
Der Herr Bundespräsident pflegt in solchen Fällen normalerweise zu sagen: „Wir sind nicht so.“ Zum Fall des ORF-Generaldirektors und wie dieser zustande und an die Öffentlichkeit kam, hat er nichts gesagt. Vielleicht, weil er hätte sagen müssen: „Wir sind doch so.“ Und das wollte er wohl doch nicht, zumal als Bundespräsident. Aber was rund um den Abgang des Chefs des größten Medienunternehmens des Landes alles zu hören und zu sehen war und wie sich das Thema in den vergangenen nunmehr schon mehr als zwei Wochen entwickelte, ist mehr als verstörend. Es ist auch entlarvend für die Zustände in diesem Land, für die Verflechtungen und Ränkespiele, denen man sich mit Inbrunst hingibt.
Es ist ein tiefer Blick ins heutige Österreich. Die Zustände sind offenbar doch wirklich so, wie sie sich der sprichwörtliche kleine Maxi und seine Väter an den Stammtischen und überall dort, wo man sich kein Blatt vor den Mund nimmt, vorstellt. Mit allerhand Abkassierern, mit Kulissenschiebern und Leuten, die nichts anderes zu tun haben, als es sich zu richten. Ein Land, in dem Beziehungen immer noch alles sind, ein Land in der Hand von Netzwerken, ein Land, in dem Schachern und Taktieren Grundeigenschaften sind, die überall mitschwingen. „Schamlose Zeiten“ seien das, war irgendwo unter einem Text zu lesen, der damit begann, „an diesem Wochenende erfuhr ich, dass Weißmann für seinen Abgang drei Millionen verlangte und Pius Strobl eine Abfertigung von mehr als zwei Millionen versprochen bekam“.
Selbst als jemand, der viel Verständnis für die Gepflogenheiten in diesem Land aufbringt, bleibt einem der Mund offen. Was soll, was kann man da den Menschen noch sagen, die den Populisten wie dem Chef der Freiheitlichen Partei zulaufen, der, wie seine Parteifreunde auch, wohl um keinen Deut besser ist?
Weißmann ist ein Symptom dafür, wie es in diesem Land zugeht. Man kann nur staunen, wenn etwas davon an die Öffentlichkeit kommt. Auch wenn man freilich differenzieren muss und nicht alles über einen Kamm scheren darf. Genauso wenig, wie wenn man unter der Hand hört, wer mit wem wo wie lange etwas gehabt hat, wie die Seilschaften verbunden sind und funktionieren und wie schamlos und geschickt manche der heimischen Spitzenpolitiker ihre Position nutzen, um auch privat ihre Schäfchen ins Trockene zu bringen. Man staunt darüber, wie oft und wie sehr alle mitspielen. Man schweigt, schaut weg und prostet sich zu. Der Bogen reicht von Regierungsmitgliedern über Landeshauptleute bis hin zu kirchlichen Würdenträgern. Ja, und Journalisten zählen auch dazu.
Bei allem Differenzieren, da darf man sich nicht wundern, wenn sich viele von der Politik abwenden. Wenn sie den Sirenentönen der Populisten auf den Leim gehen – und das just in einer Zeit, in der die Welt am Rande eines dritten Weltkrieges steht, in der die Treibstoffpreise explodieren, die Angst vor einer Wirtschaftskrise weltweiten Ausmaßes und damit vor der Zukunft wächst.
Die Leute haben nicht zuletzt deswegen den Glauben an die Politik, den Glauben an Gerechtigkeit, den Glauben an den Staat verloren. Viele glauben niemandem und nichts mehr.
Das macht es auch schwer für all die, denen das Land ein Anliegen ist und die Gesellschaft. Für all die, die um Gerechtigkeit kämpfen, die an das Gute glauben und die sich ernsthaft Sorgen machen, dass ihre Bemühungen nicht fruchten. Alleine, was wir in den vergangenen zwei Wochen erleben und hören müssen, warf alle Bemühungen, der Politik und damit auch der Demokratie wieder auf die Sprünge zu helfen, weit zurück.
„Da rutscht etwas gehörig in der Republik“, war zu lesen. Ja, da rutscht etwas gehörig. Und weit und breit ist kein Halt zu sehen. Keine Autorität, keine Klammer, die alles zusammenhalten und zusammenbringen könnte. Und auch keine Idee. Wir sind dort angelangt, wo uns viele schon längst vermuten. Da gibt es niemand, auf den gehört wird, da ist alles und jedes punziert mit einem Parteilogo, da gibt es nur Gräben und Misstrauen. Und da gibt es, das vor allem, nennen wir es mild jede Menge „Schlawinereien“, mit denen es sich viele richten in diesem Land. Und wohl auch auf seine Kosten.
Vielleicht sollte sich der Bundespräsident doch entschließen zu sagen: „Ja, wir sind doch so.“ Das scheint der Wirklichkeit auf jeden Fall näher zu sein als sein bisheriges „Wir sind nicht so.“
Dass dadurch etwas anders würde, ist freilich zu bezweifeln.
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