Das Wifo lässt mit einer Idee zur Umsetzung des Verursacherprinzips bei Emissionen in der Landwirtschaft aufhorchen. Lebensmittel würden dadurch teurer.
Hans Gmeiner
Wien. Biobauern, manch NGO und auch Umweltparteien bekritteln es schon lang. Sie klagen, dass die wahren Kosten, die die Landwirtschaft durch Belastungen der Umwelt verursacht, nicht in den Preisen berücksichtigt sind, sondern dass die Allgemeinheit für die Beseitigung von allfälligen Schäden und Folgen aufkommen muss. Nun macht auch das österreichische Institut für Wirtschaftsforschung (Wifo) die Kostenwahrheit in Landwirtschaft und Ernährung in der Europäischen Union zum Thema. Die Wissenschafter schlagen vor, Stickstoffdünger, Pflanzenschutzmittel und auch Methan in das europäische System für den Handel mit Treibhausgas-Emissionszertifikaten einzubeziehen. Die Folgen hätten dabei nicht nur die Bauern in Form höherer Preise für die Betriebsmittel zu tragen, auch für die Konsumenten würden sich die Lebensmittel markant verteuern.
Aktuelles Förderregime dämmt Klimafolgen zu wenig ein
Die Wissenschafter lassen sich davon nicht beirren. Dem Wifo geht es um eine Politik, die den Landwirt als Unternehmer stärkt und nicht als Antragsteller für Förderungen. Das System, das man vorschlägt, sei weitaus effizienter und kostengünstiger als das derzeitige System mit regulativen Eingriffen und Umweltprogrammen, lautet das Argument. Das Expertenteam des Wifo zielt auf eine fundamentale Änderung in der Herangehensweise der EU-Agrar- und Umweltpolitik ab. „Das bisherige System greift zu kurz, da die Belastungen von Klima, Umwelt und natürlichen Lebensräumen nur unzureichend eingedämmt werden“, meint Franz Sinabell, einer der Autoren der Studie. Administrative Hürden und Bürokratie ließen derzeit viele Anstrengungen verpuffen und verzerrten zudem den Wettbewerb zwischen den Ländern.
Als einziger großer Emittent ist die Landwirtschaft bisher nicht in dieses Zertifikatsystem einbezogen. Man erwartet, dass durch die Einbeziehung die Treibhausgase und die Grundwasserbelastung gesenkt werden. Nach Schätzung des Wifo ist die Landwirtschaft derzeit weltweit für rund 20 Prozent der Treibhausgasemissionen verantwortlich. Im Durchschnitt würden derzeit pro Hektar Ackerland 50 Kilogramm mehr Stickstoff ausgebracht, als von den Pflanzen aufgenommen werden. Zudem trügen Pestizide erheblich zum Artensterben bei. Um zu verhindern, dass umweltschädliche Produktionsmethoden anderswo auf der Welt zunehmen, schlägt das Wifo in der Studie die Einführung eines Grenzausgleichsmechanismus vor.
Emissionshandel sollte Agrarindustrie umfassen
Und so soll das System funktionieren: Die europäischen Dünger-und auch Pflanzenschutzmittelerzeuger und Importeure sollen auf Basis von Emissionszielen Zertifikate erhalten, die sie untereinander, wie jetzt auch schon Industriebetriebe, handeln können, wenn sie ihre Emissionen senken. Die Bauern sind davon ausgeschlossen. Sie bekommen die Auswirkungen nur über die höheren Preise zu spüren, über die sie angehalten werden sollen, die Umweltbelastungen zu verringern. „Entweder sie nehmen den höheren Preis in Kauf oder sie verwenden weniger Dünger und Pflanzenschutzmittel“, sagt Sinabell und verweist darauf, dass das schon jetzt beim Treibstoff so sei.
Im neuen System einbezogen sind aber nicht nur die Ackerbauern, sondern auch die Tierhalter. Der Methan- und Ammoniakausstoß macht einen Großteil der Belastung durch Treibhausgase aus der Landwirtschaft aus. In diesem Bereich sieht das Wifo die Vergabe von Länderkontingenten vor, die die Wirtschaftsweise und die aktuellen Emissionen berücksichtigt. Österreich würde dabei wegen der umweltfreundlichen Tierproduktion vergleichsweise gut abschneiden. In diesem Bereich haben die Bauern mehr Spielraum. „Wenn einer seinen Betrieb aufstocken will, braucht er Zertifikate“, sagt Sinabell: „Wenn zum Beispiel jemand, der 20 Kühe hält, aufhört, kann er um 20 Kühe Zertifikate verkaufen, die der andere kaufen kann.“
Das Wifo versteht seinen Vorschlag als Diskussionsbasis für die Zukunft, der allenfalls bei der übernächsten EU-Agrarreform durchschlagen wird. Zu den Knackpunkten gehören der Außenschutz, die Bürokratie, eine zumindest vorübergehende Abfederung für Konsumenten und ein Thema, das schon jetzt die Bauern aufregt – wie wird gesichert, dass die höheren Kosten nicht an ihnen hängen bleiben? Man ist sich bewusst, dass es sowohl für die Bauern als auch die Konsumenten Übergangs- und Ausgleichsmaßnahmen geben muss. „Da muss man sich sicher vorübergehend etwas überlegen“, sagt Sinabell. „Aber die Landwirtschaft ist am stärksten vom Klimawandel betroffen, daher muss sie auch etwas machen, um ihn zu reduzieren.“
Salzburger Nachrichten - Wirtschaft, 21. April 2026

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