
Wenn es nach der öffentlichen Diskussion, der privaten wie der politischen, geht, muss man meinen, wir leben verarmt und im Elend und können uns nichts mehr leisten. Man jammert gerne in diesem Land, man unterfüttert damit seine politischen Einstellungen und die Erwartungen an die Parteien. Von welcher man am meisten Recht bekommt, der will man seine Stimme geben. So denken nicht alle, aber viele. Grundsätze und Weltanschauungen zählen immer weniger. "Ich fordere, daher bin ich", ist zum Lebenszweck geworden. Ob zu Recht oder zu Unrecht steht genauso wenig zur Diskussion wie die Verantwortung, die man trägt. Die für sich selbst, aber auch die für das Gemeinwesen, für den Staat. "Holen Sie sich, was Ihnen zusteht", diesen Slogan, mit dem seinerzeit Kanzler Kern um Stimmen buhlte, haben viele verinnerlicht.
Diese Stimmung lähmt das Land seit Jahren. Vor diesem Hintergrund ist es eigentlich verwunderlich, dass wir trotzdem so gut zurechtkommen. Denn diese Stimmung passt nicht zur Realität. Die Sparquote sinkt, man gibt wieder Geld aus. Im Sommer hatte der Fremdenverkehr wieder jede Menge Rekorde zu feiern. Der Handel legte trotz aller Teuerungsklagen im Sommer real wieder zu. Beim Verkehr ist nichts davon zu merken, dass der Sprit jetzt zwei Euro und mehr kostet. Der Automarkt brummt. Und selbst die Bauern, die über Trockenheit und Dürre klagen, kauften so viele Traktoren wie kaum je zuvor.
So schlecht kann es uns also nicht gehen, wie wir Tag für Tag hören. Freilich ist die Situation differenziert zu betrachten, freilich gibt es viele, die der Hilfe bedürfen und die sich wirklich schwertun, die unter der Teuerung leiden, unter den hohen Spritpreisen, unter der Dürre, und die sich keinen Urlaub mehr leisten können. Aber denen wirklich zu helfen, wird immer schwieriger, weil so viele, denen es eigentlich gut geht, so viel Unterstützung für sich beanspruchen und ihnen die Politik nach dem Mund redet und handelt, dass für die wirklich Bedürftigen immer weniger bleibt.
Aber darüber will niemand reden in diesem Land. Darüber, was die Politik eigentlich verlangen könnte vom Wahlvolk, was sie den Leuten zumuten könnte, um die Staatsfinanzen wieder in Ordnung zu bringen und das Land wieder vorwärts zu bekommen. Eine Diskussion darüber gibt es nicht, außer man hält die Forderungen nach Vermögens-oder Erbschaftssteuern und anderen neuen Steuern für eine solche.
Dabei halten viele Menschen in diesem Land die mit den Corona-Jahren üblich gewordene Förderung mit der Gießkanne für unnötig und ungerecht. Jetzt schütteln viele gerade über die Spritpreisbremse und die dafür aufgewendeten Millionen den Kopf. Vorher hat man sich über den Geldregen für die Unternehmen gewundert, die Mehrwertsteuersenkung auf Lebensmittel und die Abermillionen für die Photovoltaik.
Eine Diskussion darüber, worauf die Menschen verzichten würden und auch könnten, um das Land wieder in Ordnung zu bringen, wäre durchaus angebracht. Man fragt sich, wozu die Gesellschaft fähig wäre, wenn der Wille da wäre. Oder wenn er geweckt werden könnte. Dem freilich steht wohl das Vertrauen in die Politik im Wege. Das Vertrauen darauf, nicht zu den Übervorteilten zu gehören.
Dabei wären wohl viele Leute bereit, ihr Verhalten zu ändern, ihre Ansprüche zurückzuschrauben, sich anzupassen, wenn die Situation es erfordert. Und sie könnten es auch. Unsere Gesellschaft ist sehr viel resilienter, also stabiler und anpassungsfähiger, als ihr abverlangt wird.
Erst vor wenigen Wochen lieferte die RollAMA, die Konsumerhebung der AMA, ein eindrückliches Beispiel dafür. Insgesamt waren heuer im ersten Halbjahr die Einkäufe mengenmäßig um knapp fünf Prozent niedriger als im vergleichbaren Vorjahreszeitraum. Erklärt wurde das vor allem damit, dass die Konsumenten heuer gezielter einkauften. "Es wird mit Einkaufsliste eingekauft", hieß es. Es werde mehr darauf geachtet, was man kaufe, und es werde nur das Notwendige gekauft. Und es lande offenbar auch weniger Essen im Müll.
Schlechter wird es wohl kaum jemand gegangen sein. Freilich, auch hier gilt -von Ausnahmen abgesehen. Aber dabei, diese Resilienz der Bevölkerung, die es auch in anderen Bereichen gibt, zu beanspruchen, steht sich die Politik selbst im Weg. Vor allem deswegen, weil man den Leuten über Jahre beigebracht hat, dass es ihnen nicht gut gehen kann.
Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 8. Oktober 2026
