Donnerstag, 8. August 2019

„Kurios“, wie man mit Wissenschaft umgeht



Wenn Helga Kromp-Kolb, Österreichs Parade-Klimaforscherin und Professorin an der Universität für Bodenkultur Sätze sagt wie „Der Klimawandel ist schon so weit fortgeschritten, dass es nicht mehr nur mit Wohlfühllösungen geht“, hängt das ganze Land an ihren Lippen und nimmt jedes Wort als gefährliche Warnung.

Wenn Siegrid Steinkellner, international anerkannte Pflanzenschutzexpertin und ebenfalls Professorin an der Universität für Bodenkultur, Sätze sagt, wie „Die Rückstandsdaten der erhältlichen Glyphosatprodukte lassen auf keine Gefahr für die menschliche Gesundheit schließen“ wird sie als Verantwortliche der Glyphosat-Machbarkeitsstudie durch allerlei Bosheiten und Unterstellungen angefeindet und werden ihre Feststellungen in Zweifel gezogen.

Der ehemalige ORF-Journalist Raimund Löw, in diesem Fall völlig unverdächtig, wunderte sich auf Twitter. „Bei Klima nehmen wir Wissenschaft sehr ernst, glücklicherweise. Bei Chemie viel weniger. Kurios“ befindet er, nach dem er sich zum Thema Glyphosat informierte.

„Kurios“ – auch viele Bauern empfinden das so. Bemerkenswert ist es allemal, dass im dem einen Fall der Wissenschaft ohne Wenn und Aber geglaubt wird und allfällige Zweifler einen harten Stand haben, dass es im anderen Fall aber genau umgekehrt ist und die Wissenschaft einen harten Stand hat – selbst, wenn es sich in beiden Fällen um Wissenschaftler der gleichen Universität handelt.

Warum das so ist, ist schwer nachzuvollziehen. Die Gründe dafür sind wohl vielfältig, vielleicht hat es aber auch damit zu tun, dass die Landwirtschaft über Jahrzehnte meist auf einem allzu hohen Ross gesessen ist. Dass man nie ein Gespür für die Gesellschaft entwickelte. Dass man diese Gesellschaft viel zu lange in der Pflicht gesehen hat, dankbar sein zu müssen dafür, dass sie von den Bauern etwas zu essen bekommt. Und dass das wohl immer auch die bequemste Position war.

Dabei ist angesichts Erfolgsstory, zu der die Landwirtschaft mit ihren enormen Produktionssteigerungen wurde - zumindest in den Industriestaaten - längst nicht mehr wichtig, dass die Leute etwas zum Essen haben, sondern vor allem, was sie zum Essen haben. Das zur Kenntnis zu nehmen fällt schwer. Leichtfertig hat man Vertrauen verspielt, sich oft allzu oft selbst in den Sack gelogen und für zu wichtig genommen, aber nie hat man ernsthaft versucht, zu erklären, was man tut und warum man es tut.

Jetzt leiden die Bauern darunter, dass weder ihr Fachwissen noch das der Wissenschaft geschätzt und geachtet oder gar anerkannt wird. Welche Mühen und wiviel Wissen dahinterstehen, wird nicht zur Kenntnis genommen, sondern vielmehr wird ihre Arbeit oft in Zweifel gezogen. Was sie sagen scheint keinerlei Gültigkeit zu haben.

Die Landwirtschaft kann sich kaum mehr erwehren, wenn Ratschläge von TV-Köchinnen, von selbernannten NGO-Experten und von Handelsbossen die öffentliche Diskussion und immer öfter auch die Agrarpolitik bestimmen. Selbst wenn die weitab von der Realität auf den Höfen und weitab von den Bedürfnissen und Erfahrungen der Bauern sind.

Zurechtkommen muss die Landwirtschaft aber dennoch damit - die bisherigen Ansätze scheiterten, neue sind notwendig. Dringend. 

Gmeiner meint - Blick ins Land, 8/19

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