Donnerstag, 7. Mai 2026

Folklore der Selbstüberschätzung

Die gesetzliche Gleichstellung der Frauen ist heute eine Selbstverständlichkeit. Die Ächtung von Antisemitismus auch. Und auch die Rechte von Minderheiten sind in Gesetzen festgeschrieben. Selbst die von Geflüchteten. Gar nicht zu reden vom Schutz der Umwelt und des Klimas, von Nachhaltigkeitsvorschriften, die Unternehmen abverlangt werden, und vieles andere mehr auch. Politisch wurde lange gekämpft darum, die Wogen gingen zuweilen hoch. Und dennoch, vieles von dem, was da so richtig und wichtig war und dessen Ziele zumeist unstrittig waren, ist nie bei allen Menschen angekommen. Mehr noch. Oft hat es sich geradezu ins Gegenteil verkehrt. Erschreckend ist oft, wie wenig diese Themen akzeptiert und gelebt werden. Die Gleichbehandlung von Frauen ist nicht nur in der Berufswelt, sondern auch und vor allem im Privaten so ein Thema. Auch der regelrecht explodierende Antisemitismus, die immer öfter ungezügelte Fremdenfeindlichkeit und der zuweilen zu beobachtende regelrechte Hass auf Umweltvorschriften. Es ist wie ein Flächenbrand -sogar die Menschenrechtskonvention ist nicht mehr unantastbar und wird inzwischen in Misskredit gezogen.

Wie konnte es dazu kommen, ist zu fragen? Was hat man falsch gemacht? Was wurde übersehen? Das hat wohl viel damit zu tun, dass man zu wenig darauf geachtet hat, möglichst alle Menschen ins Boot zu holen. Anstatt sie ernst zu nehmen, hat man sie nur geringgeschätzt. Man hat ihnen nicht zugehört und sie schnell weltanschaulich und politisch punziert und damit stigmatisiert. Viel zu oft wollte man nicht erkennen, dass sich viele Menschen angegriffen und abgewertet fühlen. Viele fühlen sich überfordert, viele können vieles nicht nachvollziehen, was da verlangt wird.

Aber anstatt sich ernsthaft der Anforderungen dieser Menschen anzunehmen und tatsächlich Fortschritte zu erreichen, ruft man lieber zum tausendsten Mal zu einer Demo auf oder zu einer Lichterkette, wo man die eigenen Ansichten und Vorgaben einer Monstranz gleich vor sich herträgt. Mit den immergleichen Argumenten, mit den immergleichen Methoden und ohne jeden Zweifel darüber, ob man nicht doch etwas falsch macht respektive ohne sich zu fragen, ob man etwas besser und anders hätte machen können, um die eigenen Ziele, die Menschen, die man überzeugen will, zu erreichen. Es ist längst Folklore geworden, was einst als Beginn einer Veränderung gedacht war -Märsche und Demonstrationen der Selbstzufriedenheit, bei denen man nicht erkennen will, dass sie der Sache kaum mehr dienen, sondern nur zusätzliche Widerstände erzeugen.

Und es ist wohl auch von der Verantwortung derer zu reden, die in der öffentlichen Diskussion gerne Gewicht und Bedeutung für sich in Anspruch nehmen und die davon überzeugt sind, zu wissen, was richtig ist. Solche Leute sitzen in politischen Zirkeln, in NGOs, in Medien und sie sind mit ihrem Hintergrund in der Position, die öffentliche Diskussion beeinflussen und nicht selten auch dominieren zu können, ohne auf irgendwen Rücksicht nehmen zu müssen. Sie wissen immer, was zu tun ist, und verschaffen zuweilen Randthemen ein übergebührliches Gewicht. Man kennt es. Gendern ist so ein Thema, LBGTQ wohl auch und manches andere mehr. Man ist nicht zimperlich dabei und teilt die Menschen schnell in Gute und in Schlechte. Dabei sei die Wichtigkeit solcher Themen gar nicht bestritten, aber es geht um die Gewichtung, die man ihnen gibt, und die für Irritation, Verärgerung und oft gar Hass sorgt.

Das hat Folgen. Und es schadet der Sache. Denn längst hat man bei vielen, auch großen Themen genau das Gegenteil erreicht. Längst hat sich die Politik all dieser Themen bemächtigt, die im Land in vielen Bereichen zu einer regelrechten Spaltung geführt haben. Die Gräben sind dabei, immer tiefer zu werden. Weil die einen eine Chance für ihre Interessen sehen und die Stimmung weiter anheizen. Und weil die anderen nicht erkennen wollen, dass sie nach anderen Wegen suchen müssen, wenn es ihnen wirklich ernst sein sollte, die Leute für ihre Anliegen zu gewinnen. Und das nicht nur bei LBGTQ und Gendern. Denn es geht um weitaus Weitreichenderes, das man mit dieser Haltung gefährdet, um die großen Themen, die eingangs genannt wurden -um die Gleichberechtigung von Frauen, um den Antisemitismus, um Umwelt und Klima und auch um die Menschenrechte.

Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 7. Mai 2026

Bauern sehnen sich nach Regen

Die Dürre trifft vor allem Grünlandbauern. Im Ackerbau ist es für Prognosen noch zu früh.

Hans Gmeiner 

Salzburg. Landauf, landab wischen sich derzeit die Bäuerinnen und Bauern auf ihren Mobiltelefonen auf der Suche nach Regen durch die Welt der Wetter-Apps. Viel mehr als die Ankündigung von regionalen Gewittern und Schauern mit geringen Regenmengen finden sie derzeit nicht. Größere Regenmengen prognostiziert österreichweit keine der Wetter-Apps. „Dabei bräuchten wir dringend ein paar Tage mit einem ordentlichen Landregen“, sagt Helmut Feitzlmayr, Pflanzenbau-Chef in der Landwirtschaftskammer Oberösterreich. „Es zeichnen sich aber keine größeren Niederschläge ab.“ Auf den Wiesen steht das Gras nur kurz, bereits gemähte Grünlandflächen sind oft mehr braun als grün. Die Felder sind staubtrocken, die Saat geht da und dort nur zögerlich auf, in Getreidefeldern sind die Probleme an den Aufhellungen zu erkennen. Statt eines satten Grüns zeigen blasse Bestände, dass sie Wasser bräuchten.

Statt sattem Grün nur blasse Bestände

Die Monate März und April waren heuer nach Angaben von Geosphere Austria so trocken wie noch nie seit Messbeginn im Jahr 1898. Allein im April betrug das Niederschlagsdefizit in Österreich rund 70 Prozent. Auf einer Österreich-Karte, die die Niederschlagsdefizite von März und April zeigt, zieht sich die rote Fläche, die Regionen mit 60 bis 100 Prozent Defizit markiert, vom Wald- und Mühlviertel über das Innviertel bis hinein in den Salzburger Flachgau. Dunkelrot markiert sind auch Teile des Salzburger Pongaus, der gesamte Lungau, Osttirol, Kärnten und die südliche Steiermark. In Salzburg fehlten laut Geosphere Austria allein im April 72 Prozent der Niederschläge gegenüber dem Mittel der Jahre 1991 bis 2020.

Bauern haben gelernt, mit Trockenphasen umzugehen

Die Bauern haben in den vergangenen Jahren gelernt, mit Trockenphasen umzugehen. Fruchtfolgen wurden umgestellt, Früchte wie Sommergerste verschwanden von den Feldern, während der Anbau von Soja und Mais ausgeweitet wurde. Zudem wurde die Bodenbearbeitung angepasst und neue Aussaatverfahren entwickelt, um das schnelle Austrocknen der Felder zumindest zu bremsen. Tierhalter mit Ackerflächen weichen auf Ganzpflanzensilage aus oder setzen beim Zwischenfruchtanbau bewusst auf Futterpflanzen.

Das freilich ist nicht überall möglich. Die größten Probleme mit der Trockenheit haben derzeit die reinen Grünlandbauern. Der erste Schnitt, der in diesen Wochen eingebracht wird, ist der wichtigste Teil der Grünlandernte. „Darauf entfällt normalerweise rund ein Drittel der Jahresernte“, sagt Michael Wöckinger von der Landwirtschaftskammer Oberösterreich. Heuer sind die Wiesenbestände nur halb so hoch wie in Normaljahren. Wenn die Bauern die Hälfte ernten, müssen sie schon zufrieden sein. Für Panik sieht man allerdings dennoch keinen Grund. „Wir haben 2025 ein sehr gutes Jahr gehabt, viele Bauern können noch auf Futtervorräte von damals zurückgreifen“, sagt Wöckinger. „Es kommt sehr viel auf die Strategie der Betriebe an und darauf, wie sich das Wetter zum zweiten Schnitt hin entwickelt, der im Juni ansteht.“

Noch kein Grund zur Panik

Einen positiven Effekt könnte die derzeitige Situation freilich auf den Milchmarkt haben. Im Vorjahr wuchs die Milchproduktion nicht zuletzt auch wegen des hohen Futterangebots stark und sorgte wegen des Überangebots gegen Jahresende für einen starken Rückgang des Erzeugermilchpreises, von dem sich der Markt bisher nicht erholt hat. Dass es heuer weniger Futter gibt, könnte sich auf die Lieferungen dämpfend und stabilisierend auf den Markt auswirken.

Wind trocknet die Böden aus

Im Ackerbau ist die Lage angespannt, aber noch nicht verloren. „Für ernsthafte Prognosen über Auswirkungen auf die Ernte ist es jetzt noch zu früh“, sagt Feitzlmayr. Bei Wintergetreide sehe man aber schon seit Wochen, dass es vor allem auf Standorten mit leichten Böden Probleme gebe. Das werde sich sicherlich auch in schlechteren Ernteerträgen zeigen. „Aber auch auf den besseren Böden sehen wir jetzt seit Tagen zunehmend Auswirkungen.“ Zudem mache der ständige Wind, der das Austrocknen der Böden beschleunigt, zunehmend Probleme. Früh angebautes Wintergetreide sei noch etwas im Vorteil, weil es besser verwurzelt ist und die Bestände dichter seien. „Aber auch da muss in den nächsten Tagen Regen kommen, weil sonst haben wir auch auf den guten Standorten Probleme.“

Wenn die Saat tief genug in den noch feuchten Bodenhorizont ausgebracht und kein Fehler in der Bodenbearbeitung gemacht wurde, ist bei den Frühjahrssaaten Zuckerrüben, Mais und Sojabohne derzeit noch alles in Ordnung. „Diese Kulturen halten trockene Verhältnisse am längsten aus“, sagt Feitzlmayr.

Probleme sieht er nur beim Ölkürbis, der in diesen Tagen nicht nur in der Steiermark, sondern auch in Nieder- und in Oberösterreich gesät wird. „Den legt man jetzt in den trockenen Staub, dazu kommt, dass der Pflanzenschutz auch nicht wirkt.“

Salzburger Nachrichten - Wirtschaft, 7. Mai 2026 

Donnerstag, 30. April 2026

„Luftschlösser“-Kommunikation

Es sollte besonders sein, doch es war wie immer bei Veranstaltungen dieser Art. Vom „Land der Leistung“ sprach der Landeshauptmann beim Parteitag seiner Partei in Oberösterreich, das er seit Jahren und seine Partei seit Jahrzehnten regiert. Vom „Land des Miteinander“ und vom „Land der Möglichkeiten“. Und natürlich vom „Kinderland“, vom „Kulturland“ und vom „Uni-Land“. Und davon, dass in Zeiten wie diesen kein „Luftschlösserbauen“ gefragt sei und „keine Show“. 

Und dennoch war der Parteitag der oberösterreichischen ÖVP, der vorigen Freitag in Linz über die Bühne ging, eine Show. Eine, wie viele andere auch, wenn Parteien meinen, Eindruck machen zu müssen beim Volk. Und das gilt nicht nur für die Volkspartei, das gilt für alle. Sprechblasen, Superlative, Aussagen, die beeindruckend klingen mögen, aber ganz sicher zu einem nicht reichen – die Menschen draußen, um die es bei ihrer Politik vorgeblich geht, zu erreichen. 

Selbst Funktionäre tun sich zuweilen schwer damit hinauszutragen, was ihnen dort eingebläut und eingeimpft wurde. Denn dort ist die Wirklichkeit oft eine andere, und nicht selten scheitert ihr aufgepimptes Engagement schon an den ersten Wider-Sätzen. Schnell müssen sie erkennen, dass der Politsprech vom Parteitag bei denen, die ihre Partei wählen sollen, nicht ankommt. Und das aus vielerlei Gründen. Weil die Lebenswelten und die Sorgen, Wünsche und Bedenken andere sind, als man in den Zentralen meint. Weil man ihnen nicht mehr glaubt, was sie versprechen, weil sie schon zu oft enttäuscht haben, und weil, was sie versprochen haben, zu oft nicht eingehalten wurde und sich als Windei entpuppte. Und, das vor allem, weil man nicht die Sprache der Leute spricht, weil man auf ihre Fragen keine Antworten hat, und wohl auch, weil man das vorsorglich zur Seite schiebt, was unangenehm ist – Themen wie Probleme in den Schulen, mit dem Verkehr, mit Immigranten, mit der Teuerung und mit vielem anderem. Antworten auf Fragen von Eltern, deren Kinder in Klassen sitzen, in denen kaum jemand Deutsch versteht, hat man nicht. Und auch nicht für junge Paare, die davon träumen, zu Wohnungseigentum zu kommen und sagen, „bei unseren Eltern ist das gegangen, aber wir können nicht einmal dran denken, weil alles so unerschwinglich ist“. 

Dieser Bogen, der in den vergangenen Jahren auch von einer intellektuellen Elite mit zunehmendem Druck, der immer auch eine Verachtung für Andersdenkende innewohnte, entwickelt wurde, reicht weit – auch, was man „nicht mehr sagen darf“ gehört dazu, Verständnis für LGBTQ, das Gendern und vielerlei Geschlechter und andere Themen, die gesellschaftlicher Mainstream geworden sind, gegen den sich zu stellen kaum jemand wagt. Das reicht tief und geht in die persönliche Betroffenheit, dorthin, wo selbst Menschen, die sich um Aufgeschlossenheit bemühen, ihre Grenzen haben. 

Da greift man schnell zu Floskeln, redet um klare Antworten herum, will nicht auf den Punkt kommen und vergrault dabei die Menschen mit Belehrungen und Aufforderungen, die sie nicht nachvollziehen können. Und das nicht so sehr, weil sie das nicht wollen, sondern, weil sie die Antworten, die sie gerne hätten, aber nicht kriegen, woanders bekommen. Bei einer Partei und bei deren Anführer, die keine oder kaum Verantwortung trägt in diesem Land. Die nichts lösen müssen und die alles versprechen können. Sie schauen, wie es so schön heißt, nicht nur dem „Volk auf den Mund“, sondern sie reden dem Volk auch „nach dem Mund“. 

Alle anderen können das nicht mehr. Haben es verlernt im Gestrüpp der politischen Verantwortung, in der man sich verheddert hat und vor allerlei Rücksichtnahmen von den Bedürfnissen der Leute entfernt hat. Sie meiden die Auseinandersetzung mit den heiklen Themen und haben keine Antworten darauf, die befriedigen könnten. Die Menschen, deren Stimme man haben will, zu überzeugen, schafft man immer weniger. 

Derweil klettert der, der auf diesem Klavier die klaren Töne anschlägt und den Leuten zumindest das Gefühl gibt, gehört zu werden, in den Umfragen immer höher. In der vorigen Woche legte Kickl in der Kanzlerfrage-Hochrechnung um zwei Prozent auf nunmehr 45 Prozent zu, während Stocker und Babler, ohnehin weit abgehängt, je einen Prozentpunkt verloren. „Das freut mich sehr und ist eine schöne Bestätigung unserer Arbeit – vielen Dank“ postete er auf Facebook. Man kann es ihm nicht verdenken.

Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 30. Mai 2026

Donnerstag, 23. April 2026

Tätowieren statt Sparen

In Österreich leben wir, wie in allen anderen Staaten auch, seit Jahren in nicht gerade einfachen Zeiten. Und die sind durch den Krieg der USA und Israels mit dem Iran nicht einfacher geworden. Das fördert die Österreicherinnen und Österreichern permanent innewohnende Lust, schnell einmal die Not auszurufen, mit viel Aufgeregtheit natürlich und gerne auch mit einem Schuss Panik - immer unter dem Motto "nutzt's nix, so schad's nix". Alle verstehen sich drauf. Alles werde teurer, nichts könne man sich mehr leisten. Ja, man wisse gar nicht, wie das weitergehen solle. Und sich auf Probleme, die sich abzeichnen, vorzubereiten und fertig zu werden, heißt allemal sehr viel eher Geld zu fordern, als etwas zu ändern. 

Ein besonders eindrückliches Beispiel lieferte in der vergangenen Woche der "Report", das Flaggschiff des ORF, wenn es um Hintergrundinformation und Aufklärung geht. "Teurer Einkauf - wie es mit den Lebensmittelpreisen weitergeht" ging der Frage nach, welchen Einfluss und welche Folgen der Krieg mit dem Iran hat. Es war alles angerichtet. Eine Pensionistin, die wortreich klagte, dass die Einkäufe immer teurer werden, ein Landwirt, der sagte, dass er wohl mehr verlangen muss in Zukunft. Dazwischen allerlei Erklärungen, die diese These und den Titel des Beitrags untermauern sollten -und der Wissenschaftler Franz Sinabell, der Agrarexperte des Wifo. Wie immer trocken und sachlich. Unaufgeregt, wie es seine Art ist, ließ er der Aufgeregtheit die Luft aus. Alle rechneten zwar damit, dass die Preise steigen, aber: "Derzeit merken wir bei den Lebensmittelpreisen noch nichts", sagte er in einer Klarheit, die gerne überhört wird. Und auch der zweite Teil seines Statements passt nicht zur herrschenden Aufgeregtheit. "Ich hätte erwartet, dass in Europa die Preise für Weizen, das ist die Grundlage für Mehl, steigen werden. Tatsächlich ist das aber nicht der Fall, weil wir im Vorjahr eine gute Ernte hatten", hält der Wissenschaftler offenbar für möglich, dass manche Entwicklung auch anders kommen kann, als derzeit befürchtet wird.

Mehr von dieser Sachlichkeit, die da der Agrarexperte des Wifo zeigte, täte dem Land gut. Aber davon will man offenbar nichts wissen. Mit dieser Haltung sind wir längst an einem Punkt angelangt, an dem vieles nicht mehr verständlich ist. Österreich zählt nicht nur zu den reichsten Ländern der Welt, sondern auch zu den Ländern mit den höchsten Sozialausgaben. Und dennoch tun nicht wenige so, als sei Österreich das Armenhaus der Welt.

Statt gegen diese Stimmung anzukämpfen, tut die Politik alles, um sie zu befeuern. Statt Maßnahmen zu entwickeln und Probleme wie BIP-Wachstum und Budgetdefizit und vieles andere wirklich anzugehen, um die Herausforderungen dieser turbulenten Zeiten in den Griff zu bekommen, streitet man wochenlang um Placebo-Maßnahmen wie Spritpreisbremse und Senkung der Mehrwertsteuer auf Lebensmittel. In diese Stimmungslage passt auch die aktuelle Diskussion ums geplante Doppelbudget. Überall Erklärungen, warum und weshalb Einsparungen undenkbar sind, dafür oft zusätzliche Forderungen. Das alles zeigt nichts anderes, als dass in diesem Land so viel nicht mehr zusammenpasst. Vor allem nicht die Stimmung und die Wirklichkeit. Selten wurde das so plakativ gezeigt wie durch die jüngste Studie des Handelsverbandes, die vorige Woche durch die Medien ging. Demnach sind die Ausgaben von Herrn und Frau Österreicher in den vergangenen zehn Jahren für Tätowierungen um 167 Prozent gestiegen, jene für Haustierbedarf um 159 Prozent und die für Schönheitseingriffe um 144 Prozent. Für Nahrungsergänzungsmittel haben sich die Ausgaben um 64 Prozent erhöht. Und für Gastronomiebesuche und Urlaube gibt man hier doppelt so viel aus als vor einem Jahrzehnt.

Das wird sicherlich nicht für alle gelten, zur Seite wischen sollte man es aber auch nicht. Vor allem deswegen nicht, weil so viele von denen, die stolz auf ihre Tätowierungen sind, denen für Hund und Katz' nichts zu teuer ist, die sich gerne einen Beauty-Doc leisten und von ihren Urlauben schwärmen, oft genau dieselben sind, die so laut jammern und schimpfen und sich in ihrer empörten Aufgeregtheit kaum einkriegen können -und damit den Blick auf das verstellen, was wirklich notwendig wäre. Und auch auf die, die wirklich Unterstützung bräuchten.

Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 23. April 2026

Dienstag, 21. April 2026

Zündstoff für Bauern und Konsumenten

Das Wifo lässt mit einer Idee zur Umsetzung des Verursacherprinzips bei Emissionen in der Landwirtschaft aufhorchen. Lebensmittel würden dadurch teurer.

Hans Gmeiner

Wien. Biobauern, manch NGO und auch Umweltparteien bekritteln es schon lang. Sie klagen, dass die wahren Kosten, die die Landwirtschaft durch Belastungen der Umwelt verursacht, nicht in den Preisen berücksichtigt sind, sondern dass die Allgemeinheit für die Beseitigung von allfälligen Schäden und Folgen aufkommen muss. Nun macht auch das österreichische Institut für Wirtschaftsforschung (Wifo) die Kostenwahrheit in Landwirtschaft und Ernährung in der Europäischen Union zum Thema. Die Wissenschafter schlagen vor, Stickstoffdünger, Pflanzenschutzmittel und auch Methan in das europäische System für den Handel mit Treibhausgas-Emissionszertifikaten einzubeziehen. Die Folgen hätten dabei nicht nur die Bauern in Form höherer Preise für die Betriebsmittel zu tragen, auch für die Konsumenten würden sich die Lebensmittel markant verteuern.

Aktuelles Förderregime dämmt Klimafolgen zu wenig ein

Die Wissenschafter lassen sich davon nicht beirren. Dem Wifo geht es um eine Politik, die den Landwirt als Unternehmer stärkt und nicht als Antragsteller für Förderungen. Das System, das man vorschlägt, sei weitaus effizienter und kostengünstiger als das derzeitige System mit regulativen Eingriffen und Umweltprogrammen, lautet das Argument. Das Expertenteam des Wifo zielt auf eine fundamentale Änderung in der Herangehensweise der EU-Agrar- und Umweltpolitik ab. „Das bisherige System greift zu kurz, da die Belastungen von Klima, Umwelt und natürlichen Lebensräumen nur unzureichend eingedämmt werden“, meint Franz Sinabell, einer der Autoren der Studie. Administrative Hürden und Bürokratie ließen derzeit viele Anstrengungen verpuffen und verzerrten zudem den Wettbewerb zwischen den Ländern.

Als einziger großer Emittent ist die Landwirtschaft bisher nicht in dieses Zertifikatsystem einbezogen. Man erwartet, dass durch die Einbeziehung die Treibhausgase und die Grundwasserbelastung gesenkt werden. Nach Schätzung des Wifo ist die Landwirtschaft derzeit weltweit für rund 20 Prozent der Treibhausgasemissionen verantwortlich. Im Durchschnitt würden derzeit pro Hektar Ackerland 50 Kilogramm mehr Stickstoff ausgebracht, als von den Pflanzen aufgenommen werden. Zudem trügen Pestizide erheblich zum Artensterben bei. Um zu verhindern, dass umweltschädliche Produktionsmethoden anderswo auf der Welt zunehmen, schlägt das Wifo in der Studie die Einführung eines Grenzausgleichsmechanismus vor.

Emissionshandel sollte Agrarindustrie umfassen

Und so soll das System funktionieren: Die europäischen Dünger-und auch Pflanzenschutzmittelerzeuger und Importeure sollen auf Basis von Emissionszielen Zertifikate erhalten, die sie untereinander, wie jetzt auch schon Industriebetriebe, handeln können, wenn sie ihre Emissionen senken. Die Bauern sind davon ausgeschlossen. Sie bekommen die Auswirkungen nur über die höheren Preise zu spüren, über die sie angehalten werden sollen, die Umweltbelastungen zu verringern. „Entweder sie nehmen den höheren Preis in Kauf oder sie verwenden weniger Dünger und Pflanzenschutzmittel“, sagt Sinabell und verweist darauf, dass das schon jetzt beim Treibstoff so sei.

Im neuen System einbezogen sind aber nicht nur die Ackerbauern, sondern auch die Tierhalter. Der Methan- und Ammoniakausstoß macht einen Großteil der Belastung durch Treibhausgase aus der Landwirtschaft aus. In diesem Bereich sieht das Wifo die Vergabe von Länderkontingenten vor, die die Wirtschaftsweise und die aktuellen Emissionen berücksichtigt. Österreich würde dabei wegen der umweltfreundlichen Tierproduktion vergleichsweise gut abschneiden. In diesem Bereich haben die Bauern mehr Spielraum. „Wenn einer seinen Betrieb aufstocken will, braucht er Zertifikate“, sagt Sinabell: „Wenn zum Beispiel jemand, der 20 Kühe hält, aufhört, kann er um 20 Kühe Zertifikate verkaufen, die der andere kaufen kann.“ 

Das Wifo versteht seinen Vorschlag als Diskussionsbasis für die Zukunft, der allenfalls bei der übernächsten EU-Agrarreform durchschlagen wird. Zu den Knackpunkten gehören der Außenschutz, die Bürokratie, eine zumindest vorübergehende Abfederung für Konsumenten und ein Thema, das schon jetzt die Bauern aufregt – wie wird gesichert, dass die höheren Kosten nicht an ihnen hängen bleiben? Man ist sich bewusst, dass es sowohl für die Bauern als auch die Konsumenten Übergangs- und Ausgleichsmaßnahmen geben muss. „Da muss man sich sicher vorübergehend etwas überlegen“, sagt Sinabell. „Aber die Landwirtschaft ist am stärksten vom Klimawandel betroffen, daher muss sie auch etwas machen, um ihn zu reduzieren.“

Salzburger Nachrichten - Wirtschaft, 21. April 2026 

Wifo nimmt Umweltkosten der Landwirtschaft ins Visier


Das Institut für Wirtschaftsforschung (Wifo) wartet mit einem Vorschlag auf, der gravierende Folgen für die Landwirtschaft und Konsumentinnen hätte. Um die vom Agrarsektor verursachten Kosten für Umweltschäden dort in die Preise einzubeziehen, wo sie anfallen, sollte die vorgelagerte Pflanzenschutz- und Düngemittelindustrie in den Handel mit Emissionszertifikaten einbezogen werden. Über die Verteuerung der Betriebsmittel würden die Produktionskosten für Bäuerinnen und Bauern steigen und am Ende auch Lebensmittel teurer werden.

Hintergrund der Überlegungen des Wifo ist, dass das jetzige System von Umweltprogrammen in Europa die negativen Klimafolgen des Ackerbaus und der Viehzucht nur unzureichend eindämmt. Wenn man Kostenwahrheit wolle, könne man nicht länger ignorieren, dass rund ein Fünftel der weltweiten Treibhausgasemissionen auf die Landwirtschaft entfalle. Daher sollten die Erzeuger und Importeure von Stickstoffdünger und Pflanzenschutzmitteln auf Basis von Zielen Emissionszertifikate erhalten. Die Bäuerinnen und Bauern würden durch höhere Preise angehalten, den Einsatz von Dünger und Pflanzenschutz zu reduzieren.

Eine solche Systemänderung muss laut Wifo gut vorbereitet sein und könnte daher frühestens bei der übernächsten EU-Agrarreform umgesetzt werden. Zudem müsse es Maßnahmen zum Abfedern der höheren Kosten für die Bauernschaft und die Konsumenten geben.

Salzburger Nachrichten, 21. April 2026 - Seite 1


Donnerstag, 16. April 2026

Kirche im Abverkauf

 

Es war vor gut 20 Jahren. Und es war in Aberdeen in Schottland. Das Restaurant hinter- ließ einen bleibenden Eindruck. Weniger wegen der Küche, sondern sehr viel mehr wegen des Ambientes. Es war in einer ehemaligen Kirche untergebracht. Das gab es damals bei uns noch nicht. Eine Kirche, die nicht mehr als Kirche genutzt wird, sondern als so Profanes wie als Restaurant. 

Heute ist das auch bei uns nicht mehr ganz fremd. Erst Anfang März sorgte die Pfarre St. Josef in Steyr für bundesweites Aufsehen, weil man das Gotteshaus auf dem Immobilienmarkt zum Verkauf anbot. „Das Herz blutet, aber wir müssen die Kirche verkaufen“, hieß es. Im Vorjahr übernahm ein Künstler in Wien die Kirche „Dreimal Wunderbare Muttergottes“ im zehnten Bezirk. Ebenfalls im Vorjahr verkaufte die Erzdiözese Wien in Hirschwang an der Rax eine Kirche an eine GmbH. In Linz bezog schon vor Jahren eine Steuerberatungskanzlei ein ehemaliges Kloster und in Innsbruck wurde aus einer Kirche eine Boulderhalle. Und so manche Kirche wurde in den vergangenen Jahren an christliche Schwesterkirchen übergeben. In den vergangenen Jahren wurden in der Erzdiözese Wien jährlich ein bis zwei Kirchen aufgegeben. Und man geht davon aus, dass sich diese Zahl in Zukunft leicht erhöhen wird. 

Auch die evangelische Kirche ist vor dieser Entwicklung nicht gefeit. In diesen Tagen wird auf der Verkaufsplattform „Willhaben“ die evangelische Kirche in Heidenreichstein im Waldviertel – „mit Wohnung in sonniger Aussichtslage“ – um wohlfeile 250.000 Euro angeboten. 

In Wien konnte man jüngst freilich ein Angebot wie dieses vermeiden, weil man ein Vorhaben entwickelte, bei dem die Kirche weiter Sakralort bleibt, aber gleichzeitig zu einem Sozial- und Begegnungszentrum wird. „Kirchenschiff“ heißt das Projekt, bei dem die Caritas nun ihre Dienste anbietet. Noch ist dieses Projekt freilich die Ausnahme.

Denn Kirchen im Land haben kaum mehr finanziellen Spielraum. Da nimmt nicht wunder, dass man inzwischen nicht nur Immobilienbesitz wie Ländereien, Wälder und Gebäude, sondern auch Kirchen veräußern muss. Das Umfeld ist rau, Finanzierungsinstrumente wie der Kirchenbeitrag sind permanenten Angriffen ausgesetzt. Erst im Vorjahr ließ der Wahlsieger FPÖ vor den Koalitionsverhandlungen wissen, dass man den Kirchenbeitrag am liebsten abschaffen würde. Und das vor allem: Immer mehr Menschen treten aus den Kirchen aus. Die katholische Kirche hat in Österreich nur noch 4,5 Millionen Mitglieder, um mehr als eine Million weniger als vor 25 Jahren. Heute sind keine 50 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher mehr katholisch. Vor zehn Jahren betrug ihr Anteil noch mehr als 60 Prozent. Auch die evangelischen Kirchen schrumpften in den vergangenen 40 Jahren um rund 40 Prozent auf 248.000 Mitglieder. 

Seit Jahren geht es rasant bergab. Glaubten vor zehn Jahren Umfragen zufolge 60 Prozent der Menschen an Gott, so sollen es heute nur mehr gut 20 Prozent sein. Da nimmt nicht wunder, dass die Kirchenbänke selbst an hohen Festtagen oft leer sind. 

Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen haben sich verändert. Die Kirche tut sich schwer zu den Leuten zu kommen. Immer wieder rütteln Skandalgeschichten an den Grundfesten. Viel zu oft und viel zu viel scheint man mit sich selbst und mit Themen beschäftigt zu sein, die viele nicht mehr nachvollziehen können. Und man hat verloren, was die Gesellschaft so dringend bräuchte, gerade in Zeiten wie diesen – die Position als moralische Instanz, die gehört wird. Die Kirche hat in der öffentlichen Diskussion kaum mehr Gewicht. Es fehlt an charismatischen Persönlichkeiten, denen die Menschen vertrauen und an denen sie sich orientieren. Derzeit setzt man auf den neuen Wiener Erzbischof. Die Erwartungen an ihn sind jedenfalls hoch. Auch, dass er seine Stimme häufiger erheben wird – wie dies notwendig ist in unruhigen Zeiten. 

Dabei sind die Voraussetzungen für ein Wiedererstarken jedenfalls sind nicht so schlecht, wie man meinen möchte. Die jungen Menschen zwischen 14 und 25 Jahren suchen wieder verstärkt Halt in der Religion, bestätigten zuletzt Studien. Ihr Sukkus: Die Jugend hält zwar Distanz zur Kirche, ist aber dennoch durchaus religiös. 

Darauf sollte sich aufbauen lassen, zumal es auch andere positive Zeichen gibt, wie die Zahl der Erwachsenentaufen, die seit fünf, sechs Jahren steigt.

Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 16. April 2026

 
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