
Wegen der Trockenheit wurde in Österreich heuer deutlich weniger Getreide geerntet als im Vorjahr. Warum viele Bauern dennoch gelassen bleiben können.
Hans Gmeiner
Wien Manchmal ist Humor auch dort, wo man ihn gar nicht vermutet. Unter dem Titel „Zwischen Staub und Hoffnung“ zog am Mittwoch die Agrarmarkt Austria (AMA), die von nicht wenigen Landwirten als eher humorlose Bürokratenhochburg eingeschätzt wird, Bilanz über die heurige Ernte.
Die fiel mit insgesamt 2,5 Millionen Tonnen Getreide – ohne Mais, der noch vor der Ernte steht – zwar wie erwartet mit einem Minus von 19 Prozent deutlich schlechter aus als im Vorjahr. Eine Katastrophenernte aber war es nicht. Gegenüber dem langjährigen Durchschnitt gibt die AMA das Minus mit 14,4 Prozent an. Abgesehen davon gab es im Jahr 2003 – einem ähnlich trockenen Jahr wie heuer –, aber auch in den Jahren 2012 oder 2018 noch deutlich schlechtere Ernten bei Weizen und anderen Feldfrüchten.
Schlechte Ernte zeichnete sich schon im Herbst ab
Dass es heuer Probleme geben wird, zeichnete sich schon beim Anbau im vergangenen Herbst ab, der bereits zu trocken war. Auch im Winter fehlte es an Niederschlägen, im Frühjahr folgte in weiten Landesteilen eine lange Trockenperiode. „In der ersten Jahreshälfte gab es um 27 Prozent weniger Niederschläge als im langjährigen Mittel“, erklärte AMA-Chef Günter Griesmayr. „In einzelnen Landesteilen war es noch nie so trocken. Trotz der schlechten Ernte bräuchten die Konsumentinnen und Konsumenten keine Sorge zu haben. „Die Versorgung mit Brot und Backwaren ist komfortabel gesichert“, betont Griesmayr.
Die fehlenden Niederschläge und die wachsenden Probleme mit der Trockenheit sind für die Bauern schon seit einigen Jahren Thema. Viele reagieren darauf mit Umstellung der Fruchtfolge auf Früchte, die leichter mit trockenen Bedingungen zurechtkommen, und ändern die Technik der Bodenbearbeitung, um die Feuchtigkeit besser im Boden zu halten.
Zudem sichern sich die meisten Ackerbauern, aber auch viele Grünlandbauern gegen das wachsende Risiko seit Jahren mit einer Dürreversicherung ab, die von der Österreichischen Hagelversicherung angeboten wird. Eine solche Versicherung haben etwa in Oberösterreich heuer 85 Prozent der Ackerbauern und rund 60 Prozent der Grünlandbauern abgeschlossen. Laut Einschätzung der Hagelversicherung wird es heuer beim Großteil der Betriebe Auszahlungen für Dürreschäden geben, heißt es aus der Landwirtschaftskammer Oberösterreich. So wie es aussieht, sind auch bei den Früchten, die im Herbst zur Ernte anstehen, keine guten Ergebnisse mehr zu erwarten. „Der Trockenstress setzt derzeit allen Früchten zu, die noch auf den Feldern stehen“, sagt Lorenz Mayr, der oberste Bauernvertreter in der AMA. „Mais wird teilweise schon jetzt als Futter siliert, weil keine Kolben dran sind.“ Auch bei Soja sei nicht viel zu erwarten. Einzig bei den Zuckerrüben könnten Niederschläge noch etwas retten, ist man in Fachkreisen überzeugt.
Sorgen machen Mayr die Situation auf den Märkten und die hohen Produktionskosten. Ausgehend von einem Durchschnittsertrag bei Weizen von 4,9 Tonnen, Produktionskosten von 300 Euro je Tonne und einem Erlös von 200 Euro je Tonne „zahlen die Bauern logischerweise drauf“, sagt er. Bei durchschnittlichen Erträgen von acht Tonnen und mehr pro Hektar, wie sie auch heuer in den guten Produktionsgebieten geerntet wurden, schaut die Rechnung freilich anders aus, zumal auch die Qualität des Weizens außerordentlich gut ist. Der Druck ist dennoch auch dort beträchtlich, musste man doch mit deutlich gestiegenen Preisen für Dünger und Treibstoffe zurechtkommen, während sich die Preise für Weizen gegenüber dem Vorjahr nicht verändert haben.
Davon, dass die Preise an den internationalen Produktbörsen in den vergangenen Wochen zulegten, spürten die Bauern bisher nichts. Der österreichische Handel will den Landwirten dem Vernehmen nach einstweilen nicht mehr für ihre Ware zahlen, weil noch Weizen aus der Vorjahresernte lagert.
Unberechenbare Preisentwicklung
Für Unsicherheit sorgt auch die internationale politische Lage. Der Krieg Russlands gegen die Ukraine und der Konflikt der USA mit dem Iran sorgen für ein kaum berechenbares Auf und Ab der Preise. Dabei wären die Voraussetzungen für gute Preise nicht schlecht. Nicht nur in Österreich, auch in der EU insgesamt war die Getreideernte heuer nicht gut, auch in Osteuropa erntete man deutlich weniger. Die Importe aus der Ukraine, die wegen der Angriffe auf die Häfen kaum mehr Ware ins Ausland und nach Europa bringt, sind bereits deutlich zurückgegangen. Dafür baut Russland seine Position auf den internationalen Märkten aus. Auch weltweit dürften die Ernten heuer geringer als im Vorjahr ausfallen, während der Verbrauch weiter steigt. Dennoch beruhigt und betont AMA-Marktexperte Michael Meixner: „Die Versorgungslage ist stabil.“
Salzburger Nachrichten - Wirtschaft, 6. August 2026