
Kurt Weinberger, der umtriebige und stets um Klima, Umwelt und Bodenverbrauch besorgte Chef der Österreichischen Hagelversicherung, machte dieser Tage auf Facebook seinem Ärger über eine Billigfluglinie Luft, die für den 21. November einen Flug von Wien nach Rom um 14,99 Euro anbietet. "Diese Form der Mobilität zerstört den Planeten", schimpfte er in Blockbuchstaben und fragte "Warum ist Kerosin steuerfrei?" Nur wenige Tage zuvor wetterte der Chef des Markenartikelverbandes in einem Zeitungsinterview gegen die Aktionitis im Handel. "In den Prospekten und Inseraten wird der Preis schon größer angezeigt als das Produkt, da läuft etwas völlig aus dem Ruder", schimpfte er. Da gehe der Wert der Ware völlig unter.
Wir nicken dazu und geben wohl beiden Herren recht, die da ihre Sorgen äußern. Aber kümmert es uns auch? Wohl weniger. Um 15 Euro nach Rom zu fliegen klingt wohl für nicht wenige verlockend -"wenn es schon angeboten wird". Und die Supermärkte beurteilen auch die allermeisten nach den billigsten Angeboten.
Wenn es nur das wäre. Aber es ist in vielen anderen Bereichen auch so. Dinge laufen aus dem Ruder. Wir wissen es, wir schauen zu, wir denken uns nichts dabei, wir spielen mit, wir leben damit und wir nutzen es aus Kräften. Ärgern tun wir uns auch hie und da, aber wohl viel zu wenig.
Man verschließt sich nicht und hat schnell erklärende und entschuldigende Argumente an der Hand. Wenn man billige Flugangebote sucht, obwohl man weiß, dass sich ein Flug um 15 Euro nach Rom nicht ausgehen kann und ein völlig falsches Signal ist, und auch nicht, wenn ein Viertel Butter um einen Euro, wie es jüngst von einer Supermarktkette angeboten wurde. Und man hat, wie alle anderen auch, immer Argumente parat, warum man etwas macht und nicht ändert, obwohl es eigentlich "nicht geht" - zumal dann, wenn man einen Nutzen davon hat. Man nimmt es da wie dort gerne in Kauf.
Nicht zuletzt deshalb läuft so viel aus dem Ruder. Und man nimmt es hin und muss es hinnehmen. Man denke nur an die Qualen und Kosten, die uns allen die Bürokratie bereitet und mit der wir leben und leben müssen, als gäbe es keine Möglichkeit, das zu ändern.
Man denke an die Staatsverschuldung, an die Probleme der Unternehmen mit Kosten und Wettbewerbsfähigkeit, an die Auflagen für die Landwirtschaft und an die Probleme im Schulwesen. Überall läuft es aus dem Ruder und überall hat man sich daran gewöhnt. "Ist halt so", heißt es dann, und "Da kann man nichts machen, zumindest nicht schnell".
Kein Wunder, dass auch die Erwartungen an die Politik, die politischen Forderungen und die Versprechungen längst aus dem Ruder laufen. Vor allem jene von Parteien, die in keiner Regierungsverantwortung stehen. "Verlangen wird man ja wohl dürfen, vielleicht nutzt es ja etwas." Und sei der Schaden noch so groß. Es läuft nicht anders als beim Billigflug und bei den Preisaktionen. Wir wissen, dass der Staat überfordert wird. So wie wir wissen, dass wir die Umwelt überfordern und so, wie wir wissen, dass wir auch vieles andere überziehen. Aber wir tun es trotzdem.
Alle scheinen nur mehr auf ihren eigenen Vorteil und ihr eigenes Fortkommen bedacht zu sein. "Geiz ist geil", hat man gelernt, Niki Lauda bewundert, wenn er seine legendäre Sparsamkeit in einer Werbung mit dem Satz "Ich habe ja nichts zu verschenken" zu Geld machte und verinnerlicht, dass man sich holen solle, was einem zusteht.
Wir sind eine Gesellschaft geworden, in der vor allem gefordert wird. Von der Wirtschaft, von der Politik, von allen und von jedem. Eine Gesellschaft, die ihre Grenzen ignoriert und ganz bewusst überschreitet und in der Verantwortung und Verständnis viel zu oft Fremdworte sind. Wir wissen darum und dennoch hält uns nichts und niemand auf.
Es gibt so viel Maßlosigkeit. Der Bogen geht von der Preisaktionitis über Essensverschwendung und übervolle Kleiderkästen bis in die Politik hinein und in unser Alltagsleben. Die Maßlosigkeit scheint unser Maß geworden zu sein. Nicht nur in der Verschwendung, sondern auch bei den Erwartungen und Forderungen.
Wir alle spielen mit und kümmern uns kaum darum, was wir damit anrichten. Nicht in der unmittelbaren Umgebung und schon gar nicht, wenn es um größere Themen geht. Wir nicht, die Wirtschaft nicht und auch nicht die Politik.
Nicht alle, aber viel zu wenige.
Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 29. Oktober 2026
