Dienstag, 8. September 2026

Bauern eingezwickt in der Kostenschere


Die Preise auf den Agrarmärkten, die zuletzt stark anstiegen, werden wieder sinken. Betriebsmittel für die Landwirtschaft würden hingegen auf Dauer nicht billiger, sagt Marktexperte Fritz Gattermayer überzeugt.
Hans Gmeiner

SN: Im Juni wurde die Preistalfahrt bei Weizen und Mais beklagt. Jetzt steigen seit Wochen die Preise. Wiederholt sich 2022/2023?

Fritz Gattermayer: 2022 war es der russische Überfall auf die Ukraine, weshalb die Weizen- und Maismengen aus der Ukraine nicht herauskamen und die Preise explodierten. Damals gab es ein Mengenproblem, heute haben wir zusätzlich ein Verfügbarkeits-, Logistik-, Energie- und Dürrerisiko. Die Sperre der Schwarzmeerhäfen sorgt nicht nur auf ukrainischer, sondern auch auf russischer Seite für Unruhe auf den Märkten. Zudem ist die Straße von Hormus wegen des Iran-Kriegs zu. Seit 2023 wurde aus einem relativ effizienten Weltagrarmarkt ein Markt, in dem Häfen, Transportwege, Herkunft, Versicherungen und politische Beziehungen stärker zählen. Die Fragen lauten: Gibt es Sanktionen? Ist der Hafen offen? Welche Route ist verfügbar? Kann ein Schiff versichert werden? Das treibt die Preise.

SN: Welche Rolle spielt die Trockenheit? Große Produzenten wie Frankreich melden schlechte Ernten, Ungarn, das in guten Jahren 15 Millionen Tonnen Mais exportierte, ist Importeur.

Es gibt aktuell vier Gründe für den Preisanstieg: Wetter, Konflikt in der Schwarzmeerregion und im Iran, Energiepreise und Erwartungen. In unserer Region ist die Trockenheit für den Preisanstieg vor allem bei Mais und abgeschwächt bei Weizen entscheidend. Vor allem in Ungarn fehlt den großen Stärke- und Ethanolverarbeitern die Ware. Weltweit gilt das nicht. Bei rund 1,3 Milliarden Tonnen globaler Maisernte sind die fehlenden rund 30 Millionen Tonnen in der EU (statt 70 Millionen Tonnen) kein bestimmender Faktor, denn Agrarmärkte handeln nicht nur heutige Mengen, sondern vor allem auch zukünftige Risiken.

SN: Hätte man diese heftigen Folgen abfedern können?

Viele Bauern, aber auch die Großhändler, haben schon Anfang Juli verkauft und die Trockenheit, die sich damals bereits abgezeichnet hat, nicht in ihr Kalkül miteinbezogen. Die Lagerbestände waren aufgrund der großen Ernte 2025 sehr hoch. Natürlich braucht es Glück und Sensibilität – aber eben auch die richtigen Einschätzungen beziehungsweise Reaktionen.

SN: Ist noch ein weiterer Anstieg der Preise zu erwarten?

Der Weltmarkt für Weizen ist einigermaßen gut versorgt. Es sind auch keine Versorgungsmängel in Nordafrika wie vor drei Jahren zu erwarten. Bei Mais ist China als Nachfrager entscheidend. China hat einen hohen Bedarf an Mais für Tierfutter, Zitronensäure, Maisstärke und andere Zwecke. Heuer gab es im Frühjahr Anzeichen, dass China weniger importieren wird. Jetzt gab es aber auch dort die ersten Trockenheitsphasen und damit kann es sein, dass China in den nächsten Wochen verstärkt importieren könnte. Dann könnten die Maispreise noch einmal steigen.

SN: Wie wirken sich die hohen Preise auf andere Agrarmärkte aus? Auf den Milchmarkt, auf die Fleischmärkte?

Auf die Bauern, die selbst unter den schlechten Ernten etwa bei Heu leiden, kommen jetzt zusätzliche, nicht geplante hohe Futterkosten hinzu. Es wird versucht, Heu durch Mais zu ersetzen und Mais durch Weizen. In Oberösterreich wurden schon mehr als 10.000 Hektar Mais als Futter eingehäckselt. Die Tierhalter spüren unmittelbar die höheren Futterkosten. Im Rinderbereich ist das Thema, wie man das Vieh fütterungsmäßig überhaupt über den Winter bringen kann. Der Preis für Heu hat sich binnen einiger Wochen verdoppelt. Dazu kommen die gestiegenen Betriebsmittelpreise. Die österreichische Landwirtschaft hat derzeit ein doppeltes Problem: eine geringere eigene Ernte und gleichzeitig höhere Energie- und Betriebsmittelkosten. Heuer wird am Ende des Jahres für viele ein Verlust stehen. Die Betriebsmittelkosten stiegen oft stärker als die Agrarpreise. Dünger ist teuer wie nie. Für andere Betriebsmittel gilt Ähnliches. Dazu kommt das Auf und Ab der Preise, die sogenannte Volatilität, die immer größer wird. Den Liter Diesel gab es heuer schon um weniger als 1,50 Euro, aktuell kostet er mehr als zwei Euro.

SN: Wie wird es weitergehen? Sind die Veränderungen nachhaltig oder nur vorübergehend?

Hohe Preise für Agrarprodukte werden wir noch ein paar Monate sehen. Nachhaltig werden die Veränderungen nicht sein, die Volatilität aber wird bleiben. Da müsste es schon klimatische Probleme und lang anhaltende Dürreperioden in den großen Produktionsländern wie Russland, den USA, Brasilien und China geben. USA und Südamerika bestimmen einen Großteil des agrarischen Exportangebots, China bestimmt den Großteil der Nachfrage. Wenn es „normales“ Wetter gibt, wird das Preisniveau wieder sinken. Die hohen Kosten aber werden bleiben. Die Kostensteigerungen sind nachhaltig, sowohl für die Bauern als auch für die Verarbeiter. Das ist vor allem in der Landwirtschaft das eigentliche Dilemma – dass die Bauern im Gegensatz zu allen anderen in der Wertschöpfungskette keine Möglichkeit haben, ihre Kosten weiterzugeben. Nicht zuletzt deshalb gibt es den starken Strukturwandel in der Landwirtschaft.

SN: Diese Einschätzung ist auch von Bauern zu hören. Was können sie, was kann die Politik tun?

Für die Landwirtschaft werden die Margen immer schmäler werden. Der Strukturwandel wird sich beschleunigen. Produktivitätsgewinne können meist nur große oder spezialisierte Betriebe lukrieren. Für Betriebe mit wenig Eigengrund wird es immer schwieriger. Das heißt, die kleinen Einheiten, wie sie bei uns vorherrschen, die sind großteils ohne außerbetriebliches Zusatzeinkommen nicht lebensfähig. Wichtig wäre es auch, dass die Bauern viel stärker sensibilisiert werden, sich für ihre Interessen wie Unternehmer einzusetzen, zu reagieren und zu handeln. Das Ziel muss sein, dass ihre Vertreter in den Aufsichtsräten der Organisationen und Unternehmen, an denen sie beteiligt sind, besser ausgebildet sind sowie operative Erfahrungen im jeweiligen Geschäftsfeld haben. Agrarpolitik und Handelspolitik bedingen einander, müssen als Einheit betrachtet werden. Europa bleibt bei Dünger, Energie und Eiweißfutter importabhängig. Die Politik hingegen hat wenig Möglichkeiten, den Strukturwandel in der österreichischen Landwirtschaft, den Klimawandel und die Entwicklung der Kosten aufhalten zu können. Was bleibt, ist, dass Schwankungen innerhalb relativ kurzer Zeit normaler geworden sind und noch zunehmen werden. 

Fritz Gattermayer ist an der Uni für Bodenkultur Lektor für Weltagrarmärkte und Welternährungswirtschaft sowie Berater in der Industrie.

Salzburger Nachrichten - Wirtschaft, 8. September 2026

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

 
UA-12584698-1