
Sind es 35 Euro, sind es 50 oder sind es
100 Euro, die man sich durch die angekündigte Mehrwertsteuersenkung in einem
Jahr ersparen kann, wenn man nur die richtigen Produkte einkauft? Also Butter,
Milch, Zwiebel, Gurken, Obst, Brot und solche Dinge. Inländisch, ausländisch?
Egal. Aktionsware oder nicht? Auch egal. So, wie man nicht weiß, wie das
kontrolliert werden soll, und wie man sichert, dass der Handel diese Senkung
wirklich weitergibt. Man ist sich ja noch gar nicht über die Liste einig. Jetzt
könnte man angesichts der vom Vizekanzler im Alleingang hinausposaunten Liste
den Verdacht hegen, dass das Ganze dabei ist, zu einer Unterstützung der
Vegetarier zu geraten. Das freilich nur, wenn man böswillig ist. Denn man kann
das auch als Hilfe für die notleidenden Fleischesser sehen, zumal sie die
ersparten Euro in Fleisch und Würste investieren können oder gar in
Mehlspeisen, die ja auch nicht billiger – steckt doch böser Zucker drin –
werden. Fix ist nur: Wenn jemand auf ein Netflix-Jahresabo oder Amazon-Prime
verzichtet, kann man sich auch so viel ersparen. Oder wenn man, wie Anti-Babler
Rudi Fussi empfiehlt, nicht mehr bei Spar oder Billa einzukaufen, sondern „nur
noch zum Hofer“ zu gehen.
Selten jedenfalls hat die Ankündigung
einer politischen Maßnahme, zumal eine, die in so großer Spur daherkam, für so
viel Häme, so viel Kopfschütteln und aber auch für so viel Ärger gesorgt. Und
erstaunlich war, wie sie präsentiert wurde. Voller Stolz und ohne jeden
Genierer. Als wäre die Mehrwertsteuersenkung der Stein des Weisen, um das Land
zu retten. Babler – „Ich schaue nicht zu, wie die Preise immer weiter steigen“
– kriegte sich kaum ein, nicht die Gewerkschaft und niemand von denen, die sich
deren Lager verbunden fühlen. Nicht einmal der vorderste Wirtschaftsforscher
des Landes, der vor Monaten die Idee, wenn auch weit weg von der nunmehrigen
Form, aufs Tapet brachte. „Mitgehangen, mitgefangen“ ist alles, was man ihm zur
Entschuldigung zugutehalten kann.
Was wir da in der vergangenen Woche
erlebten, fügt sich nahtlos in die Zumutungen der vergangenen Jahre. Erinnern
Sie sich noch, als uns der Verzicht auf Plastik-Strohhalme und die Fixierung
der Verschlusskappen auf den PET-Flaschen als das Nonplusultra der
Umweltrettung verkauft wurden? Die aktuelle Regierung setzt offenbar alles
daran, diese Art von Placebo-Politik noch zu toppen. Man kennt das auch schon
aus der Migrationspolitik. Man denke nur dran, als was uns das Kopftuchverbot
verkauft wurde, an Sepp Schellhorns Vorschläge zum Bürokratieabbau oder die Rückkehr von Syrern nach dem Regimewechsel in dieses
geplagte Land. Viel mit Placebo-Politik hat auch die Senkung der Strompreise
für die Industrie zu tun, die erst 2027 kommen soll, obwohl die Unternehmen
heute schon nach Luft japsen, wie kaum je zuvor. Und das gilt auch für die
Industrie-Strategie, für die es von manchen Beifall gab. Auch sie fällt in die
Kategorie Placebo-Politik, ist sie doch nicht mehr als eine Strategie, wo wir
doch nicht erst seit gestern in einer Zeit sind, in der längst bereitliegende
Konzepte umgesetzt werden und greifen müssten.
Über allem steht die Frage – wie klein
sind wir beisammen, dass wir uns über acht, neun Euro pro Monat freuen sollen
und über all das, was uns noch als Erleichterungen so wortreich angedient wird?
Das Almosen zu nennen, ist noch viel zu viel. Ganz abgesehen davon, dass noch
nichts umgesetzt ist.
Es sei bezweifelt, dass vielem von dem,
was da in den vergangenen Tagen lanciert wurde, der Erfolg beschieden ist, der
versprochen wird. Das Land wird das nicht großartig weiterbringen. Die großen
Themen werden immer noch nicht angegriffen. Beim Pensionssystem, beim
Pensions-Antrittsalter gibt es keine Fortschritte, nicht beim Gesundheitssystem
und nicht bei der Bildung. Und auch nicht bei der Neustrukturierung der
öffentlichen Verwaltung.
Alles, was derzeit geschieht, ist
Flickwerk und Reparatur. Richtungsweisend ist nichts davon, zukunftsweisend gar
nicht. Man signalisiert zu handeln, handelt aber nicht. Schon gar nicht dort,
wo es drängt. Über das Schielen auf den kurzfristigen Erfolg hat unsere Politik
längst das große Ganze aus den Augen verloren. Genau das aber ist der Grund
dafür, dass wir so dastehen, wie wir dastehen. Vorankommen werden wir so wohl
kaum. Und auch nicht dem Schlamassel entkommen, in dem wir stecken.
Meine Meinung -
Raiffeisenzeitung, 22. Jänner 2026
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