
Er nannte sich "Fritz Berg" und trat mit einem gefälschten Spiegel-Cover mit dem Titel "Die gefährlichste Frau Österreichs" auf X eine beispiellose Hassorgie gegen unsere Außenministerin los. Sein Posting "Sogar der deutsche Spiegel warnt schon vor diesem niederträchtigen Individuum" war nur der Anfang. Dutzende Postings von X-Usern folgten, die Beate Meinl-Reisinger durch den Dreck zogen und alles Mögliche nannten. "Beate Häusl-Reiniger" zählte dabei noch zu den "geringeren" Verunglimpfungen. Zwei Tage später waren die Hasspostings und auch der Eintrag von "Fritz Berg" nicht mehr zu finden.
Im Vergleich dazu kam der Vizekanzler des Landes in der vorigen Woche glimpflich davon, als er sich zur Einigung über das Klimaschutzgesetz äußerte. "Vom Babler hör ich nur blabla" postete ein "dominik.v.H.","Ich will nicht von einem Clown wie ihnen vertreten werden" ein gewisser "Bob Shelton" oder schlicht "Der nächste sinnlose Schei einer sinnlosen regierung" von einem "Adrian Vollmann"."Schei " natürlich ausgeschrieben.
Der Landwirtschafts-und Klimaminister, der im Streit um die Dürreentschädigung von allen Seiten attackiert wurde, wurde vergleichsweise gnädig behandelt. Zu lachen hatte freilich auch er nichts, als die "Tagespresse" mit ihm Geld und Klicks zu machen versuchte. "Schnelle Hilfe nach Ernteausfällen -Fasten-Tipps von Norbert Totschnig" hieß es da, "Vorbild Saddam Hussein: Totschnig versteckt sich seit Wochen in einem Erdloch" oder schlicht "Vermisst -Klimaminister Norbert Totschnig seit 2022 spurlos verschwunden. Politisch kleinwüchsig, völlig unauffällig. Hinweise erbeten!"
Als Politiker muss man viel aushalten. Keine Frage. Es ist wohl das, was man gemeinhin dicke Haut nennt, die ihnen abverlangt wird.
Dass Politiker und natürlich auch Politikerinnen, man denke nur an die Kanzleramtsministerin, oft nachgerade als Freiwild gesehen werden, an dem man sein Mütchen kühlen kann und wo keinerlei Anstandsregeln gelten, ist das eine. Das wird auch immer wieder thematisiert. "Politikerinnen und Politiker müssen mehr, aber nicht alles ertragen", heißt es dann. Sie müssten auch einstecken können. Zumal auch die Politiker und Politikerinnen keine Unschuldslämmer sind.
Von der anderen Seite, die sich so ungeniert über Social Media und meist im Schutz der Anonymität Luft macht über ihren Unmut mit der Politik, ist hingegen kaum die Rede. Wer sind diese Menschen, für die Politikerinnen und Politiker Freiwild sind und die sich da so hemmungslos und weit jenseits der Grenzen jeglichen Anstands äußern? Was bewegt sie? Was geht in ihnen um? Und was treibt sie an? Und wozu sind sie fähig, wenn sie losgelassen sind?
Man mag gar nicht dran denken, dass der, der da beim Warten an der Ampel im Auto daneben ein Loch in die Luft starrt, so einer ist. Oder die, die vor einem an der Supermarktkassa in ihrem Geldbörsel kramt. Wer sind die neben uns? In welchem Umfeld leben die? Wie ticken die? Und was tickt in ihnen? Alles nur Fassade möglicherweise?
Man mag sich das gar nicht vorstellen. Man könnte schnell Angst kriegen. Zumal, weil es scheint, dass die Stimmung im Land tatsächlich immer schriller wird, immer erbarmungsloser, immer ungnädiger. Dass es kein Verständnis mehr gibt für andere Meinungen und Haltungen. Auch gar kein Bemühen darum. Niemand fragt mehr, niemand hinterfragt, niemand will dem anderen zuhören oder gar versuchen ihn oder sie zu verstehen. Nur mehr schwarz und weiß, nur mehr Gut und Böse. Aber nichts mehr dazwischen. Nur mehr -man verzeihe -"Trotteln" und "Deppen", ganz gleich auf welcher Seite man steht. Für die auf der anderen Seite scheint das immer öfter zu gelten.
Viele Menschen in diesem Land scheinen jedes Maß verloren zu haben. Hemmungen gibt es oft keine mehr. Und kaum jemand, der dagegen auftritt. Selbst Gerichte geben Hasspostern recht, wie vor wenigen Monaten einem Gaza-Aktivisten, der die Außenministerin beflegelte.
Eher fassungslos fragt man, wann ist das passiert und wie bekommt man das wieder in den Griff oder zumindest auf ein erträgliches und verträgliches Niveau zurück?Die Aussichten dafür sind wohl eher schlecht. Zu bremsen mag und vermag das offenbar und offensichtlich niemand mehr.
Die Politik und die Medien spielen inzwischen damit. Angreifen will das Thema niemand. Man könnte es sich ja mit den Leuten vertun. Und das will schon gar niemand.
Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 27. August 2026
