Montag, 21. September 2026

Die „Eiermacher“ machen alles rund ums Ei

Wie findige Landwirte aus einem Geflügelbetrieb einen Marktführer bei Bioeiern und der Aufzucht von Biomastküken machten.


KREMSMÜNSTER. Bauern, die abseits von städtischen Einzugsgebieten und agrarischen Gunstlagen ihre Höfe bewirtschaften, sind oft besonders kreativ. Weitab der Märkte will man sich nicht auf Großabnehmer oder die Politik verlassen, sondern ergreift selbst die Initiative. Beispiele dafür gibt es im ganzen Land. Neben den großen Genossenschaften wie Molkereien oder Lagerhäusern, die schon vor Jahrzehnten entstanden, zeugen heute findige Direktvermarkter vom Unternehmergeist der Bauern.

Landwirte verbreitern ihre Produktpalette

Die Bandbreite der gelungenen Gründungen reicht von bäuerlichen Initiativen wie „Waldland“ im niederösterreichischen Waldviertel über Landwirte, die gemeinsam die besonders hochwertige A2-Milch erzeugen, bis zu den vielen Fernheizwerken, die abseits der Zentralräume eine nicht unbedeutende Rolle in der Energieversorgung spielen.

Zu den erfolgreichsten dieser Bauern-Unternehmen zählt die Eiermacher GmbH im oberösterreichischen Kremsmünster. Vor vierzig Jahren als Geflügel GmbH gegründet, gehört die Gesellschaft heute 34 Bauern aus dem Kremstal, erzielt einen Jahresumsatz von 113 Millionen Euro, der heuer auf 120 Millionen wachsen soll, und beschäftigt 190 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Starker Fokus auf Bioprodukte

Für rund 330 Bauern, die mittlerweile aus ganz Österreich zuliefern und mit Jungtieren beliefert werden, spielt man in der Produktion und Vermarktung eine wichtige Rolle. „Die Produktion von Eiern und Eierprodukten, Küken und Junghennen und von Geflügelfleisch von Hähnen und Enten sind unsere Unternehmenssäulen“, sagt Geschäftsführer und Landwirt Manfred Söllradl, der rund 30 Prozent der Geschäftsanteile hält.

Eiermacher ist heute in vielen Sparten des Geschäftes rund um Geflügel Marktführer. „Bei allem, was mit Bioei zu tun hat, halten wir einen Marktanteil von 50 Prozent“, sagt Söllradl. „Bei Biomastküken geht unser Marktanteil in Richtung 90 Prozent und auch bei Junghennen sind wir sehr stark.“

Jährlich werden nicht weniger als 190 Millionen Eier, die von 186 landwirtschaftlichen Betrieben geliefert werden, vermarktet. Rund zwei Drittel davon sind Eier aus biologischer Produktion. Hubers Landhendl und Wech, die beiden größten Geflügelmäster in Österreich, sind wichtige Partner. „Die Brüterei zählt zu den größten Europas“, sagt Söllradl.

Auch männliche Küken werden gemästet

Rund 60 Prozent des Umsatzes macht Eiermacher heute mit Bioprodukten. Das Unternehmen ist Packstelle und Lieferant der meisten Bioeier, die im Handel unter Marken wie Ja! Natürlich oder Tonis Freilandeier von den großen Handelsketten verkauft werden. „Biohaltung und Tierwohl sind uns seit jeher ein Anliegen“, sagt Söllradl. Das Unternehmen setzte vor zehn Jahren mit dem Projekt Bruderhahn neue Maßstäbe. Söllradl: „Das war damals einzigartig in Europa.“ Die männlichen Küken aus der Kükenproduktion werden seither, wie bis dahin üblich, nicht mehr sofort getötet, sondern gemästet wie die Masthühner auch.

Mit diesem Projekt fasste Eiermacher auch in der Fleischproduktion Fuß. In Nußbach bei Kirchdorf wurde ein Schlachthof gebaut. Von da war es zum nächsten Schritt, auf den Söllradl besonders stolz ist, nicht mehr weit. „Wir wollten die Ente in Österreich wieder heimisch machen.“ Der Erfolg blieb nicht aus. „Begonnen haben wir mit einem Eigenversorgungsanteil von vier Prozent in Österreich, heute liegen wir bei 25 Prozent.“

Zum Huhn gesellte sich die Ente

Die Fleischproduktion ist mittlerweile ein wichtiges Umsatzstandbein. Fertig-Burger und Sous-Vide-Produkte sind längst wichtige Sparten. „Der Markt wächst speziell im Bereich artgerechte Tierhaltung und Bio“, meint Söllradl. „Die Aussichten sind gut.“ Diesen Trend will man nutzen. „Wir wollen mit den Kunden mitwachsen.“ Die Verarbeitungskapazitäten sollen verdoppelt werden, dazu soll ein neues Tiefkühllager kommen.

Auch die Bauern kommen angesichts der Schwierigkeiten auf anderen Märkten auf den Geschmack. „Das Interesse, wieder im Geflügelbereich zu investieren, ist groß“, beobachtet Söllradl. „Es sind jetzt mehr Anfragen da, als wir aufnehmen können.“ Vor allem Ackerbauern zeigten Interesse. „Wir haben heuer schon Beratungsgespräche gehabt und es kommen wirklich einige dazu, die mit Hühnerhaltung anfangen.“

Salzburger Nachrichten - Wirtschaft, 20. September 2026

Donnerstag, 17. September 2026

Vor einer Zeit der "Superdummheit"?

Die jüngste PISA-Studie sorgte wieder für Schlagzeilen. Sie bestätigt die Hilflosigkeit der Bildungspolitik. Österreichs Schüler können immer schlechter lesen und rechnen. Leistungsbereitschaft und Wissensdurst der Schüler sind gesunken. Der Anteil der Jugendlichen, die das Lernen neuer Dinge langweilig finden, ist gestiegen. Und als ob das noch nicht genug wäre -ein Viertel der Schülerinnen und Schüler empfindet Schule als Zeitverschwendung. Man glaubt auch um die Gründe zu wissen. Der hohe Anteil an Migranten in vielen Schulklassen gilt als einer, vor allem aber auch das Handy und Social Media. Und natürlich die Bildungspolitik selbst. Selbst das wenige Positive, das die Studie bei 15-bis 16-Jährigen in 90 Ländern brachte, ist nicht wirklich positiv. Österreichs PISA-Ergebnis liegt zwar erstmals über dem Durchschnitt der OECD-Länder - das aber nicht, weil die hiesigen Schüler besser geworden sind, sondern die Schüler in anderen Ländern noch schlechter. 

Kurzum - "Es geht bergab", wie es nicht nur der Kommentator in der "Presse", sondern auch die meisten anderen zusammenfassten. Die Bildungspolitik steckt in einem Loch und bringt nichts weiter, obwohl man den Handlungsbedarf kennt und von ihm zuweilen erdrückt wird. 

Und dieser Handlungsbedarf ist hoch. Sehr hoch. "Alle Welt schmiert bei PISA ab", schreibt die deutsche Wochenzeitung "Die Zeit" und fragt "Werden wir immer dümmer?". Diesen Verdacht hegen wohl nicht wenige schon länger, nun scheinen ihnen auch die Zahlen recht zu geben. Und die sind noch viel besorgniserregender als die PISA-Zahlen. Nahmen laut der Fachzeitschrift "Psychological Bulletin" im 20. Jahrhundert die IQ-Werte weltweit deutlich zu, so beobachtet man seit dem Beginn des 21. Jahrhunderts, dass diese Entwicklung zum Stillstand gekommen ist, wenn sie nicht gar eher ins Gegenteil geschlagen hat, schreibt "Die Zeit". Die Wissenschaft bringt das mit der Entwicklung und Verbreitung von Smartphones, mit Socia Media-Plattformen und mit den mit ihnen in die Welt gekommenen Like-Buttons in Zusammenhang. Dass das dem Lernen schadet, gilt als wissenschaftlich belegt. Studien zeigen immer wieder einen Zusammenhang zwischen einer frühen Social-Media-und Smartphone-Nutzung und schwächeren Schulleistungen und teilweise sogar einem verminderten Hirnvolumen -vor allem in den für das Lesen relevanten Hirnregionen. 

Dabei ist gerade das Lesen besonders relevant. Aber: es wird heute kaum mehr gelesen, anspruchsvolle Bücher verschwinden zusehends. Lasen 2003 noch 43 Prozent der Jugendlichen in Deutschland täglich Bücher, so waren es 2024 nur noch 17 Prozent. Bei uns wird es wohl kaum anders sein. Lange Texte, Bücher gar? Kann man auch in Auszügen lesen. Meist gilt ohnehin -was länger ist als eine WhatsApp-Mitteilung, wird kaum mehr gelesen. 

"Die Texte werden immer kürzer und simpler und sie führen zu einem simpleren Denken", heißt es. Es fehle an Leseerfahrung und es fehle schlicht an der nötigen Konzentration. Die Sprache verarme. "Gemma Billa" heißt es dann. Wissen und Kreativität leiden. Und jetzt breitet sich auch noch KI mit rasender Geschwindigkeit aus, die, wie ein Autor formulierte, "nun auch noch scheinbar kostenlos das Denken abnimmt". 

Die Folgen haben das Zeug, verheerend zu sein. Wenn sie es nicht schon sind. "Ein Szenario der Superdummheit entsteht", befürchten nicht wenige. Sie versuchen dem die "Superkraft des Lesens" entgegenzuhalten und verweisen darauf, dass Leser durch die Bank meist intelligenter sind. "Weniger lesen bedeutet, dass wir als Personen und Nationen dümmer werden." 

Das ist schlimm genug. Dabei sind die politischen und gesellschaftlichen Folgen und deren Relevanz für unser Leben noch gar nicht diskutiert worden. Wer nichts liest, weiß weniger. Der Diskurs verarmt. Während die eine Seite Wissen ausspielen und argumentieren kann, bleiben der anderen Seite nur Bauchgefühle, die nicht selten in einem undifferenzierten Schwarz-Weiß-Denken und Hassgefühlen münden. 

"Wer nichts weiß, muss alles glauben", heißt es nicht zu Unrecht. Und denen kann man alles erzählen. Die populistischen Parteien haben das längst erkannt. Und sie spielen auch damit und nutzen die Schieflage ganz gezielt. Und das, wie wir in diesen Jahren und Monaten erleben, sehr erfolgreich. So erfolgreich, dass sie dabei sind, Europa und unsere Zukunft auszuhebeln.

Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 17. September 2026

Donnerstag, 10. September 2026

"Zukunftsfroh" als allerletztes Aufgebot



Seit dem Sommergespräch des Bundeskanzlers im ORF mit Simone Stribl vorige Woche gibt es in der politischen Welt Österreichs einen neuen Begriff -"Zukunftsfroh". So sollen wir in die nächsten Wochen, Monate und Jahre gehen. Kein ÖVP-Politiker, respektive keine ÖVP-Politikerin, die seither dieses Wort nicht in einem öffentlichen Statement unterbringt. Soll keiner sagen, der Kanzler habe seine Partei nicht in der Hand. 

Dem Autor dieser Zeilen war dieses Wort, er gibt es unumwunden zu, nicht geläufig. Dass wir optimistisch sein sollen - ja. Auch dass wir zuversichtlich sein sollen - ja. Aber "zukunftsfroh"? Das ist neu. Es steht, mit Verlaub, irgendwie im Geschmack, dass es gesucht wurde, weil die anderen Begriffe schon abgenutzt sind. Ob es besser ist, muss sich wohl erst weisen, sei aber zu bezweifeln. 

"Zukunftsfroh" hat etwas von Worten wie "Jahresendzeitfiguren" oder "Sättigungsbeilage", mit denen weiland in der Deutschen Demokratischen Republik Christbaumschmuck und die großen Erdäpfel-und Gemüseportionen, die die kleinen Fleisch-und Fischportionen aufpeppen sollten, genannt wurden.  

Aber sei's drum - "zukunftsfroh" also sollen wir werden. Und Kanzler Stocker lieferte gleich etwas zum Üben dazu: Das "Zukunftsdepot", ein staatlich gefördertes, spesen-und steuerfreies Wertpapierdepot für Jugendliche und den "Zukunftsfonds", einen staatlichen Milliardenfonds, der durch Investitionen am Kapitalmarkt unser Pensionssystem langfristig absichern soll.

Nun, ob wir damit "zukunftsfroh" werden, muss sich erst weisen. Stockers Ideen wurden nicht überall mit Freude aufgenommen. Rasch wie immer wurden seine Pläne durch den innenpolitischen Wolf gedreht und kamen ziemlich ramponiert wieder heraus. Aber seien wir "zukunftsfroh", dass das doch so wird, wie es der Kanzler will. 

Die Feuertaufe hat das neue Schlagwort also nur mit Blessuren überstanden. Und es ist nicht wirklich klar, was wir damit anfangen sollen. Was ist "zukunftsfroh" und was heißt es? Soll man sich nun auf die Zukunft freuen, fragt man sich und noch viel mehr fragt man sich, auf welche? 

Einfach ist das nicht bei dem, was wir alles am Hals haben und was rund um uns passiert. Und auch für den Kanzler ist das nicht einfach, ist doch selbst bei ihm nicht klar, ob er der Zukunft froh wird, wenn man die Schlagzeilen und Analysen der vergangenen Wochen verfolgt, die immer lauter von einer Regierungskrise reden, die nicht mehr weit sei. 

Aber das sind wohl Petitessen gegen all das, was es uns allen so schwer macht, "zukunftsfroh" zu sein. Wir haben einen Krieg vor der Haustür, der immer größere Dimensionen annimmt. Während wir den Kopf in den Sand zu stecken versuchen, sagt inzwischen sogar der deutsche Bundeskanzler: "Wir sind nicht mehr im Frieden." Die Drohnen auf dem Flughafen in Leipzig, die Attacken auf die Umspannwerke haben nicht nur Deutschland erschüttert. Auch wir sind längst mit dabei, man denke nur an die Drohnen über der Schwarzenbergkaserne in Salzburg, der größten Kaserne Österreichs. 

Da "zukunftsfroh" zu sein, fällt schwer, zumal man keine wirklichen Ideen zu erkennen sind, das Heft des Handelns in die Hand zu kriegen. Nicht gegenüber dem Herrn im Kreml und auch nicht wirklich gegen den Präsidenten im Weißen Haus. Und in der Innenpolitik auch nicht so recht.

Es ist nicht alleine das. Wir haben gerade den heißesten Sommer der Geschichte hinter uns. Wie nie zuvor bekamen wir die Klimakrise zu spüren. Da soll man "zukunftsfroh" sein? Auf welche Zukunft soll man sich da freuen, zumal man ohne Rezepte dasteht und eher das Gefühl hat, dass man aufgegeben hat, sich dagegen zu stemmen? Gar nicht zu reden davon, dass es kaum Konzepte gibt, die praktikabel und wirksam gleichzeitig sind. 

Und am vergangenen Sonntag hat die rechtsradikale AfD, deren Vorbild in vielen Belangen unsere FPÖ ist, in Sachsen-Anhalt einen Sieg errungen, der nicht nur Deutschland erschüttert. Demnächst wählt Frankreich. Dort soll Marine Le Pen ans Ruder kommen. "Wenn das Wirklichkeit wird, könnte das zu Bruch und Ende des gemeinsamen Europas führen", befürchten nicht wenige. 

Und wir haben noch unseren Volkskanzler, der wohl kaum mehr zu verhindern ist. Auch nicht vom derzeitigen Kanzler. Und auch nicht, wenn er und wir noch so "zukunftsfroh" sind. 

Da klingt "zukunftsfroh" nach allerletztem Aufgebot. Noch dazu nach so vielen VP-Regierungsjahren. Da braucht es Anderes, Konkretes, Greifbares. Davon freilich ist kaum etwas in Sicht.

Meine Meinung- Raiffeisenzeitung, 10. September 2026

Dienstag, 8. September 2026

Bauern eingezwickt in der Kostenschere


Die Preise auf den Agrarmärkten, die zuletzt stark anstiegen, werden wieder sinken. Betriebsmittel für die Landwirtschaft würden hingegen auf Dauer nicht billiger, sagt Marktexperte Fritz Gattermayer überzeugt.
Hans Gmeiner

SN: Im Juni wurde die Preistalfahrt bei Weizen und Mais beklagt. Jetzt steigen seit Wochen die Preise. Wiederholt sich 2022/2023?

Fritz Gattermayer: 2022 war es der russische Überfall auf die Ukraine, weshalb die Weizen- und Maismengen aus der Ukraine nicht herauskamen und die Preise explodierten. Damals gab es ein Mengenproblem, heute haben wir zusätzlich ein Verfügbarkeits-, Logistik-, Energie- und Dürrerisiko. Die Sperre der Schwarzmeerhäfen sorgt nicht nur auf ukrainischer, sondern auch auf russischer Seite für Unruhe auf den Märkten. Zudem ist die Straße von Hormus wegen des Iran-Kriegs zu. Seit 2023 wurde aus einem relativ effizienten Weltagrarmarkt ein Markt, in dem Häfen, Transportwege, Herkunft, Versicherungen und politische Beziehungen stärker zählen. Die Fragen lauten: Gibt es Sanktionen? Ist der Hafen offen? Welche Route ist verfügbar? Kann ein Schiff versichert werden? Das treibt die Preise.

SN: Welche Rolle spielt die Trockenheit? Große Produzenten wie Frankreich melden schlechte Ernten, Ungarn, das in guten Jahren 15 Millionen Tonnen Mais exportierte, ist Importeur.

Es gibt aktuell vier Gründe für den Preisanstieg: Wetter, Konflikt in der Schwarzmeerregion und im Iran, Energiepreise und Erwartungen. In unserer Region ist die Trockenheit für den Preisanstieg vor allem bei Mais und abgeschwächt bei Weizen entscheidend. Vor allem in Ungarn fehlt den großen Stärke- und Ethanolverarbeitern die Ware. Weltweit gilt das nicht. Bei rund 1,3 Milliarden Tonnen globaler Maisernte sind die fehlenden rund 30 Millionen Tonnen in der EU (statt 70 Millionen Tonnen) kein bestimmender Faktor, denn Agrarmärkte handeln nicht nur heutige Mengen, sondern vor allem auch zukünftige Risiken.

SN: Hätte man diese heftigen Folgen abfedern können?

Viele Bauern, aber auch die Großhändler, haben schon Anfang Juli verkauft und die Trockenheit, die sich damals bereits abgezeichnet hat, nicht in ihr Kalkül miteinbezogen. Die Lagerbestände waren aufgrund der großen Ernte 2025 sehr hoch. Natürlich braucht es Glück und Sensibilität – aber eben auch die richtigen Einschätzungen beziehungsweise Reaktionen.

SN: Ist noch ein weiterer Anstieg der Preise zu erwarten?

Der Weltmarkt für Weizen ist einigermaßen gut versorgt. Es sind auch keine Versorgungsmängel in Nordafrika wie vor drei Jahren zu erwarten. Bei Mais ist China als Nachfrager entscheidend. China hat einen hohen Bedarf an Mais für Tierfutter, Zitronensäure, Maisstärke und andere Zwecke. Heuer gab es im Frühjahr Anzeichen, dass China weniger importieren wird. Jetzt gab es aber auch dort die ersten Trockenheitsphasen und damit kann es sein, dass China in den nächsten Wochen verstärkt importieren könnte. Dann könnten die Maispreise noch einmal steigen.

SN: Wie wirken sich die hohen Preise auf andere Agrarmärkte aus? Auf den Milchmarkt, auf die Fleischmärkte?

Auf die Bauern, die selbst unter den schlechten Ernten etwa bei Heu leiden, kommen jetzt zusätzliche, nicht geplante hohe Futterkosten hinzu. Es wird versucht, Heu durch Mais zu ersetzen und Mais durch Weizen. In Oberösterreich wurden schon mehr als 10.000 Hektar Mais als Futter eingehäckselt. Die Tierhalter spüren unmittelbar die höheren Futterkosten. Im Rinderbereich ist das Thema, wie man das Vieh fütterungsmäßig überhaupt über den Winter bringen kann. Der Preis für Heu hat sich binnen einiger Wochen verdoppelt. Dazu kommen die gestiegenen Betriebsmittelpreise. Die österreichische Landwirtschaft hat derzeit ein doppeltes Problem: eine geringere eigene Ernte und gleichzeitig höhere Energie- und Betriebsmittelkosten. Heuer wird am Ende des Jahres für viele ein Verlust stehen. Die Betriebsmittelkosten stiegen oft stärker als die Agrarpreise. Dünger ist teuer wie nie. Für andere Betriebsmittel gilt Ähnliches. Dazu kommt das Auf und Ab der Preise, die sogenannte Volatilität, die immer größer wird. Den Liter Diesel gab es heuer schon um weniger als 1,50 Euro, aktuell kostet er mehr als zwei Euro.

SN: Wie wird es weitergehen? Sind die Veränderungen nachhaltig oder nur vorübergehend?

Hohe Preise für Agrarprodukte werden wir noch ein paar Monate sehen. Nachhaltig werden die Veränderungen nicht sein, die Volatilität aber wird bleiben. Da müsste es schon klimatische Probleme und lang anhaltende Dürreperioden in den großen Produktionsländern wie Russland, den USA, Brasilien und China geben. USA und Südamerika bestimmen einen Großteil des agrarischen Exportangebots, China bestimmt den Großteil der Nachfrage. Wenn es „normales“ Wetter gibt, wird das Preisniveau wieder sinken. Die hohen Kosten aber werden bleiben. Die Kostensteigerungen sind nachhaltig, sowohl für die Bauern als auch für die Verarbeiter. Das ist vor allem in der Landwirtschaft das eigentliche Dilemma – dass die Bauern im Gegensatz zu allen anderen in der Wertschöpfungskette keine Möglichkeit haben, ihre Kosten weiterzugeben. Nicht zuletzt deshalb gibt es den starken Strukturwandel in der Landwirtschaft.

SN: Diese Einschätzung ist auch von Bauern zu hören. Was können sie, was kann die Politik tun?

Für die Landwirtschaft werden die Margen immer schmäler werden. Der Strukturwandel wird sich beschleunigen. Produktivitätsgewinne können meist nur große oder spezialisierte Betriebe lukrieren. Für Betriebe mit wenig Eigengrund wird es immer schwieriger. Das heißt, die kleinen Einheiten, wie sie bei uns vorherrschen, die sind großteils ohne außerbetriebliches Zusatzeinkommen nicht lebensfähig. Wichtig wäre es auch, dass die Bauern viel stärker sensibilisiert werden, sich für ihre Interessen wie Unternehmer einzusetzen, zu reagieren und zu handeln. Das Ziel muss sein, dass ihre Vertreter in den Aufsichtsräten der Organisationen und Unternehmen, an denen sie beteiligt sind, besser ausgebildet sind sowie operative Erfahrungen im jeweiligen Geschäftsfeld haben. Agrarpolitik und Handelspolitik bedingen einander, müssen als Einheit betrachtet werden. Europa bleibt bei Dünger, Energie und Eiweißfutter importabhängig. Die Politik hingegen hat wenig Möglichkeiten, den Strukturwandel in der österreichischen Landwirtschaft, den Klimawandel und die Entwicklung der Kosten aufhalten zu können. Was bleibt, ist, dass Schwankungen innerhalb relativ kurzer Zeit normaler geworden sind und noch zunehmen werden. 

Fritz Gattermayer ist an der Uni für Bodenkultur Lektor für Weltagrarmärkte und Welternährungswirtschaft sowie Berater in der Industrie.

Salzburger Nachrichten - Wirtschaft, 8. September 2026

Donnerstag, 27. August 2026

Wer ist das neben uns?

Er nannte sich "Fritz Berg" und trat mit einem gefälschten Spiegel-Cover mit dem Titel "Die gefährlichste Frau Österreichs" auf X eine beispiellose Hassorgie gegen unsere Außenministerin los. Sein Posting "Sogar der deutsche Spiegel warnt schon vor diesem niederträchtigen Individuum" war nur der Anfang. Dutzende Postings von X-Usern folgten, die Beate Meinl-Reisinger durch den Dreck zogen und alles Mögliche nannten. "Beate Häusl-Reiniger" zählte dabei noch zu den "geringeren" Verunglimpfungen. Zwei Tage später waren die Hasspostings und auch der Eintrag von "Fritz Berg" nicht mehr zu finden.

Im Vergleich dazu kam der Vizekanzler des Landes in der vorigen Woche glimpflich davon, als er sich zur Einigung über das Klimaschutzgesetz äußerte. "Vom Babler hör ich nur blabla" postete ein "dominik.v.H.","Ich will nicht von einem Clown wie ihnen vertreten werden" ein gewisser "Bob Shelton" oder schlicht "Der nächste sinnlose Schei einer sinnlosen regierung" von einem "Adrian Vollmann"."Schei " natürlich ausgeschrieben.

Der Landwirtschafts-und Klimaminister, der im Streit um die Dürreentschädigung von allen Seiten attackiert wurde, wurde vergleichsweise gnädig behandelt. Zu lachen hatte freilich auch er nichts, als die "Tagespresse" mit ihm Geld und Klicks zu machen versuchte. "Schnelle Hilfe nach Ernteausfällen -Fasten-Tipps von Norbert Totschnig" hieß es da, "Vorbild Saddam Hussein: Totschnig versteckt sich seit Wochen in einem Erdloch" oder schlicht "Vermisst -Klimaminister Norbert Totschnig seit 2022 spurlos verschwunden. Politisch kleinwüchsig, völlig unauffällig. Hinweise erbeten!"

Als Politiker muss man viel aushalten. Keine Frage. Es ist wohl das, was man gemeinhin dicke Haut nennt, die ihnen abverlangt wird.

Dass Politiker und natürlich auch Politikerinnen, man denke nur an die Kanzleramtsministerin, oft nachgerade als Freiwild gesehen werden, an dem man sein Mütchen kühlen kann und wo keinerlei Anstandsregeln gelten, ist das eine. Das wird auch immer wieder thematisiert. "Politikerinnen und Politiker müssen mehr, aber nicht alles ertragen", heißt es dann. Sie müssten auch einstecken können. Zumal auch die Politiker und Politikerinnen keine Unschuldslämmer sind.

Von der anderen Seite, die sich so ungeniert über Social Media und meist im Schutz der Anonymität Luft macht über ihren Unmut mit der Politik, ist hingegen kaum die Rede. Wer sind diese Menschen, für die Politikerinnen und Politiker Freiwild sind und die sich da so hemmungslos und weit jenseits der Grenzen jeglichen Anstands äußern? Was bewegt sie? Was geht in ihnen um? Und was treibt sie an? Und wozu sind sie fähig, wenn sie losgelassen sind?

Man mag gar nicht dran denken, dass der, der da beim Warten an der Ampel im Auto daneben ein Loch in die Luft starrt, so einer ist. Oder die, die vor einem an der Supermarktkassa in ihrem Geldbörsel kramt. Wer sind die neben uns? In welchem Umfeld leben die? Wie ticken die? Und was tickt in ihnen? Alles nur Fassade möglicherweise?

Man mag sich das gar nicht vorstellen. Man könnte schnell Angst kriegen. Zumal, weil es scheint, dass die Stimmung im Land tatsächlich immer schriller wird, immer erbarmungsloser, immer ungnädiger. Dass es kein Verständnis mehr gibt für andere Meinungen und Haltungen. Auch gar kein Bemühen darum. Niemand fragt mehr, niemand hinterfragt, niemand will dem anderen zuhören oder gar versuchen ihn oder sie zu verstehen. Nur mehr schwarz und weiß, nur mehr Gut und Böse. Aber nichts mehr dazwischen. Nur mehr -man verzeihe -"Trotteln" und "Deppen", ganz gleich auf welcher Seite man steht. Für die auf der anderen Seite scheint das immer öfter zu gelten.

Viele Menschen in diesem Land scheinen jedes Maß verloren zu haben. Hemmungen gibt es oft keine mehr. Und kaum jemand, der dagegen auftritt. Selbst Gerichte geben Hasspostern recht, wie vor wenigen Monaten einem Gaza-Aktivisten, der die Außenministerin beflegelte.

Eher fassungslos fragt man, wann ist das passiert und wie bekommt man das wieder in den Griff oder zumindest auf ein erträgliches und verträgliches Niveau zurück?Die Aussichten dafür sind wohl eher schlecht. Zu bremsen mag und vermag das offenbar und offensichtlich niemand mehr.

Die Politik und die Medien spielen inzwischen damit. Angreifen will das Thema niemand. Man könnte es sich ja mit den Leuten vertun. Und das will schon gar niemand.

Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 27. August 2026

Donnerstag, 13. August 2026

Hilf dir selbst, sonst hilft dir keiner

Hitze, Hitze, Hitze. Und dann bleibt etwas hängen, das einen staunen und wundern lässt. Und nachdenklich macht. In Graz war in einem alten ORF-Beitrag zu sehen, der in der Social Media-Flut aufpoppte, war man regelrecht aus dem Häuschen, als man den heißesten Sommertag 1989 feierte - mit 31 Grad. Und aus Linz wurde wenige Jahre zuvor aufgeregt gemeldet, dass "an fast allen Tagen dieser Woche" die 30 Grad-Grenze überschritten worden sei. "Die Hitze steuerte dazu bei, dass viele Linzer aus den Kleidern und manche sogar aus der Haut fahren wollten." 

Und das ist keine vierzig Jahre her. 30 Grad als Rekordtemperatur im Sommer. Wie gerne hätten wir die heute, wo uns seit Wochen Temperaturen um die 40 Grad quälen. Mit allen Folgen. Brunnen vertrocknen und Bäche auch. Felder und Wiesen sind dürr und braun. Bauern geht das Futter für die Tiere aus. Selbst für die Wirtschaft und die Stromversorgung ist die Hitze längst zur Gefahr geworden. Dabei waren wir immer so stolz drauf, das "Wasserschloss Europas" zu sein, mit Vorkommen an bestem Grund-und Quellwasser ohne Ende. 

Dass wir nun in solchen Kalamitäten stecken, konnte und wollte sich nie jemand vorstellen. Heute ist Österreich Hitzepol Europas. Und alle stöhnen. Mit Kälte können wir umgehen, mit Hitze nicht. Da müssen wir noch viel lernen. Im Streit um die große Klima-und Umweltpolitik, wo zweifellos die Zeit immer drängender wird, hat man darauf wohl vergessen. Schließlich soll und muss die Welt ja doch noch überleben, bis diese Maßnahmen greifen. 

Man reagiert aber, wie anders, sehr österreichisch. Aussitzen scheint allerorten die Devise zu sein. Nicht einmal ein Krisenprogramm gibt es, sieht man davon ab, dass vielerorts die Feuerwehren die Wasserversorgung von Haushalten übernommen haben. Aber sonst? Die Bauernvertreter wurden aus dem Urlaub aufgeschreckt und bemühen sich derzeit mehr schlecht als recht, den Bauern mit vagen Ankündigungen zur Seite zu stehen. Der Landwirtschafts-und Umweltminister wird neuerdings kaum mehr ohne das wenig schmeichelhafte Wort "unsichtbar" in den Medien genannt. Mehr als Verweise auf seit langem diskutierte Pläne wie das Klimagesetz, die Anpassung von Klimaschutzmaßnahmen oder dass man sich "bemühe", gibt es nicht. Aja -und im Ministerrat wurde vorige Woche ein Hitzeschutzplan verabschiedet. Heuer wird man davon wohl nichts mehr spüren. 

Schon gar nicht ist etwas von schnell wirksamen Maßnahmen zu sehen, die den Menschen in Städten, in Spitälern, in Altersheimen, in öffentlichen Verkehrsmitteln oder anderswo akut Linderung verschaffen. Nicht einmal für den Einbau von Klimaanlagen gibt es rasche Lösungen. Und wo sind in den Städten Angebote gegen die Hitze? Trinkwasserspender? Kühlsprinkler? Gar nicht zu reden von Sprinklerflächen, wie es sie in südlichen Ländern gibt. 

"Wird schon wieder kühler", scheint allerorten die Devise zu. Und "Hilf dir selbst, sonst hilft dir keiner", bleibt das Motto der Wahl. Da nimmt nicht wunder, dass dieser Tage eine besorgte Tochter in Wien ihre hochbetagte Mutter in ein anderes Spital verlegen ließ, weil es im Zimmer 39 Grad hatte. 

"Die Politik unternahm kaum Anstalten, um das Land und seine Wirtschaft nachhaltig in eine klimafreundliche Zukunft zu steuern", ätzt der deutsche "Spiegel". Dass sich das ändern muss, zeigte dieser Sommer. Die Themen und Probleme werden immer drückender. Eines von vielen ist der Arbeitsschutz bei Hitze. Verfolgt man die Diskussion darüber, könnte man glatt auf die Idee kommen, dass Unternehmen in Zukunft möglicherweise ihr Personal, so wie im Winter auch, immer im Sommer beim Arbeitsamt parken, weil es keine Lösungen gibt. Schulen, Spitäler und Altersheime sind sowieso Entwicklungsgebiet. Und was machen die Landwirtschaft und der Tourismus? 

Die Hitzewelle geht irgendwann zu Ende. Und damit steht zu befürchten, dass all die recht kriegen, die aufs "Aussitzen" gesetzt haben. Dann wird man wieder in die alten Muster zurückkehren. Und froh sein darüber. 

So wie man schon jetzt vielerorts froh zu sein scheint, dass man endlich ein Sommerthema hat, das das Hitzethema ablöst -nämlich, dass sich der Bundeskanzler mit seiner unseligen Formulierung zur Familienarbeit der Frauen in die Nesseln gesetzt hat. 

Die Diskussion über dieses Thema ist auch hitzig. Aber sie lenkt dennoch vom Hitzethema ab.

Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 13. August 2026

Montag, 10. August 2026

Wertvoll oder doch nur austauschbar?

Österreichs Landwirte scheuen weder Mühen noch Kosten, um sich von der ausländischen Konkurrenz abzuheben. Was sie scheinbar unterscheidet, sind aber teils nur Mythen.

Hans Gmeiner 

Österreichs Bauern halten sich gerne zugute, besonders gut und wertvoll zu produzieren. Dabei müssen sie aber immer wieder erkennen, dass es doch der Preis ist, der auf dem Markt zählt. Erst jüngst sorgte für Unmut, dass österreichische Markenmilch in Deutschland um 69 Cent verkauft wird. Warum man sich da an Haltungsvorschriften halten müsse, wozu die ganzen Dokumentationen und Kontrollen gut seien und warum die Gütesiegel, wenn die Milch so billig verramscht werde, hallte die Kritik aus der Branche.

Die Erklärung mag für die Bauern hart klingen, auch wenn sie sich schwertun, damit zurechtzukommen: „Es ist schlicht der Markt“, sagt Agrarexperte Franz Sinabell vom Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo). Dem Markt sind die Milchbauern ganz besonders stark ausgeliefert, erzeugen sie doch seit Jahren um gut 50 Prozent mehr, als in Österreich verbraucht wird.

Messbar sind Unterschiede oft nicht

„Die Landwirtschaft produziert ‚Commodities‘, also austauschbare Güter“, sagt Sinabell. Was messbare Eigenschaften, aber auch was Hygiene betreffe, werde in Österreich nicht anderes produziert als in anderen Ländern. „Wenn man zwei Gläser Milch nebeneinander hinstellt, merkt man den Unterschied nicht.“ Das sei bei Getreide nicht anders, nicht bei Fleisch und auch nicht bei Bioprodukten.

Das macht es für die heimischen Bauern wegen der im internationalen Vergleich geringen Betriebsgrößen und damit vergleichsweise hohen Kosten schwierig – trotz aller Ausgleichszahlungen. Denn die heimischen Ackerbauern und auch die Tierhalter produzieren um keinen Deut anders als die Bauern in Norddeutschland und anderswo in Europa. Die Größenordnungen sind allenfalls anders, die Technik, die man einsetzt, die Produktionsverfahren aber sind es nicht. Auch, wenn es da und dort Schlampereien geben mag. Und weil die Vorschriften und Auflagen in den vergangenen Jahren überall in der EU strenger wurden, tun sich die heimischen Bauern immer schwerer, sich auf dem Markt von der Konkurrenz abzuheben.

Franz Sinabell, Wifo-Agrarexperte Was sie sich zugutehalten, zählt gerade bei den Massengütern wie Milch, Getreide und auch Fleisch wenig. Selbst in Ländern wie Brasilien oder Argentinien sind die Produktionsstandards vor allem für international gehandelte Ware durchaus mit den europäischen zu vergleichen. Die Bauern übersehen meist, dass die Argumente für die besondere Qualität ihrer Produkte oft nicht viel mehr sind als „Mythen“, die der Realität kaum standhalten.

Der „bäuerliche Familienbetrieb“ etwa steht als Begriff im Landwirtschaftsgesetz, wird aber sonst nicht weiter definiert. Schon gar nicht ist er ein Qualitätsmerkmal, ist doch keine besondere Produktionsweise damit verbunden. Die Zahl der Mitarbeiter ist genauso wenig definiert wie die Größe des Tierbestandes, der Ackerflächen oder der Wälder. Die klassischen Bauernhöfe mit wenigen Hektar zählen genauso dazu wie die Güter von Adeligen und Industriellen mit Hunderten oder Tausenden von Hektar. „Die meisten Leute verbinden mit einem Familienbetrieb dennoch einen sorgsameren Umgang“, sagt Sinabell.

Geht es um Nähe, müssten Ostösterreicher in Ungarn einkaufen

Ähnlich gelagert ist die Sache mit der „Regionalität“. Regional einzukaufen, klingt gut. Was damit gemeint ist, ist freilich eher Geschmackssache. Denn auch „Regionalität“ ist nirgendwo definiert und schon gar nicht ist sie ein Qualitätsmerkmal. Nicht einmal um die Entfernung kann es immer gehen, sonst müssten sich viele in Ostösterreich mit Fleisch und Milch in Tschechien, der Slowakei oder Ungarn versorgen.

Da verspricht eine „Herkunftskennzeichnung“ schon mehr, muss sich aber den Hinweis gefallen lassen, dass Österreichs Bauern selbst zu einem guten Teil vom Export in andere Länder leben. Ganz abgesehen davon, dass auch hier gilt: Das ist kein Nachweis für eine besondere Qualität. Die Herkunftskennzeichnung funktioniert daher im Ausland oft besser als daheim. „Österreich gilt gerade in Deutschland viel“, betont Sinabell.

Aber auch der „Selbstversorgungsgrad“ und die „Ernährungssicherheit“ erweisen sich oft als Mythen, wenn man die Bedeutung der heimischen Landwirtschaft betonen will. In wichtigen Bereichen wie Obst, Gemüse und selbst Geflügel ist man auf Importe angewiesen. Bei Treibstoffen, aber auch Züchtungslizenzen, Saatgut oder Pflanzenschutzmitteln hängt die Landwirtschaft zuweilen völlig in der Luft.

Mitunter verbaut man sich auch selbst den Weg. Für Sinabell sitzen die Bauern mit ihrer ablehnenden Haltung gegenüber gentechnischen Verfahren selbst einem Mythos auf. Für ihn ist das nicht nachvollziehbar. „Dabei wäre es in Zukunft sicher von Vorteil, etwa dürreresistente Sorten, solche mit sichereren Erträgen oder verbesserter Pilzresistenz zu haben.“

Dennoch gelingt es immer mehr Bauern, sich vom Auf und Ab der Märkte zu lösen. Viele gehen eigene Wege mit Spezialprodukten oder setzen auf die direkte Vermarktung. Als Musterbeispiel nennt Sinabell die Heumilchproduzenten, denen es seit Jahren gelingt, für ihre Milch mehr zu erlösen. 

Eine Erfolgsgarantie ist auch das nicht. Trotz deutlich höherer Haltungsstandards mit mehr Platz und Licht tun sich beispielsweise die heimischen Geflügelbauern schwer, ihre Ware zu höheren Preisen am Markt unterzubringen.

Und einem der vielen landwirtschaftlichen Mythen will Sinabell demnächst wissenschaftlich auf den Grund gehen. Die These, dass Männer auf Bauernhöfen besser wirtschaften als Frauen, „wollen wir uns anschauen“. Er habe Zweifel, dass das stimmt, „allein schon deswegen, weil Frauen bei Investitionen vorsichtiger sind und dem Glanz von Traktoren nicht so schnell erliegen“.

Salzburger Nachrichten - Wirtschaft, 10.August 2026

 
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