Donnerstag, 29. Januar 2026

Ein starkes Europa ist eine Herausforderung – auch für jeden von uns

"Europa muss sich neu aufstellen“, heißt es, der Kontinent müsse sich auf sich selbst und seine Stärken besinnen. Es brauche rasch Reformen, um sich gegen die USA, aber auch gegen Russland behaupten zu können. Um militärische Stärkung geht es und um wirtschaftliche Unabhängigkeit und darum wieder Bedeutung zurückzugewinnen. Bisher geschah nicht viel. Spätestens seit Trumps Griff nach Grönland scheint nun wirklich Feuer am Dach zu sein. 

Aber was heißt das konkret für jeden von uns, für die das Leben bisher alles in allem ein bequemes war? Müssen wir gar Opfer bringen? Auf etwas verzichten? Was bedeutet das für unseren Lebensstil, für den Lebensstandard, für den Wohlstand? Was wird von uns erwartet? 

Die diskutierte Verlängerung des Wehrdienstes ist wohl nur ein erster Vorbote. Was, wenn es um ein EU-Heer oder einen europäischen Atomschirm gehen sollte oder um eigene EU-Steuern, die schon diskutiert werden? Was kommt auf die nationalen Budgets zu und in der Folge auf die Leistungen des Staates, an die wir uns so gewöhnt haben, wenn das Geld für anderes gebraucht wird? Was heißt das für die Pensionen, für die Schulen, für das Gesundheitssystem? Was heißt das für die Energiekosten? Müssen wir gar wieder mehr arbeiten? Was bedeutet das für die Preise und für die Versorgung? Was ist, wenn X, Google, Facebook und Amazon mehr Geld verlangen, weil Europa den Amis mit Digitalsteuern die Zähne zeigen will? Gar nicht zu reden davon, wenn diese Dienste eingeschränkt würden, nur um den USA gegenüber Stärke zu demonstrieren. Was wird von den Menschen akzeptiert? Worüber wird gestritten? Und was bedeutet das alles für die Politik? Wer stellt welche Weichen und wohin sollen sie führen? 

All diese Themen stehen vor uns und mit ihnen müssen wir uns wohl auseinandersetzen. Bisher brauchten wir uns nicht groß um die Verteidigung des Kontinents kümmern. Wir profitierten von der arbeitsteiligen internationalen Wirtschaft. Produktionen wurden ausgelagert, weil sie zu teuer waren oder die Arbeit zu anstrengend. Abhängigkeiten bei der Energieversorgung, ob von Russland, von den arabischen Staaten oder neuerdings von den USA, aber auch bei modernen Technologien blendete man gleich ganz aus. Wichtig war viel Freizeit, möglichst wenig Arbeit und ein schöner Urlaub. Alles eingebettet in üppig ausgestatteten Sozialsystemen. Ohne viel Risiko und ohne viel Verantwortung. Für alle ging sich das freilich nicht aus, aber für die meisten. 

Europa, seine Politiker und die Menschen, die dort leben, schauten oft weg, um ihren Traum leben zu können. „Neben der De-Industrialisierung haben ein ausufernder Sozialstaat, ein Bürokratieexzess, militärische Abrüstung und eine ungelenkte Zuwanderung Europa geschwächt“, formulierte der Linzer Professor Theodoro Cocca in einem Interview mit den OÖ-Nachrichten. 

Die Gewichte verlagerten sich. Europa geriet ins Aus. Dass nun Trump den Schutzmantel Amerikas wegzieht, lässt den Kontinent nackt dastehen. Jetzt ist die Frage nicht mehr nur, was die Politik machen muss, sondern auch, was auf uns persönlich zukommt, wenn sich Europa, wie allerorten verlangt wird, neu aufstellt und auf eigenen Beinen stehen will oder sich etwa offen mit Trump anlegt. 

Dass Europa die Kraft hat zurückzukommen, wurde den Verantwortlichen erst langsam bewusst. Derzeit geht es darum, gegenüber Trump Flagge zu zeigen. Es geht aber auch um die Position gegenüber Russland und China. Der Rückzieher Trumps bei Grönland könnte ein Anfang gewesen sein. „Es reicht nicht irgendwo eine Waffe zu haben – man muss sie auf den Tisch legen, sauber geölt und entsichert“, zeichnet Wifo-Chef Gabriel Felbermayr ein drastisches Bild. Europa sei etwa einer der wichtigsten Wirtschaftspartner der USA. Pharmazeutische Produkte, industrielle Schlüsselkomponenten oder Flugzeuge, aber auch Einreisebeschränkungen seien die wahren Hebel. Und da ist noch gar nicht die Rede von der Bedeutung Europas für das Silicon Valley oder des SWIFT-Abkommens für den internationalen Zahlungsverkehr. 

Das alles braucht nicht nur mehr Selbstbewusstsein, sondern auch die Bereitschaft, tatsächlich etwas auf sich zu nehmen und nicht nur mit dem Finger auf andere zu zeigen und die Verantwortung hin und her zu schieben. 

Ob das Verständnis schon so weit gediehen ist, muss freilich noch immer bezweifelt werden. Die Freude weiter Kreise darüber, dass das Mercosur-Abkommen verschoben wird, zeigt, wie weit wir von der Realität weg sind. Immer noch. Europa, seine Politiker und die Menschen, die dort leben, schauten oft weg, um ihren Traum leben zu können.

Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 29. Jänner 2026

Donnerstag, 22. Januar 2026

So wird das wohl kaum etwas

Sind es 35 Euro, sind es 50 oder sind es 100 Euro, die man sich durch die angekündigte Mehrwertsteuersenkung in einem Jahr ersparen kann, wenn man nur die richtigen Produkte einkauft? Also Butter, Milch, Zwiebel, Gurken, Obst, Brot und solche Dinge. Inländisch, ausländisch? Egal. Aktionsware oder nicht? Auch egal. So, wie man nicht weiß, wie das kontrolliert werden soll, und wie man sichert, dass der Handel diese Senkung wirklich weitergibt. Man ist sich ja noch gar nicht über die Liste einig. Jetzt könnte man angesichts der vom Vizekanzler im Alleingang hinausposaunten Liste den Verdacht hegen, dass das Ganze dabei ist, zu einer Unterstützung der Vegetarier zu geraten. Das freilich nur, wenn man böswillig ist. Denn man kann das auch als Hilfe für die notleidenden Fleischesser sehen, zumal sie die ersparten Euro in Fleisch und Würste investieren können oder gar in Mehlspeisen, die ja auch nicht billiger – steckt doch böser Zucker drin – werden. Fix ist nur: Wenn jemand auf ein Netflix-Jahresabo oder Amazon-Prime verzichtet, kann man sich auch so viel ersparen. Oder wenn man, wie Anti-Babler Rudi Fussi empfiehlt, nicht mehr bei Spar oder Billa einzukaufen, sondern „nur noch zum Hofer“ zu gehen. 

Selten jedenfalls hat die Ankündigung einer politischen Maßnahme, zumal eine, die in so großer Spur daherkam, für so viel Häme, so viel Kopfschütteln und aber auch für so viel Ärger gesorgt. Und erstaunlich war, wie sie präsentiert wurde. Voller Stolz und ohne jeden Genierer. Als wäre die Mehrwertsteuersenkung der Stein des Weisen, um das Land zu retten. Babler – „Ich schaue nicht zu, wie die Preise immer weiter steigen“ – kriegte sich kaum ein, nicht die Gewerkschaft und niemand von denen, die sich deren Lager verbunden fühlen. Nicht einmal der vorderste Wirtschaftsforscher des Landes, der vor Monaten die Idee, wenn auch weit weg von der nunmehrigen Form, aufs Tapet brachte. „Mitgehangen, mitgefangen“ ist alles, was man ihm zur Entschuldigung zugutehalten kann. 

Was wir da in der vergangenen Woche erlebten, fügt sich nahtlos in die Zumutungen der vergangenen Jahre. Erinnern Sie sich noch, als uns der Verzicht auf Plastik-Strohhalme und die Fixierung der Verschlusskappen auf den PET-Flaschen als das Nonplusultra der Umweltrettung verkauft wurden? Die aktuelle Regierung setzt offenbar alles daran, diese Art von Placebo-Politik noch zu toppen. Man kennt das auch schon aus der Migrationspolitik. Man denke nur dran, als was uns das Kopftuchverbot verkauft wurde, an Sepp Schellhorns Vorschläge zum Bürokratieabbau oder die Rückkehr von Syrern nach dem Regimewechsel in dieses geplagte Land. Viel mit Placebo-Politik hat auch die Senkung der Strompreise für die Industrie zu tun, die erst 2027 kommen soll, obwohl die Unternehmen heute schon nach Luft japsen, wie kaum je zuvor. Und das gilt auch für die Industrie-Strategie, für die es von manchen Beifall gab. Auch sie fällt in die Kategorie Placebo-Politik, ist sie doch nicht mehr als eine Strategie, wo wir doch nicht erst seit gestern in einer Zeit sind, in der längst bereitliegende Konzepte umgesetzt werden und greifen müssten. 

Über allem steht die Frage – wie klein sind wir beisammen, dass wir uns über acht, neun Euro pro Monat freuen sollen und über all das, was uns noch als Erleichterungen so wortreich angedient wird? Das Almosen zu nennen, ist noch viel zu viel. Ganz abgesehen davon, dass noch nichts umgesetzt ist. 

Es sei bezweifelt, dass vielem von dem, was da in den vergangenen Tagen lanciert wurde, der Erfolg beschieden ist, der versprochen wird. Das Land wird das nicht großartig weiterbringen. Die großen Themen werden immer noch nicht angegriffen. Beim Pensionssystem, beim Pensions-Antrittsalter gibt es keine Fortschritte, nicht beim Gesundheitssystem und nicht bei der Bildung. Und auch nicht bei der Neustrukturierung der öffentlichen Verwaltung. 

Alles, was derzeit geschieht, ist Flickwerk und Reparatur. Richtungsweisend ist nichts davon, zukunftsweisend gar nicht. Man signalisiert zu handeln, handelt aber nicht. Schon gar nicht dort, wo es drängt. Über das Schielen auf den kurzfristigen Erfolg hat unsere Politik längst das große Ganze aus den Augen verloren. Genau das aber ist der Grund dafür, dass wir so dastehen, wie wir dastehen. Vorankommen werden wir so wohl kaum. Und auch nicht dem Schlamassel entkommen, in dem wir stecken. 

Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 22. Jänner 2026


Montag, 19. Januar 2026

In der Endlosschleife – oder zukunftsfit

Viele Bauern ergehen sich in Pessimismus. Der Politik gehen die Rezepte aus, um die Stimmung zu heben.

Hans Gmeiner 

Berlin. Wenn am Dienstag die traditionelle Wintertagung des Ökosozialen Forums beginnt, haben die Vertreter der Landwirtschaftsbranche schon die Grüne Woche in Berlin und das AMA-Forum hinter sich. Die Themen sind überall die gleichen. Der Handelsvertrag der EU mit den Mercosur-Ländern und welche Gefahren das für die heimische Bauernschaft bedeutet, stehen ganz oben. Auch die geplante EU-Agrarreform ist ebenso Gesprächsstoff wie die schwierige Preissituation bei verschiedenen Agrarprodukten. Auch der Dauerbrenner Lebensmittelhandel und seine Preispolitik stehen im Mittelpunkt, die Wettbewerbsfähigkeit der Bauern im Allgemeinen und dazu so leidige Themen wie überbordende Produktionsauflagen oder die Herkunftskennzeichnung, die man nicht und nicht auf den Weg bringt.

Es sind unglaublich viele Bälle in der Luft Norbert Totschnig, Landwirtschaftsminister „Es sind unglaublich viele Bälle in der Luft“, sagte Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig am Rand der Grünen Woche in Berlin, die Lage der Branche sei „komplex und schwierig“. An starken Worten ließ man es nirgendwo vermissen. Landwirtschaftskammerpräsident Josef Moosbrugger polterte, dass es sich für die Bauern nicht ausgehen könne, wenn von ihnen immer mehr gefordert werde, man dafür aber immer weniger gezahlt bekomme. Und Georg Strasser, Präsident des VP-Bauernbundes, nahm wieder einmal den Handel in die Pflicht und forderte: „Schluss mit dem Rabattwettbewerb.“

Bauern müssen sich auf die Füße stellen

Man kennt Forderungen wie diese seit Jahren. Falsch sind sie nicht. Die Fortschritte aber sind überschaubar. Die Bauern müssen sich auf die Füße stellen, ihre Situation ist nicht einfach und herausfordernd. Aber es ist zu fragen, ob sich ihr Argumentarium nicht längst abgenutzt hat, weil man nur mehr schlechte Stimmung verbreitet, bei den Bauern genauso wie bei den Konsumenten und Steuerzahlern. Zunehmend hat man Probleme, verstanden zu werden. Nicht zuletzt deshalb fühlen sich viele Bauern von der Politik im Stich gelassen.

Das Mercosur-Abkommen ist typisch dafür. Fakten werden einseitig ausgelegt, Chancen nicht gesehen, Gefahren überbetont. Beinahe lustvoll malt man Gegenwart und Zukunft der heimischen Landwirtschaft in düsteren Farben.

Nicht einmal die agrarische Außenhandelsbilanz taugt mehr zum Heben der Stimmung. In Deutschland, dem wichtigsten Exportland, gab es zwar wieder schöne Zuwächse, aber insgesamt hat sich die agrarische Außenhandelsbilanz verschlechtert. Das Defizit hat sich 2025 gegenüber 2024 fast verdoppelt. Zwei Milliarden Euro groß ist die Lücke zwischen den Einfuhren und den Ausfuhren. Kenner gehen davon aus, dass die Lücke letztendlich 2,5 Milliarden Euro groß sein wird. Es ist richtig, dass die Bauern vor schwierigen Aufgaben stehen. Aber kaum wo ist zu spüren, dass Landwirtschaft auch einer der spannendsten Wirtschaftszweige ist, einer, dem eine große Zukunft vorausgesagt wird. Ganz im Gegenteil. Freude daran versagt man sich gern. Und Chancen sind schlichtweg kein Thema. Wer etwas als gut benennt, wird kritisiert und gerät in den sozialen Medien schnell in einen Shitstorm.

Die heimische Landwirtschaft ist in den vergangenen Jahren in eine Blase geraten, die sich hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt. Und in der Freude und Optimismus Fremdworte zu sein scheinen, die in der Öffentlichkeit unterdrückt werden. Man nimmt sich als besonderen Wirtschaftssektor wahr und weigert sich oft, zur Kenntnis zu nehmen, dass man nur einer von vielen ist. Man täuscht sich gern selbst und vermeidet, der Wahrheit ins Gesicht zu blicken. Stattdessen versteckt man sich zuweilen lieber gern hinter Argumenten, die sich längst als nicht mehr stichhaltig erweisen, so sie es denn überhaupt je waren.

Dabei steht es um die Landwirtschaft bei Weitem nicht so schlecht, wie man vorgibt. Oft freilich agiert man auf doppeltem Boden. Man hat in den vergangenen Jahrzehnten ein System aufgebaut, das Bauern auch unter schwierigen Verhältnissen Sicherheit gibt. Das beginnt bei den Ausgleichszahlungen und Umweltprämien, aus denen man gemeinsam zwischen Bund und Ländern und der EU ein passables, tragfähiges System gezimmert hat.

Zudem vergisst man gern, dass die Bauern in Österreich durch die Steuerpauschalierung und andere maßgeschneiderte Regelungen etwa bei Betriebsübergaben oder Pensionen bessergestellt sind als in anderen Ländern. Die Vertretung ist gut aufgestellt. Und die Landwirte sind es auch. Sie zählen zu den jüngsten in Europa und zu den am besten ausgebildeten. Dazu kommt die Angst vor Importen, die Grenze würde man am liebsten schließen und übersieht dabei, dass die heimische Landwirtschaft zu einem guten Teil selbst von Exporten lebt. Den Handel sieht man als Feind und übersieht, dass in der Vergangenheit nicht nur ein Mal Vertreter der Schweine- oder Milchbauern hinter vorgehaltener Hand Sonderaktionen der Handelsketten begrüßten, weil damit der übervolle Markt geräumt wurde, während die Bauern vor den Supermärkten demonstrierten.

Und man fühlt sich oft von den Konsumenten im Stich gelassen und vergisst, dass man selbst auch nicht anders handelt, wenn es darum geht, Landmaschinen oder Futtermittel möglichst billig zu bekommen, gleich woher sie kommen. Und: Handeln Bauern untereinander, schenken sie sich gar nichts.

Es sei unbestritten, dass viele Bauern unter den aktuellen Bedingungen leiden. Sehr viele Bauern aber kommen mit den aktuellen Bedingungen gut zurecht. Untersuchungen belegen immer wieder, dass unter gleichen Voraussetzungen die Erlöse im bestverdienenden Viertel doppelt so hoch sind wie im schlechtestverdienenden Viertel.

Jahr der Weichenstellungen

„2026 ist das Jahr der Weichenstellungen und der Chancen in der Landwirtschaft“, sagte Landwirtschaftsminister Totschnig in Berlin. Nicht nur er sollte das als Ansage und Programm sehen – auch die Bauern.

Salzburger Nachrichten  Wirtschaft, 19. Jänner 2026

Mittwoch, 14. Januar 2026

Einfach, weil sie es können

Das Statement der EU-Außenbeauftragten Kaja Kallas wirkte so hilflos wie alles aus Europa. "Die Grundsätze des Völkerrechts müssen geachtet werden", hieß es in ihrer ersten Stellungnahme nach der Entführung des venezolanischen Präsidenten in die USA. Ja eh, denkt man. Aber was nutzt das, wenn nichts mehr gilt und sich keiner mehr um das Völkerrecht schert, wenn einer wie der amerikanische Präsident ungeniert Sätze sagt wie "Ich brauche kein Völkerrecht" und "ich habe meine eigene Moral" und alle nur mehr mit offenem Mund zuschauen, aber sonst genau gar nichts tun können. Genauso wie auch bei allem, was der russische Präsident tut, der chinesische oder der Mann in Nordkorea. 

Wenn sich diese Leute einfach nehmen, was sie wollen, sich über alles hinwegsetzen -einfach, weil sie es können, weil sie auf nichts Rücksicht nehmen und weil sie wissen, dass ihnen niemand Grenzen setzen wird. Und weil sie sich gegenseitig viel besser verstehen als die, die meinen, ihre Partner zu sein, die sich auf sie verlassen haben, wenn sie sie nicht ohnehin bereits mehr oder weniger offen unter Kontrolle gebracht haben. 
Jetzt liegt mit einem Mal so viel von dem in Trümmern, was oft in Jahren mühsam ausverhandelt worden war, auf das man vertraute und von dem man glaubte, es seien tragende Säulen für eine gute Zukunft. 
Europa ist bloßgestellt wie noch nie in seiner Geschichte. Viele der internationalen Organisationen sind unter Druck, Abkommen nicht mehr das Papier wert, auf dem sie geschrieben wurden, die Absichten, die damit verbunden waren, Makulatur. 
In diesen Tagen und Wochen ist viel die Rede von einer neuen Weltordnung, vom Abschied von den alten Zeiten und so. Das stimmt wohl. Aber dieser Abschied hat schon vor Jahren begonnen. Auch schon vor Trump waren US-Präsidenten oft nicht zimperlich. So wie ihre Kollegen bei den anderen Supermächten auch. Aber so wie Trump war niemand und so viel in so kurzer Zeit angerichtet hat auch niemand. Vor allem international, in der Weltgemeinschaft, wenn man es überhaupt so nennen mag. 
Heute ist nicht nur das Völkerrecht tot. Tot ist auch die UNO. Hilflos und machtlos in allen großen Krisen auf der Welt, für deren Lösung sie eigentlich gedacht war. Hat man von der "Weltfrieden-Organisation", als die sie gegründet wurde, in den vergangenen Jahren irgendetwas gehört, als Putin die Ukraine angegriffen hat? Ist die Organisation mit irgendwelchen Initiativen oder Bemühungen aufgefallen, um den Konflikt zu lösen? War von der UNO rund um Israel und Gaza etwas zu hören, außer dass man unter Druck geriet, die Hilfsorganisation UNICEF verteidigen zu müssen, weil die nicht sauber arbeitete? Oder war etwas zum Thema China und Taiwan zu vernehmen oder zu anderen Themen, in die China verwickelt ist? 
Die UNO ist längst ein Schatten ihrer selbst. Ausgehöhlt von der Vetomacht der Großmächte im Sicherheitsrat, die sich die Bälle zuspielen und alles nach Belieben blockieren, was ihnen nicht in den Kram passt. 
Die UN-Menschenrechtskonvention steht permanent weltweit unter großem Druck. Menschenrechte gelten in vielen Staaten nicht viel. Die UNO muss machtlos zuschauen, wenn sie von vielen Staaten untergraben wird und an Bedeutung und Anerkennung verliert. 
Längst ist es nicht mehr das alleine. Trump zeigt vor, was noch kommen wird. Nicht nur, dass die USA sofort nach seiner Wahl aus der UN-Klimarahmenkonvention ausgestiegen sind. Erst in der Vorwoche kündigte der US-Präsident an, dass sich die USA in absehbarer Zeit aus nicht weniger als 66 internationalen Organisationen, Behörden und Kommissionen zurückziehen werden -vom Bevölkerungsfonds der UNO bis zum Weltklimarat. 
Da geht es nicht nur um Mitgliedschaft, sondern auch um viel Geld, das für die Arbeit dieser Organisationen fehlen wird -und, was wohl schwerer wiegt, auch darum, dass sich möglicherweise nicht wenige Staaten die USA zum Vorbild nehmen könnten und auch aussteigen. 
Oder können sie sich noch an die WTO erinnern? An die Welthandelsorganisation, die sich den Freihandel auf die Fahnen geschrieben hat? Ohne Bedeutung heute, umgangen mit mehr als 300 internationalen Freihandelsabkommen zwischen Staaten und Regionen, in denen man es sich selbst richtete. 
Es ist viel zerstört worden in den vergangenen Jahren und Monaten. Aufgebaut muss es wohl wieder werden. Schließlich braucht die Welt Ordnung. Das erfahren wir nun gerade auf die harte Tour. 

Montag, 12. Januar 2026

Bauern auf der Achterbahn der Preise

Die Einkommen der Landwirte legten im Vorjahr um 21,2 Prozent zu. Ein Auf und Ab bei den Preisen und Produktionsmengen ist normal. Das Wirtschaften macht es aber schwierig.

Hans Gmeiner

Salzburg Die Bauernproteste in Brüssel waren zuletzt heftig wie lang nicht. Mit dabei war auch eine Delegation österreichischer Landwirte. „Bauerntod ist Hungersnot“ war auf der Tafel zu lesen, die Josef Moosbrugger, der Präsident der Landwirtschaftskammer Österreich, trug, der die österreichische Delegation anführte. „Immer mehr Auflagen und Kosten bei immer weniger Erlös gehen sich auf Dauer nicht aus“, hieß es. Die Statistik sagt anderes.

Nach einer ersten Schätzung der Statistik Austria legten die Bauerneinkommen im Vorjahr inflationsbereinigt um nicht weniger als 21,2 Prozent gegenüber dem Jahr davor zu. Die Nettounternehmensgewinne wuchsen demnach sogar um 31,7 Prozent. Der wichtigste Grund dafür: Der Produktionswert des agrarischen Wirtschaftsbereichs legte um zehn Prozent zu, die Aufwendungen für die Vorleistungen, also die Kosten für Futter, Energie und Düngemittel, legten hingegen um nur 3,7 Prozent zu.

Im EU-Vergleich liegt Österreich im Spitzenfeld

Im EU-Vergleich liegt Österreich mit diesen Zahlen im Spitzenfeld. Besser lief es im Vorjahr für die Landwirtschaft nur in Luxemburg, Polen, Estland und Rumänien. Im Durchschnitt legte in der Europäischen Union die landwirtschaftliche Bruttowertschöpfung um 10,3 Prozent zu.

Die größten Zuwächse gab es in Österreich wegen des unvermindert hohen Preisniveaus in der Rinderproduktion. Dort lag der Gesamtproduktionswert um knapp 25 Prozent über dem Niveau von 2024. Auch bei Milch, wo die Preise seit Oktober unter Druck sind, gab es mit plus 13 Prozent einen kräftigen Anstieg des Produktionswerts. Im Pflanzenbau gab es immer noch ein Plus von zehn Prozent. Rückgänge verzeichneten nur die Schweinebauern (minus 6,8 Prozent), die Erdäpfelproduzenten (minus 9,5 Prozent) und die Zuckerrübenbauern (minus 39,6 Prozent).

Einkommen schwanken stark

Überbewerten darf man diese Zahlen freilich nicht. Die Bauerneinkommen gleichen seit Jahren einer Hochschaubahn, auf der Zuwächse von mehr als 20 Prozent, aber auch Rückgänge in derselben Größenordnung die Regel sind. So pendelte der Index für das Einkommen je Arbeitskraft in den vergangenen 20 Jahren zwischen 137,9 (2022) und 93,2 (2014). Für 2025 schätzt die Statistik Austria den Index auf 135,8.

Gerade diese Volatilität aber, dieses Auf und Ab, macht das Wirtschaften für viele Bauern so schwierig. Und auch das Wetter spielt dabei eine entscheidende Rolle. Die größte Herausforderung aber ist die Entwicklung der Preise. Angesichts der internationalen Verflechtungen sind Abschätzungen hier schwer. Zu schnell erweist sich Optimismus als falsch, und zu lang dauert es – gerade in der landwirtschaftlichen Produktion mit ihren langen Vorlaufzeiten –, reagieren zu können. Tiere kann man nicht kurzfristig einfach entfernen, Felder nicht einfach umackern und neu bestellen.

Probleme bei Milch und Schweinefleisch

„Der größte Feind des guten Preises ist der gute Preis.“ Den Wahrheitsgehalt dieses Satzes erleben seit dem Herbst wieder einmal die heimischen Milchbauern. Angesichts der guten Preise steigerten sie die Produktion binnen weniger Monate um nicht weniger als sechs Prozent. Weil auch international die Anlieferungen deutlich stiegen, stürzten nicht nur die Produktpreise im Handel in den Keller, sondern auch die Erzeugermilchpreise. Seither ist bei den Milchbauern – wieder einmal – Feuer am Dach. In den vergangenen Wochen nahmen alle Molkereien im Land die Bauernmilchpreise zurück. Wie es weitergehen wird, bleibt spannend. In der Schweinezucht läuft die Entwicklung nicht anders. Dort ist das Auf und Ab der Preise als „Schweinezyklus“ zum Begriff in der Wirtschaftswissenschaft geworden.

Die Politik hat seit Jahrzehnten keine Antwort auf diese Fragen gefunden, sie kann allenfalls die Aufregung moderieren. Bei wirklich großen Themen sind die Erfolge bescheiden. Bei kleineren Themen, die man in der Hand hätte, wie etwa bei der Schaffung einer durchgängigen Herkunftsbezeichnung für die Produkte, ist es nicht anders.

Nur vier von 100 Euro, die für Lebensmittel ausgegeben werden, landen beim Bauern

Die Versuche der Bauern und ihrer Vertreter, ihre Arbeit und ihre Rolle für die Gesellschaft ins Spiel zu bringen, verfangen immer weniger, wenn sie sich nicht überhaupt längst totgelaufen haben. In der Wertschöpfungskette spielt die Landwirtschaft eine untergeordnete Rolle. Diese auszubauen, gelingt nicht. Nur 4 von 100 Euro, die für Lebensmittel ausgegeben werden, landen bei den Bauern. Die Landwirtschaft wird immer öfter als Partner nicht mehr ernst genommen. Die Bauern müssen damit zurechtkommen.

Salzburger Nachrichten - Wirtschaft, 12. Jänner 2026

Donnerstag, 8. Januar 2026

Das neue „Normal“

Ein neues Jahr hat begonnen. Man macht auf gute Miene, aber man würde gerne optimistischer sein. Das freilich ist schwierig. Denn dieser Optimismus ist kaum wo festzumachen. Nicht in der Politik, nicht in der Gesellschaft. Eigentlich nirgendwo. Überall Angst und Sorge. Jetzt gerade rund um Venezuela, seit Jahren um die Ukraine, um die EU natürlich auch und um Österreich sowieso. Von einem „entscheidenden Jahr für unser Land“ ist oft die Rede und von der „letzten Chance, die Stimmung noch umzukehren“.

Aber da ist nirgendwo etwas zu spüren von Aufbruch, von Zuversicht, und auch die Hoffnung scheint nur zu leben, weil man da oft dazusagt, sie sterbe zuletzt. Man versucht für sich die Dinge einzuordnen, man ringt damit zu erkennen, dass die Zeiten neue werden, man hadert damit, dass mit einem Mal so viel vorstellbar ist, was noch vor wenigen Jahren völlig unvorstellbar war.

Man ertappt sich dabei, dass man auf einmal in Gesprächen darüber redet, wie das damals war, als Deutschland kippte und als der Nationalsozialismus salonfähig wurde. Man redet über mögliche und über augenscheinliche Parallelen. Im Umgang miteinander etwa, insbesondere mit jüdischen Mitbürgern. Man staunt, wie in den USA Einwanderer gejagt werden, und man hat die Ukraine im Kopf. Und man schüttelt den Kopf über den politischen Ton, der allerorten um sich greift.

Man wundert sich, was auf einmal „normal“ ist, wie sich die Stimmung radikalisiert und zuspitzt – und wie viele das durchaus begrüßen. Hilflos wirkt alles, was man sagt, hilflos wirkt vor allem, was aus der Politik kommt. Zuweilen ist es, als würde alles zusammenklappen.

Die Gründe dafür sind wohl vielfältig. Die Erklärungen sind aber oft zu einfach und vermeiden, den Dingen auf den Grund zu gehen. Und sie sind nicht nur dort zu suchen, wo man sie gemeinhin sucht. Bei den Leuten vom Geiste eines Kickl oder einer Weidel und wie sie alle heißen, um in Österreich und Deutschland zu bleiben. Natürlich liegt dort viel Verantwortung. Aber sie hätten kaum je diese Bedeutung erlangt, hätte es nicht auf der anderen Seite so viel Versagen gegeben, wie es gegeben hat.

Es sind aber nicht die politischen Parteien alleine zur Verantwortung zu ziehen. Es ist über vieles zu reden. Dazu gehört auch die Rolle jener, die sich ganz im Geiste der Studentenbewegung der 1960er-Jahre stets als Kämpfer und Mahner gegen die Entwicklungen verstanden haben, die uns jetzt die Vergangenheit zurückzubringen drohen.

Diese Bewegung war fraglos ein Segen für die Gesellschaft und hat viel Gutes gebracht. Aber sie hat auch, was heute zu oft übersehen wird, viele Menschen überfordert. Man verabsäumte sie abzuholen, ließ stattdessen Wertschätzung vermissen, ohne ihnen Eigenständigkeit oder gar eine eigene Meinung zuzutrauen. Und macht sie jetzt empfänglich für politische Tendenzen, die uns Sorgen machen.

Es geht um die Verantwortung jener, die immer vorgeben, auf der richtigen Seite zu stehen, wortreich meist, aber stets ohne Rezepte. Die nur schwarz und weiß kennen und keine Töne dazwischen, die urteilen und verurteilen, die für gut und für schlecht erklären, was sie für gut und schlecht halten, und keine andere Meinung akzeptieren wollen, weil sie sich im Besitz der einzig richtigen fühlen.

Die Muster, die sie dabei an den Tag legen, unterscheiden sich in ihrer Totalität und meist auch in ihrer Tonalität kaum von denen, die man von der Seite kennt, gegen die zu kämpfen sie vorgeben. Da wie dort meint man sich mit erhobenem Zeigefinger im Besitz der Wahrheit. Jede andere Meinung rücken sie umgehend in ein politisches Eck, diesfalls umgehend ins rechte und überhaupt gleich ins Nazi-Eck. Lebensweisen werden verunglimpft, Haltungen lächerlich gemacht. Man ließ und lässt Leuten mit anderen Meinungen keine Luft.

Nun stehen sie vor den Scherben, ohne begriffen zu haben, dass sie sich ändern müssen. Vieles, was sie fordern, überfordert viele Leute. Sehr viel mehr, als man glauben mag. Und genau damit stärkt man genau die, gegen die man ankämpft. Wirksame Antworten freilich hat man keine. Aber das will man sich nicht eingestehen.

Um doch noch einen Schuss Optimismus zu bringen – noch kann man sich daran festhalten, dass es uns gut geht. Trotz allem gut wie lange nicht. Zu mehr reicht es nicht. Schon gar nicht, wenn das neue „Normal“ wirklich normal werden sollte.

Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 8. Janner 2026

Mittwoch, 7. Januar 2026

„Ein Scheitern von Mercosur wäre grotesk“

Für die Bauern bedeutet das Freihandelsabkommen mit Südamerika mehr Druck – aber auch neue Chancen, meint Agrarprofessor Jens-Peter Loy von der Universität Kiel.


Hans Gmeiner 

SN: Der Mercosur-Vertrag wurde verschoben, wohl auch wegen der Bauernproteste. Was sagen Sie dazu? 

Jens-Peter Loy: Wir haben bei solchen Abkommen immer wieder das Problem, dass sich die Agrarlobby trotz ihrer volkswirtschaftlich relativ geringen Bedeutung doch stark politisch positionieren kann. Aber dieses Abkommen hat eine sehr große Bedeutung für den Außenhandel und für andere Sektoren der Wirtschaft. Und da muss man einfach abwägen, ob nicht andere Bereiche relevanter sind als der Agrarsektor. Ein solches Abkommen kann man nicht einfach vorbeiziehen lassen. Dieses Abkommen scheitern zu lassen, wäre meines Erachtens ein Eingeständnis der Unfähigkeit der EU, wichtige Entscheidungen auch durchzusetzen. 

Verstehen Sie den Widerstand der Bauern? 

Natürlich kann ich das verstehen. Der Berufsstand kommt in gewissen Bereichen wahrscheinlich unter Druck. Das kann bei Rindfleisch oder Geflügelfleisch sein, bei Zucker, aber auch bei anderen Produkten. Aber es gibt auch Produkte von uns, die dort geschätzt werden und für die sich gute Exportchancen bieten werden. Gerade im Bereich der Lebensmittelindustrie. Ob das jetzt Weine oder Produkte wie Käse sind, da haben wir Vorteile. Die Erzeuger landwirtschaftlicher Rohprodukte sehen natürlich derzeit vor allem die andere Seite. Aber man muss sich klar fragen, ob man den Interessen nachgeben muss, kann und darf. 

Renationalisierung scheint überall angesagt zu sein. Ist die Zeit des Freihandels vorbei? 

Ich glaube, dass es in vielen Bereichen politisch immer wieder Moden oder populistische Tendenzen gibt. Im Moment haben wir eher eine Tendenz, dass man die Nation für sich sieht. Was man dabei falsch einschätzt, ist, dass wir mittlerweile Volkswirtschaften sind, die international extrem vernetzt und voneinander abhängig sind. Das gilt auch für den Agrarbereich. Wir brauchen die Inputs, wir brauchen die Düngemittel, wir brauchen die Rohstoffe, wir brauchen die Energie, anders können wir gar nicht produzieren. 

Um im Agrarbereich zu bleiben – auch die geplante EU-Agrarreform fördert die Renationalisierung und gibt den einzelnen Ländern wieder mehr Macht. 

Renationalisierung muss ja nicht unbedingt etwas Negatives sein, zumal die EU in vielen Bereichen viel zu zentralistisch agiert hat. Da geht es um Möglichkeiten, regional angepasst Dinge umzusetzen, solange sie nur die Region betreffen. Wenn es freilich um den Außenhandel geht, dann ergibt es keinen Sinn, dass wir renationalisieren. Aber in einzelnen Bereichen ist das möglich. Die Agrarstruktur in Österreich ist eine ganz andere als im Norden oder im Osten Deutschlands. Da kann man sich natürlich national unterschiedliche Politiken und Unterstützungen vorstellen. 

Sie halten der EU gerne den Spiegel vor, wenn über Zölle geklagt wird, und sagen: „Wir sind noch protektionistischer als die USA.“ 

Definitiv. Im Agrarbereich sind wir das unbestritten. Unsere Agrarzölle sind höher als die der USA. 

Und was soll und kann die EU tun? 

Wir haben in Europa traditionell aufgrund der Situation nach dem Zweiten Weltkrieg immer eine relativ protektionistische Agrarpolitik gehabt, was nachvollziehbar war wegen der Hungersituation. Diese Politik hat sich durch die Bildung der Europäischen Gemeinschaft noch verstärkt. Und daran hat sich bis heute kaum etwas geändert. Von dieser hohen Protektion muss man runter und das macht man auch. Aber natürlich ist man da nicht so weit wie die USA oder klassische Exportländer wie Australien, Kanada oder die südamerikanischen Länder. Wenn man mit diesen Ländern verhandelt, ist klar, dass diese Länder von uns verlangen, dass man den Außenschutz abbaut. Und von daher muss man Kompromisse machen. 

Sie sind gegen eine Handelspolitik, die das Gesellschafts- und Wertesystem der EU in andere Länder transferieren will. Auf der anderen Seite fordern die Landwirte, dass Importware zu gleichen Bedingungen produziert sein sollte. Was sagen Sie da den Bauern? 

Gleiche Bedingungen gibt es nirgends, auch nicht innerhalb der Europäischen Union. Natürlich gibt es aber auch in der Union immer wieder Bestrebungen, dass man versucht, Nachteile bei der Produktion auszugleichen. 

Den Bauern geht es um den Einsatz von Chemie, die unterschiedlichen Standards in der Tierhaltung und bei den sozialen Bedingungen – um die Wettbewerbsgleichheit. 

Es ist aber letztlich alles das Gleiche – es gibt gewisse Standortvorteile, die man hat oder nicht hat. Regional, national, international. Und natürlich gibt es auch „politische Standortbedingungen“, und die können beispielsweise heißen, dass wir in der EU etwa sagen, wir möchten nicht, dass es wegen der Geruchsbelästigung in den Dörfern Emissionen aus Schweineställen gibt. Das ist dann letztlich ein Standortfaktor zulasten der Landwirtschaft. Davon aber haben wir viele, und das betrifft nicht nur die Landwirtschaft, das betrifft auch die Industrie, das betrifft fast jeden Sektor. Das ist unsere gesellschaftliche Entscheidung, dass wir das wollen. Dafür müssen wir ja nicht andere Länder bestrafen oder diesen vorschreiben, es genauso zu machen wie wir. 

Aber wie können die Landwirte in Europa oder in Deutschland und Österreich damit zurechtkommen? 

Die Gesellschaft muss entscheiden, was sie will. Und wenn sie so eine Landwirtschaft will, die viele Rücksichten nehmen muss, dann kann sie sagen: Na ja, gut, dann müssen wir sie halt fördern. Aber das über Handelsinstrumente zu machen, ist meines Erachtens einfach der falsche Weg. 

Themen wie Lieferkettengesetz und Entwaldungsverordnung fallen auch in diesen Bereich, oder? 

Man muss unterscheiden. Zum Beispiel: Klimagasemissionen sind ein weltweites Problem. Da hat es Sinn, über Außenschutzmaßnahmen oder alternative Maßnahmen auch für andere Länder Anreize zu geben, auf diesen Weg einzuschwenken. Dann gibt es aber eine Menge anderer, nennen wir es „lokale Güter“, wie beispielsweise Umweltverschmutzung im Bereich des Bodens, nennen wir als Beispiel Argentinien. Das ist nicht unsere Sache. Das gilt auch für Kinderarbeit. Da muss man sich fragen: Was sind denn die Ursachen für Kinderarbeit? Diese Leute überleben schlicht und ergreifend nicht, wenn ihre Kinder nicht mit zum Lebenserwerb beitragen. Da ändert relativ wenig, wenn ich Firmen dazu verpflichte, aus diesen Ländern keine Waren zu beziehen, dann mache ich das Problem vielleicht sogar noch schlimmer. Das heißt nicht, dass man an diesen Problemen nicht arbeiten sollte, aber vielleicht ist da die Handelspolitik nicht gerade das sinnigste Instrumentarium. 

Sie sprechen von „westeuropäischer Arroganz“ und „grünem Protektionismus“. 

Die EU geht gerne den Weg, zu sagen: „Wir stellen uns das so vor und nur so geht es.“ Das bezeichne ich als Arroganz. Wir haben früher auch viele Sachen gemacht, die wir heute nicht mehr machen würden, deswegen muss man nicht gleich alle Länder verurteilen, die diesen Weg noch nicht gegangen sind oder noch gar nicht gehen konnten. Außerdem muss man häufig attestieren, dass wir es nicht unbedingt tun, um die Probleme wirklich zu lösen, sondern nur, um bestimmte Produzenten in der EU zu schützen. 

Um zur Landwirtschaft zurückzukommen, worauf sollen, müssen, können sich die Bauern einstellen im derzeitigen Umfeld? 

Das hängt davon ab. Ich bin noch guter Hoffnung, dass man mit Südamerika eine Einigung erreicht. Man muss sich darauf einstellen, dass ein liberalerer Handel auch dazu führt, dass es Anpassungen geben muss. Und Anpassung muss ja nicht immer etwas Negatives sein, es bieten sich immer auch neue Chancen. Die Bauern tun sich allem Anschein nach schwer damit. Natürlich. Aber wenn es wirklich so ist, dass die Gesellschaft die Produkte kauft, die die Bauern produzieren – zu den hohen Standards, die verlangt werden –, und das wertschätzt, kann das funktionieren. Woher die Produkte kommen, kann man ja immer kenntlich machen.

Zur Person: Prof. Dr. Jens-Peter Loy ist Inhaber der Professur für landwirtschaftliche Marktlehre am Institut für Agroökonomie an der Uni Kiel.
 
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