Freitag, 16. September 2011

Vorbereitung auf das Ende der Milchquote





HANS GMEINER Bad Mitterndorf (SN). So wie die Dinge liegen, wird der europäische Milchmarkt in gut dreieinhalb Jahren, im Frühjahr 2015, liberalisiert. Von der Politik verordnete Produktionsquoten und Lieferrechte, die den Markt derzeit bestimmen, werden dann verschwinden. Sowohl in den heimischen Molkereien als auch auf den Bauernhöfen laufen bereits die Vorbereitungen auf die Zeit nach dem Ende der Quoten an. Geht es für die Milchverarbeiter um die Sicherung des Rohstoffs, stehen für die Bauern Absatzsicherheit und Wettbewerbsfähigkeit im Mittelpunkt.

Milchverarbeiter wie die Berglandmilch oder die Kärntnermilch sind dabei, die Bauern enger an sich zu binden. Während sich in Kärnten die Bauern in Zukunft statt wie bisher ein Jahr künftig auf zwei Jahre verpflichten, die Molkerei nicht zu wechseln, setzt die Berglandmilch auf eine Verlängerung der jährlichen Kündigungsfrist.

Aktivitäten von bäuerlichen Liefergemeinschaften wie der Freien Milch Austria, die bereits rund 70 Mill. Kilogramm vermarktet, scheinen den Molkereien Sorgen zu machen. Risiko will man da keines eingehen. „Wir haben Verpflichtungen gegenüber Kunden und brauchen diese Sicherheit“, verteidigt Helmut Petschar, Sprecher der heimischen Milchwirtschaft und Chef der Kärntnermilch, die Verdoppelung der Bindungsfrist. Auch die Bauern würden davon profitieren. „Wir verpflichten uns ja ihnen gegenüber, dafür zu sorgen, dass sie in diesem Zeitraum die Milch auch vermarkten können.“

Auch auf den Höfen beginnt man schon jetzt, die Weichen zu stellen. Wer Milchproduzent bleiben will, baut die Produktion aus. „Die großen werden größer, die kleinen geben auf“, sagt Petschar. Die Offensive schlägt sich bereits in der Statistik nieder. Im Vorjahr wuchs die Milchproduktion um zwei Prozent, heuer sogar um vier Prozent. Damit liegt Österreich über dem EU-Schnitt (plus 2,5 Prozent) und zählt mit Irland und Frankreich zu den Ländern mit der größten Steigerung.

Der Bauernmilchpreis liegt derzeit knapp unter der magischen Grenze von 40 Cent. Dabei wird es heuer bleiben, meint Petschar. Die Konsumenten müssen sich freilich auf höhere Preise einstellen. Käse und Fruchtjoghurt sollen schon bald um sechs bis acht Prozent teurer werden.


Salzburger Nachrichten - Wirtschaft / 16.09.2011

Freitag, 9. September 2011

Bunkerstimmung auf den heimischen Bauernhöfen





HANS GMEINER Ried (SN). Zunächst wollte Bundespräsident Heinz Fischer der Einladung der Schweinebauern, deren Stand auf der Rieder Messe zu besuchen, nicht recht nachkommen. Dann stand er doch vor einem eigens aufgebauten Zuchtsauenstand in dem 14 aufgeweckte Ferkel an den Zitzen ihrer Muttersau nuckelten, und das Staatsoberhaupt ließ sich die Sicht der Bauern zum in der Öffentlichkeit seit Monaten so umstrittenen Thema Zuchtsauenhaltung erklären. Damit war er mittendrin in dem, was Landwirtschaftsminister Niki Berlakovich Donnerstag als „heißen Herbst“ ankündigte.

„Ich erwarte vom Bundespräsidenten Unterstützung für eine Branche, die in Not ist“, rief der Minister, ganz Volkstribun, Hunderten Schweinebauern in einer Diskussionsveranstaltung zu. Sie alle standen in eigens angefertigten T-Shirts vor ihm. „Ich will mein Schnitzel aus Österreich“ war darauf auf der Vorderseite zu lesen. Und auf dem Rücken stand in großen Lettern „BM Stöger will Ferkeltod“.

Ein Vorschlag von Gesundheitsminister Alois Stöger zur Änderung der Zuchtschweinehaltung, die von der Volksanwaltschaft verlangt wurde, bringt das Bauernblut in Wallung. Die Landwirte verstehen nicht, dass in Österreich die Standards strenger als in den übrigen EU-Ländern sein sollen und fürchten um die Wettbewerbsfähigkeit. „Es geht um alles“, sagt Walter Lederhilger, Chef der Schweinebauern. „30, wenn nicht 40 Prozent“ der Schweinezüchter verschwänden. Die Versorgung und damit das heimische Schnitzel seien gefährdet.

Die Haltung der Zuchtschweine ist derzeit nicht der einzige Aufreger unter den Bauern. Die Diskussion um Vermögensbesteuerung, Einheitswerte und EU-Agrarreform tun ein Übriges, um auf den Höfen Bunkerstimmung entstehen zu lassen. Viele Bauern fühlen sich zu wenig geschätzt.

Veranstaltungen wie die Messe in Ried kommen da wie gerufen, das Wir-Gefühl zu stärken, sich Mut zuzureden und gegenseitig recht zu geben. Die Politiker wissen das zu bedienen. „Die Tierschützer wollen überhaupt kein Fleisch, die wollen, dass wir Salatblätter essen“, sagt da der Landwirtschaftsminister. Ähnlich äußert sich Bauernbundpräsident Fritz Grillitsch: „Was ich derzeit auf der politischen Ebene erlebe, haben die Bauern nicht verdient.“

Damit mag Grillitsch recht haben, aber außerhalb des Bierzelts schaut die Welt anders aus. Während Berlakovich in Ried verkündete, Stöger sei bereit, die Verhandlungen mit den Bauern über die Zuchtsauenhaltung fortzusetzen, kam aus dem Gesundheitsministerium heftige Klage über die Sturheit der Bauernvertreter.

Was alles wie kommen wird, wird sich weisen. Zumindest im Bierzelt demonstrieren die heimischen Agrarpolitiker Stärke und Erfahrung. „In der Politik bin ich kein heuriger Hase“, sagte Berlakovich. Die nächsten Monate geben ihm eine Fülle von Gelegenheiten, das zu beweisen.


Salzburger Nachrichten Wirtschaft 09.09.2011

Dienstag, 6. September 2011

Bittersüßes Zuckergeschäft





Die Reform des EU-Zuckermarkts floppt. Zucker ist teuer wie nie, Arbeitsplätze sind weg, die Bauern haben nichts davon.

HANS GMEINER Salzburg (SN). Die Ernte der Zuckerrüben beginnt heuer früher als üblich. Seit Wochenbeginn fahren die Erntemaschinen der Bauern, am Donnerstag läuft die Produktion in der Zuckerfabrik in Tulln an. „Die Agrana hat keinen Zucker mehr“, heißt es unter den Rübenbauern. „Stimmt nicht“, kontert Johann Marihart, der Chef des heimischen Zuckerriesen. „Wir liefern ganz normal und wollen mit dem früheren Termin vor allem die Fabriken besser auslasten.“ Dass Zucker gesucht ist, mag er aber nicht verneinen.

Vor zehn Jahren, als Länder wie Brasilien begannen, sich über die Welthandelsorganisation WTO Zugang zum europäischen Markt zu verschaffen, rechnete damit niemand. Zucker gab es damals reichlich und billig. Die EU war mit ihrer Zuckermarktordnung, die die Grenzen dicht hielt und Bauern und Industrie sicheren Absatz und weit über dem Weltmarkt liegende Preise garantierte, eine uneinnehmbare Festung.

Eine Position, die nicht haltbar war. Brüssel musste einlenken und fuhr die Jahres-Zuckerproduktion zwischen 2006 und 2009 um rund 30 Prozent auf zwölf Millionen Tonnen Zucker zurück. Die Preise für die Bauern wurden um mehr als ein Drittel gesenkt, blieben aber garantiert und über dem damaligen Weltmarktniveau. Den ärmsten Ländern der Welt wurden zudem Lieferkontingente garantiert und damals deutlich über dem Weltmarkt liegende Preise zugestanden.

Vor allem in unproduktiven Regionen wie in Osteuropa wurden 80 von 180 Zuckerfabriken geschlossen, und der Rübenanbau wurde eingestellt. 25.000 Arbeitsplätze gingen verloren. Die EU wurde vom Nettoexporteur von Zucker zum Nettoimporteur.

„Das kann nicht falsch sein, dachte man sich damals bei der EU, weil es ja billigere Zuckerproduzenten als die Europäer gibt“, sagt Marihart, der auch Sprecher der Europäischen Zuckerindustrie ist. Eine grobe Fehleinschätzung. Marihart: „Die Situation hat sich inzwischen dramatisch geändert.“ Die immer stärker werdende brasilianische Währung, der Ausbau der Biospritprojekte in Brasilien und die allgemeine Rohstoff-Hausse hätten die Preise in die Höhe getrieben. „Dazu kamen die Beschränkung der Produktion in Europa und die daher fehlenden EU-Exporte“, sagt Marihart.

Ab 2008 explodierte der Zuckerpreis auf den Weltmärkten. Mit umgerechnet rund 500 Euro je Tonne liegt er heute mehr als doppelt so hoch wie noch in den Jahren davor.

Das stellte auch die Zuckermarkt-Liberalisierung der EU auf den Kopf. Auf dem Weltmarkt sind die Preise inzwischen höher als in der EU. Weil sogar die ärmsten Länder der Welt auf ihre Sonderkonditionen in Europa verzichten und ihre Ware lieber auf dem freien Markt verkaufen, hat man bei der Versorgung alle Hände voll zu tun. Seit zwei Jahren behilft sich die EU mit Sonderaktionen, um die Versorgung zu sichern. Vor diesem Hintergrund verlangen sowohl die Zuckerindustrie als auch die Rübenbauern von der EU-Kommission eine Umkehr. „Es geht um die Steigerung der Wertschöpfung in Europa“, betont Marihart.

Auch für die Rübenbauern erweist sich die Zuckermarktordnung, die sie eigentlich schützen soll, nun als Bremse. Weil ihre Preise langfristig vor dem Anbau im Frühjahr festgelegt werden, bekamen sie von der Preisexplosion bisher kaum etwas zu spüren.

Das Verhältnis der Bauern zur Agrana ist vor diesem Hintergrund gespannt. In den Verhandlungen im Frühjahr gestand der heimische Zuckerriese seinen Lieferanten erst nach großem Druck eine Erhöhung des Angebots zu. Jetzt pochen die Bauern auf eine Nachzahlung. „Die Rübenpreise gehören nicht allein der Agrana“, sagt Rübenbauern-Präsident Ernst Karpfinger. „Wenn die Preise dauerhaft hoch bleiben, müssen wir über eine Nachzahlung reden.“

Das könnte durchaus notwendig werden. Derzeit deutet nichts auf ein Absinken des Weltmarktpreises bei Zucker hin. Brasilien erwartet eine schlechte Ernte und muss sogar Biosprit aus den USA importieren, weil man selbst zu wenig Zuckerrohr für dessen Erzeugung hat.

Die Bauern trauen dem derzeitigen Preishoch dennoch nicht. Daher laufen sie Sturm gegen die 2015 beabsichtigte völlige Marktliberalisierung. Sicherheit und Berechenbarkeit sind ihnen lieber. „Eine Marktordnung schützt nicht nur Bauern, sondern auch Konsumenten vor Preissprüngen“, sagt Karpfinger.


Salzburger Nachrichten Wirtschaft / 06.09.2011

Freitag, 2. September 2011

Die Hoffnung stirbt zuletzt






Sommer ist's und die Bauern, respektive deren Vertreter, werden wieder einmal am Nasenring vorgeführt. Im vorigen Jahr war's ein "Schwarzbuch", das die Landwirtschaft in die Schlagzeilen brachte, heuer waren es - wie vor zwei Jahren - die angeblich so hohen Lebensmittelpreise und die "bösen" Schweinebauern, die partout nicht von den Käfigen lassen wollen. Zum Drüberstreuen wurde auch wieder die Vermögenssteuer in Spiel gebracht und holte die Arbeiterkammer die Verfassungsklage gegen die steuerliche Behandlung der Bauern aus der Mottenkiste.

Allerorten wurde reagiert, wie es von denen gewünscht war, die der Landwirtschaft ans Zeug flicken wollen. Der Bauernbundpräsident gab das bitzelnde Rumpelstilzchen, der Kammerpräsident versandte über seine Pressestelle getragene Worte der Empörung. Und der Minister sagte, was er am liebsten sagt: "Ich wehre mich dagegen, dafür bin ich nicht zu haben".

Die Landwirtschaft, vielen ohnehin als Festung und Hort der Abkassiererei und Klüngelei ein Dorn im Auge, aber verlor wieder ein Stück vom einst so untadeligen Ruf.

Freilich kann man sagen, da werde politisch motiviert gegen die Agrarier kampagnisiert. Und es ist auch Verständnis aufzubringen für die Klage, dass all das ungerecht sei.

Faktum freilich ist, dass die Landwirtschaft in der Kritik steht. Faktum freilich ist auch, dass die Landwirtschaft, vor allem die Bauernvertretung, das in den Griff bekommen muss. Aber Faktum ist auch, dass sie genau das nicht tut, ja sogar ziemlich erbärmlich dabei ausschaut. Nicht erst heuer, sondern schon seit Längerem.

Das aber hat damit zu tun, dass man immer noch in jener Vergangenheit festhängt, als man zeitweise so etwas wie das politische Liebkind der Nation war - tüchtige Landschaftspfleger, kreuzbrave Umwelterhalter und ehrliche Nahrungsmittelerzeuger, denen niemand etwas verwehren wollte.

Diese Zeiten aber sind augenscheinlich vorbei. Das heile Bild von der heimischen Landwirtschaft hat Kratzer. Längst schaut die Gesellschaft viel genauer hin, was die Bauern machen, zumal, was sie mit dem Geld machen, das man für sie bereitstellt.

Die Stimmung ist labil geworden.

Und da ist es fatal, wenn die Vertretung der Bauern es nicht schafft, Gehör zu finden, es verlernt hat, mit Signalen der Gesellschaft umzugehen, mit den politischen Kräften im Lande nicht kommunizieren kann und Probleme damit hat, die Konsumentinnen und Konsumenten zu gewinnen.

Dass sich die Agrarpolitik in dieser Situation dem Stillstand und der Sicherung der Vergangenheit verschrieben hat, in der neue Initiativen eher abgestellt und boykottiert als unterstützt werden, ist vor diesem Hintergrund nur kontraproduktiv zu nennen.

Die Landwirtschaft ist mit diesem Politikverständnis und mit dieser Politik dabei, das Heft aus der Hand zu geben. Politische Erfolge sind ohnehin schon spärlich geworden. Nachhaltiges, Zukunftweisendes, Substanzielles, das den Bauern Perspektiven geben könnte, ist wenig in Sicht. Initiativen wie Berlakovichs Unternehmen Landwirtschaft 2020, die dafür Basis sein könnten, scheinen zu verschlampen. Von den sieben Arbeitsfeldern, die im Frühjahr 2010 großspurig angekündigt wurden, lieferten erst zwei Zwischenergebnisse. Bei allen anderen enden die Internet-Berichte im September oder Oktober des Vorjahres.

Ein schlechtes Zeichen für die bevorstehenden Verhandlungen zur Agrarreform, bei der es um die Zukunft geht? Hoffentlich nicht, kann man den Bauern da nur wünschen.


Gmeiner-meint Blick ins Land 2. 9. 2011

Dienstag, 16. August 2011

Nur Wärter im Agrarmuseum?





Der Strukturwandel in der heimischen Landwirtschaft wird zu einem Thema für die Selbstversorgung Österreichs mit Nahrungsmitteln. Längst geben nicht nur Kleinbetriebe in schlechten Lagen auf. Am stärksten ist der Rückgang der Zahl der Bauern in den guten Produktionsgebieten und mit an sich guten Produktionsvoraussetzungen, wo sie zumeist auch entsprechende Mengen produzierten.
Das fehlt in der Versorgungsbilanz und muss importiert werden. Denn die verbleibenden Betriebe können und wollen das angesichts der gedrückten Preise und ständig neuen Auflagen kaum mehr ausgleichen. In hoch spezialisierten und kapitalintensiven Sparten wie der Produktion von Schweinefleisch oder Eiern ist das bereits der Fall. Bei Milch ist es noch unvorstellbar, der Trend zeigt aber ebenfalls in diese Richtung.

Die öffentliche Diskussion nimmt diese Entwicklung noch nicht – oder in viel zu geringem Ausmaß – zur Kenntnis. Strukturpolitik wird hierzulande seit Jahrzehnten allein als Erhaltung möglichst vieler Höfe verstanden. Produktionskraft, Wettbewerbsfähigkeit und leistungsfähige Produktionseinheiten spielen dabei keine Rolle.

Ein fataler Weg. Die Folgen werden nun erkennbar. Österreichs Landwirtschaft ist für die künftigen Aufgaben, zu denen ganz zentral die Selbstversorgung mit Nahrungsmitteln zählt, schlecht aufgestellt.

Das sollte für alle ein Alarmzeichen sein, die sich so gern einem romantischen Bild von der Landwirtschaft hingeben und die Bauern am liebsten als Wärter im Agrarmuseum Österreich sehen wollen.

Salzburger Nachrichten Kommentar 16. August 2011

Bauernsterben drückt Produktion





Das Bauernsterben ist nicht nur in Randlagen ein Thema. Am stärksten grassiert es in den guten Agrargebieten.


HANS GMEINER Salzburg SN. Die Zahl der Schweinebauern hat sich in den vergangenen zehn Jahren von 80.000 auf 40.000 halbiert. Nun fürchtet man, dass wegen neuer Vorschriften bei der Zuchtsauenhaltung weitere Tausende Bauern aufhören. Bei den Milchbauern ist der Rückgang um nichts schwächer. Und im Ackerbau auch nicht. In den getreidestarken Agrargebieten im Osten Österreichs hat seit dem EU-Beitritt 1995 jeder zweite Bauer aufgehört – wesentlich mehr als in Bergregionen.
Der Strukturwandel hinterlässt seit Jahren tiefe Spuren in der österreichischen Landwirtschaft. Die Arbeit auf den Bauernhöfen, das niedrige Preisniveau und der verschärfte Wettbewerb boten zu wenig Perspektiven. Jeder vierte Bauer sperrte im letzten Jahrzehnt Hof- und Stalltür für immer zu.

Das Bild des Strukturwandels in der Landwirtschaft ist differenziert. Bemerkenswert ist, dass in den östlichen Kernregionen der österreichischen Landwirtschaft mit ihren vergleichsweise großen Betrieben der Wandel deutlich stärker war als im Westen, wo die Produktionsbedingungen schwieriger sind. Das spiegelt sich auch im Vergleich der Produktionssparten wider. Bei den sogenannten Marktfruchtbetrieben waren die Veränderungen in den vergangenen 20 Jahren deutlich stärker als in der tierischen Produktion.

Weil der Strukturwandel längst die Kernbereiche der Bauernschaft erreicht hat, geht in zentralen Sparten wie der Schweineproduktion oder der Eiererzeugung die Gesamtproduktion und damit der Selbstversorgungsgrad zurück. Aber nicht nur das. Vor allem in den Berggebieten der westlichen Bundesländern wird das Verschwinden von Agrarflächen zu einem immer wichtigeren Thema. „Wird dort ein Betrieb aufgegeben, wird oft auch die Fläche sich selbst überlassen“, sagt Rupert Huber von der Landwirtschaftskammer Österreich.

Der Trend wird sich weiter fortsetzen, glauben Experten wie Leopold Kirner von der Bundesanstalt für Agrarwirtschaft. „Der Strukturwandel ist ein linearer Prozess“, sagt er im SN-Gespräch. Und er ist vielschichtig. „Es sind nicht unmittelbar agrarpolitische Einflüsse.“ Manchmal seien die Rahmenbedingungen auch nur vorgeschoben. „Wenn die Agrarpolitik so schlecht wäre, müssten alle aufhören.“

Von heute auf morgen sperrt niemand einen Hof zu. „Der Entschluss zum Aufhören fällt meist dann, wenn ein Generationswechsel ansteht“, sagt Kirner, das sei „eine multifunktionale Angelegenheit“. Wichtigste Gründe: Arbeitsüberlastung, Alter, fehlende Hofnachfolge, mangelnde Investitionen und angespannte wirtschaftliche Situation. „Da entsteht eine Spirale nach unten.“ Erst recht, wenn es an der Betriebsgröße fehle. Kirner: „Die Größe erhöht die Wahrscheinlichkeit für die Hofnachfolge und die Weiterführung des Betriebs.“ Da freilich sind die Voraussetzungen auf heimischen Bauernhöfen nur selten gut. Die Durchschnittsgröße eines heimischen Agrarbetriebs liegt bei nicht einmal 20 Hektar. Damit rangiert Österreich im EU-Vergleich im letzten Drittel.

Salzburger Nachrichten 16. August 2011

Samstag, 13. August 2011

Wofür die heimischen Agrarpolitiker kämpfen





Für die Landwirtschaft wird es von der EU in Zukunft weniger Geld geben. Auch wenn von Landwirtschaftsminister Berlakovich und Bauernkammer-Präsident Wlodkowski abwärts alle laut deklamieren: "Nicht mit uns" und "Das geht nicht!" Und auch wenn alle hoch und heilig und bei jeder Gelegenheit versprechen, "mit ganzer Kraft", wie gerne betont wird, gegen die Kürzung zu kämpfen.

Aber nicht alleine das: "Kämpfen" will man auch dagegen, dass durch die Agrarreform die Agrarpolitik verändert wird. Allenfalls eine "Weiterentwicklung" kann man sich vorstellen.

Das klingt schön und lobenswert. Aber ist es das auch tatsächlich? Denn, was heißt für das Bisherige zu kämpfen anderes, als dass man die derzeitige Situation für die nächsten Jahren fortschreiben will? Diese Situation, man erinnere sich nur, vor der vor der letzten Agrarreform so eindringlich gewarnt wurde und angesichts derer damals genauso versprochen wurde zu kämpfen. Diese Situation, die von vielen Bauern als unbefriedigend, von manchen gar als demütigend und zuweilen aussichtslos, jedenfalls aber als stark verunsichernd empfunden wird.

Da sollte die Frage schon legitim sein, wofür man sich einsetzt. Denn was heißt das für den Bauern? Weiterhin schlechte Einkommen? Weiterhin keine Hoffnung auf Preise, von denen ein Bauer ohne Subventionen leben kann? Weiterhin abhängig sein von den öffentlichen Haushalten, wie im Spital ein Patient vom Tropf? Und damit weiterhin politischer Spielball und angewiesen sein auf guten, wohl besser, gnädigen politischen Wind? Müssen sich die Bauern deswegen auch in Zukunft immer wieder vor Krethi und Plethi für jeden Cent rechtfertigen, den sie wegen einer Agrarpolitik brauchen, die sie eigentlich gar nicht wollen? Ohne Kraft und Möglichkeiten, auf eigenen Beinen zu stehen? Ohne Perspektiven und mit wenigem, das Vertrauen und Sicherheit schaffen könnte? Und ohne viel, das Glauben an die Zukunft geben und die Verunsicherung darüber, wie es mit der Landwirtschaft weitergehen wird, nehmen könnte?

Die Diskussion um die Agrarreform läuft nicht befriedigend. Agrarpolitik scheint sich in der Sicherung von Geld und in der Erfindung immer neuer Rechtfertigungen dafür zu erschöpfen.

Auch wenn angesichts des schwierigen politischen Standes, den die Landwirtschaft in Europa und auch in Österreich hat, die Vorschläge und Forderungen der Agrarier verständlich und der bisherige Verlauf der Diskussion nachvollziehbar sein mag, seien andere Themen als Geld und die Sicherung von Bestehendem eingemahnt. Denn damit -siehe oben - wird, genau betrachtet, nur gesichert, dass für niemanden etwas besser wird. Nicht für den kleinen Bauern mit ein paar Hektar und wenigen Stück Vieh, nicht für die Bergbauern, nicht für den Biobauern und auch nicht für den österreichischen Durchschnittsbauern, der hierzulande mitunter als groß, im internationalen Vergleich aber als mickrig gilt.

Sie alle müssen sich weiter vor der Zukunft fürchten.

"Und?", könnte man fragen. "Dafür lohnt es sich zu kämpfen?"

Ja, lautet die Antwort. Leider, kann man allenfalls hinzufügen. Wegen der mutlosen und uninspirierten Agrarpolitik der vergangenen Jahre, wegen des schwindenden Verständnisses für die Landwirtschaft und weil große Themen wie international ungleiche Produktionsund Umweltstandards und Lebensbedingungen oder billige Transsportkosten nach wie vor international ungelöst sind, hat man zumindest kurzfristig keine realistische Alternative -was immer die Bauern davon halten.

Gmeiner-meint Blick ins Land August 12. August 2011

 
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