
Es war vor gut 20 Jahren. Und es war in Aberdeen in Schottland. Das Restaurant hinter- ließ einen bleibenden Eindruck. Weniger wegen der Küche, sondern sehr viel mehr wegen des Ambientes. Es war in einer ehemaligen Kirche untergebracht. Das gab es damals bei uns noch nicht. Eine Kirche, die nicht mehr als Kirche genutzt wird, sondern als so Profanes wie als Restaurant.
Heute ist das auch bei uns nicht mehr ganz fremd. Erst Anfang März sorgte die Pfarre St. Josef in Steyr für bundesweites Aufsehen, weil man das Gotteshaus auf dem Immobilienmarkt zum Verkauf anbot. „Das Herz blutet, aber wir müssen die Kirche verkaufen“, hieß es. Im Vorjahr übernahm ein Künstler in Wien die Kirche „Dreimal Wunderbare Muttergottes“ im zehnten Bezirk. Ebenfalls im Vorjahr verkaufte die Erzdiözese Wien in Hirschwang an der Rax eine Kirche an eine GmbH. In Linz bezog schon vor Jahren eine Steuerberatungskanzlei ein ehemaliges Kloster und in Innsbruck wurde aus einer Kirche eine Boulderhalle. Und so manche Kirche wurde in den vergangenen Jahren an christliche Schwesterkirchen übergeben. In den vergangenen Jahren wurden in der Erzdiözese Wien jährlich ein bis zwei Kirchen aufgegeben. Und man geht davon aus, dass sich diese Zahl in Zukunft leicht erhöhen wird.
Auch die evangelische Kirche ist vor dieser Entwicklung nicht gefeit. In diesen Tagen wird auf der Verkaufsplattform „Willhaben“ die evangelische Kirche in Heidenreichstein im Waldviertel – „mit Wohnung in sonniger Aussichtslage“ – um wohlfeile 250.000 Euro angeboten.
In Wien konnte man jüngst freilich ein Angebot wie dieses vermeiden, weil man ein Vorhaben entwickelte, bei dem die Kirche weiter Sakralort bleibt, aber gleichzeitig zu einem Sozial- und Begegnungszentrum wird. „Kirchenschiff“ heißt das Projekt, bei dem die Caritas nun ihre Dienste anbietet. Noch ist dieses Projekt freilich die Ausnahme.
Denn Kirchen im Land haben kaum mehr finanziellen Spielraum. Da nimmt nicht wunder, dass man inzwischen nicht nur Immobilienbesitz wie Ländereien, Wälder und Gebäude, sondern auch Kirchen veräußern muss. Das Umfeld ist rau, Finanzierungsinstrumente wie der Kirchenbeitrag sind permanenten Angriffen ausgesetzt. Erst im Vorjahr ließ der Wahlsieger FPÖ vor den Koalitionsverhandlungen wissen, dass man den Kirchenbeitrag am liebsten abschaffen würde. Und das vor allem: Immer mehr Menschen treten aus den Kirchen aus. Die katholische Kirche hat in Österreich nur noch 4,5 Millionen Mitglieder, um mehr als eine Million weniger als vor 25 Jahren. Heute sind keine 50 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher mehr katholisch. Vor zehn Jahren betrug ihr Anteil noch mehr als 60 Prozent. Auch die evangelischen Kirchen schrumpften in den vergangenen 40 Jahren um rund 40 Prozent auf 248.000 Mitglieder.
Seit Jahren geht es rasant bergab. Glaubten vor zehn Jahren Umfragen zufolge 60 Prozent der Menschen an Gott, so sollen es heute nur mehr gut 20 Prozent sein. Da nimmt nicht wunder, dass die Kirchenbänke selbst an hohen Festtagen oft leer sind.
Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen haben sich verändert. Die Kirche tut sich schwer zu den Leuten zu kommen. Immer wieder rütteln Skandalgeschichten an den Grundfesten. Viel zu oft und viel zu viel scheint man mit sich selbst und mit Themen beschäftigt zu sein, die viele nicht mehr nachvollziehen können. Und man hat verloren, was die Gesellschaft so dringend bräuchte, gerade in Zeiten wie diesen – die Position als moralische Instanz, die gehört wird. Die Kirche hat in der öffentlichen Diskussion kaum mehr Gewicht. Es fehlt an charismatischen Persönlichkeiten, denen die Menschen vertrauen und an denen sie sich orientieren. Derzeit setzt man auf den neuen Wiener Erzbischof. Die Erwartungen an ihn sind jedenfalls hoch. Auch, dass er seine Stimme häufiger erheben wird – wie dies notwendig ist in unruhigen Zeiten.
Dabei sind die Voraussetzungen für ein Wiedererstarken jedenfalls sind nicht so schlecht, wie man meinen möchte. Die jungen Menschen zwischen 14 und 25 Jahren suchen wieder verstärkt Halt in der Religion, bestätigten zuletzt Studien. Ihr Sukkus: Die Jugend hält zwar Distanz zur Kirche, ist aber dennoch durchaus religiös.
Darauf sollte sich aufbauen lassen, zumal es auch andere positive Zeichen gibt, wie die Zahl der Erwachsenentaufen, die seit fünf, sechs Jahren steigt.
Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 16. April 2026
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