Donnerstag, 15. Oktober 2026

Österreich bleibt Österreich

Bei Österreichs Winter-und Sommersportlern zittert die ganze Nation mit, wenn sie irgendwo in der Welt um Medaillen kämpfen. Dass Österreichs Lehrlinge bei internationalen Wettbewerben ebenfalls reihenweise Medaillen abräumen, wie kürzlich bei den Berufsweltmeisterschaften in Shanghai, wird hingegen kaum zur Kenntnis genommen. Gewerbe halt. Solide Arbeit. Und die wird einfach erwartet. Vom Installateur genauso wie vom Maurer, von der Floristin, vom Fleischer, vom Bäcker, vom Dachdecker, vom Tischler oder vom Mechaniker. 

Dabei ist das gar nicht so selbstverständlich, wie wir es so gerne annehmen. Wie bei so vielen Dingen, die wir täglich in Anspruch nehmen. Ohne allzu große Wertschätzung meist und ohne viel daran zu denken, wie sehr wir drauf angewiesen sind, weil man ihr Fehlen erst merkt, wenn der Bäcker, der Fleischer, der Elektriker oder die Werkstatt zusperren. "Handwerk und Gewerbe - die unterschätzte Wirtschaftsmacht", hieß es jüngst in einer deutschen Zeitung. "Viele Menschen denken über das Handwerk erst nach, wenn sie es brauchen." 

Dann aber ist es immer zu spät. Denn Gewerbe hat, ganz anders als das geflügelte Wort sagt, keinen goldenen Boden. Im Gegenteil. Das Geschäft wird immer härter und enger. Die Betriebe tun sich schwer. Trotz aller Bedeutung für die Aufrechterhaltung des Betriebs unseres Landes. Mit einem jährlichen Umsatz von rund 148 Mrd. Euro und knapp 800.000 Beschäftigten sind die Handwerks-und Gewerbebetriebe in der Wirtschaft eine Macht. Der Anteil von rund 23 Prozent am Bruttoinlandsprodukt liegt nur wenige Prozent hinter dem der Industrie, die es auf 27 bis 30 Prozent bringt. 

Vor zehn Jahren schrieb Franz Schellhorn, Chef der Agenda Austria, den Satz: "Wer es hierzulande schafft, als Unternehmer zu überleben, hat keinen Ort der Welt mehr zu fürchten." Daran hat sich seither nicht wirklich viel geändert. Die Gewerbeordnung ist immer noch ein schwerer Klumpfuß, den die Betriebe mit sich herumzuschleppen haben. Und es gilt immer noch, wie Schellhorn damals schrieb: "Ist einmal die Geschäftsidee gefunden, müssen erst, so sieht es die Gewerbeordnung vor, die künftigen Konkurrenten davon überzeugt werden, dass man sein Handwerk auch wirklich beherrscht." 

Die Fortschritte, die man seither machte, sind überschaubar. Es geht immer noch um Dinge wie Verfahrenskonzentration, um die Erleichterung von Betriebsübernahmen und vor allem um den Abbau von Bürokratie. 

Letztere ist nach wie vor die größte und ärgerlichste Herausforderung. Die Zahlen lassen die Zornesader jedes Gewerbetreibenden und Handwerkers anschwellen. Seit 1970 ist die Zahl der Paragrafen von 8.400 auf 56.000 angewachsen. Betriebe verlieren im Schnitt 13 Wochenstunden durch das Ausfüllen von Listen, Formularen und Nachweisen. Daten müssen immer noch oft mehrfach an unterschiedliche Behörden gemeldet werden. 

Und betriebliche Genehmigungen dauern immer noch 222 Tage -im Schnitt, also oft durchaus auch noch länger. Und da ist noch gar nicht die Rede von solchen bürokratischen Quälereien wie der Lieferkettenrichtlinie, der Entwaldungsverordnung, der Wesentlichkeitsanalyse, der Taxonomieverordnung oder der Lohntransparenzrichtlinie, die den Verärgerungspegel derzeit besonders hochhalten. 

Insgesamt kosten die administrativen Tätigkeiten nach verschiedenen Berechnungen jährlich insgesamt 4,3 Mrd. Euro und rund 70 Millionen Arbeitsstunden, die fast sieben Prozent der Personalkapazitäten binden. Daran, dass es so ist, sind bei Weitem nicht alleine die oft so viel gescholtenen Behörden schuld. Auch die eigenen Organisationen, die Wirtschaftskammer in all ihren Formen auf Bundes-oder Länderebene, tragen das Ihre dazu bei, dass den Unternehmern in ihrem Ärger über die Bürokratie oft die Grausbirnen aufsteigen. 

Es gibt offenbar kein Entrinnen. Da bleibt als einziger Trost oft nur, dass es in anderen Sparten auch nicht anders ist: Weil es eine Hotel-Mitarbeiterin, die an sich top ist in Sachen EDV, nicht schaffte, ein Formular für Abgaben auszufüllen, musste man einen Steuerberater beiziehen. Dort waren dann drei Mitarbeiter mehr als vier Stunden mit der Thematik beschäftigt. Verrechnet wurde eine Summe, die 7,5 Prozent der Abgabenschuld ausmachte. 

Und solange das so ist, bleibt wohl auch Österreich so, wie es ist -Bürokratie-Weltmeister. Da nutzen all die Medaillen bei Berufsweltmeisterschaften nichts.

Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 15. Oktober 2026

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