Donnerstag, 10. September 2026

"Zukunftsfroh" als allerletztes Aufgebot



Seit dem Sommergespräch des Bundeskanzlers im ORF mit Simone Stribl vorige Woche gibt es in der politischen Welt Österreichs einen neuen Begriff -"Zukunftsfroh". So sollen wir in die nächsten Wochen, Monate und Jahre gehen. Kein ÖVP-Politiker, respektive keine ÖVP-Politikerin, die seither dieses Wort nicht in einem öffentlichen Statement unterbringt. Soll keiner sagen, der Kanzler habe seine Partei nicht in der Hand. 

Dem Autor dieser Zeilen war dieses Wort, er gibt es unumwunden zu, nicht geläufig. Dass wir optimistisch sein sollen - ja. Auch dass wir zuversichtlich sein sollen - ja. Aber "zukunftsfroh"? Das ist neu. Es steht, mit Verlaub, irgendwie im Geschmack, dass es gesucht wurde, weil die anderen Begriffe schon abgenutzt sind. Ob es besser ist, muss sich wohl erst weisen, sei aber zu bezweifeln. 

"Zukunftsfroh" hat etwas von Worten wie "Jahresendzeitfiguren" oder "Sättigungsbeilage", mit denen weiland in der Deutschen Demokratischen Republik Christbaumschmuck und die großen Erdäpfel-und Gemüseportionen, die die kleinen Fleisch-und Fischportionen aufpeppen sollten, genannt wurden.  

Aber sei's drum - "zukunftsfroh" also sollen wir werden. Und Kanzler Stocker lieferte gleich etwas zum Üben dazu: Das "Zukunftsdepot", ein staatlich gefördertes, spesen-und steuerfreies Wertpapierdepot für Jugendliche und den "Zukunftsfonds", einen staatlichen Milliardenfonds, der durch Investitionen am Kapitalmarkt unser Pensionssystem langfristig absichern soll.

Nun, ob wir damit "zukunftsfroh" werden, muss sich erst weisen. Stockers Ideen wurden nicht überall mit Freude aufgenommen. Rasch wie immer wurden seine Pläne durch den innenpolitischen Wolf gedreht und kamen ziemlich ramponiert wieder heraus. Aber seien wir "zukunftsfroh", dass das doch so wird, wie es der Kanzler will. 

Die Feuertaufe hat das neue Schlagwort also nur mit Blessuren überstanden. Und es ist nicht wirklich klar, was wir damit anfangen sollen. Was ist "zukunftsfroh" und was heißt es? Soll man sich nun auf die Zukunft freuen, fragt man sich und noch viel mehr fragt man sich, auf welche? 

Einfach ist das nicht bei dem, was wir alles am Hals haben und was rund um uns passiert. Und auch für den Kanzler ist das nicht einfach, ist doch selbst bei ihm nicht klar, ob er der Zukunft froh wird, wenn man die Schlagzeilen und Analysen der vergangenen Wochen verfolgt, die immer lauter von einer Regierungskrise reden, die nicht mehr weit sei. 

Aber das sind wohl Petitessen gegen all das, was es uns allen so schwer macht, "zukunftsfroh" zu sein. Wir haben einen Krieg vor der Haustür, der immer größere Dimensionen annimmt. Während wir den Kopf in den Sand zu stecken versuchen, sagt inzwischen sogar der deutsche Bundeskanzler: "Wir sind nicht mehr im Frieden." Die Drohnen auf dem Flughafen in Leipzig, die Attacken auf die Umspannwerke haben nicht nur Deutschland erschüttert. Auch wir sind längst mit dabei, man denke nur an die Drohnen über der Schwarzenbergkaserne in Salzburg, der größten Kaserne Österreichs. 

Da "zukunftsfroh" zu sein, fällt schwer, zumal man keine wirklichen Ideen zu erkennen sind, das Heft des Handelns in die Hand zu kriegen. Nicht gegenüber dem Herrn im Kreml und auch nicht wirklich gegen den Präsidenten im Weißen Haus. Und in der Innenpolitik auch nicht so recht.

Es ist nicht alleine das. Wir haben gerade den heißesten Sommer der Geschichte hinter uns. Wie nie zuvor bekamen wir die Klimakrise zu spüren. Da soll man "zukunftsfroh" sein? Auf welche Zukunft soll man sich da freuen, zumal man ohne Rezepte dasteht und eher das Gefühl hat, dass man aufgegeben hat, sich dagegen zu stemmen? Gar nicht zu reden davon, dass es kaum Konzepte gibt, die praktikabel und wirksam gleichzeitig sind. 

Und am vergangenen Sonntag hat die rechtsradikale AfD, deren Vorbild in vielen Belangen unsere FPÖ ist, in Sachsen-Anhalt einen Sieg errungen, der nicht nur Deutschland erschüttert. Demnächst wählt Frankreich. Dort soll Marine Le Pen ans Ruder kommen. "Wenn das Wirklichkeit wird, könnte das zu Bruch und Ende des gemeinsamen Europas führen", befürchten nicht wenige. 

Und wir haben noch unseren Volkskanzler, der wohl kaum mehr zu verhindern ist. Auch nicht vom derzeitigen Kanzler. Und auch nicht, wenn er und wir noch so "zukunftsfroh" sind. 

Da klingt "zukunftsfroh" nach allerletztem Aufgebot. Noch dazu nach so vielen VP-Regierungsjahren. Da braucht es Anderes, Konkretes, Greifbares. Davon freilich ist kaum etwas in Sicht.

Meine Meinung- Raiffeisenzeitung, 10. September 2026

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