
80 Prozent oder mehr sind für die Einführung eines Social Media-Verbots für Jugendliche unter 16 Jahren. Aber warum fordert niemand ein Social Media-Verbot für Politiker respektive Politikerinnen? Der Bedarf zu handeln scheint dort zumindest genauso groß wie bei den Jugendlichen. Da wie dort geht es darum, sich selbst zu schützen, weil sie es nicht schaffen, das selbst zu tun. Auch sie scheinen den Versuchungen von Social Media willenlos ausgeliefert zu sein. Man postet gerne allerhand Lustigkeiten und Banalitäten, obwohl das Land da und dort kracht wie eine Kaisersemmel. Man hält das für Volksnähe, obwohl die Posts meist eher eine Zumutung sind und oft ihrem eigenen Stand, der Politik, mitunter schweren Schaden zufügen. Kurzum – oft ist es allzu viel, zumal dann, wenn man sich von den Herrschaften anderes erwünscht und erwartet. Anbiederung via Facebook, Instagram und Co. gehört jedenfalls da nicht dazu.
Erst jüngst feierte Niederösterreichs Landeshauptfrau die Rückkehr des Billig-Schleckeises „Brickerl“ ganz verzückt. „Das Brickerl ist ab heute zurück – und damit auch ein Stück meiner Kindheit.“ Das ließ ihren Kollegen in Oberösterreich nicht ruhen. Postwendend vermeldete der auf Instagram: „Willkommen zurück, Brickerl.“ Und da ist noch gar nicht die Rede von einem der Landtagspräsidenten der österreichischen Bundesländer, der sich gerne als Schuhplattler geriert, oder vom Hype der Würstelstand-Postings, den der bayerische Ministerpräsident Söder angezettelt hat. Auch bei uns zeigen sich seither die Politiker dabei, wie sie mit Kollegen aus fernen Ländern gemeinsam Würstel verdrücken. Zuweilen offenbar auch mit schlechtem Gewissen. Der Landwirtschaftsminister, der sich jüngst mit dem EU-Kommissar in Berlin beim Verzehr einer Currywurst ablichten ließ, vergaß nicht darauf hinzuweisen, dass sich Österreich mit seinen Würsten nicht zu verstecken brauche. Man will ja keine schlafenden Hunde wecken.
Man entkommt nichts und niemandem und man muss viel Peinliches erleben, das zum Fremdschämen ist – auch wenn die Zeiten noch so schlecht sind und nach guter Politik schreien. „Warum müssen wir so etwas sehen?“, fragte jüngst ein genervter X-User. Ja, warum, fragt sich nicht nur er. Warum machen die Politikerinnen und Politiker das? Wer redet ihnen das ein? Und warum glaubt man, nicht ohne auskommen zu können?
Man weiß es nicht. Und schon gar nicht weiß man, ob es wirklich das bringt, was man erwartet, zumal die Anzahl der Zugriffe nicht wirklich berauschend ist. Es hat wohl viel damit zu tun, dass Politik zur Show verkommen ist, dass man glaubt, sich auf diese Art an die Wählerschaft heranschmeißen zu müssen. Da verwundert nicht, dass so viel durcheinander, aber so wenig weitergeht im Land.
Da passt eine Faktensammlung ins Bild, die kürzlich der „Standard“ veröffentlichte. Fast 500 Menschen machen demnach in Österreichs Regierungsstellen Öffentlichkeitsarbeit. Social-Media-Verantwortliche sind heute Grundausstattung. Jeder Minister hat heute nicht mehr einen oder zwei Pressesprecher, sondern drei, vier oder fünf. Dazu gibt es in den Ministerien eigene Abteilungen für die Öffentlichkeitsarbeit und Information. Im Bundeskanzleramt gibt es nicht weniger als 98 Menschen, davon sechs Pressesprecher, die sich nur damit beschäftigen, dass der Kanzler, die Kanzleramtsministerin und der Staatssekretär in der Öffentlichkeit gut dastehen.
Zählt man die Landesregierungen und deren Ämter hinzu, kommt man auf fast 900. Und mit weiteren fast 100 Öffentlichkeitsarbeitern machen die Städte Graz, Linz und Salzburg und die Präsidentschaftskanzlei den 1.000er voll.
Der klassische Informationskanal, der Journalismus, der sich als vierte Kraft im Land versteht, tut sich angesichts dieser Übermacht zunehmend schwer. Denn während die Presse-und Kommunikationsabteilungen wachsen und wachsen, schrumpft die Zahl der Journalisten drastisch. Da und dort fegen Kündigungswellen durch die Redaktionen. Experten wie Andy Kaltenbrunner sprechen inzwischen von einer „Hangschräglage“. Das erschwert die journalistische Arbeit und macht sie zum Spielball.
Das freilich sollte viel mehr Sorgen machen als die Zahl der Zugriffe und Likes, auf die man sich so gerne konzentriert – allein um des – siehe oben – Selbstschutzes der Politik willen. Aber das scheint ohnehin von vorgestern zu sein.
Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 12. Februar 2026
