Donnerstag, 18. September 2025

Man hat ja nur dieses Leben

Oft mag man einfach nicht mehr. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht. Der erratische Trump, der eiskalte Putin, die Ukraine, die hilflose EU, jetzt auch noch die Drohnen über Polen und Rumänien und das Attentat auf den Trump-Gefolgsmann in den USA. Und zu all dem noch die ganze Israel-Hamas-Gaza-Geschichte. Es prasselt unvermindert über einen herein, jeden Tag, mittlerweile schon seit Jahren. Immer öfter ist inzwischen davon die Rede, dass wir in einer Vorkriegszeit leben. Erst dieser Tage verglich der deutsche Spiegel die heutige Zeit mit jener vor 1939. Manche Parallelen könnten einem Angst machen.

Man mag immer öfter den Fernseher gar nicht mehr einschalten, man mag nichts mehr lesen. Alles wird oft zu viel. Man ist überfordert und mag nicht mehr so viel so Kompliziertes und Komplexes, wie es einem abverlangt wird, verstehen und durchschauen müssen. Und man möchte ab und an die sorglose Leichtigkeit jener haben, denen schon immer egal war, was auf der Welt vorgeht.

Was früher gegolten hat, gilt längst nicht mehr. Alle Muster wurden auf den Kopf gestellt. Auf nichts scheint mehr Verlass zu sein, und wem man vertrauen könnte, weiß man auch nicht mehr so recht. Die Welt ist durcheinander. Schwer durcheinander und die Sorge ist groß, ob sie jemals wieder aus diesem Schlamassel herauskommen wird. Man fragt sich, wie ein Mensch wie Trump in den USA auf den Präsidentensessel kommen konnte, das zweite Mal sogar schon. Man fragt sich, wo die Demokraten sind in den Vereinigten Staaten, dass er gar so halt-und zügellos herrschen kann und ihn niemand zu bremsen vermag. Dort wo man immer so stolz war auf die Demokratie. Man hadert mit der Europäischen Union, die hilflos zwischen den Großmächten hin-und hergeschubst wird, zu nichts aus eigener Kraft fähig, sondern immer auf den Goodwill und das Verständnis anderer angewiesen ist und dabei in der Bedeutungslosigkeit unterzugehen und endgültig zum Spielball der Großmächte zu werden. Politisch und wirtschaftlich.

Immer mehr Menschen kommen nicht mehr zurecht damit. Frustriert und ohne Orientierung versinken viele in eine hilflose Wut. Ohne Zuversicht und ohne Vertrauen in die Zukunft, von der nicht zu sagen ist, wie sie sein könnte. Viele ziehen sich zurück. Untersuchungen zeigen immer wieder, dass immer mehr Menschen bewusst ihren Nachrichtenkonsum einschränken. In Deutschland sollen bereits ein Drittel der Menschen Nachrichten meiden. Ganz bewusst. Die meisten Menschen machen das aus reinem Selbstschutz -und sei's drum, um sich nur ein bisschen wohler zu fühlen. Man will sich die eigene Stimmung davon nicht mehr kaputtmachen lassen und fühlt sich von der Menge der Nachrichten über Kriege und Konflikte erschöpft.

Noch geht es uns gut. Den meisten jedenfalls. Und dennoch haben inzwischen immer mehr Sympathie für die Untergangspropheten der populistischen Parteien, die ohne jede Verantwortung alles daransetzen, die fehlende Zuversicht in Stimmen für sich umzuwandeln, obwohl sie nichts zu bieten haben. Sie sind, wir wissen es, erfolgreich dabei.

Die Aufgeregtheit ist eine große. Zuweilen die Aufregung auch. "Eine Krise passt nicht in unser Selbstverständnis", sagt der Philosoph Konrad Paul Liessmann. "Wir empfinden Unberechenbarkeit nicht mehr als normale Unwägbarkeit des Lebens, die es zu akzeptieren gilt". Er bringt das damit in Zusammenhang, dass wir gewohnt sind, die Welt gefügig zu machen. Wenn das nicht möglich ist, sind viele hilflos. "In einer Krise ist dieses Prinzip außer Kraft gesetzt, das Leben erscheint uns wieder unverfügbar", sagt Liessmann in einem Interview. "Alleine eine Situation, die als unverfügbar erlebt wird, kann den modernen Menschen in eine Krise stürzen."

Und in solchen Situationen befinden sich wohl immer mehr von uns. Man will leben, man hat doch nur dieses eine Leben. Und genau das machen die politischen und wirtschaftlichen Unwägbarkeiten schwer und immer schwerer. Und dennoch darf man den Mut und die Zuversicht nicht verlieren. Letztere vor allem. Auch wenn es schwerfällt. In der Geschichte hat es solche Konstellationen immer gegeben.

Das ist unsere Verantwortung. Nicht nur der Gesellschaft gegenüber, auch der Familie und der unmittelbaren Umgebung gegenüber. Denn dort hat man, was man sonst oft so schmerzlich vermisst -Einfluss und Gestaltungsmöglichkeit, die Dinge zum Guten zu lenken. Dort zumindest, wenn auch nur im Rahmen des Möglichen.

Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 18. September 2025

Donnerstag, 11. September 2025

Herkulische Anforderungen

Im "Sommergespräch" des ORF redet der Bundeskanzler eher beiläufig davon, dass er sich für das kommende Jahr eine Pensionsanpassung unter der Inflationsrate wünscht. Mehr brauchte er nicht. Umgehend brach der Sturm der Entrüstung übers Land. Die Senioren-und Pensionistenverbände wetterten lautstark und mächtig, "Pensionistinnen und Pensionisten dürfen nicht doppelt und dreifach belastet werden". Für den Führer der Opposition war eine Steilvorlage, was da der Kanzler in die innenpolitische Arena geworfen hat. Umgehend nutzte er es für seine Zwecke. "Damit werden genau jene bestraft, die Österreich aufgebaut haben", wusste er sofort den Nerv bei den Betroffenen zu treffen. "Schluss mit dem Verrat an unseren Pensionisten", machte er die Sache zu der seinen.

Und seither fragen sich immer mehr im Land, wie soll denn das jetzt wirklich in Zukunft gehen, in diesem Land mit den klammen Kassen, den großen Budgetlöchern und den trüben Aussichten, wenn nach jedem Vorschlag ein Sturm der Entrüstung losbricht? Die Frage ist, ob wir uns das noch leisten können. Auch wenn viel von der Aufregung, wie sich aktuell bei den Pensionisten zeigt, verständlich sein mag, wir werden wohl nicht umhinkommen, damit zurechtkommen zu müssen -mit weniger Geld aus den öffentlichen Töpfen oder zumindest damit, dass Teuerungsraten nicht automatisch abgegolten werden?

Wir haben in den vergangenen Jahren, und vor allem seit den Corona-Jahren, über unsere Verhältnisse gelebt. Koste es, was es wolle, hieß es. Und wir konnten nicht genug kriegen. Warnungen wollten wir nie hören. Und zu kurz kommen wollten wir schon gar nicht. Wann immer es ging, griffen wir mit zwei Händen zu. Wer das nicht getan hat, wurde zuweilen für dumm und ungeschickt erklärt.

Nun ist nicht mehr zu leugnen, dass uns auf den Kopf fällt, dass wir immer nur gefordert haben und uns nie mit weniger zufrieden geben wollten. Jetzt müssen wir die Suppe auslöffeln. Zurückzufinden ist für uns alle eine herkulische Aufgabe. Auch für die Politik. Neben all den Anforderungen, vor denen sie steht, um den Staat schlanker zu machen, um Geld frei zu machen.

Wir haben uns an so viel gewöhnt und empfinden so viel als selbstverständlich. In vielen Bereichen wurde uns Anspruchsdenken regelrecht anerzogen. Wenn man dir gibt, nimm -wenn man dir nimmt, schrei! Das Wort Selbstverantwortung haben viele längst aus ihrem Wortschatz gestrichen.

Es ist verständlich, dass sich viele schwer tun mit dem, was diskutiert wird. Nicht nur von den Pensionisten ist Verständnis gefordert. Auch im Sozialbereich wird man nicht um Kürzungen umhinkommen, im Gesundheitswesen nicht und auch nicht bei den Bauern und in vielen anderen Bereichen.

Es kommen unangenehme Fragen auf uns zu, die wir in den vergangenen Jahren nie aufkommen haben lassen. Viele davon werden auf die Gerechtigkeit abzielen. Schon jetzt ist in manchen Zeitungen davon zu lesen, dass die Idee, kleine Pensionen abermals stärker anzuheben, "schlichtweg ungerecht" sei. "Blanker Unfug" sei das, seien doch Pensionen keine Sozialleistungen, sondern das Ergebnis jahrelanger Einzahlungen. "Was kann nun jemand mit vierzig oder mehr Beitragsjahren dafür, dass der Staat seine Ausgaben nicht im Griff hat" und man "statt einer echten Pensionsreform nur zum Löcherstopfen" imstande ist, fragt man sich.

Es werden nicht die letzten Fragen dieser Art gewesen sein. Es werden noch mehr kommen. Sehr viel mehr, darf man annehmen. Und unangenehme auch. Von der sozialen Bedürftigkeit bis hin zur Berücksichtigung des Lebenswandels etwa. Denn was hat der eine davon, der schaut, dass er seine finanziellen Siebensachen zusammenhält und gesund zu leben versucht, während der andere alle fünf gerade sein lässt und sich auf den Staat und sein Füllhorn verlässt?

Was da auf uns zukommt, ist vielschichtig und schwierig. Und es wird darum gehen, dass vor allem jene, die wirklich Hilfe und Unterstützung brauchen, nicht mit allen über einen Kamm geschoren werden und büßen müssen dafür, dass die anderen nie genug bekommen haben.

Es werden nicht gleich schlechte Zeiten für uns anbrechen und keine Not. Aber wir müssen lernen, mit kleineren Zuwachsraten und mit weniger auszukommen. "Österreich muss kurzfristig auf ein wenig Wohlstand verzichten, um langfristig seinen Wohlstand behalten zu können", stand dieser Tage in einer Zeitung.

Das könnte eine ganz gute Leitlinie sein.

Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 11. September 2025

 

Freitag, 5. September 2025

Der ewige Kampf der Bauern mit der EU

Die Aufregung bei den Bauern über die Pläne zur EU-Agrarpolitik hat sich noch nicht gelegt. Nun droht mit dem Mercosur-Abkommen der nächste Schlag.

Hans Gmeiner 

Salzburg. Das Verhältnis von Österreichs Landwirtschaft zur Europäischen Union war immer wieder von starken Spannungen geprägt. Derzeit kommt es aus Sicht der Bauern besonders dick. Wenige Wochen nachdem die EU-Kommission ihre Pläne für das neue Budget und die künftige Agrarpolitik vorstellte, kommt mit der Nachricht, das Mercosur-Handelsabkommen abschließen zu wollen, die nächste Hiobsbotschaft für Österreichs Agrarier.

Die Ablehnung folgte prompt. Der Mercosur-Vertrag laufe den Bestrebungen zur Absicherung der bäuerlichen Familienlandwirtschaft völlig entgegen, machte der Präsident der Landwirtschaftskammer, Josef Moosbrugger, seinem Ärger Luft. Am Parlamentsbeschluss, gegen das Abkommen zu stimmen, dürfe nicht gerüttelt werden.

Klar abgelehnt werden auch die Pläne für die nächste Budgetperiode. Dass die EU-Kommission behauptet, ihre Pläne für die gemeinsame Agrarpolitik in der Zeit nach 2027 würden Landwirten ein faires Einkommen und für die Verbraucher sichere und erschwingliche Lebensmittel sowie den Schutz der Umwelt bringen, sehen die Bauern völlig anders. Sie zweifeln auch die Ankündigung von einfacheren Vorschriften und Garantien für die Ernährungssicherheit und „lebendige“ ländliche Gebiete an.

Bauernvertreter und auch der zuständige Minister fahren schwere Geschütze auf. Moosbrugger nennt die EU-Kommission den „Totengräber der Landwirtschaft“, Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig spricht davon, dass der Vorschlag das „österreichische Erfolgsmodell in der Landwirtschaft“ gefährde.

Verantwortlich für die Aufregung sind vor allem die geplante Kürzung der Mittel aus Brüssel und das Abgehen von der Zwei-Säulen-Struktur der Agrarpolitik, von der Österreich wie kaum ein anderes EU-Mitgliedsland profitierte, waren damit doch die Gelder für das Umweltprogramm, die Bergbauernförderung und viele andere Programme, die fast die Hälfte der Bauernförderungen ausmachen, abgesichert.

Die geplanten Änderungen haben es in der Tat in sich. Die bisher eigenständige Agrarpolitik wurde zusammen mit den Bereichen Regionalpolitik, Migration und Sicherheit in einen neuen Fonds gepackt. Für die Agrarpolitik sind dort für die Jahre 2028 bis 2034 insgesamt 302 Mrd. Euro für Direktzahlungen an die Landwirtschaft vorgesehen. Das sind rund 90 Milliarden Euro weniger als bisher. Die für Österreich so wichtige Förderung für die Umweltprogramme und die Bergbauern soll in dem Fonds aufgehen. Die Kommission will dafür künftig nur ein Minimum an Auflagen vorgeben. Alles, was darüber hinausgeht, sollen die Mitgliedsstaaten selbst bestimmen können. Deswegen schrillen nicht nur in Österreich die Alarmglocken, fürchtet man doch damit das Ende der gemeinsamen Agrarpolitik und eine Verzerrung des Wettbewerbs.

In Österreich rechnet man damit, dass für die Bauern in Zukunft rund 20 Prozent weniger an Geldern aus Brüssel zur Verfügung stehen könnten. Den Landwirten könnten damit bis zu 260 Mill. Euro fehlen, die wohl kaum aus dem ohnehin zum Zerreißen angespannten Budget ausgeglichen werden können.

Was sich für die Bauern konkret ändern soll, ist noch schwer abzusehen. Fix scheint vorerst nur, dass es eine Förderobergrenze von 100.000 Euro pro landwirtschaftlichem Betrieb und darunter eine deutliche Staffelung der Gelder nach Betriebsgröße geben soll. Vieles ist aber noch unklar und wenig konkret. Das letzte Wort ist noch lange nicht gesprochen. Es gibt aber auch zuversichtliche Stimmen. Sie gehen davon aus, dass die Kürzungen vor allem nicht bäuerliche Einrichtungen und Projekte treffen werden, die Bauern hingegen kaum.

Die Verhandlungen über die Kommissionsvorschläge, für die die Politik jetzt zwei Jahre Zeit hat, werden es wohl in sich haben. Nicht nur in Österreich, auch in anderen EU-Staaten und im EU-Parlament formiert sich Widerstand. Der Bauern- und Genossenschaftsverband Copa/Cogeca wirbt europaweit für die Unterzeichnung einer Petition gegen den Vorschlag. Da und dort gibt es warnende Stimmen vor neuen Bauernaufmärschen.

Die Aufregung ist nachvollziehbar. Die Situation der Bauern ist seit Jahren angespannt. Viele sehen für ihre Zukunft schwarz, fühlen sich überfordert. Auch in Österreich. Während es für die Rindfleisch- und Milcherzeuger seit geraumer Zeit einigermaßen passabel läuft, leiden die Schweinebauern und vor allem die Ackerbauern unter den niedrigen Preisen und hohen Kosten. Zudem kämpft man mit der Umstellung auf tierfreundliche Stallungen, mit Preisdruck, ständig neuen Auflagen, Billigimporten und mit mangelnder Wertschätzung. Nun kommen die Sorgen um die Folgen des Mercosur-Abkommens und der Zollpolitik der USA dazu. In der Branche hofft man auf Verständnis dafür, dass „Nachhaltigkeit und Eigenständigkeit in der Lebensmittelversorgung ein Auftrag für die Landwirtschaft sind“. Nachsatz: „Aber der muss auch abgegolten werden.“

Salzburger Nachrichten - Wirtschaft, 5. September 2025

Donnerstag, 4. September 2025

Von "Deckeln" - und von Pharisäern

Was wurde nicht alles angekündigt, was bei der Regierungsklausur in dieser Woche Thema sein sollte. Allerhand "Bremsen" und allerhand "Deckel", um die Teuerung in den Griff zu bekommen. Manche zeigten kaum Scheu Pläne zu ventilieren, um in Märkte und Eigentum einzugreifen. Es kam viel vor, das manchen verwunderte, es kam aber eins nicht vor: es war keine Rede von einer Bremse oder gar Deckelung bei den öffentlichen Gebühren, keine Rede davon, dass die öffentliche Hand bei sich selbst spart und damit zur Dämpfung der Inflation beiträgt. Dabei lieferte just die Stadt Wien dafür einen Tag vor Beginn der Klausur ein eindrückliches Beispiel mit der Ankündigung, die Preise für Öffi-Tickets und fürs Parken um bis zu 30 Prozent und zum Drüberstreuen auch die Tourismusabgabe kräftig anzuheben. Just das rote Wien. Dort, wo die regieren, die sonst am liebsten sofort eingreifen würden, wenn ihnen irgendwo etwas zu teuer ist.

Aber das passt zum arglosen Umgang der öffentlichen Hand mit der Teuerung. Auch der Strom wurde um mehr als dreißig Prozent teurer. Dabei lernte man doch seinerzeit, dass die Energieversorgung in der öffentlichen Hand bleiben müsse, um nicht schutzlos den doch oft ach so bösen Märkten ausgeliefert zu sein. Nun, man weiß inzwischen, dass der Hase anders läuft, dass die Gesellschaften, die zumeist im Eigentum der Länder und auch des Bundes stehen, das anders sehen und dass die Landeshauptleute gerne die Hände in Unschuld waschen. Dabei ist der Anteil der nach dem Wegfall der Strompreisbremse gestiegenen Strompreise an der Inflation ungefähr genauso hoch wie der, der der viel gescholtenen Hotellerie und Gastronomie zugeschrieben wird.

Anders als beim Strom mag es beim Einfluss der öffentlichen Gebühren auf die Teuerung insgesamt um deutlich weniger gehen. Allein, aber nicht nur der Symbolik wegen, wäre es angebracht gewesen, auch dieses Thema auf die Tagesordnung der Regierungsklausur zu nehmen.

Denn was die öffentlichen Stellen den Bürgerinnen und Bürgern gerade in den vergangenen Monaten abverlangt haben, war nicht nur in Wien und nicht nur wegen der aktuellen Ankündigungen nicht nichts. Alleine im Juli betrug der Preisanstieg der Gebühren, die von den Verwaltungseinrichtungen eingehoben wurden, nicht weniger als 74 Prozent, ermittelte die Statistik Austria.

Da verwundern Schlagzeilen wie "Staat heizt Teuerung zusätzlich an" nicht, die in den vergangenen Wochen immer öfter zu sehen waren. Die Gebühren für Reisepässe, Personalausweise und für den Führerschein wurden kräftig angehoben. Und wer dem entkommen ist, hat in diesen Wochen und Monaten mit hoher Wahrscheinlichkeit mit kräftigen Erhöhungen der Wasser-, Abwasseroder Müllgebühren zu kämpfen.

Vielen Kommunen mag man zugutehalten, dass sie rund um und nach Corona lange zuwarteten mit Erhöhungen. Dass aber nichts davon zu hören ist, dass man einsparen will, ist dennoch auffällig. Laut Agenda Austria legten die Einnahmen seit 2019 um 31,3 Prozent zu, um knapp sechs Prozent über der Inflationsrate in diesem Zeitraum. Die Ausgaben wuchsen gar um 38,6 Prozent und damit um 13 Prozent mehr als die Inflationsrate. Und tief blicken lässt auch ein Satz aus einer Analyse des Wirtschafts-Think-Tanks: "Seit 2008 sind fast 22.000 Vollzeitposten hinzugekommen, das ist ein Anstieg um fast ein Fünftel." Vor allem beim Wiener Rathaus, wo der Anstieg kein Ende zu nehmen scheint, spart man nicht mit Häme: "Haben sie denn heute mehr Aufgaben zu erfüllen als vor 15 Jahren?"

Am Potenzial kann es kaum liegen, dass man nichts zur Verringerung der Teuerung beitragen kann. Das alleine zeigt schon ein Vergleich der Müllgebühren, den die Stadt Wien anstellte. Warum kommt Salzburg mit einem Drittel der Gebühren für den Restmüll aus und Wien mit knapp der Hälfte dessen, was den Einwohnern St. Pöltens abgeknüpft wird. Und warum machen die Kanalgebühren in Bregenz für einen 2-Personen-Haushalt nur 157 Euro aus, in Wien 236 Euro, in Klagenfurt aber 418 Euro?

Und wenn von der öffentlichen Hand die Rede ist, sollte man auch von den Sozialpartnern reden. Gerade von jenem, bei dem gerne "Deckel" gefordert werden und bei dem man sich besonders laut Sorgen um Preise macht. Die Arbeiterkammer lukrierte im Vorjahr aus der Arbeiterkammer-Umlage mit insgesamt 653 Millionen um 7,4 Prozent oder 45 Mio. Euro mehr als im Jahr zuvor. Ach ja -und die Personalkosten legten um zehn Prozent zu.

Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 4. September 2025

Donnerstag, 28. August 2025

Freiheitliches Treiben

Die Rating-Agentur Moody 's hat Österreich heruntergestuft. Von "stabil" auf "negativ". Als Gründe wurden die anhaltende und erhebliche Schwächung der Finanzkraft Österreichs genannt. Es sei von einer steigenden Staatsverschuldung auszugehen, zudem könnten die alterungsbedingten Ausgaben und Zinskosten höher ausfallen als erwartet.

Das Echo im Land war bescheiden, die Meldungen in den Medien klein. Und von der Politik war gleich gar nichts zu hören. Man hatte anderes zu tun. Wie immer möchte man sagen. Die Anwendung der Scharia bei einem Vertrag regte auf, obwohl das in der Rechtswelt immer eine Möglichkeit war, die ganz normal war. Aufgeregtheit allerorten von den Freiheitlichen bis zur Kanzleramtsministerin. Reflexartig und ohne sich lange um Sachlichkeit zu kümmern. Man glaubte, was man immer glaubt -Empörung zu zeigen zieht.

Man hält das für Politik. Genauso wie man für Politik hält, wenn man eine Umfrage hinausposaunt, der zufolge angeblich 59 Prozent der Österreicher für ein "ausländerfreies Schwimmbad" sind, oder zum Skandal macht, wenn der Vizekanzler zum Abschied seines Vorgängers im Amt zu einem Buffet lädt, das angeblich 2.000 Euro gekostet hat. Oder wenn man versucht, mit dem Slogan "Unsere Kinder geben wir nicht" Panik zu schüren, dass österreichische Soldaten in der Ukraine zum Einsatz kommen könnten. Das passt zu einem Verständnis, dass 827 parlamentarische Anfragen zur Covid-Zeit oder tausende Fragen zu Geldflüssen an Ministerien als Politik gelten.

All solche Themen, auch, dass ÖVP-Klubobmann Wöginger nun doch vor den Richter muss, mögen wichtig sein, aber warum können sie so viel Platz einnehmen und warum wird ihnen so viel Platz gegeben in einer Zeit, wo das Land viel größere Probleme plagen? Warum können sie nicht geordnet, wie es vorgesehen ist, abgearbeitet werden, um frei zu sein für die wirklichen Themen, bei denen es ums Fortkommen geht, um die Zukunft? Bei der Teuerung, bei den Energiekosten, bei Wirtschaft und Industrie, im Gesundheitswesen, bei den Pensionen oder bei staatspolitischen Themen wie der Neutralität.

Ein "Kraut-und Rüben-Untersuchungsausschuss", wie die FPÖ einen wollte, um mit Pilnacek und Covid ein Dauerthema zu schaffen, hilft da nicht. Und auch kein Badeverbot für Ausländer, kein Kopftuchverbot und auch kein loses Gerede von einer Festung Europa. Das alles frisst nur unnötig politische Energie und Kapazitäten, blockiert und bindet politische Lösungskraft, die angesichts der Probleme, die das Land hat, dringend gefordert ist. Abbeißen kann man sich davon nichts, kaufen auch nicht und billiger wird schon gar nichts davon.

Österreichs Politik bewegt sich vornehmlich auf Nebengleisen. Dass das so ist, daran hat die Freiheitliche Partei einen großen Anteil. Sie hat sich darauf verlegt, Empörung zu erzeugen und zu kanalisieren, um davon zu leben. Und das, ohne irgendwelche Lösungen zu bieten, ohne Kompromissbereitschaft zu zeigen und ohne Willen zu irgendeiner Zusammenarbeit. Was mit Jörg Haider begann, hat Kickl in den vergangenen Jahren perfektioniert. Eines der Probleme Österreichs ist, dass sich die anderen Parteien davon anstecken und sich in einen ziel-wie erfolglosen Populismus verstricken haben lassen. Und man fragt sich, warum das geschehen konnte.

"Kinder, wir haben zu tun!", möchte man hie und da den Akteuren zurufen. Die Inflation plagt und die Energiekosten auch, Wirtschaft und Industrie klagen und das Gesundheitswesen zerbröselt, ganz abgesehen davon, dass wir in Europa zu den Hinterbänklern gehören. Wir, die einstige Insel der Seligen.

Schmerzlich vermisst man Macher in der Politik. Leute, die ihren Weg gehen und Leute, die sich nicht rausbringen und die sich nicht treiben lassen. Sie sind selten geworden in der Politik, für die sich kaum mehr wer hergeben will. Und gibt es einmal dennoch welche, die man für Macher hält und denen man zutraut, sich durchzusetzen, kommen sie schnell in Gefahr und straucheln wie etwa Sepp Schellhorn.

Es fehlt an einer klaren Politik im Land und auch an Machern, die ihren Weg gehen -freilich auch die nötige Unterstützung von der Öffentlichkeit und von den Medien. Die ist viel zu selten zu finden, lechzen doch alle viel zu sehr nach Sensationen.

Das ist Kultur geworden im Land. Leider. Über die wirklichen Probleme will man lieber nicht reden. Nirgends. Weil man Konflikte vermeiden will. Weil man zu feig ist. Aber auch, das muss auch gesagt sein, weil man keine wirklichen Ideen hat oder nicht das nötige Rückgrat.

Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 28. August 2025

Donnerstag, 14. August 2025

Trugbilder allerorten

Es ist Sommer. Es ist Urlaubszeit. Es ist Österreichs Zeit. Eigentlich. Aber das Glück hält sich in Grenzen. Das Wetter im Juli vergällte vielen die Freude über die Zeit, die vielen als die schönste im Jahr gilt. Den Urlaubern vor allem, aber auch denen, die davon leben. "Wechselhaft" fällt die Bilanz der ersten Halbzeit dieses Sommers auch für den Tourismus aus. Man hoffe nun auf einen Goldenen Herbst, heißt es und würde es großes Glück nennen, wenn man das Vorjahresergebnis halten könnte.

Das alles verwundert nicht nur wegen des Wetters nicht. Die Preise in der Hotellerie und Gastronomie sind in den vergangenen Jahren in die Höhe geschossen. Man kennt die Diskussion - die Kosten sind es, die davonlaufen. Für die Löhne, für die Lebensmittel, für die Energie.

Wiewohl - ist das immer die passende Erklärung? Wer aus Italien heimkommt, wird nicht müde die Geschichten von den Cappuccini und Espressi zu erzählen, die nur einen Bruchteil von dem kosten, was man hierzulande auf den Tisch legen muss dafür. Man schwärmt von den günstigen Mahlzeiten und den leistbaren Hotelzimmern. Und man wundert sich. Die sind doch auch bei der EU, warum geht dort, was bei uns nicht geht, fragt man sich, zunehmend mit mürrischem Unterton.

Es ist aber nicht alleine das. Auch hierzulande sind die Preisunterschiede oft extrem groß. So groß, dass den potenziellen Gästen oft die Lust vergeht. Zum einen, weil sie nicht nachvollziehen können, warum das so ist. Und zum anderen, weil sie sich nicht selten über den Tisch gezogen fühlen. Neulich machte im Freundeskreis das Foto einer Speisekarte aus dem Mühlviertel die Runde. "Wiener Schnitzel vom Schwein mit Pommes oder Reis und Kartoffeln - € 8,90" und viele ähnlich günstige Angebote waren da aufgeführt. Wirtshauspreise wie früher. "Sachen gibts" stand unter dem Bild und "Sehr gut war's".

Wie geht das und warum geht das? Es soll hier nicht um die gehen, die Tolles anbieten und großartige Arbeit leisten. Es soll vielmehr um die Trittbrettfahrer gehen, die, die es sich einfach machen und die wenig Skrupel haben, den Gästen einfach das Geld aus den Taschen zu ziehen. Von denen mag keiner reden, obwohl es immer noch viel zu viele davon gibt und die auch dem Ruf des Urlaubslandes Österreich schaden.

Der Groll und die Unzufriedenheit verwundern dann nicht, wenn man ein teures Schnitzel auf dem Teller liegen hat, dessen Panier in der Marinade des Salats schwimmt, der am selben Teller von einem mürrischen Kellner auf den Tisch geklatscht wurde - und für das man weit mehr als das Doppelte des Preises für das Schnitzel im Mühlviertel bezahlen soll.

Denn die Gastronomie -und auch die Hotellerie -haben nicht nur ein Problem mit den Kosten und den Preisen. Sie haben oft auch eines mit der Qualität und mit der Freundlichkeit, die entweder nicht vorhanden oder oft nur picksüß und gespielt ist. Was man hierzulande aufgetischt bekommt, entspricht viel zu oft immer noch nicht den heutigen Standards. Und schon gar nicht dem, was man verspricht. Nicht beim Essen. Und auch nicht bei den Zimmern. "Ostblockcharme" bescheinigte kürzlich der Chefredakteur eines Wochenmagazins einer Hotel-Unterkunft am Attersee und befand es, gnädiger als von ihm gewohnt, als "fast schon wieder cool um 220 Euro das Doppelzimmer". Es ist, jeder weiß es, wohl nur eines von ganz vielen Zimmer, die es in dieser Art, dieser Zumutung und dieser Anmaßung immer noch gibt in Österreich.

Gastronomie und Hotellerie sind freilich nicht die einzigen Bereiche, wo Österreich aufpassen muss, nicht Fehleinschätzungen und Selbstbetrug aufzusitzen. Der Bogen reicht von mauen Freizeitangeboten in den Urlaubsregionen bis zur schlechten Ausschilderung von Wander-und Radwegen.

Und dann ist da noch das Thema, das man oft schon gar nicht wahrhaben will. "Warum ist Österreich so schiach?" fragte kürzlich sogar die noble "Presse" ganz derb und traf damit einen Punkt, den viele in diesem Land gar nicht sehen wollen. Österreich hat fraglos wunderbare Landschaften und schöne Orte und Städte. Aber die Hässlichkeiten, die man diesen Landschaften und Orten antut, sind immer öfter kaum mehr zu übersehen. Da bleibt oft nur mehr wenig zu erkennen von den Bilderbuchbildern aus den Hochglanzmagazinen und Instagrampostings, wenn man vor Ort ist. Viele zu oft sind da nur geschundene Landschaften, Ortschaften und Städte, die ihr Herz und ihre Herzlichkeit längst verloren haben - und zum Trugbild geworden sind.

Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 14. August 2025

Mittwoch, 13. August 2025

Ungleicher Kampf um Platz im Gemüseregal

Strenge Auflagen beim Pflanzenschutz, hohe Lohnkosten und Ware aus Billiglohnländern machen Gemüse- und Obstbauern zu schaffen.

Hans Gmeiner

Fraham, Linz. Die Ackerbauern klagen schon lange über fehlende Pflanzenschutzmittel. Bei vielen Mitteln ist die Zulassung ausgelaufen, Neuzulassungen von Wirkstoffen gibt es praktisch kaum mehr. Der Anbau von Zuckerrüben und von Raps leidet besonders darunter. Die Anbauflächen haben sich halbiert, weil man mit den Schädlingen nicht mehr zurande kommt.

Den Gemüsebauern geht es mit dem Pflanzenschutz nicht anders. Es gibt mittlerweile keinen Bierrettich mehr in Österreich, und auch bei den Radieschen gibt es wegen der zerfressenen Blätter Probleme. Der Kartoffelbau steht unter Druck. Und wegen der hohen Lohnkosten in Österreich und Auflagen leidet der Anbau von Gurken und Gurkerln, Kraut und anderen handarbeitsintensiven Gemüsearten.

Diese Probleme brennen Bauern schon länger unter den Nägeln. Vor allem die jungen Bäuerinnen und Bauern hadern damit, fürchten sie doch um ihre Zukunftschancen. „Es fehlen uns zunehmend die Möglichkeiten, die Produktion aufrechtzuerhalten“, sagt Mathias Ecker, Gemüsebauer im Eferdinger Becken und oberster Bauernvertreter bei Efko, dem größten heimischen Sauergemüseerzeuger. „Das ist keine Jammerei, sondern mittlerweile bittere Realität“, viele Bauern seien verunsichert. Ins gleiche Horn stößt die Jungbauern-Vertreterin Viktoria Hutter aus Niederösterreich: „In Österreich werden immer mehr Pflanzenschutzmittel verboten, ohne dass praxistaugliche Alternativen bereitgestellt werden.“

Sie sind es leid, zusehen zu müssen, wie in anderen EU-Ländern die Gesetze weniger streng ausgelegt werden als in Österreich, gar nicht zu reden von den Produktions- und Sozialstandards in Ländern wie der Türkei oder in Indien, gegen deren Produkte sich heimische Ware in den Regalen behaupten muss. Typisch dafür ist die Geschichte des heimischen Essiggurkerls. Sind früher 80 bis 90 Prozent der Gurkerl aus Österreich gekommen, so sind es nach Angaben von Efko-Chef Thomas Krahofer heute gerade einmal 45 bis 50 Prozent. „Vor allem bei den Eigenmarken des Handels wird zunehmend auf Importware aus Indien und der Türkei zurückgegriffen.“ Aber der Gemüseverarbeiter hat auch mit den hierzulande höheren Lohnkosten zu kämpfen. „Wenn ein Erntehelfer 2000 Euro brutto bekommt, dann kostet das in Deutschland einen Betrieb 2400 Euro, bei uns aber 2700 Euro.“ Das führe dazu, dass die Produktion in manchen Bereichen stetig zurückgehe, beklagen Ecker und Hutter. So ging in den vergangenen 15 Jahren der Selbstversorgungsgrad bei Getreide von 92 auf 88 Prozent zurück. Bei Obst sank er von 52 auf 45 Prozent, und bei Gemüse von 61 auf 58 Prozent.

„Noch sind wir daran gewöhnt, dass die Regale unserer Lebensmittelgeschäfte gut gefüllt sind mit österreichischen Lebensmitteln“, sagt Robert Pichler von „Wirtschaften am Land“, einem Verein aus dem Umfeld des ÖVP-Bauernbunds. Gerade die vergangenen Jahre hätten gezeigt, dass sich die Österreicherinnen und Österreicher auf die Bauern verlassen können. Aber das könnte sich ändern. Noch sei die Versorgungssicherheit hoch, die Covid-Krise und der Ukraine-Krieg hätten aber bewusst gemacht, dass das nicht selbstverständlich sei.

Bei der Politik finden die Bauern offenbar wenig Gehör. Und das, obwohl im Landwirtschaftsministerium seit den 1990er-Jahren durchgehend ein vom ÖVP-Bauernbund gestellter Minister die Hebel in der Hand hatte und auch die Agrarressorts in den Bundesländern bis auf wenige Ausnahmen durchwegs in Händen der Bauern waren. Die Erklärungen dafür wirken eher dünn. Man verweist auf Brüssel und die EU sowie darauf, dass bei Themen wie Tierschutz das Gesundheitsministerium und für die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen der Wirtschaftsminister zuständig sind. Und dass andere EU-Länder mit den Vorschriften salopper umgehen, während man in Österreich der Bravste der Braven sein wolle.

Salzburger Nachrichten, 13. August - Seite 1/Wirtschaft
 
UA-12584698-1