
Dass immer mehr Essiggurkerl aus Russland, aber auch aus Indien auf dem Jausentisch landen, stößt den heimischen Gemüsebauern sauer auf.
Hans Gmeiner
Hartkirchen. Sie mögen „Turşu“, „Solonyy ogurets“ oder auch „Khatta Kheerte Ka Achar“? Am liebsten in einer Wurstsemmel oder zur Jause? Kennen Sie nicht? Jede Wette, dass Sie sie kennen und mit hoher Wahrscheinlichkeit auch schon gegessen haben. So heißen Essiggurkerl in der Türkei, in Russland und in Indien.
Aus diesen Ländern kommt inzwischen ein guter Teil dieses Kleinods der österreichischen Esskultur. Auf vielen Gurkerlgläsern steht nichts davon. Und das stößt den verbliebenen heimischen Gurkerlbauern sauer auf. Wie in vielen anderen Bereichen der Landwirtschaft müssen sie hilflos zuschauen, wie den Konsumenten in Handelsregalen ohne viel Kennzeichnung Waren aus fernen Ländern untergejubelt werden, während sie ihre Anbaufläche Jahr für Jahr reduzieren oder gar aus der Produktion aussteigen müssen, die für sie oft über Jahrzehnte wichtiges Einkommensstandbein war.
„Ein Viertel enthält Gurken aus Indien“
Laut gemeinsamen Erhebungen der Organisation Wirtschaften am Land, der Landwirtschaftskammer Oberösterreich und von Efko, dem größten heimischen Sauergemüsehersteller, ist bei rund zwei Dritteln der Essiggurkenprodukte in den heimischen Regalen die Herkunft nicht erkennbar. Besonders intransparent ist die Situation bei den Eigenmarken des Handels. Dort fehlt bei 80 Prozent der Produkte die Herkunftsangabe vollständig. „Ein Viertel enthält Gurken aus Indien, nur fünf von 40 Gurkengläsern enthalten Gurkerl österreichischer Herkunft“, beklagt man.
Das Interesse des Handels, die Herkunft offenzulegen und zu kennzeichnen, ist denkbar gering. „Auf Nachfrage von uns wurden zwar Informationen übermittelt“, sagt Robert Pichler, Obmann von Wirtschaften am Land. „Zum Teil wurden aber Listen mit bis zu 15 möglichen Herkunftsländern, von Serbien über Bosnien-Herzegowina, Russland bis hin zu Indien, genannt.“ Nachvollziehbarkeit des Produktionsprozesses, Dokumentationen oder Rückverfolgbarkeit, alles Dinge, auf die bei der heimischen Produktion größter Wert gelegt werde, spielten dort offenbar keine Rolle, kritisiert Pichler.
Nur noch jedes zweite Gurkerl ist aus Österreich
Der Marktanteil heimischer Essiggurkenprodukte in den Supermärkten beträgt mittlerweile nur mehr 50 Prozent. Vor 30 Jahren waren es noch mehr als 80 Prozent. Heute kommen viele Gurkerl aus Polen, aber auch aus Nicht-EU-Ländern wie der Türkei oder Russland. Besonders stark wächst seit geraumer Zeit der Anteil von Essiggurkerln, die aus Indien über mehr als 6000 Kilometer nach Österreich geliefert werden. Dem Vernehmen nach hat eine große heimische Handelskette, die, wie alle anderen auch, gerne mit Nachhaltigkeit, kleinem ökologischem Fußabdruck und der Treue zur heimischen Landwirtschaft wirbt, seine Einkäufer sogar angewiesen, Gurkerl und Gurkerlprodukte nur mehr von dort einzukaufen.
In Oberösterreich werden seit 200 Jahren Gurkerl erzeugt
Da nimmt es nicht wunder, dass sich die Lage des Gurkerlanbaus in Österreich in den vergangenen Jahren zugespitzt hat. In Oberösterreich, wo seit mehr als 200 Jahren Gurkerl erzeugt werden, produzieren nur mehr zwölf Bauern die so beliebte Gemüsesorte. Sie sind nach Einschätzung der Branchenvertreter ein Beispiel dafür, wohin gedankenloses Einkaufen, Preisdruck vom Handel, übertriebene Vorschriften, aber auch Strategien, die die Herkunft verschleiern, führen können. Auch die Politik wird in die Pflicht genommen. Seit Jahren kritisieren die Gemüsebauern die hohen Lohnkosten und das unflexible Entlohnungssystem für Saisonarbeit – ohne jedes Echo und ohne jeden Erfolg. „Dadurch, aber auch wegen des bei uns besonders strengen Pflanzenschutzes, haben wir gegenüber anderen Ländern, auch in der EU, einen Wettbewerbsnachteil“, sagt Franz Waldenberger, Präsident der Landwirtschaftskammer Oberösterreich, und hofft, dass nicht nur die Gurkerl-, sondern die Gemüsebauern insgesamt auf mehr Verständnis für ihre Sorgen und Warnungen stoßen.„Es geht nicht nur um die Landwirtschaft“
Für die Bauern geht es um viel. „Aber es geht nicht nur um die Landwirtschaft“, sagt Efko-Chef Thomas Krahofer. „Es geht auch um die Zukunft der Lebensmittelproduktion, um Arbeitsplätze, um regionale Wertschöpfung, um die Erhaltung der Kulturlandschaft und natürlich auch um die Versorgungssicherheit.“ Was wäre zu tun? „Die Politik sollte die nötigen Rahmenbedingungen schaffen, der Handel sollte für Transparenz sorgen, damit die Herkunft sichtbar wird, und der Konsument sollte zu österreichischer Ware greifen.“
Salzburger Nachrichten - Wirtschaft, 29. Juli 2026
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