Dienstag, 8. September 2026

Bauern eingezwickt in der Kostenschere


Die Preise auf den Agrarmärkten, die zuletzt stark anstiegen, werden wieder sinken. Betriebsmittel für die Landwirtschaft würden hingegen auf Dauer nicht billiger, sagt Marktexperte Fritz Gattermayer überzeugt.
Hans Gmeiner

SN: Im Juni wurde die Preistalfahrt bei Weizen und Mais beklagt. Jetzt steigen seit Wochen die Preise. Wiederholt sich 2022/2023?

Fritz Gattermayer: 2022 war es der russische Überfall auf die Ukraine, weshalb die Weizen- und Maismengen aus der Ukraine nicht herauskamen und die Preise explodierten. Damals gab es ein Mengenproblem, heute haben wir zusätzlich ein Verfügbarkeits-, Logistik-, Energie- und Dürrerisiko. Die Sperre der Schwarzmeerhäfen sorgt nicht nur auf ukrainischer, sondern auch auf russischer Seite für Unruhe auf den Märkten. Zudem ist die Straße von Hormus wegen des Iran-Kriegs zu. Seit 2023 wurde aus einem relativ effizienten Weltagrarmarkt ein Markt, in dem Häfen, Transportwege, Herkunft, Versicherungen und politische Beziehungen stärker zählen. Die Fragen lauten: Gibt es Sanktionen? Ist der Hafen offen? Welche Route ist verfügbar? Kann ein Schiff versichert werden? Das treibt die Preise.

SN: Welche Rolle spielt die Trockenheit? Große Produzenten wie Frankreich melden schlechte Ernten, Ungarn, das in guten Jahren 15 Millionen Tonnen Mais exportierte, ist Importeur.

Es gibt aktuell vier Gründe für den Preisanstieg: Wetter, Konflikt in der Schwarzmeerregion und im Iran, Energiepreise und Erwartungen. In unserer Region ist die Trockenheit für den Preisanstieg vor allem bei Mais und abgeschwächt bei Weizen entscheidend. Vor allem in Ungarn fehlt den großen Stärke- und Ethanolverarbeitern die Ware. Weltweit gilt das nicht. Bei rund 1,3 Milliarden Tonnen globaler Maisernte sind die fehlenden rund 30 Millionen Tonnen in der EU (statt 70 Millionen Tonnen) kein bestimmender Faktor, denn Agrarmärkte handeln nicht nur heutige Mengen, sondern vor allem auch zukünftige Risiken.

SN: Hätte man diese heftigen Folgen abfedern können?

Viele Bauern, aber auch die Großhändler, haben schon Anfang Juli verkauft und die Trockenheit, die sich damals bereits abgezeichnet hat, nicht in ihr Kalkül miteinbezogen. Die Lagerbestände waren aufgrund der großen Ernte 2025 sehr hoch. Natürlich braucht es Glück und Sensibilität – aber eben auch die richtigen Einschätzungen beziehungsweise Reaktionen.

SN: Ist noch ein weiterer Anstieg der Preise zu erwarten?

Der Weltmarkt für Weizen ist einigermaßen gut versorgt. Es sind auch keine Versorgungsmängel in Nordafrika wie vor drei Jahren zu erwarten. Bei Mais ist China als Nachfrager entscheidend. China hat einen hohen Bedarf an Mais für Tierfutter, Zitronensäure, Maisstärke und andere Zwecke. Heuer gab es im Frühjahr Anzeichen, dass China weniger importieren wird. Jetzt gab es aber auch dort die ersten Trockenheitsphasen und damit kann es sein, dass China in den nächsten Wochen verstärkt importieren könnte. Dann könnten die Maispreise noch einmal steigen.

SN: Wie wirken sich die hohen Preise auf andere Agrarmärkte aus? Auf den Milchmarkt, auf die Fleischmärkte?

Auf die Bauern, die selbst unter den schlechten Ernten etwa bei Heu leiden, kommen jetzt zusätzliche, nicht geplante hohe Futterkosten hinzu. Es wird versucht, Heu durch Mais zu ersetzen und Mais durch Weizen. In Oberösterreich wurden schon mehr als 10.000 Hektar Mais als Futter eingehäckselt. Die Tierhalter spüren unmittelbar die höheren Futterkosten. Im Rinderbereich ist das Thema, wie man das Vieh fütterungsmäßig überhaupt über den Winter bringen kann. Der Preis für Heu hat sich binnen einiger Wochen verdoppelt. Dazu kommen die gestiegenen Betriebsmittelpreise. Die österreichische Landwirtschaft hat derzeit ein doppeltes Problem: eine geringere eigene Ernte und gleichzeitig höhere Energie- und Betriebsmittelkosten. Heuer wird am Ende des Jahres für viele ein Verlust stehen. Die Betriebsmittelkosten stiegen oft stärker als die Agrarpreise. Dünger ist teuer wie nie. Für andere Betriebsmittel gilt Ähnliches. Dazu kommt das Auf und Ab der Preise, die sogenannte Volatilität, die immer größer wird. Den Liter Diesel gab es heuer schon um weniger als 1,50 Euro, aktuell kostet er mehr als zwei Euro.

SN: Wie wird es weitergehen? Sind die Veränderungen nachhaltig oder nur vorübergehend?

Hohe Preise für Agrarprodukte werden wir noch ein paar Monate sehen. Nachhaltig werden die Veränderungen nicht sein, die Volatilität aber wird bleiben. Da müsste es schon klimatische Probleme und lang anhaltende Dürreperioden in den großen Produktionsländern wie Russland, den USA, Brasilien und China geben. USA und Südamerika bestimmen einen Großteil des agrarischen Exportangebots, China bestimmt den Großteil der Nachfrage. Wenn es „normales“ Wetter gibt, wird das Preisniveau wieder sinken. Die hohen Kosten aber werden bleiben. Die Kostensteigerungen sind nachhaltig, sowohl für die Bauern als auch für die Verarbeiter. Das ist vor allem in der Landwirtschaft das eigentliche Dilemma – dass die Bauern im Gegensatz zu allen anderen in der Wertschöpfungskette keine Möglichkeit haben, ihre Kosten weiterzugeben. Nicht zuletzt deshalb gibt es den starken Strukturwandel in der Landwirtschaft.

SN: Diese Einschätzung ist auch von Bauern zu hören. Was können sie, was kann die Politik tun?

Für die Landwirtschaft werden die Margen immer schmäler werden. Der Strukturwandel wird sich beschleunigen. Produktivitätsgewinne können meist nur große oder spezialisierte Betriebe lukrieren. Für Betriebe mit wenig Eigengrund wird es immer schwieriger. Das heißt, die kleinen Einheiten, wie sie bei uns vorherrschen, die sind großteils ohne außerbetriebliches Zusatzeinkommen nicht lebensfähig. Wichtig wäre es auch, dass die Bauern viel stärker sensibilisiert werden, sich für ihre Interessen wie Unternehmer einzusetzen, zu reagieren und zu handeln. Das Ziel muss sein, dass ihre Vertreter in den Aufsichtsräten der Organisationen und Unternehmen, an denen sie beteiligt sind, besser ausgebildet sind sowie operative Erfahrungen im jeweiligen Geschäftsfeld haben. Agrarpolitik und Handelspolitik bedingen einander, müssen als Einheit betrachtet werden. Europa bleibt bei Dünger, Energie und Eiweißfutter importabhängig. Die Politik hingegen hat wenig Möglichkeiten, den Strukturwandel in der österreichischen Landwirtschaft, den Klimawandel und die Entwicklung der Kosten aufhalten zu können. Was bleibt, ist, dass Schwankungen innerhalb relativ kurzer Zeit normaler geworden sind und noch zunehmen werden. 

Fritz Gattermayer ist an der Uni für Bodenkultur Lektor für Weltagrarmärkte und Welternährungswirtschaft sowie Berater in der Industrie.

Salzburger Nachrichten - Wirtschaft, 8. September 2026

Donnerstag, 27. August 2026

Wer ist das neben uns?

Er nannte sich "Fritz Berg" und trat mit einem gefälschten Spiegel-Cover mit dem Titel "Die gefährlichste Frau Österreichs" auf X eine beispiellose Hassorgie gegen unsere Außenministerin los. Sein Posting "Sogar der deutsche Spiegel warnt schon vor diesem niederträchtigen Individuum" war nur der Anfang. Dutzende Postings von X-Usern folgten, die Beate Meinl-Reisinger durch den Dreck zogen und alles Mögliche nannten. "Beate Häusl-Reiniger" zählte dabei noch zu den "geringeren" Verunglimpfungen. Zwei Tage später waren die Hasspostings und auch der Eintrag von "Fritz Berg" nicht mehr zu finden.

Im Vergleich dazu kam der Vizekanzler des Landes in der vorigen Woche glimpflich davon, als er sich zur Einigung über das Klimaschutzgesetz äußerte. "Vom Babler hör ich nur blabla" postete ein "dominik.v.H.","Ich will nicht von einem Clown wie ihnen vertreten werden" ein gewisser "Bob Shelton" oder schlicht "Der nächste sinnlose Schei einer sinnlosen regierung" von einem "Adrian Vollmann"."Schei " natürlich ausgeschrieben.

Der Landwirtschafts-und Klimaminister, der im Streit um die Dürreentschädigung von allen Seiten attackiert wurde, wurde vergleichsweise gnädig behandelt. Zu lachen hatte freilich auch er nichts, als die "Tagespresse" mit ihm Geld und Klicks zu machen versuchte. "Schnelle Hilfe nach Ernteausfällen -Fasten-Tipps von Norbert Totschnig" hieß es da, "Vorbild Saddam Hussein: Totschnig versteckt sich seit Wochen in einem Erdloch" oder schlicht "Vermisst -Klimaminister Norbert Totschnig seit 2022 spurlos verschwunden. Politisch kleinwüchsig, völlig unauffällig. Hinweise erbeten!"

Als Politiker muss man viel aushalten. Keine Frage. Es ist wohl das, was man gemeinhin dicke Haut nennt, die ihnen abverlangt wird.

Dass Politiker und natürlich auch Politikerinnen, man denke nur an die Kanzleramtsministerin, oft nachgerade als Freiwild gesehen werden, an dem man sein Mütchen kühlen kann und wo keinerlei Anstandsregeln gelten, ist das eine. Das wird auch immer wieder thematisiert. "Politikerinnen und Politiker müssen mehr, aber nicht alles ertragen", heißt es dann. Sie müssten auch einstecken können. Zumal auch die Politiker und Politikerinnen keine Unschuldslämmer sind.

Von der anderen Seite, die sich so ungeniert über Social Media und meist im Schutz der Anonymität Luft macht über ihren Unmut mit der Politik, ist hingegen kaum die Rede. Wer sind diese Menschen, für die Politikerinnen und Politiker Freiwild sind und die sich da so hemmungslos und weit jenseits der Grenzen jeglichen Anstands äußern? Was bewegt sie? Was geht in ihnen um? Und was treibt sie an? Und wozu sind sie fähig, wenn sie losgelassen sind?

Man mag gar nicht dran denken, dass der, der da beim Warten an der Ampel im Auto daneben ein Loch in die Luft starrt, so einer ist. Oder die, die vor einem an der Supermarktkassa in ihrem Geldbörsel kramt. Wer sind die neben uns? In welchem Umfeld leben die? Wie ticken die? Und was tickt in ihnen? Alles nur Fassade möglicherweise?

Man mag sich das gar nicht vorstellen. Man könnte schnell Angst kriegen. Zumal, weil es scheint, dass die Stimmung im Land tatsächlich immer schriller wird, immer erbarmungsloser, immer ungnädiger. Dass es kein Verständnis mehr gibt für andere Meinungen und Haltungen. Auch gar kein Bemühen darum. Niemand fragt mehr, niemand hinterfragt, niemand will dem anderen zuhören oder gar versuchen ihn oder sie zu verstehen. Nur mehr schwarz und weiß, nur mehr Gut und Böse. Aber nichts mehr dazwischen. Nur mehr -man verzeihe -"Trotteln" und "Deppen", ganz gleich auf welcher Seite man steht. Für die auf der anderen Seite scheint das immer öfter zu gelten.

Viele Menschen in diesem Land scheinen jedes Maß verloren zu haben. Hemmungen gibt es oft keine mehr. Und kaum jemand, der dagegen auftritt. Selbst Gerichte geben Hasspostern recht, wie vor wenigen Monaten einem Gaza-Aktivisten, der die Außenministerin beflegelte.

Eher fassungslos fragt man, wann ist das passiert und wie bekommt man das wieder in den Griff oder zumindest auf ein erträgliches und verträgliches Niveau zurück?Die Aussichten dafür sind wohl eher schlecht. Zu bremsen mag und vermag das offenbar und offensichtlich niemand mehr.

Die Politik und die Medien spielen inzwischen damit. Angreifen will das Thema niemand. Man könnte es sich ja mit den Leuten vertun. Und das will schon gar niemand.

Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 27. August 2026

Donnerstag, 13. August 2026

Hilf dir selbst, sonst hilft dir keiner

Hitze, Hitze, Hitze. Und dann bleibt etwas hängen, das einen staunen und wundern lässt. Und nachdenklich macht. In Graz war in einem alten ORF-Beitrag zu sehen, der in der Social Media-Flut aufpoppte, war man regelrecht aus dem Häuschen, als man den heißesten Sommertag 1989 feierte - mit 31 Grad. Und aus Linz wurde wenige Jahre zuvor aufgeregt gemeldet, dass "an fast allen Tagen dieser Woche" die 30 Grad-Grenze überschritten worden sei. "Die Hitze steuerte dazu bei, dass viele Linzer aus den Kleidern und manche sogar aus der Haut fahren wollten." 

Und das ist keine vierzig Jahre her. 30 Grad als Rekordtemperatur im Sommer. Wie gerne hätten wir die heute, wo uns seit Wochen Temperaturen um die 40 Grad quälen. Mit allen Folgen. Brunnen vertrocknen und Bäche auch. Felder und Wiesen sind dürr und braun. Bauern geht das Futter für die Tiere aus. Selbst für die Wirtschaft und die Stromversorgung ist die Hitze längst zur Gefahr geworden. Dabei waren wir immer so stolz drauf, das "Wasserschloss Europas" zu sein, mit Vorkommen an bestem Grund-und Quellwasser ohne Ende. 

Dass wir nun in solchen Kalamitäten stecken, konnte und wollte sich nie jemand vorstellen. Heute ist Österreich Hitzepol Europas. Und alle stöhnen. Mit Kälte können wir umgehen, mit Hitze nicht. Da müssen wir noch viel lernen. Im Streit um die große Klima-und Umweltpolitik, wo zweifellos die Zeit immer drängender wird, hat man darauf wohl vergessen. Schließlich soll und muss die Welt ja doch noch überleben, bis diese Maßnahmen greifen. 

Man reagiert aber, wie anders, sehr österreichisch. Aussitzen scheint allerorten die Devise zu sein. Nicht einmal ein Krisenprogramm gibt es, sieht man davon ab, dass vielerorts die Feuerwehren die Wasserversorgung von Haushalten übernommen haben. Aber sonst? Die Bauernvertreter wurden aus dem Urlaub aufgeschreckt und bemühen sich derzeit mehr schlecht als recht, den Bauern mit vagen Ankündigungen zur Seite zu stehen. Der Landwirtschafts-und Umweltminister wird neuerdings kaum mehr ohne das wenig schmeichelhafte Wort "unsichtbar" in den Medien genannt. Mehr als Verweise auf seit langem diskutierte Pläne wie das Klimagesetz, die Anpassung von Klimaschutzmaßnahmen oder dass man sich "bemühe", gibt es nicht. Aja -und im Ministerrat wurde vorige Woche ein Hitzeschutzplan verabschiedet. Heuer wird man davon wohl nichts mehr spüren. 

Schon gar nicht ist etwas von schnell wirksamen Maßnahmen zu sehen, die den Menschen in Städten, in Spitälern, in Altersheimen, in öffentlichen Verkehrsmitteln oder anderswo akut Linderung verschaffen. Nicht einmal für den Einbau von Klimaanlagen gibt es rasche Lösungen. Und wo sind in den Städten Angebote gegen die Hitze? Trinkwasserspender? Kühlsprinkler? Gar nicht zu reden von Sprinklerflächen, wie es sie in südlichen Ländern gibt. 

"Wird schon wieder kühler", scheint allerorten die Devise zu. Und "Hilf dir selbst, sonst hilft dir keiner", bleibt das Motto der Wahl. Da nimmt nicht wunder, dass dieser Tage eine besorgte Tochter in Wien ihre hochbetagte Mutter in ein anderes Spital verlegen ließ, weil es im Zimmer 39 Grad hatte. 

"Die Politik unternahm kaum Anstalten, um das Land und seine Wirtschaft nachhaltig in eine klimafreundliche Zukunft zu steuern", ätzt der deutsche "Spiegel". Dass sich das ändern muss, zeigte dieser Sommer. Die Themen und Probleme werden immer drückender. Eines von vielen ist der Arbeitsschutz bei Hitze. Verfolgt man die Diskussion darüber, könnte man glatt auf die Idee kommen, dass Unternehmen in Zukunft möglicherweise ihr Personal, so wie im Winter auch, immer im Sommer beim Arbeitsamt parken, weil es keine Lösungen gibt. Schulen, Spitäler und Altersheime sind sowieso Entwicklungsgebiet. Und was machen die Landwirtschaft und der Tourismus? 

Die Hitzewelle geht irgendwann zu Ende. Und damit steht zu befürchten, dass all die recht kriegen, die aufs "Aussitzen" gesetzt haben. Dann wird man wieder in die alten Muster zurückkehren. Und froh sein darüber. 

So wie man schon jetzt vielerorts froh zu sein scheint, dass man endlich ein Sommerthema hat, das das Hitzethema ablöst -nämlich, dass sich der Bundeskanzler mit seiner unseligen Formulierung zur Familienarbeit der Frauen in die Nesseln gesetzt hat. 

Die Diskussion über dieses Thema ist auch hitzig. Aber sie lenkt dennoch vom Hitzethema ab.

Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 13. August 2026

Montag, 10. August 2026

Wertvoll oder doch nur austauschbar?

Österreichs Landwirte scheuen weder Mühen noch Kosten, um sich von der ausländischen Konkurrenz abzuheben. Was sie scheinbar unterscheidet, sind aber teils nur Mythen.

Hans Gmeiner 

Österreichs Bauern halten sich gerne zugute, besonders gut und wertvoll zu produzieren. Dabei müssen sie aber immer wieder erkennen, dass es doch der Preis ist, der auf dem Markt zählt. Erst jüngst sorgte für Unmut, dass österreichische Markenmilch in Deutschland um 69 Cent verkauft wird. Warum man sich da an Haltungsvorschriften halten müsse, wozu die ganzen Dokumentationen und Kontrollen gut seien und warum die Gütesiegel, wenn die Milch so billig verramscht werde, hallte die Kritik aus der Branche.

Die Erklärung mag für die Bauern hart klingen, auch wenn sie sich schwertun, damit zurechtzukommen: „Es ist schlicht der Markt“, sagt Agrarexperte Franz Sinabell vom Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo). Dem Markt sind die Milchbauern ganz besonders stark ausgeliefert, erzeugen sie doch seit Jahren um gut 50 Prozent mehr, als in Österreich verbraucht wird.

Messbar sind Unterschiede oft nicht

„Die Landwirtschaft produziert ‚Commodities‘, also austauschbare Güter“, sagt Sinabell. Was messbare Eigenschaften, aber auch was Hygiene betreffe, werde in Österreich nicht anderes produziert als in anderen Ländern. „Wenn man zwei Gläser Milch nebeneinander hinstellt, merkt man den Unterschied nicht.“ Das sei bei Getreide nicht anders, nicht bei Fleisch und auch nicht bei Bioprodukten.

Das macht es für die heimischen Bauern wegen der im internationalen Vergleich geringen Betriebsgrößen und damit vergleichsweise hohen Kosten schwierig – trotz aller Ausgleichszahlungen. Denn die heimischen Ackerbauern und auch die Tierhalter produzieren um keinen Deut anders als die Bauern in Norddeutschland und anderswo in Europa. Die Größenordnungen sind allenfalls anders, die Technik, die man einsetzt, die Produktionsverfahren aber sind es nicht. Auch, wenn es da und dort Schlampereien geben mag. Und weil die Vorschriften und Auflagen in den vergangenen Jahren überall in der EU strenger wurden, tun sich die heimischen Bauern immer schwerer, sich auf dem Markt von der Konkurrenz abzuheben.

Franz Sinabell, Wifo-Agrarexperte Was sie sich zugutehalten, zählt gerade bei den Massengütern wie Milch, Getreide und auch Fleisch wenig. Selbst in Ländern wie Brasilien oder Argentinien sind die Produktionsstandards vor allem für international gehandelte Ware durchaus mit den europäischen zu vergleichen. Die Bauern übersehen meist, dass die Argumente für die besondere Qualität ihrer Produkte oft nicht viel mehr sind als „Mythen“, die der Realität kaum standhalten.

Der „bäuerliche Familienbetrieb“ etwa steht als Begriff im Landwirtschaftsgesetz, wird aber sonst nicht weiter definiert. Schon gar nicht ist er ein Qualitätsmerkmal, ist doch keine besondere Produktionsweise damit verbunden. Die Zahl der Mitarbeiter ist genauso wenig definiert wie die Größe des Tierbestandes, der Ackerflächen oder der Wälder. Die klassischen Bauernhöfe mit wenigen Hektar zählen genauso dazu wie die Güter von Adeligen und Industriellen mit Hunderten oder Tausenden von Hektar. „Die meisten Leute verbinden mit einem Familienbetrieb dennoch einen sorgsameren Umgang“, sagt Sinabell.

Geht es um Nähe, müssten Ostösterreicher in Ungarn einkaufen

Ähnlich gelagert ist die Sache mit der „Regionalität“. Regional einzukaufen, klingt gut. Was damit gemeint ist, ist freilich eher Geschmackssache. Denn auch „Regionalität“ ist nirgendwo definiert und schon gar nicht ist sie ein Qualitätsmerkmal. Nicht einmal um die Entfernung kann es immer gehen, sonst müssten sich viele in Ostösterreich mit Fleisch und Milch in Tschechien, der Slowakei oder Ungarn versorgen.

Da verspricht eine „Herkunftskennzeichnung“ schon mehr, muss sich aber den Hinweis gefallen lassen, dass Österreichs Bauern selbst zu einem guten Teil vom Export in andere Länder leben. Ganz abgesehen davon, dass auch hier gilt: Das ist kein Nachweis für eine besondere Qualität. Die Herkunftskennzeichnung funktioniert daher im Ausland oft besser als daheim. „Österreich gilt gerade in Deutschland viel“, betont Sinabell.

Aber auch der „Selbstversorgungsgrad“ und die „Ernährungssicherheit“ erweisen sich oft als Mythen, wenn man die Bedeutung der heimischen Landwirtschaft betonen will. In wichtigen Bereichen wie Obst, Gemüse und selbst Geflügel ist man auf Importe angewiesen. Bei Treibstoffen, aber auch Züchtungslizenzen, Saatgut oder Pflanzenschutzmitteln hängt die Landwirtschaft zuweilen völlig in der Luft.

Mitunter verbaut man sich auch selbst den Weg. Für Sinabell sitzen die Bauern mit ihrer ablehnenden Haltung gegenüber gentechnischen Verfahren selbst einem Mythos auf. Für ihn ist das nicht nachvollziehbar. „Dabei wäre es in Zukunft sicher von Vorteil, etwa dürreresistente Sorten, solche mit sichereren Erträgen oder verbesserter Pilzresistenz zu haben.“

Dennoch gelingt es immer mehr Bauern, sich vom Auf und Ab der Märkte zu lösen. Viele gehen eigene Wege mit Spezialprodukten oder setzen auf die direkte Vermarktung. Als Musterbeispiel nennt Sinabell die Heumilchproduzenten, denen es seit Jahren gelingt, für ihre Milch mehr zu erlösen. 

Eine Erfolgsgarantie ist auch das nicht. Trotz deutlich höherer Haltungsstandards mit mehr Platz und Licht tun sich beispielsweise die heimischen Geflügelbauern schwer, ihre Ware zu höheren Preisen am Markt unterzubringen.

Und einem der vielen landwirtschaftlichen Mythen will Sinabell demnächst wissenschaftlich auf den Grund gehen. Die These, dass Männer auf Bauernhöfen besser wirtschaften als Frauen, „wollen wir uns anschauen“. Er habe Zweifel, dass das stimmt, „allein schon deswegen, weil Frauen bei Investitionen vorsichtiger sind und dem Glanz von Traktoren nicht so schnell erliegen“.

Salzburger Nachrichten - Wirtschaft, 10.August 2026

Donnerstag, 6. August 2026

Vertrocknete Erwartungen

Wegen der Trockenheit wurde in Österreich heuer deutlich weniger Getreide geerntet als im Vorjahr. Warum viele Bauern dennoch gelassen bleiben können.

Hans Gmeiner

Wien Manchmal ist Humor auch dort, wo man ihn gar nicht vermutet. Unter dem Titel „Zwischen Staub und Hoffnung“ zog am Mittwoch die Agrarmarkt Austria (AMA), die von nicht wenigen Landwirten als eher humorlose Bürokratenhochburg eingeschätzt wird, Bilanz über die heurige Ernte.

Die fiel mit insgesamt 2,5 Millionen Tonnen Getreide – ohne Mais, der noch vor der Ernte steht – zwar wie erwartet mit einem Minus von 19 Prozent deutlich schlechter aus als im Vorjahr. Eine Katastrophenernte aber war es nicht. Gegenüber dem langjährigen Durchschnitt gibt die AMA das Minus mit 14,4 Prozent an. Abgesehen davon gab es im Jahr 2003 – einem ähnlich trockenen Jahr wie heuer –, aber auch in den Jahren 2012 oder 2018 noch deutlich schlechtere Ernten bei Weizen und anderen Feldfrüchten.

Schlechte Ernte zeichnete sich schon im Herbst ab

Dass es heuer Probleme geben wird, zeichnete sich schon beim Anbau im vergangenen Herbst ab, der bereits zu trocken war. Auch im Winter fehlte es an Niederschlägen, im Frühjahr folgte in weiten Landesteilen eine lange Trockenperiode. „In der ersten Jahreshälfte gab es um 27 Prozent weniger Niederschläge als im langjährigen Mittel“, erklärte AMA-Chef Günter Griesmayr. „In einzelnen Landesteilen war es noch nie so trocken. Trotz der schlechten Ernte bräuchten die Konsumentinnen und Konsumenten keine Sorge zu haben. „Die Versorgung mit Brot und Backwaren ist komfortabel gesichert“, betont Griesmayr.

Die fehlenden Niederschläge und die wachsenden Probleme mit der Trockenheit sind für die Bauern schon seit einigen Jahren Thema. Viele reagieren darauf mit Umstellung der Fruchtfolge auf Früchte, die leichter mit trockenen Bedingungen zurechtkommen, und ändern die Technik der Bodenbearbeitung, um die Feuchtigkeit besser im Boden zu halten.

Zudem sichern sich die meisten Ackerbauern, aber auch viele Grünlandbauern gegen das wachsende Risiko seit Jahren mit einer Dürreversicherung ab, die von der Österreichischen Hagelversicherung angeboten wird. Eine solche Versicherung haben etwa in Oberösterreich heuer 85 Prozent der Ackerbauern und rund 60 Prozent der Grünlandbauern abgeschlossen. Laut Einschätzung der Hagelversicherung wird es heuer beim Großteil der Betriebe Auszahlungen für Dürreschäden geben, heißt es aus der Landwirtschaftskammer Oberösterreich. So wie es aussieht, sind auch bei den Früchten, die im Herbst zur Ernte anstehen, keine guten Ergebnisse mehr zu erwarten. „Der Trockenstress setzt derzeit allen Früchten zu, die noch auf den Feldern stehen“, sagt Lorenz Mayr, der oberste Bauernvertreter in der AMA. „Mais wird teilweise schon jetzt als Futter siliert, weil keine Kolben dran sind.“ Auch bei Soja sei nicht viel zu erwarten. Einzig bei den Zuckerrüben könnten Niederschläge noch etwas retten, ist man in Fachkreisen überzeugt.

Sorgen machen Mayr die Situation auf den Märkten und die hohen Produktionskosten. Ausgehend von einem Durchschnittsertrag bei Weizen von 4,9 Tonnen, Produktionskosten von 300 Euro je Tonne und einem Erlös von 200 Euro je Tonne „zahlen die Bauern logischerweise drauf“, sagt er. Bei durchschnittlichen Erträgen von acht Tonnen und mehr pro Hektar, wie sie auch heuer in den guten Produktionsgebieten geerntet wurden, schaut die Rechnung freilich anders aus, zumal auch die Qualität des Weizens außerordentlich gut ist. Der Druck ist dennoch auch dort beträchtlich, musste man doch mit deutlich gestiegenen Preisen für Dünger und Treibstoffe zurechtkommen, während sich die Preise für Weizen gegenüber dem Vorjahr nicht verändert haben.

Davon, dass die Preise an den internationalen Produktbörsen in den vergangenen Wochen zulegten, spürten die Bauern bisher nichts. Der österreichische Handel will den Landwirten dem Vernehmen nach einstweilen nicht mehr für ihre Ware zahlen, weil noch Weizen aus der Vorjahresernte lagert.

Unberechenbare Preisentwicklung

Für Unsicherheit sorgt auch die internationale politische Lage. Der Krieg Russlands gegen die Ukraine und der Konflikt der USA mit dem Iran sorgen für ein kaum berechenbares Auf und Ab der Preise. Dabei wären die Voraussetzungen für gute Preise nicht schlecht. Nicht nur in Österreich, auch in der EU insgesamt war die Getreideernte heuer nicht gut, auch in Osteuropa erntete man deutlich weniger. Die Importe aus der Ukraine, die wegen der Angriffe auf die Häfen kaum mehr Ware ins Ausland und nach Europa bringt, sind bereits deutlich zurückgegangen. Dafür baut Russland seine Position auf den internationalen Märkten aus. Auch weltweit dürften die Ernten heuer geringer als im Vorjahr ausfallen, während der Verbrauch weiter steigt. Dennoch beruhigt und betont AMA-Marktexperte Michael Meixner: „Die Versorgungslage ist stabil.“

Salzburger Nachrichten - Wirtschaft, 6. August 2026

Donnerstag, 30. Juli 2026

Ein hartleibiges Land

Man staunt nur mehr in diesen Wochen. Man wundert sich über die Hartleibigkeit der Institutionen, die in diesem Land das Sagen haben, und wie sich schwertun damit, von alten Unsitten zu lassen. Ein Wirtschaftskammerpräsident und ein Bürgermeister, die sich gegenseitig Posten und Geschäfte zuschieben, die ihnen Vorwürfe wie Nepotismus und Postenschacher, Freunderlwirtschaft, absolutistisches Gehabe einbringen. Zum Sittenbild gehören abfällige Zitate über Frauen, die gefallen sein sollen, aber auch Frauen, die das ihre dazu beitrugen und von denen kolportierte Äußerungen wie "Sie hat einen Befehl bekommen, sie hat salutiert und gesagt -okay, ich verzichte" als es um ein Amt ging, zeigen, wie sie mitspielten.

Dabei war der Fall Wöginger erst wenige Wochen zuvor in aller Munde und der Fall des ehemaligen ORF-Generaldirektors Weißmann, die ein Sittenbild der politischen Welt in diesem Land zeichneten, das zum Barmen ist.

Dabei dürfte es all diese Fälle, die in den vergangenen Wochen und Monaten das politische Leben im Land bestimmten und die Politik von der Arbeit abgehalten haben, längst nicht mehr geben, wenn man die politische Diskussion der letzten Jahrzehnte verfolgt hat. Was wurden in den vergangenen Jahren Gesetze umgeschrieben, Leitbilder und Richtlinien beschlossen, die genau das verhindern sollten, was wir heuer schon so oft erlebten.

Man kommt dennoch nur langsam voran mit diesen Bemühungen, viel zu langsam, wie es scheint. Wenn sie denn überhaupt ernst gemeint waren. Denn solche Fälle gibt es immer noch und überall. Da nutzen alle Gesetze nichts, wenn das Rückgrat und die Haltung fehlen und das Gespür - "ich habe nichts Unrechtes getan", sagt Ruck immer noch. Und es passt ins Bild, dass er Verständnis findet dafür.

Die Chuzpe ist beachtlich, die Ziele, die man verfolgt, sind nach wie vor oft unverschämt, und ein schlechtes Gewissen scheint man auch nicht zu haben, zählt man das, was jetzt wieder einmal so aufregt, doch vielerorts immer noch zum "guten" politischen Handwerk. Man ist nach wie vor ziemlich ungeniert, denkt, wird man ertappt, kaum je daran, von einem Amt zurückzutreten oder daran, ein Mandat zurückzulegen, selbst dann, wenn man aus der Partei ausgeschlossen wird oder wenn man gerichtlich verurteilt ist.

Wir haben in den vergangenen Wochen viel erlebt und gesehen. Der Eindruck, der hinterlassen wurde, war alles in allem verheerend. "Die Reihen dicht geschlossen halten", ist immer noch die Strategie der Wahl in solchen Fällen. "Pobacken zusammen und durch", gilt in den meisten Fällen immer noch als die beste Strategie. Und man muss sagen: sie funktioniert immer noch.

Dabei rütteln all diese Fälle längst an den Grundfesten des Staates. Nicht nur an denen der Parteien, sondern auch an denen der Kammern. Die ÖVP und die SPÖ sind dabei, mit ihrer Nibelungentreue politischen Selbstmord zu begehen. Auch wenn die ÖVP mit dem Ausschluss Rucks für ihre Verhältnisse sehr rasch reagierte, bleibt Ruck in der VP-Welt fest verankert. Immer noch ist er Präsident der tiefschwarzen Wirtschaftskammer mit einem beachtlichen Freundes-und Unterstützerkreis in seiner nunmehr ehemaligen Partei. Das macht ihn auch für die ohnehin angeschlagene Interessenvertretung zu einem Problem.

Auch wenn man so tut, als wäre nichts, ist der Fall Ruck längst auch für den Wiener Bürgermeister Ludwig zum Problem geworden und für die Bundes-SPÖ, die bisher den Kopf in den Sand steckte und so tut, als hätte man mit allem nichts zu tun.

Wem man damit in die Hände spielt, braucht nicht extra erwähnt zu werden. "Kickl reibt sich die Hände", heißt es allerorten, ist doch, was wir rund um Ruck und Freunderlwirtschaft erleben, nicht das Einzige, was zu dem zählt, was es längst nicht mehr geben dürfte. Denn in anderen Bereichen ist es nicht anders. Da ist man etwa gerade in Oberösterreich dabei, eine Altreifen-Deponie, mit der ein wifer Unternehmer vor Jahrzehnten Millionen machte, einfach zuzuschütten um sich die Sanierungskosten, auf denen das Land sitzenblieb, zu ersparen.

Auch das zeigt -wir haben einen langen Weg vor uns, den wir eigentlich gar nicht mehr haben sollten angesichts der Versprechungen und Erklärungen, die wir immer zu hören bekamen.

Nicht zuletzt deshalb sprechen in diesen Wochen viele von einem Kollateralschaden für die Politik und hören schon die Totenglocken für die Koalition läuten, zumal auch die NEOS angeschlagen sind. Wir werden sehen, ob sie recht bekommen.

Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 30. Juli 2026

Mittwoch, 29. Juli 2026

Gurkerl vom Ganges

Dass immer mehr Essiggurkerl aus Russland, aber auch aus Indien auf dem Jausentisch landen, stößt den heimischen Gemüsebauern sauer auf.

Hans Gmeiner

Hartkirchen. Sie mögen „Turşu“, „Solonyy ogurets“ oder auch „Khatta Kheerte Ka Achar“? Am liebsten in einer Wurstsemmel oder zur Jause? Kennen Sie nicht? Jede Wette, dass Sie sie kennen und mit hoher Wahrscheinlichkeit auch schon gegessen haben. So heißen Essiggurkerl in der Türkei, in Russland und in Indien.

Aus diesen Ländern kommt inzwischen ein guter Teil dieses Kleinods der österreichischen Esskultur. Auf vielen Gurkerlgläsern steht nichts davon. Und das stößt den verbliebenen heimischen Gurkerlbauern sauer auf. Wie in vielen anderen Bereichen der Landwirtschaft müssen sie hilflos zuschauen, wie den Konsumenten in Handelsregalen ohne viel Kennzeichnung Waren aus fernen Ländern untergejubelt werden, während sie ihre Anbaufläche Jahr für Jahr reduzieren oder gar aus der Produktion aussteigen müssen, die für sie oft über Jahrzehnte wichtiges Einkommensstandbein war.

„Ein Viertel enthält Gurken aus Indien“

Laut gemeinsamen Erhebungen der Organisation Wirtschaften am Land, der Landwirtschaftskammer Oberösterreich und von Efko, dem größten heimischen Sauergemüsehersteller, ist bei rund zwei Dritteln der Essiggurkenprodukte in den heimischen Regalen die Herkunft nicht erkennbar. Besonders intransparent ist die Situation bei den Eigenmarken des Handels. Dort fehlt bei 80 Prozent der Produkte die Herkunftsangabe vollständig. „Ein Viertel enthält Gurken aus Indien, nur fünf von 40 Gurkengläsern enthalten Gurkerl österreichischer Herkunft“, beklagt man.

Das Interesse des Handels, die Herkunft offenzulegen und zu kennzeichnen, ist denkbar gering. „Auf Nachfrage von uns wurden zwar Informationen übermittelt“, sagt Robert Pichler, Obmann von Wirtschaften am Land. „Zum Teil wurden aber Listen mit bis zu 15 möglichen Herkunftsländern, von Serbien über Bosnien-Herzegowina, Russland bis hin zu Indien, genannt.“ Nachvollziehbarkeit des Produktionsprozesses, Dokumentationen oder Rückverfolgbarkeit, alles Dinge, auf die bei der heimischen Produktion größter Wert gelegt werde, spielten dort offenbar keine Rolle, kritisiert Pichler.

Nur noch jedes zweite Gurkerl ist aus Österreich

Der Marktanteil heimischer Essiggurkenprodukte in den Supermärkten beträgt mittlerweile nur mehr 50 Prozent. Vor 30 Jahren waren es noch mehr als 80 Prozent. Heute kommen viele Gurkerl aus Polen, aber auch aus Nicht-EU-Ländern wie der Türkei oder Russland. Besonders stark wächst seit geraumer Zeit der Anteil von Essiggurkerln, die aus Indien über mehr als 6000 Kilometer nach Österreich geliefert werden. Dem Vernehmen nach hat eine große heimische Handelskette, die, wie alle anderen auch, gerne mit Nachhaltigkeit, kleinem ökologischem Fußabdruck und der Treue zur heimischen Landwirtschaft wirbt, seine Einkäufer sogar angewiesen, Gurkerl und Gurkerlprodukte nur mehr von dort einzukaufen.

In Oberösterreich werden seit 200 Jahren Gurkerl erzeugt

Da nimmt es nicht wunder, dass sich die Lage des Gurkerlanbaus in Österreich in den vergangenen Jahren zugespitzt hat. In Oberösterreich, wo seit mehr als 200 Jahren Gurkerl erzeugt werden, produzieren nur mehr zwölf Bauern die so beliebte Gemüsesorte. Sie sind nach Einschätzung der Branchenvertreter ein Beispiel dafür, wohin gedankenloses Einkaufen, Preisdruck vom Handel, übertriebene Vorschriften, aber auch Strategien, die die Herkunft verschleiern, führen können. Auch die Politik wird in die Pflicht genommen. Seit Jahren kritisieren die Gemüsebauern die hohen Lohnkosten und das unflexible Entlohnungssystem für Saisonarbeit – ohne jedes Echo und ohne jeden Erfolg. „Dadurch, aber auch wegen des bei uns besonders strengen Pflanzenschutzes, haben wir gegenüber anderen Ländern, auch in der EU, einen Wettbewerbsnachteil“, sagt Franz Waldenberger, Präsident der Landwirtschaftskammer Oberösterreich, und hofft, dass nicht nur die Gurkerl-, sondern die Gemüsebauern insgesamt auf mehr Verständnis für ihre Sorgen und Warnungen stoßen.„Es geht nicht nur um die Landwirtschaft“

Für die Bauern geht es um viel. „Aber es geht nicht nur um die Landwirtschaft“, sagt Efko-Chef Thomas Krahofer. „Es geht auch um die Zukunft der Lebensmittelproduktion, um Arbeitsplätze, um regionale Wertschöpfung, um die Erhaltung der Kulturlandschaft und natürlich auch um die Versorgungssicherheit.“ Was wäre zu tun? „Die Politik sollte die nötigen Rahmenbedingungen schaffen, der Handel sollte für Transparenz sorgen, damit die Herkunft sichtbar wird, und der Konsument sollte zu österreichischer Ware greifen.“

Salzburger Nachrichten - Wirtschaft, 29. Juli 2026

 
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