Montag, 10. August 2026

Wertvoll oder doch nur austauschbar?

Österreichs Landwirte scheuen weder Mühen noch Kosten, um sich von der ausländischen Konkurrenz abzuheben. Was sie scheinbar unterscheidet, sind aber teils nur Mythen.

Hans Gmeiner 

Österreichs Bauern halten sich gerne zugute, besonders gut und wertvoll zu produzieren. Dabei müssen sie aber immer wieder erkennen, dass es doch der Preis ist, der auf dem Markt zählt. Erst jüngst sorgte für Unmut, dass österreichische Markenmilch in Deutschland um 69 Cent verkauft wird. Warum man sich da an Haltungsvorschriften halten müsse, wozu die ganzen Dokumentationen und Kontrollen gut seien und warum die Gütesiegel, wenn die Milch so billig verramscht werde, hallte die Kritik aus der Branche.

Die Erklärung mag für die Bauern hart klingen, auch wenn sie sich schwertun, damit zurechtzukommen: „Es ist schlicht der Markt“, sagt Agrarexperte Franz Sinabell vom Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo). Dem Markt sind die Milchbauern ganz besonders stark ausgeliefert, erzeugen sie doch seit Jahren um gut 50 Prozent mehr, als in Österreich verbraucht wird.

Messbar sind Unterschiede oft nicht

„Die Landwirtschaft produziert ‚Commodities‘, also austauschbare Güter“, sagt Sinabell. Was messbare Eigenschaften, aber auch was Hygiene betreffe, werde in Österreich nicht anderes produziert als in anderen Ländern. „Wenn man zwei Gläser Milch nebeneinander hinstellt, merkt man den Unterschied nicht.“ Das sei bei Getreide nicht anders, nicht bei Fleisch und auch nicht bei Bioprodukten.

Das macht es für die heimischen Bauern wegen der im internationalen Vergleich geringen Betriebsgrößen und damit vergleichsweise hohen Kosten schwierig – trotz aller Ausgleichszahlungen. Denn die heimischen Ackerbauern und auch die Tierhalter produzieren um keinen Deut anders als die Bauern in Norddeutschland und anderswo in Europa. Die Größenordnungen sind allenfalls anders, die Technik, die man einsetzt, die Produktionsverfahren aber sind es nicht. Auch, wenn es da und dort Schlampereien geben mag. Und weil die Vorschriften und Auflagen in den vergangenen Jahren überall in der EU strenger wurden, tun sich die heimischen Bauern immer schwerer, sich auf dem Markt von der Konkurrenz abzuheben.

Franz Sinabell, Wifo-Agrarexperte Was sie sich zugutehalten, zählt gerade bei den Massengütern wie Milch, Getreide und auch Fleisch wenig. Selbst in Ländern wie Brasilien oder Argentinien sind die Produktionsstandards vor allem für international gehandelte Ware durchaus mit den europäischen zu vergleichen. Die Bauern übersehen meist, dass die Argumente für die besondere Qualität ihrer Produkte oft nicht viel mehr sind als „Mythen“, die der Realität kaum standhalten.

Der „bäuerliche Familienbetrieb“ etwa steht als Begriff im Landwirtschaftsgesetz, wird aber sonst nicht weiter definiert. Schon gar nicht ist er ein Qualitätsmerkmal, ist doch keine besondere Produktionsweise damit verbunden. Die Zahl der Mitarbeiter ist genauso wenig definiert wie die Größe des Tierbestandes, der Ackerflächen oder der Wälder. Die klassischen Bauernhöfe mit wenigen Hektar zählen genauso dazu wie die Güter von Adeligen und Industriellen mit Hunderten oder Tausenden von Hektar. „Die meisten Leute verbinden mit einem Familienbetrieb dennoch einen sorgsameren Umgang“, sagt Sinabell.

Geht es um Nähe, müssten Ostösterreicher in Ungarn einkaufen

Ähnlich gelagert ist die Sache mit der „Regionalität“. Regional einzukaufen, klingt gut. Was damit gemeint ist, ist freilich eher Geschmackssache. Denn auch „Regionalität“ ist nirgendwo definiert und schon gar nicht ist sie ein Qualitätsmerkmal. Nicht einmal um die Entfernung kann es immer gehen, sonst müssten sich viele in Ostösterreich mit Fleisch und Milch in Tschechien, der Slowakei oder Ungarn versorgen.

Da verspricht eine „Herkunftskennzeichnung“ schon mehr, muss sich aber den Hinweis gefallen lassen, dass Österreichs Bauern selbst zu einem guten Teil vom Export in andere Länder leben. Ganz abgesehen davon, dass auch hier gilt: Das ist kein Nachweis für eine besondere Qualität. Die Herkunftskennzeichnung funktioniert daher im Ausland oft besser als daheim. „Österreich gilt gerade in Deutschland viel“, betont Sinabell.

Aber auch der „Selbstversorgungsgrad“ und die „Ernährungssicherheit“ erweisen sich oft als Mythen, wenn man die Bedeutung der heimischen Landwirtschaft betonen will. In wichtigen Bereichen wie Obst, Gemüse und selbst Geflügel ist man auf Importe angewiesen. Bei Treibstoffen, aber auch Züchtungslizenzen, Saatgut oder Pflanzenschutzmitteln hängt die Landwirtschaft zuweilen völlig in der Luft.

Mitunter verbaut man sich auch selbst den Weg. Für Sinabell sitzen die Bauern mit ihrer ablehnenden Haltung gegenüber gentechnischen Verfahren selbst einem Mythos auf. Für ihn ist das nicht nachvollziehbar. „Dabei wäre es in Zukunft sicher von Vorteil, etwa dürreresistente Sorten, solche mit sichereren Erträgen oder verbesserter Pilzresistenz zu haben.“

Dennoch gelingt es immer mehr Bauern, sich vom Auf und Ab der Märkte zu lösen. Viele gehen eigene Wege mit Spezialprodukten oder setzen auf die direkte Vermarktung. Als Musterbeispiel nennt Sinabell die Heumilchproduzenten, denen es seit Jahren gelingt, für ihre Milch mehr zu erlösen. 

Eine Erfolgsgarantie ist auch das nicht. Trotz deutlich höherer Haltungsstandards mit mehr Platz und Licht tun sich beispielsweise die heimischen Geflügelbauern schwer, ihre Ware zu höheren Preisen am Markt unterzubringen.

Und einem der vielen landwirtschaftlichen Mythen will Sinabell demnächst wissenschaftlich auf den Grund gehen. Die These, dass Männer auf Bauernhöfen besser wirtschaften als Frauen, „wollen wir uns anschauen“. Er habe Zweifel, dass das stimmt, „allein schon deswegen, weil Frauen bei Investitionen vorsichtiger sind und dem Glanz von Traktoren nicht so schnell erliegen“.

Salzburger Nachrichten - Wirtschaft, 10.August 2026

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