Donnerstag, 12. März 2026

Bittere Rechnung fürs Vergessen und Verdrängen

 

Was waren das doch für Versprechen damals, als die Corona-Pandemie ausbrach und die Welt lahmlegte, als ein Jahr später auch ein Frachter den Suezkanal blockierte und damit die wichtigste Schiffsroute zwischen China und Europa auf Wochen blockierte und als ein paar Monate später auch Russland die Ukraine angriff. Als die Lieferketten durcheinandergerieten, die Preise explodierten und niemand mehr so recht weiterwusste. Als die Supermarktregale plötzlich leer waren und wir Klopapier hamsterten, weil wir die Hosen voll hatten und fürchteten, bald nichts mehr zum Essen und keine Medikamente zu haben. Als die Bauernhöfe gestürmt wurden und alle gelobten sich zu bessern. Beim Einkaufen wollte man künftighin auf Regionalität Wert legen, man schwor Amazon ab, dem Fliegen und vielem anderen auch noch, was uns drastisch und zuweilen gar dramatisch vor Augen führte, wie dünn der Faden ist, an dem wir unser Leben hängen. Wir alle gelobten uns zu bessern und die Politik übertraf sich mit Versprechen, die Lieferketten auf neue Grundlagen zu stellen, redete davon, Produktionen nach Europa zurückzuholen, den Kontinent sicherer zu machen, inklusive Stärkung der militärischen Abwehrbereitschaft gegen äußere Feinde. 

Resilienz, ein Wort das bis dahin niemand kannte, wurde zum Schlagwort und Prinzip, an dem man sich ausrichten wollte – die Widerstandsfähigkeit, Krisen, Stress oder Rückschläge zu bewältigen und gestärkt daraus hervorzugehen, ohne dauerhafte Beeinträchtigungen. 

Nun ja, die Bilanz fällt dürftig aus. Spätestens seit dem Angriff der USA und Israel auf den Iran vor mittlerweile nun schon fast zwei Wochen wissen wir das. Praktisch nichts hat sich geändert seit damals, das gerade einmal fünf, sechs Jahre her ist. Resilienz blieb ein Wort und all die Vorhaben Makulatur. 

Viel zu schnell hat sich die alte Bequemlichkeit breit gemacht. Längst geht es beim Kaufen wieder nur um billig, billig, billig. Neben Amazon fluten nun auch Temu und Shein Europa mit Billigstware aus China. Der internationale Flugverkehr freut sich über ein Alltime-High nach dem anderen. Die Bauern schauen mit ihren Produkten längst wieder durch die Finger und Eigenversorgung ist nichts als ein Schlagwort. Und statt an einer Reindustrialisierung, Rückholung von Produktionen, Verringerung von Abhängigkeiten und damit Stärkung der Resilienz zu arbeiten, kämpft der europäische Kontinent immer noch gegen die allerorten grassierende Deindustrialisierung, die von Träumen längst vergangener Jahrzehnte geleitet ist. 

Und jetzt fällt es wieder allen wie Schuppen von den Augen. Es ist nicht so, zumindest in einigen Bereichen, dass es keine Bemühungen gäbe. Aber sie sind angesichts des dramatischen Tempos der weltweiten Veränderungen viel zu langsam. Die Politik reagiert träge und hat mit Widerständen zu kämpfen. Immer neue Herausforderungen tun sich auf. Nach der Pandemie kamen Putin und die Ukraine, dann stellte Trump alles auf den Kopf und nun brennt der Nahe Osten. 

Die Ölpreise explodieren, die Gaspreise auch und die Containerschifffahrt stürzt ins Chaos. Die Inflation steigt und wir müssen alle zittern, weil immer noch keine wirklich entscheidenden Schritte gemacht, Schritte in Richtung Unabhängigkeit gelungen sind. Es gab Fortschritte, sich von manchen Ländern unabhängiger zu machen. Dass man sich aber im Gegenzug in die Abhängigkeit anderer Länder begab, die kaum geringer war, machte nichts besser. 

Allerorten wird jetzt nach Preisdeckeln gerufen und nach einem Eingreifen der Politik. Deren Hilflosigkeit ist freilich nicht zu übersehen. Nicht in Brüssel, nicht in Paris und Berlin und schon gar nicht in Wien. „Steuert Europa auf eine Energiekrise zu?“, fragen nicht nur die Zeitungen längst und wissen längst, dass man ziemlich hilflos dasteht. „Die nächste Krise kam wieder zu früh“, weiß man längst. 

Jetzt bahnt sich vielleicht schon das nächste Desaster an. „Auf einen neuen Flüchtlingsstrom sind wir vorbereitet“ tönen der EU-Flüchtlingskommissar und die Innenminister unisono. Und blenden aus, dass auch auf diesem Gebiet so wenig weitergegangen ist wie in vielen anderen. Denn eigentlich hätte man angenommen, dass es dafür längst Notfallpläne gibt. Nun aber muss man überall lesen, dass die erst ausgearbeitet werden müssen.

Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 12. März 2026

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