
Das „goldene Wiener Herz“ scheint es doch zu geben. Und das nicht nur in Wien, sondern in ganz Österreich. Das lässt nicht unbedingt ein Blick in die Gesichter all derer vermuten, die da über die Straßen durch die Adventzeit hetzen. Aber das lässt der alljährliche Bericht über die Spendenbereitschaft der Landsleute vermuten, den der Dachverband von rund 350 Spendenorganisationen Jahr für Jahr veröffentlicht. Diese Spendenbereitschaft ist so groß, dass man in den Berichten darüber durchwegs von „Spendenfreudigkeit“ spricht – gleichsam ein kleines Weihnachtswunder in bewegten Zeiten.
Rund 1,1 Milliarden Euro spenden Frau und Herr Österreicher jährlich. Als Folge des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine gab es vor drei Jahre einen Sprung von 870 Millionen auf mehr als eine Milliarde Euro. Und dabei blieb es. Angesichts der immer wieder aufflammenden Diskussionen um die Hilfe nicht nur für die Ukrainer, sondern auch anderer notleidender Gruppen im Land, ist man geneigt hinzufügen, wundersamerweise. Bemerkenswert dabei: Jeder neunte Spenden-Euro kommt inzwischen aus einer so genannten Testamentsspende, einer Spende also, die in Testamenten festgelegt wurde.Die Zahlen des Dachverbandes sind in der Tat beeindruckend. 80 von 100 Österreicherinnen und Österreichern greifen regelmäßig ins Börserl respektive überweisen von ihrem Bankkonto und spenden im Schnitt 142 Euro. Und das vorzugsweise in der Zeit vor Weihnachten, in der man offenbar doch bereit ist, der weichen Seite des Herzens nachzugeben. Freilich könnte man jetzt monieren, dass da doch bei vielen noch reichlich Luft nach oben ist, liegt doch das durchschnittliche Spendenaufkommen in Vorarlberg, Tirol und Salzburg bei 202 Euro, in Wien und in Niederösterreich aber nur bei 119 Euro und um Burgenland gar nur bei 109 Euro. Aber man sollte nicht undankbar sein. In Zeiten hoher Teuerung ist durchaus bemerkenswert, dass weiter und viel gespendet wird, wie die Geschäftsführerin des Dachverbandes befand.
Danken werden es jedenfalls die Organisationen im Sozial- und Gesundheitsbereich und jene, die Menschen mit Behinderung helfen, fließen doch rund 30 Prozent in diese Bereiche, die es ja schon von ihrer Aufgabe her, und schon gar nicht vom aktuellen politischen Umfeld her, leicht haben. 25 Prozent der Spendengelder gehen in internationale Hilfsprojekte. Dass Spenden für Tierschutz und Umwelt zulegen konnten und inzwischen 12,5 Prozent des gesamten Spendenaufkommens ausmachen, ist nicht nur der wachsenden Sorge der Menschen, sondern wohl auch dem äußerst professionellen Eintreiben von Spenden durch einschlägige NGOs geschuldet, das von nicht wenigen als nachgerade aggressiv empfunden wird. Auf Spenden für Kinder entfallen hingegen nur neun Prozent der Spenden.
Bei allen Einschränkungen – das Spendenverhalten in Österreich kann auch Hoffnung geben. Und das nicht nur in der Weihnachtszeit. Es überrascht auch, weil die Gesellschaft, angeheizt von einer populistischen Politik, aber auch aufgrund der Teuerung und der von vielen als immer schlechter empfundenen persönlichen wirtschaftlichen Situation für soziale Dinge seit geraumer Zeit wenig übrighat. Der Mensch nebenan und seine Nöte zählen in Zeiten, die immer egoistischer wurden, weniger als noch vor ein paar Jahren, meint man. Oder muss man diese Meinung doch revidieren? Gilt das beim Spendenverhalten nicht, weil man einen Sinn darin sieht und weil man selbst entscheiden kann, wo das Geld hinkommt und wem man welche Hilfe wie zukommen lässt?
Da mag etwas dran sein. Wollen wir das Gute sehen, gerade jetzt in der Zeit vor Weihnachten. Und lassen wir Gedanken beiseite, dass die Spendenfreudigkeit vielleicht auch etwas damit zu tun haben könnte, sich freizukaufen von zuweilen gegenteiligen Verhaltensweisen, die man im täglichen Leben an den Tag legt, oder dass man sich mit Spenden nur selbst auf die Schulter klopft, da man ja doch ein guter Mensch ist.
Und freunden wir uns nolens volens mit dem Gedanken an, dass soziale Verantwortung und damit Spenden angesichts der notwendigen und wohl anstehenden Kürzungen im Sozialbereich, aber auch in der Flüchtlings- und Integrationshilfe vielleicht schnell an neuer Bedeutung gewinnen können, weil der Staat angesichts der leeren Kassen dieser Verantwortung nicht mehr gerecht werden kann. Und wohl auch nicht will, weil der politische Wind immer schärfer wird und aus einer anderen Richtung kommt.
Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 18. Dezember 2025
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