Die Sperre der Straße von Hormus könnte zur Gefahr für die Welternährung werden.
Hans Gmeiner
Salzburg. Seit dem Iran-Krieg und der Sperre der Straße von Hormus, über die ein Drittel der weltweiten Düngerexporte abgewickelt wird, ist der Markt für Düngemittel völlig aus dem Ruder gelaufen. Dazu kommt die Preisexplosion bei Erdgas, dem wichtigsten Produktionsmittel für den Stickstoffdünger. Dessen Preis ist innerhalb kurzer Zeit, wie die Preise für Phosphor und Kali, um 40 bis 50 Prozent gestiegen.
Weltbank und FAO warnen seit Wochen vor den Folgen der Engpässe bei der weltweiten Düngerversorgung. Befürchtet werden eine deutliche Verringerung der Ernteerträge und in der Folge Probleme mit der Nahrungsmittelversorgung. Erste Länder müssen den Düngerverbrauch einschränken. So wurden in Indien erst vor Kurzem die Landwirte aufgerufen, den Düngemitteleinsatz zu reduzieren.
Heimische Bauern versuchen, Krise auszusitzen
Die Bauern in Österreich versuchen derzeit, die Krise noch auszusitzen, und warten mit Bestellungen für die nächste Saison. Die Bauernmedien sind aber längst voll mit Ratschlägen, wie man trotz weniger Dünger noch passable Erträge erzielen kann.
Auch wenn industriell erzeugter Dünger wegen des hohen Energiebedarfs in der Produktion, aber auch wegen umstrittener Auswirkungen auf Klima und Böden, in keinem guten Ruf steht, für die Sicherung des weltweiten Nahrungsmittelbedarfs und leistbare Lebensmittel ist er unverzichtbar, liefert er doch Nährstoffe für Weizen, Mais und Co. Weltweit ist ein Großteil der Landwirtschaft ohne Düngemittel, namentlich ohne künstlich aus Erdgas erzeugten Stickstoff, der in verschiedenen Formen angeboten wird, nicht denkbar. Am bedeutendsten dabei sind Harnstoff und Kalkammonsalpeter. Kali und Phosphor hingegen sind Bergbauprodukte, die für die landwirtschaftliche Nutzung aufbereitet werden.
Düngerherstellung ist Big Business
Organische Dünger wie Gülle, Stallmist, Jauche oder Kompost spielen nur eine untergeordnete Rolle und können den Bedarf an industriell erzeugten Düngern nicht ersetzen. Das gilt auch für den Biolandbau, auf den weltweit nur 1,2 Prozent der bewirtschafteten Flächen entfallen und in dem der Einsatz von „Kunstdünger“, wie industriell erzeugter Stickstoff oft genannt wird, unzulässig ist.
Die Erzeugung von Düngemitteln ist heute Big Business. Die Aktien der großen Düngerkonzerne gelten seit Wochen als heiße Tipps für Anleger. Die größten Produzenten sitzen durchwegs in Ländern, die zu einem guten Teil auch auf dem internationalen politischen Parkett zu den „Big Players“ zählen.
Größter Düngerproduzent ist nach Angaben der Fachzeitschrift „Agrarheute“ Russland, vor China, Kanada, Marokko, USA und Saudi-Arabien. Zusammen entfällt auf diese Staaten die Hälfte der weltweiten Düngerexporte. Mit einem Marktanteil von 17,9 Prozent ist Russland führender Düngemittelexporteur. Besonders bei Harnstoff gibt es kaum eine Alternative. Der Angriff auf die Ukraine tat dem keinen Abbruch – im Gegenteil. Der Anteil Russlands an den EU-Düngemittelimporten stieg von 18 Prozent 2022 sogar auf rund 30 Prozent im Jahr 2024.
Größter Düngerproduzent ist nach Angaben der Fachzeitschrift „Agrarheute“ Russland, vor China, Kanada, Marokko, USA und Saudi-Arabien. Zusammen entfällt auf diese Staaten die Hälfte der weltweiten Düngerexporte. Mit einem Marktanteil von 17,9 Prozent ist Russland führender Düngemittelexporteur. Besonders bei Harnstoff gibt es kaum eine Alternative. Der Angriff auf die Ukraine tat dem keinen Abbruch – im Gegenteil. Der Anteil Russlands an den EU-Düngemittelimporten stieg von 18 Prozent 2022 sogar auf rund 30 Prozent im Jahr 2024.
Anteil der Golfstaaten am Stickstoffdünger bei 40 Prozent
Was die Sperre der Straße von Hormus besonders brisant macht: Der Anteil der Golfstaaten am weltweiten Handel mit Stickstoffdüngern beträgt 40 Prozent. Zudem haben sie einen hohen Anteil am Handel mit Vorprodukten wie Schwefel und Ammoniak. Insgesamt kommen 11,5 Prozent der weltweiten Düngemittelexporte aus den Golfstaaten. Europa hat in diesem Umfeld einen schweren Stand, ein Drittel der Düngemittel muss importiert werden. Zu den wichtigsten Lieferanten zählen bisher Russland, aber auch Ägypten und Algerien.
Man macht sich aber auch selbst das Leben schwer. Derzeit wird heftig um die Einführung des CO2-Grenzausgleichs CBAM gerungen. Dieser Ausgleich wird von der Düngerindustrie als Schutz vor Importkosten gefordert. Von den Bauern wird er abgelehnt, weil sie höhere Kosten befürchten. Größte Hersteller in Europa sind die norwegische Yara International ASA und die LAT Nitrogen des ehemaligen tschechischen Ministerpräsidenten Babiš, die auch in Linz ein Werk betreibt. Probleme macht vor allem die Energieabhängigkeit.
109 Millionen Tonnen Stickstoffdünger
Weltweit werden jährlich (die jüngsten Angaben sind aus den Jahren 2022/2023) rund 109 Millionen Tonnen Stickstoff-Reinnährstoff verbraucht. Dazu kommen 44,1 Mill. Tonnen Phosphat und 34,7 Mill. Tonnen Kali.
In Österreich nehmen sich die Zahlen naturgemäß bescheidener aus. Der Stickstoffverbrauch sank im Zeitraum 2013/2014 bis 2023/2024 mit Schwankungen von seinerzeit 114.000 Tonnen auf 94.000 Tonnen. Das hat nicht nur mit dem hohen Bio-Anteil zu tun, sondern auch damit, dass viele konventionelle Bauern im Rahmen von Umweltprogrammen den Stickstoffeinsatz einschränken und optimieren. Gleiches gilt für Phosphat und Kali. Bei Phosphat halbierte sich die ausgebrachte Menge in zehn Jahren fast auf 22.000 Tonnen. Bei Kali betrug der Rückgang rund ein Drittel und lag zuletzt bei 21.000 Tonnen.
Wie es mit der Versorgung von Düngemittel weitergehen wird, ist noch unklar. Russland bleibt international wohl der wichtigste Akteur, weil man über billiges Erdgas verfügt. Ägypten und Algerien, die bereits heute für Europa wichtige Lieferanten von Stickstoffdüngern und Ammoniak sind, könnten an Bedeutung gewinnen, hängen aber von Erdgasimporten ab. China wiederum könnte zwar, schreibt „Agrarheute“, theoretisch die Exporte von Harnstoff ausweiten, ist aber durch Exportquoten, die die nationale Versorgung sichern sollen, blockiert.
Daten & Fakten Dünger
Für Wachstum, Ertrag und Qualität benötigen Pflanzen Nährstoffe. Sie werden dem Boden durch die Ernte und den Abtransport des Erntegutes entzogen und müssen durch Dünger ersetzt werden.
Der wichtigste Nährstoff ist Stickstoff, der synthetisch über das energieintensive Haber-Bosch-Verfahren hergestellt wird, bei dem Stickstoff aus der Luft mit Wasserstoff (meist aus Erdgas) zu Ammoniak umgesetzt wird. Dieses Verfahren revolutionierte Anfang des 20. Jahrhunderts die landwirtschaftliche Produktion und sorgte für eine deutliche Erhöhung der Erträge und Verbesserung der Qualitäten.
Der wichtigste Nährstoff ist Stickstoff, der synthetisch über das energieintensive Haber-Bosch-Verfahren hergestellt wird, bei dem Stickstoff aus der Luft mit Wasserstoff (meist aus Erdgas) zu Ammoniak umgesetzt wird. Dieses Verfahren revolutionierte Anfang des 20. Jahrhunderts die landwirtschaftliche Produktion und sorgte für eine deutliche Erhöhung der Erträge und Verbesserung der Qualitäten.
Kalium ist für die Regulierung des Wasserhaushaltes und die Widerstandsfähigkeit der Pflanze zuständig, aber auch für Qualität und Ertrag.
Phosphor fördert die Blüten- und Fruchtbildung, begünstigt das Wurzelwachstum und verbessert die Winterfestigkeit der Pflanzen.
Salzburger Nachrichten - Wirtschaft, 29. Mai 2026

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