
Der Begriff „heilig“ hat viele Bedeutungen. Hier gemeint sei aber nur die umgangssprachliche Bedeutung des Wortes, das „heilig“ im Sinne von „unantastbar“, von „sakrosankt“, von „über jeden Zweifel erhaben“. Wendet man es in dieser Bedeutung an, ist Österreich durchaus ein „heiliges Land“ zu nennen, zumal vielen sehr viel „heilig“ ist. Der Bogen reicht von Sportlern über lukullische Feinheiten bis weit hinein in die, ja, in die Politik. Dort ist zwar vielen, wie es scheint, gar nichts mehr „heilig“, vor allem wenn es um die Grundpfeiler des Zusammenlebens, um demokratische Grundsätze, um Themen wie Wertschätzung und ähnliche geht. Vieles von dem aber, das als nicht so „heilig“ gelten und behandelt werden sollte, aber ist so „heilig“, dass es längst eine Last fürs Land ist.
Auf „X“ schrieb sich jüngst Michael Jungwirth von der Kleinen Zeitung, ein alter Hase des innenpolitischen Journalismus, seinen Frust von der Seele. „Der Lateinunterricht ist sakrosankt“, hieß es da. „Auch die Neutralität, das Pensionsalter bis 65, die Kammern-Pflichtmitgliedschaft, die neun Bundesländer, das Gesundheitssystem in seiner verschachtelten Form, wo Bund, Land, Sozialversicherung und Sozialpartner mitreden – so kommen wir nicht weiter.“
Man kann ihm nur recht geben. Je drängender der Handlungsbedarf ist, desto mehr verfestigen sich die Positionen. Nicht nur bei den wichtigen Themen, sondern auch dort, wo es um nicht wirklich viel geht. Überall sorgt alles sofort für helle Aufregung. Bei den Pensionisten, bei den Sozialpartnern, bei den Lehrern, bei den Bauern. Man verhakelt sich in kleinen Themen und wenn man handelt, dann sind das meist kaum nachvollziehbare Maßnahmen bei den Wehrlosesten und jenen, die keine Lobby haben, und verkauft das als Politik und Leistung. Dabei kommt vieles als nichts anderes daher, denn als Übersprungshandlung, die nichts mit dem eigentlichen Thema zu tun hat, aber Aktivität signalisiert und ablenkt.
Was wir erleben, ist wenig erbauend. Und wenn die Regierung – siehe Inflation, siehe Staatsschulden – Erfolge zusammenbringt, weiß sie nicht recht, warum es so gekommen ist. Freilich sind die Anforderungen groß und freilich sind viele Bälle in der Luft, wie es so schön heißt. Am Ende aber zählt, was sichtbar und spürbar ist – und das ist nicht wirklich viel. Die Arbeitslosenzahlen steigen, bei den Wirtschaftsprognosen bis 2030 liegt Österreich weltweit auf einer Liste von 189 Ländern auf Rang 182. Einen Platz hinter Russland, einen Platz vor Deutschland und zwei Ränge vor Äquatorialguinea. Stillstand scheint programmiert.
Dabei ist es nicht so, dass es an Verständnis für Maßnahmen und Einschnitte fehlt. Es ist nur so, dass niemand selbst dazu beitragen will. Ein ganzes Land scheint sich dem Floriani-Prinzip verschrieben zu haben und jeden Tag ein Stoßgebet gen Himmel zu schicken: „Heiliger Sankt Florian, verschon’ mein Haus, zünd’ s’andre an!“ Alle wissen immer bei den anderen alles besser, an der eigenen Haustür hört sich aber meist jedes Verständnis auf. Und alle, scheint es, schauen zu, obwohl man weiß, dass es immer dringender Lösungen braucht. Und auch, obwohl viele wissen, dass die Phrasen und Sätze und das einseitige Schimpfen, Schlechtmachen und Neinsagen, mit dem nicht nur die heimische Opposition Stimmen machen will, zu wenig sein werden. Wie soll da das Land vorankommen, fragt man sich?
Es mangelt ja nicht an Ideen und auch Konzepten. Woran es aber fehlt, ist die richtige Stimmung, an der sich das Land hochzieht, an der Bereitschaft, wirklich zu handeln.
Wie man diese Stimmung erzeugt in einem Land, in dem so viel „heilig“ ist, ist eine der großen Herausforderungen. Genau dafür freilich sind kaum Ideen zu erkennen, schon gar nicht welche, die wirklich breite Wirksamkeit entfalten könnten. Aber ohne eine solche Stimmung, ohne eine Aufbruchstimmung, wird die Wende nicht gelingen. Und wohl auch nicht ohne ein charismatisches Führungspersonal, das die Menschen nicht nur mitzureißen, sondern auch zu überzeugen vermag.
Beides ist nirgendwo zu erkennen. Nicht nur, weil es nichts gäbe, sondern auch, weil die derzeitige, von Missmut und Neid dominierte Stimmungsströmung noch viel zu stark ist und alles niederhält und niederdrückt, was Veränderung will. Solange wir uns aber keinen Ruck geben, kann kein Vertrauen wachsen, schon gar keines, das nötig wäre, um der „Heilig“-Malaise tatsächlich zu entkommen.
Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 19. Februar 2026
