Mittwoch, 31. Dezember 2025

Die fragile Psyche der Bauern

Diese Berufsgruppe hat ein höheres Risiko für Belastungsstörungen. Fast die Hälfte der Bauern leidet an psychischen Beschwerden.

Hans Gmeiner 

Wien, Salzburg. Existenzsorgen, Überlastung, Bürokratie, ein verzerrtes Bild in der Öffentlichkeit – Österreichs Bauernschaft sieht sich vielfältigen Herausforderungen gegenüber. Das bleibt nicht ohne Folgen, wie eine vom Landwirtschaftsministerium beim Wiener Institut L&R Sozialforschung in Auftrag gegebene Studie zu den psychosozialen Belastungen in der Landwirtschaft zeigt.

„Im Vergleich zu anderen Bevölkerungsgruppen haben die Landwirtinnen und Landwirte ein deutlich höheres Risiko, nicht nur was physische, sondern auch was psychische Belastungen betrifft“, fasst Studienleiterin Nadja Bergmann die Ergebnisse zusammen. Die Zahlen, die die Studie liefert, sind alarmierend. Demnach litten in den zwölf Monaten vor der Befragung, die 2024 durchgeführt wurde, nicht weniger als 46 Prozent der Bäuerinnen und Bauern und 39 Prozent der mithelfenden Angehörigen an psychischen Erkrankungen und Beschwerden. 
Damit ist der Anteil fast doppelt so hoch wie in der Gesamtbevölkerung. 

Fast jeder dritte Befragte klagt über Antriebslosigkeit und Konzentrationsschwierigkeiten, jeder fünfte über Schlafstörungen. Mit einem Anteil von 15 Prozent folgen Depression und Niedergeschlagenheit – doppelt so viel wie in der nicht bäuerlichen Bevölkerung – und mit zwölf Prozent Burn-out und emotionaler Erschöpfungszustand aufgrund der Arbeit. Wie groß die Verzweiflung mitunter ist, zeigt, dass fünf Prozent der Bäuerinnen und Bauern und sechs Prozent der mithelfenden Angehörigen in den vergangenen zwölf Monaten darüber nachgedacht haben, sich das Leben zu nehmen – laut Studie „signifikant mehr als in der Gesamtbevölkerung“.

Die Gründe sind vielfältig. Ganz oben steht laut der Studie die wachsende Bürokratie. Zusammen mit Unsicherheiten über gesetzliche Vorschriften und der Entwicklung der Rohstoffpreise wird sie am häufigsten als besonders belastend empfunden. Negativ wirken zudem externe Einflüsse wie die Preisentwicklung und Ernteschäden durch Wetterextreme. Auch mit dem öffentlichen Ansehen der Bauern hadert man auf vielen Höfen. Die oft von Anfeindungen geprägte öffentliche Debatte, aber auch die mediale Berichterstattung werden vor allem in der Milchviehwirtschaft und von den Schweinebauern als Belastung empfunden. Zu all dem kommt die „normale“ Arbeit auf den Feldern und in den Ställen. Dabei machen die ständige Arbeitsbereitschaft und fehlende oder zu kurze Erholungspausen Probleme. Insgesamt liegt die Arbeitsbelastung der Bauern zwar im Durchschnitt der Gesellschaft, nimmt aber mit der Größe der Betriebe stark zu. Überraschend ist für Bergmann, dass sich Nebenerwerbsbauern wohler fühlen als Bauern, die allein von der Landwirtschaft leben. „Das hängt wahrscheinlich damit zusammen, dass das zweite berufliche Standbein die nötige Sicherheit gibt.“

Salzburger Nachrichten - Wirtschaft, 31. Dezember 2025

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