
Die Ferienzeit hat begonnen. Mit dieser Woche in Wien, in Niederösterreich und im Burgenland. Nächste Woche folgen die anderen Bundesländer. In dieser Zeit ist Österreich anders. So wie man es sich wünschen würde. Man ist lockerer und offener. Man fährt aufs Land zur Oma und zum Opa. Man fährt in die Berge oder an einen See. Man macht Ausflüge in die Umgebung. Um sich zu erholen, um aus dem Alltag auszubrechen. Um die Natur zu genießen, die Schönheiten des Landes und auch die Gastfreundschaft und die Gastronomie. Einfach, weil es halt guttut und weil es schön ist. Man erfreut sich am Land, daran, dass wir es gut und schön und sauber haben und man erfreut sich auch daran, dass sich jemand darum annimmt, dass es so ist. Es fühlt sich auch oft an, als wären diese Wochen Wochen der Versöhnung zwischen Stadt und Land, zwischen den oft hochnäsigen und eingebildeten Städtern und dem Landvolk außerhalb der Ballungsgebiete, dem man gerne eine gewisse Rückständigkeit nachsagt, die sich aber um nichts weniger hochnäsig verhalten können gegenüber den "Stadterern". Nicht zu Unrecht ist da oft von Kluft die Rede und von Gräben.
Diese, nennen wir es friedvolle Stimmung dieser Wochen zeigt sich exemplarisch, einem Konzentrat Österreichs und seiner Möglichkeiten gleich, Jahr für Jahr zu Ferienbeginn in einem Festival im Innviertel. An keinem Platz, er nennt sich übrigens Ort im Innkreis, zeigt Österreich an einem Wochenende, was es kann und was in dem Land steckt und wozu es fähig ist.
Da, auf der einen Seite, beim "Woodstock der Blasmusik", das Jahr für Jahr weit mehr als 100.000 Menchen anzieht, um gemeinsam ihrer Leidenschaft, der Blasmusik, nachzugehen. Und dort, auf der anderen Seite und ebenfalls in Ort im Innkreis, die Fertigungshallen der FACC, die Flugzeugkomponenten für Hersteller in aller Welt erzeugt -von Airbus über Boeing bis zu Embraer. Das moderne Österreich. International orientiert, aufgeschlossen, auch in der Hochtechnologie daheim und erfolgreich.
Es ist nicht nur das. Man mag einen anderen Musikgeschmack haben und auch Lederhose und Tracht mag nicht die Kleidung sein, die man präferiert, es geht um etwas anderes. Es geht darum, Lebensfreude zu leben und zu erleben und sich über alle sozialen und gesellschaftlichen Grenzen hinweg zu verstehen. Da verbringen die Leute mit Begeisterung Tage voller Freude miteinander. Gleich ob vom Dorf oder aus der Stadt, gleich ob vom Bauernhof oder vom Penthouse in der Stadt. Höhepunkt des Festivals ist das sogenannte "Gesamtspiel", bei dem rund 20.000 der Gäste mit ihren mitgebrachten Instrumenten gemeinsam Musikstücke spielen. Sogar Ö3 sendet inzwischen von dort.
Da ist alles, was Österreich so oft fehlt und was wir so dringend bräuchten. Alles arbeitet in eine Richtung, alle unterstützen einen Weg, alle halten zusammen und geben ihr Bestes. Keine Gräben, keine sozialen Unterschiede, stattdessen gegenseitige Wertschätzung. Keine Spur vom Missmut, der Österreich so zu schaffen macht und von der ewigen Jammerei.
Doch die Stimmung, die man beim "Woodstock der Blasmusik" erleben konnte und die wir in den kommenden Wochen oft allerorten im Land erleben, hat, man weiß es, kurze Beine. Das Raunzen und die Unzufriedenheit werden sich schnell wieder breitmachen und der Missmut auch. Von der Stimmung in diesen Wochen bleibt wohl kaum etwas. Und auch nichts von der kurz aufgeflammten Solidarität zwischen Stadt und Land auch. Man weiß es.
Die Stimmung bleibt wohl weiterhin alles andere als gut und das Gefälle zwischen Stadt und Land, zwischen Stadtbewohnern und Landbevölkerung, groß. Auch, weil die in der Stadt immer noch viel zu oft auf die am Land herabschauen. Geringschätzung ist gängig. Oft glaubt man alles besser zu wissen und hat keine Scheu, das auch zu sagen. Man fordert vom Land, woran man in der Stadt nicht einmal denkt, das zu tun. Umgekehrt ist es freilich kaum anders. Auch dort hat man oft wenig Verständnis für die in der Stadt, ihre Welt und ihre Bedürfnisse.
Dem Land tut das nicht gut. Es bremst allerorten, weil man sich schwer tut zusammenzufinden. Man sollte mehr darüber reden. Die Ferienzeit und das "Woodstock der Blasmusik" zeigen, was möglich wäre in diesem Land.
Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 9. Juli 2026
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