Donnerstag, 30. Juli 2026

Ein hartleibiges Land

Man staunt nur mehr in diesen Wochen. Man wundert sich über die Hartleibigkeit der Institutionen, die in diesem Land das Sagen haben, und wie sich schwertun damit, von alten Unsitten zu lassen. Ein Wirtschaftskammerpräsident und ein Bürgermeister, die sich gegenseitig Posten und Geschäfte zuschieben, die ihnen Vorwürfe wie Nepotismus und Postenschacher, Freunderlwirtschaft, absolutistisches Gehabe einbringen. Zum Sittenbild gehören abfällige Zitate über Frauen, die gefallen sein sollen, aber auch Frauen, die das ihre dazu beitrugen und von denen kolportierte Äußerungen wie "Sie hat einen Befehl bekommen, sie hat salutiert und gesagt -okay, ich verzichte" als es um ein Amt ging, zeigen, wie sie mitspielten.

Dabei war der Fall Wöginger erst wenige Wochen zuvor in aller Munde und der Fall des ehemaligen ORF-Generaldirektors Weißmann, die ein Sittenbild der politischen Welt in diesem Land zeichneten, das zum Barmen ist.

Dabei dürfte es all diese Fälle, die in den vergangenen Wochen und Monaten das politische Leben im Land bestimmten und die Politik von der Arbeit abgehalten haben, längst nicht mehr geben, wenn man die politische Diskussion der letzten Jahrzehnte verfolgt hat. Was wurden in den vergangenen Jahren Gesetze umgeschrieben, Leitbilder und Richtlinien beschlossen, die genau das verhindern sollten, was wir heuer schon so oft erlebten.

Man kommt dennoch nur langsam voran mit diesen Bemühungen, viel zu langsam, wie es scheint. Wenn sie denn überhaupt ernst gemeint waren. Denn solche Fälle gibt es immer noch und überall. Da nutzen alle Gesetze nichts, wenn das Rückgrat und die Haltung fehlen und das Gespür - "ich habe nichts Unrechtes getan", sagt Ruck immer noch. Und es passt ins Bild, dass er Verständnis findet dafür.

Die Chuzpe ist beachtlich, die Ziele, die man verfolgt, sind nach wie vor oft unverschämt, und ein schlechtes Gewissen scheint man auch nicht zu haben, zählt man das, was jetzt wieder einmal so aufregt, doch vielerorts immer noch zum "guten" politischen Handwerk. Man ist nach wie vor ziemlich ungeniert, denkt, wird man ertappt, kaum je daran, von einem Amt zurückzutreten oder daran, ein Mandat zurückzulegen, selbst dann, wenn man aus der Partei ausgeschlossen wird oder wenn man gerichtlich verurteilt ist.

Wir haben in den vergangenen Wochen viel erlebt und gesehen. Der Eindruck, der hinterlassen wurde, war alles in allem verheerend. "Die Reihen dicht geschlossen halten", ist immer noch die Strategie der Wahl in solchen Fällen. "Pobacken zusammen und durch", gilt in den meisten Fällen immer noch als die beste Strategie. Und man muss sagen: sie funktioniert immer noch.

Dabei rütteln all diese Fälle längst an den Grundfesten des Staates. Nicht nur an denen der Parteien, sondern auch an denen der Kammern. Die ÖVP und die SPÖ sind dabei, mit ihrer Nibelungentreue politischen Selbstmord zu begehen. Auch wenn die ÖVP mit dem Ausschluss Rucks für ihre Verhältnisse sehr rasch reagierte, bleibt Ruck in der VP-Welt fest verankert. Immer noch ist er Präsident der tiefschwarzen Wirtschaftskammer mit einem beachtlichen Freundes-und Unterstützerkreis in seiner nunmehr ehemaligen Partei. Das macht ihn auch für die ohnehin angeschlagene Interessenvertretung zu einem Problem.

Auch wenn man so tut, als wäre nichts, ist der Fall Ruck längst auch für den Wiener Bürgermeister Ludwig zum Problem geworden und für die Bundes-SPÖ, die bisher den Kopf in den Sand steckte und so tut, als hätte man mit allem nichts zu tun.

Wem man damit in die Hände spielt, braucht nicht extra erwähnt zu werden. "Kickl reibt sich die Hände", heißt es allerorten, ist doch, was wir rund um Ruck und Freunderlwirtschaft erleben, nicht das Einzige, was zu dem zählt, was es längst nicht mehr geben dürfte. Denn in anderen Bereichen ist es nicht anders. Da ist man etwa gerade in Oberösterreich dabei, eine Altreifen-Deponie, mit der ein wifer Unternehmer vor Jahrzehnten Millionen machte, einfach zuzuschütten um sich die Sanierungskosten, auf denen das Land sitzenblieb, zu ersparen.

Auch das zeigt -wir haben einen langen Weg vor uns, den wir eigentlich gar nicht mehr haben sollten angesichts der Versprechungen und Erklärungen, die wir immer zu hören bekamen.

Nicht zuletzt deshalb sprechen in diesen Wochen viele von einem Kollateralschaden für die Politik und hören schon die Totenglocken für die Koalition läuten, zumal auch die NEOS angeschlagen sind. Wir werden sehen, ob sie recht bekommen.

Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 30. Juli 2026

Mittwoch, 29. Juli 2026

Gurkerl vom Ganges

Dass immer mehr Essiggurkerl aus Russland, aber auch aus Indien auf dem Jausentisch landen, stößt den heimischen Gemüsebauern sauer auf.

Hans Gmeiner

Hartkirchen. Sie mögen „Turşu“, „Solonyy ogurets“ oder auch „Khatta Kheerte Ka Achar“? Am liebsten in einer Wurstsemmel oder zur Jause? Kennen Sie nicht? Jede Wette, dass Sie sie kennen und mit hoher Wahrscheinlichkeit auch schon gegessen haben. So heißen Essiggurkerl in der Türkei, in Russland und in Indien.

Aus diesen Ländern kommt inzwischen ein guter Teil dieses Kleinods der österreichischen Esskultur. Auf vielen Gurkerlgläsern steht nichts davon. Und das stößt den verbliebenen heimischen Gurkerlbauern sauer auf. Wie in vielen anderen Bereichen der Landwirtschaft müssen sie hilflos zuschauen, wie den Konsumenten in Handelsregalen ohne viel Kennzeichnung Waren aus fernen Ländern untergejubelt werden, während sie ihre Anbaufläche Jahr für Jahr reduzieren oder gar aus der Produktion aussteigen müssen, die für sie oft über Jahrzehnte wichtiges Einkommensstandbein war.

„Ein Viertel enthält Gurken aus Indien“

Laut gemeinsamen Erhebungen der Organisation Wirtschaften am Land, der Landwirtschaftskammer Oberösterreich und von Efko, dem größten heimischen Sauergemüsehersteller, ist bei rund zwei Dritteln der Essiggurkenprodukte in den heimischen Regalen die Herkunft nicht erkennbar. Besonders intransparent ist die Situation bei den Eigenmarken des Handels. Dort fehlt bei 80 Prozent der Produkte die Herkunftsangabe vollständig. „Ein Viertel enthält Gurken aus Indien, nur fünf von 40 Gurkengläsern enthalten Gurkerl österreichischer Herkunft“, beklagt man.

Das Interesse des Handels, die Herkunft offenzulegen und zu kennzeichnen, ist denkbar gering. „Auf Nachfrage von uns wurden zwar Informationen übermittelt“, sagt Robert Pichler, Obmann von Wirtschaften am Land. „Zum Teil wurden aber Listen mit bis zu 15 möglichen Herkunftsländern, von Serbien über Bosnien-Herzegowina, Russland bis hin zu Indien, genannt.“ Nachvollziehbarkeit des Produktionsprozesses, Dokumentationen oder Rückverfolgbarkeit, alles Dinge, auf die bei der heimischen Produktion größter Wert gelegt werde, spielten dort offenbar keine Rolle, kritisiert Pichler.

Nur noch jedes zweite Gurkerl ist aus Österreich

Der Marktanteil heimischer Essiggurkenprodukte in den Supermärkten beträgt mittlerweile nur mehr 50 Prozent. Vor 30 Jahren waren es noch mehr als 80 Prozent. Heute kommen viele Gurkerl aus Polen, aber auch aus Nicht-EU-Ländern wie der Türkei oder Russland. Besonders stark wächst seit geraumer Zeit der Anteil von Essiggurkerln, die aus Indien über mehr als 6000 Kilometer nach Österreich geliefert werden. Dem Vernehmen nach hat eine große heimische Handelskette, die, wie alle anderen auch, gerne mit Nachhaltigkeit, kleinem ökologischem Fußabdruck und der Treue zur heimischen Landwirtschaft wirbt, seine Einkäufer sogar angewiesen, Gurkerl und Gurkerlprodukte nur mehr von dort einzukaufen.

In Oberösterreich werden seit 200 Jahren Gurkerl erzeugt

Da nimmt es nicht wunder, dass sich die Lage des Gurkerlanbaus in Österreich in den vergangenen Jahren zugespitzt hat. In Oberösterreich, wo seit mehr als 200 Jahren Gurkerl erzeugt werden, produzieren nur mehr zwölf Bauern die so beliebte Gemüsesorte. Sie sind nach Einschätzung der Branchenvertreter ein Beispiel dafür, wohin gedankenloses Einkaufen, Preisdruck vom Handel, übertriebene Vorschriften, aber auch Strategien, die die Herkunft verschleiern, führen können. Auch die Politik wird in die Pflicht genommen. Seit Jahren kritisieren die Gemüsebauern die hohen Lohnkosten und das unflexible Entlohnungssystem für Saisonarbeit – ohne jedes Echo und ohne jeden Erfolg. „Dadurch, aber auch wegen des bei uns besonders strengen Pflanzenschutzes, haben wir gegenüber anderen Ländern, auch in der EU, einen Wettbewerbsnachteil“, sagt Franz Waldenberger, Präsident der Landwirtschaftskammer Oberösterreich, und hofft, dass nicht nur die Gurkerl-, sondern die Gemüsebauern insgesamt auf mehr Verständnis für ihre Sorgen und Warnungen stoßen.„Es geht nicht nur um die Landwirtschaft“

Für die Bauern geht es um viel. „Aber es geht nicht nur um die Landwirtschaft“, sagt Efko-Chef Thomas Krahofer. „Es geht auch um die Zukunft der Lebensmittelproduktion, um Arbeitsplätze, um regionale Wertschöpfung, um die Erhaltung der Kulturlandschaft und natürlich auch um die Versorgungssicherheit.“ Was wäre zu tun? „Die Politik sollte die nötigen Rahmenbedingungen schaffen, der Handel sollte für Transparenz sorgen, damit die Herkunft sichtbar wird, und der Konsument sollte zu österreichischer Ware greifen.“

Salzburger Nachrichten - Wirtschaft, 29. Juli 2026

Donnerstag, 23. Juli 2026

Lieber direkt vom Bauernhof

Ob Ab-Hof-Verkauf, Belieferung der Gastronomie oder Selbstbedienungsladen, fast jeder dritte landwirtschaftliche Betrieb setzt mittlerweile auf Direktvermarktung.

Hans Gmeiner

Salzburg Spätestens seit Corona gilt die Direktvermarktung bäuerlicher Produkte als eine der Erfolgsstorys in der Landwirtschaft, die immer wieder von Krisen durchgebeutelt wird. Damals, als die Supermarktregale nicht selten leer und die Versorgung auch bei Lebensmitteln unsicher war, wurden die Bauern regelrecht gestürmt. Das hat sich bei den Konsumenten eingebrannt. Auch wenn die Höfe nicht mehr überrannt werden wie damals, hat sich die Direktvermarktung als Einkaufsquelle etabliert. Besonders gern werden Fleisch und Fleischprodukte, Eier, Fruchtsäfte und Wein gekauft. Man schätzt es zu wissen, woher die Ware kommt, man schätzt die Qualität und man schätzt die Sicherheit.

Für 18.000 ist die Direktvermarktung Haupterwerb

„Die Direktvermarktung stellt für viele landwirtschaftliche Betriebe in Österreich ein tragfähiges Geschäftsmodell dar, das Einkommen sichert, Arbeitsplätze schafft und regionale Wertschöpfung in Österreich stärkt“, sagt Johannes Mayr vom Meinungsforschungsinstitut KeyQuest, der für die Landwirtschaftskammer Österreich die Bauern zum Thema „Situation und Zukunft der Direktvermarktung“ befragte. Für rund 18.000 der insgesamt noch 100.000 Bauern in Österreich ist die Direktvermarktung inzwischen sogar der Haupterwerb, schätzt Mayr.

Derzeit vermarkten rund 29 Prozent der österreichischen Betriebe zumindest einen Teil ihrer Produkte direkt ohne Zwischenhandel. Sie erzielen im Durchschnitt 36 Prozent des Einkommens damit. Tendenz steigend. Das macht den Betriebszweig interessant. Gaben vor zehn Jahren noch 13 Prozent der Bauern an, über Direktvermarktung nachzudenken, so sind es heute 18 Prozent. Die Bauern vermarkten heute ihre Produkte sehr professionell. Standards, Qualität und Vielfalt sind hoch. Längst geht das Angebot weit über Rohprodukte hinaus. Wichtigste Verkaufschiene ist mit großem Abstand der Ab-Hof-Verkauf. An zweiter Stelle aber folgt bereits die Gastronomie. Dahinter kommen Lieferdienste und Zustellung und der Lebensmitteleinzelhandel. An Bedeutung gewinnen SB-Läden und Online-Shops.

Vor allem Junge interessiert das Geschäftsmodell

Vor allem für junge Hofübernehmer gilt Direktvermarktung als einigermaßen zukunftssichere Möglichkeit im schwierigen agrarischen Umfeld mit den oft schlechten Preisen und unsicheren Märkten. Für Josef Moosbrugger, den Präsidenten der Landwirtschaftskammer Österreich, ist das keine Überraschung: „Die Direktvermarktung entwickelt sich nicht zuletzt so positiv, weil es eine Reihe von Betrieben gibt, die bei der traditionellen Vermarktung über den Handel mit der Wirtschaftlichkeit nicht mehr zurechtkommen.“

Für die Bauern mache vor allem die höhere Wertschöpfung die Direktvermarktung interessant, sagt der Kammerpräsident. „Das ist ja eigentlich der Kern der Direktvermarktung, dass mehr Wertschöpfung auf diese landwirtschaftlichen Betriebe kommt.“ Und das wirkt sich nicht nur auf das Einkommen, sondern auch auf die Absicherung der Arbeitsplätze auf den Höfen aus. „Direktvermarktung sichert einen zusätzlichen Arbeitsplatz auf einem Hof“, sagt Mayr. „Hochgerechnet sind das nicht weniger als 27.000 Arbeitsplätze.“ Denn während ein Hof mit herkömmlicher Vermarktung lediglich 1,6 Arbeitsplätze im Schnitt sichere, sichert ein Hof mit Direktvermarktung laut Mayr 2,5 Arbeitsplätze.

Mehr als die Hälfte will investieren

Die gute Stimmung spiegelt sich auch im Investitionsverhalten wider. Sagten 2016 noch 38 Prozent der Direktvermarkter, sie wollten in diesen Betriebszweig investieren, so sind es heute 53 Prozent. Derzeit werden von den Bauern rund 360 Millionen Euro pro Jahr in den Ausbau dieses Betriebszweigs investiert. Damit sichert man laut Mayr bei den Gewerbebetrieben und Zulieferern außerhalb der Landwirtschaft ungefähr 3500 Arbeitsplätze.Wir spüren überall, dass die Nachfrage steigt Für Karl Grabmayr, den Obmann des Verbands bäuerlicher Direktvermarkter, ist der Plafond noch lang nicht erreicht. „Wir spüren überall, dass die Nachfrage steigt.“ Die Direktvermarktung mache derzeit nur 2,5 Prozent des Lebensmittelhandels aus. „Das heißt für mich, dass wir noch sehr viel Luft nach oben haben und dass wir auch neue Betriebe dazu brauchen.“ Dabei setzt er darauf, dass derzeit auf sehr vielen Höfen überlegt wird, in die Direktvermarktung einzusteigen.

Bei aller Euphorie bleibt Bauernpräsident Moosbrugger aber realistisch. „Das Bild von der Direktvermarktung und die Aussichten sind sehr positiv“, sagt er. „Aber diese Art von Vermarktung passt nicht zu jedem Betrieb.“ Nachsatz: „Und Direktvermarktung ist auch kein Patentrezept, dass damit jeder Betrieb für die Zukunft gerettet werden kann.“

Salzburger Nachrichten - Wirtschaft, 23. Juli 2026

Donnerstag, 16. Juli 2026

Der "Wetter-Wumms" hält uns im Schwitzkasten

Die deutsche Bild-Zeitung kann Schlagzeile immer noch am besten. Natürlich auch im Sommer. Und natürlich auch wenn es um die Hitze geht. "Jeden Tag heiß -Diese Woche kommt der Wetter-Wumms" hieß es am Montag dieser Woche deftig. Der allseits bekannte schweizerisch-deutsche Wetterfrosch Jörg Kachelmann gab bereits in der vorigen Woche die Losung aus, dass das heuer ein, verzeihen sie den Ausdruck, "Scheiß-Sommer" werde.

Das Wetter gibt einiges her in diesen Wochen. Nicht nur bei "Bild", nicht nur in Deutschland, auch bei uns. Überall purzelten heuer bereits die Hitzerekorde. Der Juni war der heißeste Juni seit den Temperaturaufzeichnungen. Die Meere sind warm wie nie. Vor Hitzetoten wird gewarnt. Regen ist nicht in Sicht. Und 40 Grad sind keine magische Grenze mehr, sondern gelten vielerorts schon fast als das neue Sommer-Normal.

Mittlerweile macht die Hitze nicht nur den Bauern Sorgen. "Anhaltende Dürre verschärft die Lage" vermelden die Medien. Das Wasser wird da und dort bereits knapp, die Grundwasserspiegel sinken, Brunnen fallen trocken und die eine oder andere Gemeinde hat bereits Richtlinien für die Wassernutzung herausgegeben, namentlich das Füllen von Pools, das Sprengen von Rasenflächen und das Wässern der Gemüsepflanzen im Garten.

Und dennoch macht sich keine große Aufregung breit. Immer noch streitet man gerne darüber, ob das nun der "Klimawandel" sei oder bloß das "Wetter"."Heiß war es früher auch", ist immer wieder zu hören. Und wenn irgendwo ein Gewitter niedergeht, findet sich immer jemand, der sich über die Warnungen lustig macht. "Ja, ja, heiß und trocken ist es", postet man dann samt zahllosen Smileys. Längst ist das Thema Klimaschutz auch politisch besetzt. Wer warnt, ist links und grün, wer all die Warnungen für überzogen hält, ist rechts. Beide Seiten versuchen daraus politisches Kapital zu schlagen. Für den Beobachter drängt sich der Eindruck auf, als seien die Rechten dabei weitaus erfolgreicher. Dort redet man allenfalls vom "sogenannten Klimawandel", meist aber gänzlich ungeniert von "Klimahysterie".

Die dazwischen, wie in Österreich die Regierungsparteien, namentlich die ÖVP, tun sich schwer, ihre Position zu finden. Auf der einen Seite erkennen und anerkennen sie sehr wohl den Klimawandel, auf der anderen Seite fühlen sie sich aber auch in der Verantwortung, dass sie die Wirtschaft nicht abwürgen dürfen und auch die Bevölkerung bei Laune halten müssen, wenn es um Klimaschutz geht.

Das aber scheint nur auf dem Papier zu gelingen. Erst jüngst veröffentlichte das Umweltbundesamt, dass die Österreicherinnen und Österreicher dem Thema Klima-und Umweltschutz durchaus verständnisvoll gegenüberstehen. Nur acht Prozent halten demnach das Thema für Humbug, der große Rest aber steht dem Thema durchaus verständnisvoll gegenüber -wenn es Förderungen gibt, bessere Kennzeichnung und Ähnliches. Kurzum: Wenn sie selbst nicht allzu viel dazu tun müssen.

Umfragen sind, man weiß es, das eine, die Realität ist das andere. Und das ist und bleibt wohl die Krux. Unverständlich ist das freilich nicht. Denn in der Realität gilt eher "Da kann man eh nichts machen, schon gar nicht das kleine Österreich." Das nimmt nicht wunder angesichts der Kriege in der Welt, der Entwicklung des internationalen Flugverkehrs, der Umweltzustände außerhalb Europas und der geringen Bereitschaft der internationalen Gemeinschaft, das Thema Klimawandel ernsthaft anzugehen.

Einstweilen versucht man sich selbst zu helfen und will sich nicht irre machen lassen. Man richtet sich in der Hitze ein, um mit den hohen Temperaturen zumindest einigermaßen zurechtzukommen. Das wirkt schneller. Zu tun gibt es auch abseits der zuweilen irrlichternden nationalen und internationalen Klimapolitik ohnehin genug. Der Bogen reicht von Klimatisierung von Altenheimen, Spitälern und Schulen bis hin zu Öffis.

Dennoch gilt es am Bewusstsein für schnellwirkende und effiziente Maßnahmen noch zu arbeiten. Wie anders ist zu erklären, dass immer noch Parkflächen vor Supermärkten ohne Baumbestand bewilligt werden und in Städten und Gemeinden Plätze mit Steinen und Asphalt versiegelt werden, auf denen allenfalls eine paar kleine Alibi-Bäume ihre trauriges Leben fristen.

Wenn sich das ändern würde, käme man zumindest mit einem "Wetter-Wumms", wie er angeblich wieder droht, besser zurecht.

Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 16. Juli 2026

Donnerstag, 9. Juli 2026

Österreich braucht mehr "Woodstock der Blasmusik"

Die Ferienzeit hat begonnen. Mit dieser Woche in Wien, in Niederösterreich und im Burgenland. Nächste Woche folgen die anderen Bundesländer. In dieser Zeit ist Österreich anders. So wie man es sich wünschen würde. Man ist lockerer und offener. Man fährt aufs Land zur Oma und zum Opa. Man fährt in die Berge oder an einen See. Man macht Ausflüge in die Umgebung. Um sich zu erholen, um aus dem Alltag auszubrechen. Um die Natur zu genießen, die Schönheiten des Landes und auch die Gastfreundschaft und die Gastronomie. Einfach, weil es halt guttut und weil es schön ist. Man erfreut sich am Land, daran, dass wir es gut und schön und sauber haben und man erfreut sich auch daran, dass sich jemand darum annimmt, dass es so ist. Es fühlt sich auch oft an, als wären diese Wochen Wochen der Versöhnung zwischen Stadt und Land, zwischen den oft hochnäsigen und eingebildeten Städtern und dem Landvolk außerhalb der Ballungsgebiete, dem man gerne eine gewisse Rückständigkeit nachsagt, die sich aber um nichts weniger hochnäsig verhalten können gegenüber den "Stadterern". Nicht zu Unrecht ist da oft von Kluft die Rede und von Gräben.

Diese, nennen wir es friedvolle Stimmung dieser Wochen zeigt sich exemplarisch, einem Konzentrat Österreichs und seiner Möglichkeiten gleich, Jahr für Jahr zu Ferienbeginn in einem Festival im Innviertel. An keinem Platz, er nennt sich übrigens Ort im Innkreis, zeigt Österreich an einem Wochenende, was es kann und was in dem Land steckt und wozu es fähig ist.

Da, auf der einen Seite, beim "Woodstock der Blasmusik", das Jahr für Jahr weit mehr als 100.000 Menchen anzieht, um gemeinsam ihrer Leidenschaft, der Blasmusik, nachzugehen. Und dort, auf der anderen Seite und ebenfalls in Ort im Innkreis, die Fertigungshallen der FACC, die Flugzeugkomponenten für Hersteller in aller Welt erzeugt -von Airbus über Boeing bis zu Embraer. Das moderne Österreich. International orientiert, aufgeschlossen, auch in der Hochtechnologie daheim und erfolgreich.

Es ist nicht nur das. Man mag einen anderen Musikgeschmack haben und auch Lederhose und Tracht mag nicht die Kleidung sein, die man präferiert, es geht um etwas anderes. Es geht darum, Lebensfreude zu leben und zu erleben und sich über alle sozialen und gesellschaftlichen Grenzen hinweg zu verstehen. Da verbringen die Leute mit Begeisterung Tage voller Freude miteinander. Gleich ob vom Dorf oder aus der Stadt, gleich ob vom Bauernhof oder vom Penthouse in der Stadt. Höhepunkt des Festivals ist das sogenannte "Gesamtspiel", bei dem rund 20.000 der Gäste mit ihren mitgebrachten Instrumenten gemeinsam Musikstücke spielen. Sogar Ö3 sendet inzwischen von dort.

Da ist alles, was Österreich so oft fehlt und was wir so dringend bräuchten. Alles arbeitet in eine Richtung, alle unterstützen einen Weg, alle halten zusammen und geben ihr Bestes. Keine Gräben, keine sozialen Unterschiede, stattdessen gegenseitige Wertschätzung. Keine Spur vom Missmut, der Österreich so zu schaffen macht und von der ewigen Jammerei.

Doch die Stimmung, die man beim "Woodstock der Blasmusik" erleben konnte und die wir in den kommenden Wochen oft allerorten im Land erleben, hat, man weiß es, kurze Beine. Das Raunzen und die Unzufriedenheit werden sich schnell wieder breitmachen und der Missmut auch. Von der Stimmung in diesen Wochen bleibt wohl kaum etwas. Und auch nichts von der kurz aufgeflammten Solidarität zwischen Stadt und Land auch. Man weiß es.

Die Stimmung bleibt wohl weiterhin alles andere als gut und das Gefälle zwischen Stadt und Land, zwischen Stadtbewohnern und Landbevölkerung, groß. Auch, weil die in der Stadt immer noch viel zu oft auf die am Land herabschauen. Geringschätzung ist gängig. Oft glaubt man alles besser zu wissen und hat keine Scheu, das auch zu sagen. Man fordert vom Land, woran man in der Stadt nicht einmal denkt, das zu tun. Umgekehrt ist es freilich kaum anders. Auch dort hat man oft wenig Verständnis für die in der Stadt, ihre Welt und ihre Bedürfnisse.

Dem Land tut das nicht gut. Es bremst allerorten, weil man sich schwer tut zusammenzufinden. Man sollte mehr darüber reden. Die Ferienzeit und das "Woodstock der Blasmusik" zeigen, was möglich wäre in diesem Land.

Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 9. Juli 2026

Donnerstag, 2. Juli 2026

Wo findet man den Wählerwillen?

Sie tun es wieder. Politiker gehen auf Sommertour. "Österreich im Gespräch mit Bundeskanzler Stocker", heißt es da. Oder "Ordnen statt spalten" bei seinem Vize Andreas Babler. Freiheitliche Politiker wie Oberösterreichs Manfred Haimbuchner gehen auf -was sonst? -"Heimattour", Grüne ziehen durch die Wirtshäuser. Andere halten sich noch bedeckt. Irgendwann in den frühen 2000er Jahren verfiel man auf die Idee, den Sommer über in Veranstaltungen Wählernähe zu zeigen und, so zumindest die offiziellen Erklärungen, den Wählerwillen respektive den Willen der Wählerinnen zu erkunden. Unwidersprochen, aber auch nicht wirklich bewiesen ist, dass Hansi Hinterseer den Anstoß dazu gab. 2001 lud er zur ersten seiner Fan-Wanderungen, die tausende Mit-Wanderer anlockten.

So etwas war natürlich auch für die Politik verlockend. Die Landeshauptleute taten es, der damalige Kanzler Wolfgang Schüssel und auch Jahre später sogar Sebastian Kurz. Die Massen kamen nicht wie beim skifahrenden Barden aus Kitzbühel, die Bergwanderungen brachten aber ab und an zumindest doch veritablen Erfolg. Vor allem bescherten sie uns unvergessliche Bilder wie den schwitzenden damaligen Kanzler Gusenbauer in zu engem Wandershirt und Radlerhosen.

Was da Jahr für Jahr dem Wahlvolk als ernsthaftes Bemühen daherkommt, ernst genommen zu werden, zeigt, wie das meiste andere, das jahraus jahrein probiert wird, meist doch nur eines - die Hilflosigkeit die Wählerinnen und Wähler zu erreichen und zu erkunden, was sie wirklich wollen.

Es gehe darum, "Menschen abseits von Mitgliedschaften und Parteipolitik zu treffen", ist aus der Umgebung von Bundeskanzler Stocker zu vernehmen. Was die Menschen beschäftige, erfahre man nicht in Sitzungen und schon gar nicht in Umfragen, sondern nur im direkten Gespräch. Darum lade man ganz gezielt und mithilfe eines Meinungsforschers Gäste zu Veranstaltungen in ganz Österreich ein, bei denen dem Kanzler Vera Russwurm und Arabella Kiesbauer als Moderatorinnen zur Seite stehen, weil die ursprünglich für diese Rolle vorgesehene Christa Kummer krankheitsbedingt ausfällt. Ein Schelm, wer Böses denkt, dass heuer ganz offiziell das Kanzleramt zu diesen Events lädt und nicht Stockers Volkspartei, in deren Kassen bekanntermaßen Ebbe herrscht. Aber sei`s drum. "Gute Politik" entstehe nicht hinter verschlossenen Türen, sondern "im Kontakt mit den Menschen", meint man auch in Bablers Lager und anderswo wohl auch.

Man mag es glauben oder auch nicht. Schwierig ist es auf jeden Fall zu erfahren und zu erspüren, was Wählerinnen und Wähler wirklich wollen und wünschen und woran sie ihr Stimmverhalten ausrichten. Parteiveranstaltungen sind dazu wohl eher wenig geeignet. Sie stärken allenfalls das Wir-Gefühl. Stockers heuriges Sommerkonzept mag plausibel klingen, ob es erfolgreicher und zielführend ist, darf bezweifelt werden, finden diese Treffen doch in einem Setting statt, das eher Laborbedingungen als dem wirklichen Leben entspricht. Die Frage bleibt, wie kommen Politikerinnen und Politiker, zumal Spitzenpolitiker wie Kanzler oder Minister, die sich jahraus jahrein unter ihresgleichen, abgeschottet in Fanzirkeln und umgeben von Ja-Sagern bewegen, zu einem Gefühl dafür, was die Menschen bewegt? Zeit haben sie kaum, bei Veranstaltungen sind sie auch meist wieder von Funktionären umgeben. Sprechtage und Sprechstunden sind in Verruf geraten. Und was früher oft funktioniert hat, können sie sich heute nicht mehr leisten -lange sitzen zu bleiben und vielleicht das eine oder andere Achterl oder Seiterl zu trinken.

Dabei ist das eine durchaus sehr wichtige Frage. Sie zu beantworten wird nicht leichter in dem politisch aufgeheizten Klima, in dem wir seit Jahren leben, in dem es nur eine Welt zwischen "Deppen" und unbeirrbaren "Fanboys und -girls" gibt, aber offenbar nichts dazwischen.

Doch dieses "Dazwischen" gibt es. Es ist wohl das, was die politische Mitte zu nennen ist, die schweigende Mehrheit. Die Leute, die man nicht hört, die gelassen sind und nicht daueraufgeregt, die in Ruhe ihre Schlüsse ziehen und sich das Ihre Denken. Die von der Politik angewidert sind und nicht -mehr -interessiert daran. Die kaum je sagen, was sie bewegt. Und die sich nicht verwenden lassen wollen für irgendetwas.

Sie sind die größte Gruppe, die wichtigste auch und wohl auch die schwierigste. Und die, um die sich auch heuer im Sommer offenbar niemand kümmert.

So wie das ganze Jahr über.

 Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 2. Juli 2026

Donnerstag, 25. Juni 2026

Neues vom ewigen Monster

Kommende Woche ist der 1. Juli. Dieser Tag bringt uns eine besonders schillernde Blüte der heimischen Bürokratie. Der Tag beschert uns die politisch zweifelhafte und von vielen bezweifelte Wohltat der Senkung der Mehrwertsteuer auf bestimmte Lebensmittel, den Betroffenen nur mehr etwas, was sie "Bürokratiewahnsinn" nennen, und dem einen oder anderen Begünstigten vielleicht auch Ärger, Rätsel, aber zumindest Kopfschütteln. Kaufen Sie ab 1. Juli beim Bäcker eine Semmel, beträgt dafür die Mehrwertsteuer nur mehr 4,9 statt 10 Prozent. Kaufen Sie vielleicht noch Butter, dann beträgt die Mehrwertsteuer auch nur mehr 4,9 statt 10 Prozent. Bestellt man allerdings zum schnellen Espresso am Stehtisch eine Buttersemmel, gilt für alles ein Mehrwertsteuersatz von 10 Prozent. Das Gleiche gilt übrigens für Käsesemmeln und für vieles andere, was so tagaus, tagein konsumiert wird.

Bei einem Handsemmerl könnte es allerdings noch um einen Tick komplizierter ausfallen ganz nach dem Motto: "Die Antwort auf Probleme mit der Überregulierung lautet in Österreich immer: noch mehr Regulierung". Denn Semmeln dürfen nicht mehr als fünf Prozent Fett enthalten, damit sie mehrwertsteuersenkungsfähig sind. Handsemmerl enthalten aber der Qualität zuliebe mitunter mehr Fett. Dann gilt für sie weiterhin der Mehrwertsteuersatz von zehn Prozent. Als "Grenzgänger" gelten auch Vollkornbrote und Spezialbrote oder Nahrungsmittel mit zu viel Zucker.

Kein Wunder, dass in den vergangenen Wochen die betroffenen Betriebe rotierten. Mussten sie doch Extraschichten einlegen, um alles korrekt einzustufen und die Kassen zu programmieren. Je kleiner die Betriebe, desto größer der Aufwand, weil sie EDV-mäßig nicht entsprechend ausgestattet sind.

Die Bürokratie ist ein ewiges Monster. Wie Spinnweben, die sich in allen Winkeln eines alten Hauses wabernd einnisten und nicht wegzubringen sind, sondern immer mehr zu werden scheinen. Die Nachrichten aus dieser krausen Welt wollen einfach nicht abreißen. Der Bogen reicht von der Luftsteuer, die von Hotels selbst für vorstehende Simse kassiert wird, bis hin zum Einbau des Brandschutzes -wie dies in einem Betrieb verlangt wurde, mit der gleichzeitigen Auflage, diesen Brandschutz auch kontrollieren zu lassen. So weit, so normal. Wenn es da nicht einen Nebeneffekt des Bürokratiewahnsinns gäbe -man kann auch verdienen damit. "Dreimal dürfen Sie raten, wer für die Kontrolle zuständig ist", fragt der entnervte Betroffene. Man wagte den Gedanken noch gar nicht zu denken, kommt schon die Antwort: Der, der den Brandschutz eingebaut hat.

Da verwundert nicht, dass Bürokratie und Vorschriftenwahnsinn immer zuerst genannt werden, wenn in der Wirtschaft, aber auch in Bereichen wie der Landwirtschaft und zahllosen anderen nach den größten Problemen gefragt wird.

Laut jüngsten Berechnungen der KMU Forschung Austria kostet die Bürokratie die heimische Wirtschaft inzwischen bereits 21,1 Milliarden Euro jährlich oder 320 Millionen Arbeitsstunden. Das entspricht 200.000 Vollzeit-Arbeitsstellen.

Auch wenn es da und dort Erfolge zu verzeichnen gibt, greift der Wahnsinn nach wie vor rasend um sich. Ein Beispiel: Rund 1.900 Seiten umfasst heuer der Kodex Steuergesetze. Das ist mehr als doppelt so viele wie im Jahr 2000. Das ist längst auch Steuerberatern zu viel, die davon leben. "Das Steuerrecht ist komplex und kaum noch handhabbar", klagen selbst sie.

Oft ist der Wahnsinn selbst gemacht und politisch durchgedrückt. Etwa dann, wenn NGOs sich mit unpraktikablen und oft unsinnigen Vorschriften wie der Entwaldungsverordnung oder jüngst einer Richtlinie für erneuerbare Energieträger durchsetzen.

Einen Mann im Land regte das alles immer ganz besonders auf. So sehr, dass man ihn sogar zum Entbürokratisierungs-Staatssekretär machte. Jetzt ist er der Minus-Mann in der Regierung und dabei, zu einer Lachnummer gemacht zu werden, weil von den ohnehin mageren 113 angekündigten Maßnahmen, auf die das Land lange warten musste, erst 19 umgesetzt wurden.

Als Beobachter ist man dennoch geneigt, ihn zu verteidigen. Er hat es mit der Politik zu tun. Er hat es mit Österreich zu tun. Und da ist "Bohren in harten Brettern" ein Hilfsausdruck. Vor allem wenn es um Bürokratie geht.

Gar nicht zu reden, wenn einem von niemand Erfolg gegönnt wird. Schon gar nicht von den Regierungspartnern.

Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 25. Juni 2026

 
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