Donnerstag, 2. April 2026

Kann unsere Gesellschaft Krise?

Die Nervosität steigt. "Wir erleben gerade die schlimmsten Verwerfungen der letzten 80 Jahre", warnte die WTO-Chefin. Wenige Tage danach redete der Chef der internationalen Energieagentur von der "schwersten Energiekrise seit Jahrzehnten", die drohe. Am vergangenen Wochenende legte ein angesehener Harvard-Ökonom nach: "Wir stehen vor dem größten Schock für Wachstum und Preise seit fünf Jahrzehnten", meinte er. Die Börsenkurse zerbröseln. Investoren in aller Welt suchen sichere Häfen für ihr Geld. Und längst keimt auch die Sorge, dass eine neue Flüchtlingskrise drohe.

Die Vorboten dieser Mega-Krise, die da noch kommen soll, sind auch bei uns schon zu spüren. Die Treibstoffpreise sind in der vergangenen Woche explodiert. Inzwischen redet man schon von baldigen Lieferengpässen. Gas ist wegen des Krieges gut doppelt so teuer wie vorher. Und immer öfter ist von Befürchtungen zu lesen, dass die Energiepreis-Explosion schon bald eine weitere Kostenspirale auslösen wird. Bei Strom, bei Kunststoffen, bei Gummi, bei Halbleitern, bei Flugpreisen und natürlich auch bei Lebensmitteln. Und da ist noch gar nicht die Rede von der allgemeinen Teuerung und von den Lieferketten, die bald wieder zerreißen könnten. Und immer wieder blitzt dazwischen die Angst vor einem "Dritten Weltkrieg" auf.

In Österreich gibt man sich angesichts dieses Szenarios noch recht ruhig. Die Nationalbank meinte zuletzt, dass im "schlimmsten Fall" eine Rezession drohe und prognostizierte, dass das BIP heuer wieder um 0,2 Prozent schrumpfen und die Inflation wieder auf 4 Prozent steigen könnte. Die Politik balgte sich tagelang um die Einführung einer Spritpreisbremse von 10 Cent, die Landwirtschaft fordert die Wiedereinführung des billigen Agrardiesels, warnt vor Problemen mit der Düngerversorgung und alle anderen erwarten, dass der Staat das mit viel Geld regeln wird.

Ganz Insel der Seligen halt. Man glaubt sich in einer Vollkaskogesellschaft, kennt das Wort Eigenverantwortung oft nur vom Hörensagen und erwartet von der Politik für alles und jedes einen "Ausgleich auf Heller und Pfennig", wie es so schön heißt. Wir jammern auf sehr hohem Niveau und ergehen uns nach wie vor in einer satten Selbstzufriedenheit. Da erhebt sich die Frage, wie soll und kann so eine Gesellschaft mit einer echten Krise, die da nun offenbar vor der Tür steht, zurechtkommen? Können wir das überhaupt noch? Können wir damit umgehen? Können wir auf etwas verzichten? Was ist, wenn es wirklich schlimm kommt? Wie widerstandsfähig sind wir dann?

Und was kann unsere Politik, die bisher nur Scheinaktivitäten entwickelte und glaubt, mit Placebos wie der Spritpreisbremse etwas zu erreichen, wenn es wirklich ernst wird? Eine Politik, die keine Reserven mehr hat, weil schon bei Corona -Stichwort "Koste es, was es wolle" - alles abgefedert und ausgeglichen wurde und die Kassen leer sind. Wie schaut es dann mit dem Zusammenhalt aus? Wir müssen wohl erkennen, dass der Staat nicht alles richten kann.

Man hat keine rechten Vorstellungen davon und keine Erfahrungen. Mehrere Generationen erlebten zwar immer wieder kurzfristige Krisen, aber nie wirklich einschneidende Krisen. Gut, es gab vor fünfzig Jahren auch einmal eine Energiekrise, es gab einige Finanzkrisen. Und es gab Corona, das uns an die Grenzen brachte und einen Riss in der Gesellschaft.

Klar scheint nur, mit einer Politik, die sich nicht traut, und mit einer Bevölkerung, die kein Verständnis aufbringt, wird eine Krise nur noch schlimmer.

"Wir sind verwöhnt, Verzicht ist enorm anstrengend", sagte kürzlich die Autorin des Buchs "Die Kunst des Aushaltens", Pamela Rath, in einem Interview mit dem Kurier. Nach mehr als 80 Jahren im Frieden "wissen wir nicht mehr, dass es auch Entbehrungen gibt und einem nicht alles geschenkt wird". Verzicht könne unfassbar anstrengend sein, und die meisten Menschen könnten damit nicht gut umgehen. Und da mag es wohl kaum zu trösten, dass es uns immer noch weitaus besser als vor 20,30 oder 40 Jahren geht, und gar nicht zu reden von Wirtschaftskrisen, die unsere Vorfahren erleben mussten, oder gar nicht von Kriegen, wie sie jetzt die Ukraine und den Nahen Osten erschüttern.

Weil Ostern vor der Tür steht und dieses Fest im christlichen Glauben das zentrale Fest der Hoffnung und des Lebens ist, sei daran erinnert: Auch nach schweren Zeiten sind neue Wege möglich.

Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 2. April 2026

„Mit den Bauern scherzt man nicht“

Mit rund 400 Traktoren fuhren Landwirte am Mittwoch in Wien auf. Sie beklagen steigende Kosten – und das bei sinkenden Preisen.

Hans Gmeiner

Salzburg. Die Bilder erinnerten ein bisschen an die großen Bauerndemonstrationen vor zwei Jahren in Deutschland, Brüssel und Frankreich. Hunderte Bauern trafen sich am Mittwochnachmittag vor dem Landwirtschaftsministerium in Wien zu einer Demo, rund 400 nahmen mit ihren Traktoren teil. Das Motto: „Mit den Bauern scherzt man nicht.“ Aufgerufen zur Demo hatte ursprünglich das Bündnis Zukunft Landwirtschaft, das seine Wurzeln im Burgenland hat. Schlussendlich haben sich mit dem Protest praktisch alle Bauernorganisationen solidarisiert. Sogar der ÖVP-Bauernbund und Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig (ÖVP), an die sich der Protest eigentlich richtete, nahmen an der Veranstaltung teil, mit der man auf die aktuellen Bauernsorgen aufmerksam machen wollte.

Die heimischen Landwirte leiden unter den derzeit rasant steigenden Kosten für Treibstoff und Betriebsmittel im Gefolge der internationalen Krisen ganz besonders, weil auf der anderen Seite die Preistendenz bei Getreide, Milch und auch Fleisch seit Monaten deutlich nach unten zeigt. Eine Wende ist nicht in Sicht. Mitunter sind die Bauern freilich selbst nicht unschuldig daran. Obwohl seit mittlerweile fünf Monaten die Preise, die sie für Milch bekommen, kontinuierlich sinken, liegt die monatliche Anlieferung an die Molkereien immer noch um sechs Prozent über dem Vorjahresniveau.

Besonders unter Druck sind die Getreidebauern. „Momentan ist die Rentabilität des Ackerbaus infrage gestellt“, sagte erst dieser Tage der Präsident der oberösterreichischen Landwirtschaftskammer, Franz Waldenberger. Eine Wende ist nicht in Sicht, die Getreidelager sind gut gefüllt. „Es müsste irgendwo zu einer großen Missernte kommen, damit die Preise anspringen“, macht der Pflanzenbau-Experte Helmut Feitzlmayr den Bauern wenig Hoffnung.

Einer Berechnung aus Oberösterreich zufolge kostet die derzeitige Krise die Ackerbauern bei einer durchschnittlichen Fruchtfolge durch die Verteuerungen rund 150 Euro je Hektar, das ist rund ein Drittel, oft sogar die Hälfte von dem, was vom Erlös nach Abzug der Kosten bleibt. Rund ein Drittel davon entfällt demnach auf höhere Dieselkosten und zwei Drittel auf höhere Düngekosten.

Eine der zentralen Forderungen ist seit Tagen die Wiedereinführung des verbilligten Agrardiesels, der im Vorjahr abgeschafft wurde. Sie würde den Staat insgesamt rund 80 Millionen Euro kosten und für den einzelnen Bauern den Preis für Diesel um rund 37 Cent verringern.

Beim Dünger wird allerdings heißer gekocht als gegessen. Die aktuell so stark gestiegenen Preise werden für die meisten Bauern erst ab dem kommenden Jahr spürbar – wenn die Preise so hoch bleiben. Für dieses Jahr hat sich der Großteil der Landwirte bereits im Herbst mit damals noch günstigem Dünger eingedeckt, der für die heurige Ernte verwendet wird.

Dass bei der Demo im letzten Abdruck auch der Bauernbund aufgesprungen ist und der Landwirtschaftsminister teilnahm, entbehrt nicht einer gewissen Pikanterie: Bei einer der zentralen Forderung – der verpflichtenden Herkunftskennzeichnung – holen sie sich ausgerechnet bei ihren Parteikollegen vom VP-Wirtschaftsbund und der Wirtschaftskammer seit Jahren regelmäßig Abfuhren.

Für die Bauern ist das unverständlich, zumal auch in Brüssel Bemühungen, die Herkunft der agrarischen Produkte besser auszuschildern, nicht vorankommen, wo Totschnig sagt, sich dafür einzusetzen. Auch bei der Forderung nach weniger Bürokratie fühlen sie sich noch zu wenig gehört.

Salzburger Nachrichten - Wirtschaft, 2. April 2026

 
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