
Ein neues Jahr hat begonnen. Man macht auf gute Miene, aber man würde gerne optimistischer sein. Das freilich ist schwierig. Denn dieser Optimismus ist kaum wo festzumachen. Nicht in der Politik, nicht in der Gesellschaft. Eigentlich nirgendwo. Überall Angst und Sorge. Jetzt gerade rund um Venezuela, seit Jahren um die Ukraine, um die EU natürlich auch und um Österreich sowieso. Von einem „entscheidenden Jahr für unser Land“ ist oft die Rede und von der „letzten Chance, die Stimmung noch umzukehren“.
Leute vom Geiste eines Kickl oder einer Weidel hätten kaum je diese Bedeutung erlangt, hätte es nicht auf der anderen Seite so viel Versagen gegeben.“Aber da ist nirgendwo etwas zu spüren von Aufbruch, von Zuversicht, und auch die Hoffnung scheint nur zu leben, weil man da oft dazusagt, sie sterbe zuletzt. Man versucht für sich die Dinge einzuordnen, man ringt damit zu erkennen, dass die Zeiten neue werden, man hadert damit, dass mit einem Mal so viel vorstellbar ist, was noch vor wenigen Jahren völlig unvorstellbar war.
Man ertappt sich dabei, dass man auf einmal in Gesprächen darüber redet, wie das damals war, als Deutschland kippte und als der Nationalsozialismus salonfähig wurde. Man redet über mögliche und über augenscheinliche Parallelen. Im Umgang miteinander etwa, insbesondere mit jüdischen Mitbürgern. Man staunt, wie in den USA Einwanderer gejagt werden, und man hat die Ukraine im Kopf. Und man schüttelt den Kopf über den politischen Ton, der allerorten um sich greift.
Man wundert sich, was auf einmal „normal“ ist, wie sich die Stimmung radikalisiert und zuspitzt – und wie viele das durchaus begrüßen. Hilflos wirkt alles, was man sagt, hilflos wirkt vor allem, was aus der Politik kommt. Zuweilen ist es, als würde alles zusammenklappen.
Die Gründe dafür sind wohl vielfältig. Die Erklärungen sind aber oft zu einfach und vermeiden, den Dingen auf den Grund zu gehen. Und sie sind nicht nur dort zu suchen, wo man sie gemeinhin sucht. Bei den Leuten vom Geiste eines Kickl oder einer Weidel und wie sie alle heißen, um in Österreich und Deutschland zu bleiben. Natürlich liegt dort viel Verantwortung. Aber sie hätten kaum je diese Bedeutung erlangt, hätte es nicht auf der anderen Seite so viel Versagen gegeben, wie es gegeben hat.
Es sind aber nicht die politischen Parteien alleine zur Verantwortung zu ziehen. Es ist über vieles zu reden. Dazu gehört auch die Rolle jener, die sich ganz im Geiste der Studentenbewegung der 1960er-Jahre stets als Kämpfer und Mahner gegen die Entwicklungen verstanden haben, die uns jetzt die Vergangenheit zurückzubringen drohen.
Diese Bewegung war fraglos ein Segen für die Gesellschaft und hat viel Gutes gebracht. Aber sie hat auch, was heute zu oft übersehen wird, viele Menschen überfordert. Man verabsäumte sie abzuholen, ließ stattdessen Wertschätzung vermissen, ohne ihnen Eigenständigkeit oder gar eine eigene Meinung zuzutrauen. Und macht sie jetzt empfänglich für politische Tendenzen, die uns Sorgen machen.
Es geht um die Verantwortung jener, die immer vorgeben, auf der richtigen Seite zu stehen, wortreich meist, aber stets ohne Rezepte. Die nur schwarz und weiß kennen und keine Töne dazwischen, die urteilen und verurteilen, die für gut und für schlecht erklären, was sie für gut und schlecht halten, und keine andere Meinung akzeptieren wollen, weil sie sich im Besitz der einzig richtigen fühlen.
Die Muster, die sie dabei an den Tag legen, unterscheiden sich in ihrer Totalität und meist auch in ihrer Tonalität kaum von denen, die man von der Seite kennt, gegen die zu kämpfen sie vorgeben. Da wie dort meint man sich mit erhobenem Zeigefinger im Besitz der Wahrheit. Jede andere Meinung rücken sie umgehend in ein politisches Eck, diesfalls umgehend ins rechte und überhaupt gleich ins Nazi-Eck. Lebensweisen werden verunglimpft, Haltungen lächerlich gemacht. Man ließ und lässt Leuten mit anderen Meinungen keine Luft.
Nun stehen sie vor den Scherben, ohne begriffen zu haben, dass sie sich ändern müssen. Vieles, was sie fordern, überfordert viele Leute. Sehr viel mehr, als man glauben mag. Und genau damit stärkt man genau die, gegen die man ankämpft. Wirksame Antworten freilich hat man keine. Aber das will man sich nicht eingestehen.
Um doch noch einen Schuss Optimismus zu bringen – noch kann man sich daran festhalten, dass es uns gut geht. Trotz allem gut wie lange nicht. Zu mehr reicht es nicht. Schon gar nicht, wenn das neue „Normal“ wirklich normal werden sollte.
Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 8. Janner 2026
