Donnerstag, 2. Juli 2026

Wo findet man den Wählerwillen?

Sie tun es wieder. Politiker gehen auf Sommertour. "Österreich im Gespräch mit Bundeskanzler Stocker", heißt es da. Oder "Ordnen statt spalten" bei seinem Vize Andreas Babler. Freiheitliche Politiker wie Oberösterreichs Manfred Haimbuchner gehen auf -was sonst? -"Heimattour", Grüne ziehen durch die Wirtshäuser. Andere halten sich noch bedeckt. Irgendwann in den frühen 2000er Jahren verfiel man auf die Idee, den Sommer über in Veranstaltungen Wählernähe zu zeigen und, so zumindest die offiziellen Erklärungen, den Wählerwillen respektive den Willen der Wählerinnen zu erkunden. Unwidersprochen, aber auch nicht wirklich bewiesen ist, dass Hansi Hinterseer den Anstoß dazu gab. 2001 lud er zur ersten seiner Fan-Wanderungen, die tausende Mit-Wanderer anlockten.

So etwas war natürlich auch für die Politik verlockend. Die Landeshauptleute taten es, der damalige Kanzler Wolfgang Schüssel und auch Jahre später sogar Sebastian Kurz. Die Massen kamen nicht wie beim skifahrenden Barden aus Kitzbühel, die Bergwanderungen brachten aber ab und an zumindest doch veritablen Erfolg. Vor allem bescherten sie uns unvergessliche Bilder wie den schwitzenden damaligen Kanzler Gusenbauer in zu engem Wandershirt und Radlerhosen.

Was da Jahr für Jahr dem Wahlvolk als ernsthaftes Bemühen daherkommt, ernst genommen zu werden, zeigt, wie das meiste andere, das jahraus jahrein probiert wird, meist doch nur eines - die Hilflosigkeit die Wählerinnen und Wähler zu erreichen und zu erkunden, was sie wirklich wollen.

Es gehe darum, "Menschen abseits von Mitgliedschaften und Parteipolitik zu treffen", ist aus der Umgebung von Bundeskanzler Stocker zu vernehmen. Was die Menschen beschäftige, erfahre man nicht in Sitzungen und schon gar nicht in Umfragen, sondern nur im direkten Gespräch. Darum lade man ganz gezielt und mithilfe eines Meinungsforschers Gäste zu Veranstaltungen in ganz Österreich ein, bei denen dem Kanzler Vera Russwurm und Arabella Kiesbauer als Moderatorinnen zur Seite stehen, weil die ursprünglich für diese Rolle vorgesehene Christa Kummer krankheitsbedingt ausfällt. Ein Schelm, wer Böses denkt, dass heuer ganz offiziell das Kanzleramt zu diesen Events lädt und nicht Stockers Volkspartei, in deren Kassen bekanntermaßen Ebbe herrscht. Aber sei`s drum. "Gute Politik" entstehe nicht hinter verschlossenen Türen, sondern "im Kontakt mit den Menschen", meint man auch in Bablers Lager und anderswo wohl auch.

Man mag es glauben oder auch nicht. Schwierig ist es auf jeden Fall zu erfahren und zu erspüren, was Wählerinnen und Wähler wirklich wollen und wünschen und woran sie ihr Stimmverhalten ausrichten. Parteiveranstaltungen sind dazu wohl eher wenig geeignet. Sie stärken allenfalls das Wir-Gefühl. Stockers heuriges Sommerkonzept mag plausibel klingen, ob es erfolgreicher und zielführend ist, darf bezweifelt werden, finden diese Treffen doch in einem Setting statt, das eher Laborbedingungen als dem wirklichen Leben entspricht. Die Frage bleibt, wie kommen Politikerinnen und Politiker, zumal Spitzenpolitiker wie Kanzler oder Minister, die sich jahraus jahrein unter ihresgleichen, abgeschottet in Fanzirkeln und umgeben von Ja-Sagern bewegen, zu einem Gefühl dafür, was die Menschen bewegt? Zeit haben sie kaum, bei Veranstaltungen sind sie auch meist wieder von Funktionären umgeben. Sprechtage und Sprechstunden sind in Verruf geraten. Und was früher oft funktioniert hat, können sie sich heute nicht mehr leisten -lange sitzen zu bleiben und vielleicht das eine oder andere Achterl oder Seiterl zu trinken.

Dabei ist das eine durchaus sehr wichtige Frage. Sie zu beantworten wird nicht leichter in dem politisch aufgeheizten Klima, in dem wir seit Jahren leben, in dem es nur eine Welt zwischen "Deppen" und unbeirrbaren "Fanboys und -girls" gibt, aber offenbar nichts dazwischen.

Doch dieses "Dazwischen" gibt es. Es ist wohl das, was die politische Mitte zu nennen ist, die schweigende Mehrheit. Die Leute, die man nicht hört, die gelassen sind und nicht daueraufgeregt, die in Ruhe ihre Schlüsse ziehen und sich das Ihre Denken. Die von der Politik angewidert sind und nicht -mehr -interessiert daran. Die kaum je sagen, was sie bewegt. Und die sich nicht verwenden lassen wollen für irgendetwas.

Sie sind die größte Gruppe, die wichtigste auch und wohl auch die schwierigste. Und die, um die sich auch heuer im Sommer offenbar niemand kümmert.

So wie das ganze Jahr über.

 Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 2. Juli 2026

 
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