
"Europa muss sich neu aufstellen“, heißt es, der Kontinent müsse sich auf sich selbst und seine Stärken besinnen. Es brauche rasch Reformen, um sich gegen die USA, aber auch gegen Russland behaupten zu können. Um militärische Stärkung geht es und um wirtschaftliche Unabhängigkeit und darum wieder Bedeutung zurückzugewinnen. Bisher geschah nicht viel. Spätestens seit Trumps Griff nach Grönland scheint nun wirklich Feuer am Dach zu sein.
Aber was heißt das konkret für jeden von uns, für die das Leben bisher alles in allem ein bequemes war? Müssen wir gar Opfer bringen? Auf etwas verzichten? Was bedeutet das für unseren Lebensstil, für den Lebensstandard, für den Wohlstand? Was wird von uns erwartet?
Die diskutierte Verlängerung des Wehrdienstes ist wohl nur ein erster Vorbote. Was, wenn es um ein EU-Heer oder einen europäischen Atomschirm gehen sollte oder um eigene EU-Steuern, die schon diskutiert werden? Was kommt auf die nationalen Budgets zu und in der Folge auf die Leistungen des Staates, an die wir uns so gewöhnt haben, wenn das Geld für anderes gebraucht wird? Was heißt das für die Pensionen, für die Schulen, für das Gesundheitssystem? Was heißt das für die Energiekosten? Müssen wir gar wieder mehr arbeiten? Was bedeutet das für die Preise und für die Versorgung? Was ist, wenn X, Google, Facebook und Amazon mehr Geld verlangen, weil Europa den Amis mit Digitalsteuern die Zähne zeigen will? Gar nicht zu reden davon, wenn diese Dienste eingeschränkt würden, nur um den USA gegenüber Stärke zu demonstrieren. Was wird von den Menschen akzeptiert? Worüber wird gestritten? Und was bedeutet das alles für die Politik? Wer stellt welche Weichen und wohin sollen sie führen?
All diese Themen stehen vor uns und mit ihnen müssen wir uns wohl auseinandersetzen. Bisher brauchten wir uns nicht groß um die Verteidigung des Kontinents kümmern. Wir profitierten von der arbeitsteiligen internationalen Wirtschaft. Produktionen wurden ausgelagert, weil sie zu teuer waren oder die Arbeit zu anstrengend. Abhängigkeiten bei der Energieversorgung, ob von Russland, von den arabischen Staaten oder neuerdings von den USA, aber auch bei modernen Technologien blendete man gleich ganz aus. Wichtig war viel Freizeit, möglichst wenig Arbeit und ein schöner Urlaub. Alles eingebettet in üppig ausgestatteten Sozialsystemen. Ohne viel Risiko und ohne viel Verantwortung. Für alle ging sich das freilich nicht aus, aber für die meisten.
Europa, seine Politiker und die Menschen, die dort leben, schauten oft weg, um ihren Traum leben zu können. „Neben der De-Industrialisierung haben ein ausufernder Sozialstaat, ein Bürokratieexzess, militärische Abrüstung und eine ungelenkte Zuwanderung Europa geschwächt“, formulierte der Linzer Professor Theodoro Cocca in einem Interview mit den OÖ-Nachrichten.
Die Gewichte verlagerten sich. Europa geriet ins Aus. Dass nun Trump den Schutzmantel Amerikas wegzieht, lässt den Kontinent nackt dastehen. Jetzt ist die Frage nicht mehr nur, was die Politik machen muss, sondern auch, was auf uns persönlich zukommt, wenn sich Europa, wie allerorten verlangt wird, neu aufstellt und auf eigenen Beinen stehen will oder sich etwa offen mit Trump anlegt.
Dass Europa die Kraft hat zurückzukommen, wurde den Verantwortlichen erst langsam bewusst. Derzeit geht es darum, gegenüber Trump Flagge zu zeigen. Es geht aber auch um die Position gegenüber Russland und China. Der Rückzieher Trumps bei Grönland könnte ein Anfang gewesen sein. „Es reicht nicht irgendwo eine Waffe zu haben – man muss sie auf den Tisch legen, sauber geölt und entsichert“, zeichnet Wifo-Chef Gabriel Felbermayr ein drastisches Bild. Europa sei etwa einer der wichtigsten Wirtschaftspartner der USA. Pharmazeutische Produkte, industrielle Schlüsselkomponenten oder Flugzeuge, aber auch Einreisebeschränkungen seien die wahren Hebel. Und da ist noch gar nicht die Rede von der Bedeutung Europas für das Silicon Valley oder des SWIFT-Abkommens für den internationalen Zahlungsverkehr.
Das alles braucht nicht nur mehr Selbstbewusstsein, sondern auch die Bereitschaft, tatsächlich etwas auf sich zu nehmen und nicht nur mit dem Finger auf andere zu zeigen und die Verantwortung hin und her zu schieben.
Ob das Verständnis schon so weit gediehen ist, muss freilich noch immer bezweifelt werden. Die Freude weiter Kreise darüber, dass das Mercosur-Abkommen verschoben wird, zeigt, wie weit wir von der Realität weg sind. Immer noch. Europa, seine Politiker und die Menschen, die dort leben, schauten oft weg, um ihren Traum leben zu können.
Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 29. Jänner 2026
