pflanzenschutzmittel für den Biolandbau gesetzt. Kwizda ist in Österreich laut eigenen Angaben Marktführer. Das Unternehmen mit 450 Mitarbeitern erzielt im In- und Ausland einen Umsatz von rund 240 Milll Euro, exportiert wird in 34 Ländern.

Salzburger Nachrichten - Wirtschaft, 10. April 2026

Donnerstag, 2. April 2026

Kann unsere Gesellschaft Krise?

Die Nervosität steigt. "Wir erleben gerade die schlimmsten Verwerfungen der letzten 80 Jahre", warnte die WTO-Chefin. Wenige Tage danach redete der Chef der internationalen Energieagentur von der "schwersten Energiekrise seit Jahrzehnten", die drohe. Am vergangenen Wochenende legte ein angesehener Harvard-Ökonom nach: "Wir stehen vor dem größten Schock für Wachstum und Preise seit fünf Jahrzehnten", meinte er. Die Börsenkurse zerbröseln. Investoren in aller Welt suchen sichere Häfen für ihr Geld. Und längst keimt auch die Sorge, dass eine neue Flüchtlingskrise drohe.

Die Vorboten dieser Mega-Krise, die da noch kommen soll, sind auch bei uns schon zu spüren. Die Treibstoffpreise sind in der vergangenen Woche explodiert. Inzwischen redet man schon von baldigen Lieferengpässen. Gas ist wegen des Krieges gut doppelt so teuer wie vorher. Und immer öfter ist von Befürchtungen zu lesen, dass die Energiepreis-Explosion schon bald eine weitere Kostenspirale auslösen wird. Bei Strom, bei Kunststoffen, bei Gummi, bei Halbleitern, bei Flugpreisen und natürlich auch bei Lebensmitteln. Und da ist noch gar nicht die Rede von der allgemeinen Teuerung und von den Lieferketten, die bald wieder zerreißen könnten. Und immer wieder blitzt dazwischen die Angst vor einem "Dritten Weltkrieg" auf.

In Österreich gibt man sich angesichts dieses Szenarios noch recht ruhig. Die Nationalbank meinte zuletzt, dass im "schlimmsten Fall" eine Rezession drohe und prognostizierte, dass das BIP heuer wieder um 0,2 Prozent schrumpfen und die Inflation wieder auf 4 Prozent steigen könnte. Die Politik balgte sich tagelang um die Einführung einer Spritpreisbremse von 10 Cent, die Landwirtschaft fordert die Wiedereinführung des billigen Agrardiesels, warnt vor Problemen mit der Düngerversorgung und alle anderen erwarten, dass der Staat das mit viel Geld regeln wird.

Ganz Insel der Seligen halt. Man glaubt sich in einer Vollkaskogesellschaft, kennt das Wort Eigenverantwortung oft nur vom Hörensagen und erwartet von der Politik für alles und jedes einen "Ausgleich auf Heller und Pfennig", wie es so schön heißt. Wir jammern auf sehr hohem Niveau und ergehen uns nach wie vor in einer satten Selbstzufriedenheit. Da erhebt sich die Frage, wie soll und kann so eine Gesellschaft mit einer echten Krise, die da nun offenbar vor der Tür steht, zurechtkommen? Können wir das überhaupt noch? Können wir damit umgehen? Können wir auf etwas verzichten? Was ist, wenn es wirklich schlimm kommt? Wie widerstandsfähig sind wir dann?

Und was kann unsere Politik, die bisher nur Scheinaktivitäten entwickelte und glaubt, mit Placebos wie der Spritpreisbremse etwas zu erreichen, wenn es wirklich ernst wird? Eine Politik, die keine Reserven mehr hat, weil schon bei Corona -Stichwort "Koste es, was es wolle" - alles abgefedert und ausgeglichen wurde und die Kassen leer sind. Wie schaut es dann mit dem Zusammenhalt aus? Wir müssen wohl erkennen, dass der Staat nicht alles richten kann.

Man hat keine rechten Vorstellungen davon und keine Erfahrungen. Mehrere Generationen erlebten zwar immer wieder kurzfristige Krisen, aber nie wirklich einschneidende Krisen. Gut, es gab vor fünfzig Jahren auch einmal eine Energiekrise, es gab einige Finanzkrisen. Und es gab Corona, das uns an die Grenzen brachte und einen Riss in der Gesellschaft.

Klar scheint nur, mit einer Politik, die sich nicht traut, und mit einer Bevölkerung, die kein Verständnis aufbringt, wird eine Krise nur noch schlimmer.

"Wir sind verwöhnt, Verzicht ist enorm anstrengend", sagte kürzlich die Autorin des Buchs "Die Kunst des Aushaltens", Pamela Rath, in einem Interview mit dem Kurier. Nach mehr als 80 Jahren im Frieden "wissen wir nicht mehr, dass es auch Entbehrungen gibt und einem nicht alles geschenkt wird". Verzicht könne unfassbar anstrengend sein, und die meisten Menschen könnten damit nicht gut umgehen. Und da mag es wohl kaum zu trösten, dass es uns immer noch weitaus besser als vor 20,30 oder 40 Jahren geht, und gar nicht zu reden von Wirtschaftskrisen, die unsere Vorfahren erleben mussten, oder gar nicht von Kriegen, wie sie jetzt die Ukraine und den Nahen Osten erschüttern.

Weil Ostern vor der Tür steht und dieses Fest im christlichen Glauben das zentrale Fest der Hoffnung und des Lebens ist, sei daran erinnert: Auch nach schweren Zeiten sind neue Wege möglich.

Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 2. April 2026

„Mit den Bauern scherzt man nicht“

Mit rund 400 Traktoren fuhren Landwirte am Mittwoch in Wien auf. Sie beklagen steigende Kosten – und das bei sinkenden Preisen.

Hans Gmeiner

Salzburg. Die Bilder erinnerten ein bisschen an die großen Bauerndemonstrationen vor zwei Jahren in Deutschland, Brüssel und Frankreich. Hunderte Bauern trafen sich am Mittwochnachmittag vor dem Landwirtschaftsministerium in Wien zu einer Demo, rund 400 nahmen mit ihren Traktoren teil. Das Motto: „Mit den Bauern scherzt man nicht.“ Aufgerufen zur Demo hatte ursprünglich das Bündnis Zukunft Landwirtschaft, das seine Wurzeln im Burgenland hat. Schlussendlich haben sich mit dem Protest praktisch alle Bauernorganisationen solidarisiert. Sogar der ÖVP-Bauernbund und Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig (ÖVP), an die sich der Protest eigentlich richtete, nahmen an der Veranstaltung teil, mit der man auf die aktuellen Bauernsorgen aufmerksam machen wollte.

Die heimischen Landwirte leiden unter den derzeit rasant steigenden Kosten für Treibstoff und Betriebsmittel im Gefolge der internationalen Krisen ganz besonders, weil auf der anderen Seite die Preistendenz bei Getreide, Milch und auch Fleisch seit Monaten deutlich nach unten zeigt. Eine Wende ist nicht in Sicht. Mitunter sind die Bauern freilich selbst nicht unschuldig daran. Obwohl seit mittlerweile fünf Monaten die Preise, die sie für Milch bekommen, kontinuierlich sinken, liegt die monatliche Anlieferung an die Molkereien immer noch um sechs Prozent über dem Vorjahresniveau.

Besonders unter Druck sind die Getreidebauern. „Momentan ist die Rentabilität des Ackerbaus infrage gestellt“, sagte erst dieser Tage der Präsident der oberösterreichischen Landwirtschaftskammer, Franz Waldenberger. Eine Wende ist nicht in Sicht, die Getreidelager sind gut gefüllt. „Es müsste irgendwo zu einer großen Missernte kommen, damit die Preise anspringen“, macht der Pflanzenbau-Experte Helmut Feitzlmayr den Bauern wenig Hoffnung.

Einer Berechnung aus Oberösterreich zufolge kostet die derzeitige Krise die Ackerbauern bei einer durchschnittlichen Fruchtfolge durch die Verteuerungen rund 150 Euro je Hektar, das ist rund ein Drittel, oft sogar die Hälfte von dem, was vom Erlös nach Abzug der Kosten bleibt. Rund ein Drittel davon entfällt demnach auf höhere Dieselkosten und zwei Drittel auf höhere Düngekosten.

Eine der zentralen Forderungen ist seit Tagen die Wiedereinführung des verbilligten Agrardiesels, der im Vorjahr abgeschafft wurde. Sie würde den Staat insgesamt rund 80 Millionen Euro kosten und für den einzelnen Bauern den Preis für Diesel um rund 37 Cent verringern.

Beim Dünger wird allerdings heißer gekocht als gegessen. Die aktuell so stark gestiegenen Preise werden für die meisten Bauern erst ab dem kommenden Jahr spürbar – wenn die Preise so hoch bleiben. Für dieses Jahr hat sich der Großteil der Landwirte bereits im Herbst mit damals noch günstigem Dünger eingedeckt, der für die heurige Ernte verwendet wird.

Dass bei der Demo im letzten Abdruck auch der Bauernbund aufgesprungen ist und der Landwirtschaftsminister teilnahm, entbehrt nicht einer gewissen Pikanterie: Bei einer der zentralen Forderung – der verpflichtenden Herkunftskennzeichnung – holen sie sich ausgerechnet bei ihren Parteikollegen vom VP-Wirtschaftsbund und der Wirtschaftskammer seit Jahren regelmäßig Abfuhren.

Für die Bauern ist das unverständlich, zumal auch in Brüssel Bemühungen, die Herkunft der agrarischen Produkte besser auszuschildern, nicht vorankommen, wo Totschnig sagt, sich dafür einzusetzen. Auch bei der Forderung nach weniger Bürokratie fühlen sie sich noch zu wenig gehört.

Salzburger Nachrichten - Wirtschaft, 2. April 2026

 
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