Die Bauern kämpfen mit Schädlingen, Pflanzenkrankheiten und Resistenzen. Es gibt zu wenig Pflanzenschutzmittel, wird geklagt. Die EU will die Zulassung nun erleichtern.
Hans Gmeiner
Salzburg Der Widerstand ist immer noch heftig und Berührungsängste der Politik mit dem Thema sind nicht zu übersehen. Dennoch scheint sich in Europa die Erkenntnis durchzusetzen, dass es ohne Pflanzenschutzmittel nicht geht. „In Brüssel hat man das Problem erkannt“, sagt Christian Stockmar, Leiter der Österreich-Niederlassung von Syngenta und Sprecher der Arbeitsgemeinschaft für integrierten Pflanzenschutz in Österreich. „Das Verständnis für die Probleme und Sorgen der Bauern wächst.“ Im Zuge einer sogenannten Omnibus-Verordnung will man die Zulassung von Mitteln erleichtern. Mehr als Vorschläge gibt es derzeit allerdings noch nicht.
Vor allem die Obst- und Gemüsebautriebe, aber auch die Ackerbauern klagen darüber, dass immer weniger Wirkstoffe zugelassen sind. Die Bauern kämpfen mit Schädlingen, Pflanzenkrankheiten und Resistenzen, derer sie immer öfter nicht Herr werden können und die die Ernten zuweilen schwer beeinträchtigen. Die Probleme der Erdäpfel- und Zuckerrübenbauern mit dem Kartoffel- und dem Rüsselkäfer sorgen seit Jahren für Schlagzeilen. Und die Anbauflächen sind zurückgegangen. Auch die Rapsflächen verringerten sich mittlerweile stark. Imker klagen deshalb, dass die Blüten als Nahrung für ihre Bienen fehlten.
Zulassungsprozess dauert fünf Jahre
Pflanzenschutzmittel seien „kein Selbstzweck“ sagt Stockmar, sondern Werkzeuge für die Bauern, um Ertrag und Qualität der Erzeugnisse zu sichern und Verluste zu minimieren. Weil außerhalb der EU wesentlich mehr Wirkstoffe zur Verfügung stehe, gehe es auch um die wirtschaftliche Konkurrenzfähigkeit der Landwirtschaft und um Versorgungssicherheit. „Vor 20 Jahren haben wir noch rund 1000 Wirkstoffe gehabt“, erklärt Stockmar. „Heute sind es 300 und es geht in Richtung hundertfünfzig, zweihundert, seit sechs Jahren überhaupt kein neuer Wirkstoff mehr zugelassen.“ Der Grund dafür? „Die EU ist sehr restriktiv. Der Zulassungsprozess bis zur Registrierung dauere zumindest fünf Jahre, die Kosten für die Entwicklung eines Wirkstoffs gingen in die Hunderte Millionen Euro, klagt Stockmar. Vor allem kleinere Unternehmen verzichteten deshalb auf Registrierungen.
In der EU gibt es auch Pläne, dass Produkte, die nicht zugelassen sind, auch gar nicht mehr in Europa produziert werden dürfen. Stockmar sieht darin einen Worst Case. „Dann würden große Konzerne wohl die Produktion komplett aus Europa verlagern.“ Dabei wären die Voraussetzungen grundsätzlich gut, befindet er. Die internationalen Konzerne investierten Milliarden, die Innovations- und Wirkstoffpipeline sei gut gefüllt, die Produkte seien strenger geprüft als Pharma-Produkte.
Zeitlich begrenzte Notfallzulassungen
Derzeit behelfen sich die Hersteller von Pflanzenschutzmitteln im Verein mit den Bauern mit zeitlich begrenzten Notfallzulassungen. Insgesamt 52 gab es in den vergangenen zwölf Monaten. Rund ein Drittel davon entfiel auf biologische Pflanzenschutzmittel die unter der „Überregulierung und Überbürokratisierung“ des Pflanzenschutzes, wie Stockmar das nennt, genauso zu leiden hätten wie chemisch-synthetische Mittel.
In Österreich ist in den vergangenen Jahren der Verbrauch von Pflanzenschutzmitteln kontinuierlich zurückgegangen. Einen deutlichen Anstieg gab es nur bei CO2, das in der Lagerhaltung bei Obst und Gemüse eingesetzt wird und vor zehn Jahren in die Statistik aufgenommen wurde. Darauf entfallen knapp 40 Prozent des Wirkstoffeinsatzes.
„Biologicals“ gewinnen an Bedeutung
Insgesamt hat der Markt für Pflanzenschutzmittel für die Landwirtschaft in Österreich ein Volumen von rund 100 Mill. Euro pro Jahr. Ein Großteil des Angebotes entfällt auf chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel. Biologische Produkte, so genannte Biologicals, gewinnen aber nicht nur im Bioanbau an Bedeutung, sondern auch in der konventionellen Landwirtschaft. So wird etwa im Zuckerrübenanbau ein bedeutendes Mittel zur Erhaltung der Blattgesundheit auf Kupferbasis hergestellt. Auch im Obst-, Gemüse und Weinbau sind immer mehr „Biologicals“ im Einsatz.
Zwei große Hersteller in Österreich
Noch sind alle großen internationalen Hersteller mit ihrem Angebot über Vertretungen in Österreich präsent. Produziert wird hierzulande – abgesehen von kleineren, zumeist spezialisierten Unternehmen - aber nur mehr von zwei Betrieben in großem Umfang. In Linz hat die Nufarm, ein internationaler Konzern mit Sitz in Australien, bereits 1995 die Pflanzenschutzaktivitäten der Agrolinz, einem Nachfolgeunternehmen der Chemie Linz, übernommen. Mit 160 Beschäftigten werden jährlich 10.000 Tonnen Wirkstoff und 20.000 Tonnen formulierte Produkte für den Acker-, Wein-, Obst und auch für Biolandbau hergestellt.
Der zweite große Hersteller ist das Familienunternehmen Kwizda Agro mit Sitz in Wien und einer Produktion in Leobendorf. Das Unternehmen, das heuer 100 wird, hat schon früh auf Pflanzenschutzmittel für den Biolandbau gesetzt. Kwizda ist in Österreich laut eigenen Angaben Marktführer. Das Unternehmen mit 450 Mitarbeitern erzielt im In- und Ausland einen Umsatz von rund 240 Milll Euro, exportiert wird in 34 Ländern.
Salzburger Nachrichten - Wirtschaft, 10. April 2026

