Dienstag, 31. Dezember 2024

Alles Gute & Guten Rutsch!

 


Ich danke allen Leserinnen und Lesern und allen Followerinnen und Followern für ihr Interesse und wünsche das Allerbeste fürs neue Jahr - drunter geht es diesmal wohl nicht, nach allem was wir heuer erleben, erfahren und mitmachen mussten ;-)

Guten Rutsch!

Freitag, 27. Dezember 2024

Bio will sich nicht unterkriegen lassen

Die heimische Biolandwirtschaft, lange erfolgsverwöhnt, hat zu kämpfen. Nun hofft man, dass die Talsohle durchschritten ist.

Hans Gmeiner 

Salzburg. Die heimischen Biobauern, jahrelang erfolgsverwöhnt, haben ein schwieriges Jahr hinter sich. Nach Jahren des Wachstums und dem Höhenflug während der Coronapandemie kam der Markt ins Stottern. Die Absatzzahlen gingen zurück und die Preise auch. Der Abstand zwischen den Preisen für Bioprodukte und konventionell erzeugte Waren schrumpft, der Handel verkaufte Bioprodukte zuweilen billiger als konventionelle Ware. Die Einkommen der Biobauern gingen deutlich zurück. Knapp 1000 Bauern stiegen sogar aus dem Biolandbau aus. Zudem geriet Bio Austria wegen Importen in die Schlagzeilen und man musste zusehen, wie die EU von ihren Green-Deal-Plänen, in die man große Hoffnungen setzte, abrückte.

Nun aber glaubt man, die Talsohle erreicht zu haben. „Die Stimmung der Bauern, die vor einem Jahr noch einigermaßen getrübt war, ist wieder am Besserwerden“, sagen Barbara Riegler und Susanne Maier, Obfrau von Bio Austria die eine und Geschäftsführerin des mit 12.500 Mitgliedsbetrieben größten Biobauernverbandes im Land die andere. „Wir sind positiv überrascht, wie sich der Markt entwickelt“, sagen sie.

Die RollAMA, die in regelmäßigen Abständen den Biomarkt analysiert, wies im ersten Halbjahr zumindest wieder mengenmäßige Zuwächse im Absatz aus. Auch der Bioanteil im Handel ist nach einem deutlichen Rückgang 2022 und 2023 im Jahr 2024 wieder gestiegen. Für die zweite Hälfte 2024 liegen zwar noch keine Zahlen vor, bei Bio Austria erwartet man aber, dass sich der Trend wieder gefestigt hat.

Riegler und Maier sind überzeugt, dass die Biolandwirtschaft auf einem guten Weg ist. Das bestätige sich immer wieder, gleich ob man mit jungen Konsumenten oder jungen Bauern rede. „Ich stelle fest, dass der gesellschaftliche Druck hin zu Bio und Ökologisierung größer wird“, sagt Riegler. „Die Leute erwarten, dass Grund und Boden für alle geschützt werden“, das zeigten auch Umfragen. „Die Leute wünschen, dass da mehr gemacht wird.“

Österreichs Agrarpolitik rühmt sich gern, dass der Anteil der Biolandwirtschaft in kaum einem anderen Land so hoch ist wie hier. Mehr als 24.000 Bauern, gut 23 Prozent aller Betriebe, wirtschaften nach den Grundsätzen des Biolandbaus. Der Anteil der Flächen beträgt sogar 27 Prozent. Der Biomarkt in Österreich ist knapp 2,99 Mrd. Euro groß und wird vom Lebensmittelhandel dominiert, auf den 79 Prozent davon entfallen. 13 Prozent des Bio-Umsatzes entfallen auf Direktvermarktung und den Bio-Fachhandel und acht Prozent auf die öffentlichen Versorgungseinrichtungen, Kantinen und die Gastronomie.

Die wichtigsten Hebel, die Absatzmärkte für die Bauern zu vergrößern, aber auch von den Exportmärkten unabhängiger zu werden, sind für die Bio-Austria-Führung die öffentliche Beschaffung, öffentliche und private Kantinenbetreiber und die Gastronomie und Hotellerie. Der Markt verspricht einiges, werden doch zumindest während einer Arbeitswoche rund 2,5 Millionen Mahlzeiten außer Haus eingenommen.

Vor allem Bioprodukte in der öffentlichen Beschaffung unterzubringen, erweist sich freilich als „Bohren in harten Brettern“, wie Maier das formuliert. „Die Zielvorgabe von 25 Prozent, auf die sich die Politik verständigte, wird nicht kontrolliert“, beklagt Maier. Dennoch gibt sie sich zuversichtlich, dass der Anteil der öffentlichen Beschaffung, der Kantinen und der Gastronomie und Hotellerie stark zulegt. „Ich hoffe, dass in absehbarer Zeit der Marktanteil dieses Bereichs auf 20 Prozent wächst.“

Die Agrarpolitik hat zwar vor wenigen Wochen bei der Förderung der Biolandwirtschaft mit einem 20-Millionen-Euro-Paket beim Umweltprogramm, das vor zwei Jahren bei seiner Einführung für Unmut sorgte, nachgebessert, dennoch wollen die Biobauern die Politik nicht aus der Pflicht entlassen. „Markt und Absatzmöglichkeiten müssen gemeinsam wachsen“, fordern Riegler und Maier unisono. „Wenn die Politik sagt, sie will die Ökologisierung der Landwirtschaft vorantreiben, dann muss man schauen, wie dieses Ziel zumindest im Inland unterstützt werden kann.“

Im Zentrum davon sieht man bei Bio Austria die Agrarmarkt Austria (AMA). Es gebe zwar „gute Zusammenarbeit“, gefordert wird aber, dass die AMA im Biobereich „mehr tut und Bioprodukte eigens beworben werden“. Auf den Märkten brauche es einen „ernst gemeinten Anschub“. Bio-Austria-Obfrau Riegler hat dabei sehr konkrete Vorstellungen. „Wenn der Anteil der Biobetriebe bei knapp einem Viertel liegt, dann müsste eigentlich auch der Anteil der Werbung für Bio bei knapp einem Viertel liegen.“

Alles, was die Biobauern vom Export unabhängiger mache, sei hilfreich, sagt Riegler. Denn dort droht Ungemach. Nicht nur, dass in Ländern wie Deutschland die Bioproduktion wächst und damit die Konkurrenz härter wird. Die großen Handelsketten schreiben dort die Mitgliedschaft bei nationalen Bioverbänden vor. Schon jetzt sind rund 2300 Bauern aus Österreich in Deutschland Mitglied bei Naturland, mit dem Rewe und Aldi zusammenarbeiten, um weiterhin – vor allem Milch – liefern zu können. Für Bio-Austria-Mitglieder gibt es zwar Doppelmitgliedschaften, mitzureden hat man bei Naturland, das dabei ist in Österreich eigene Strukturen aufzubauen und um Mitglieder wirbt,  allerdings kaum etwas, was die Position nicht nur auf den Exportmärkten  empfindlich schwächen kann.

Salzburger Nachrichten - Wirtschaft, 27. Dezember 2024

Donnerstag, 19. Dezember 2024

Hoffen, dass man wieder hoffen kann - das zumindest

"Geschenkekauf bleibt krisenresilient", wurde dieser Tage von den Medien vermeldet. Na Gott sei Dank denkt man da, immerhin etwas ist stabil geblieben. Wiewohl -es ist nicht das Einzige. Bei vielem anderem freilich mag man nicht "Gott sei Dank" denken. Vor allem nicht an das, wogegen der Geschenkekauf resilient ist -die Krise. Sie hat das Land fest im Griff. Mehrere Jahre nun schon und mit bescheidenen Aussichten auf Verbesserung. Dass sie es ist, verwundert freilich nicht. Man tut ja nur wenig dagegen.

Und so bleibt vom ablaufenden Jahr eine eher bittere Bilanz zu ziehen. Auch wenn man dem Jahr gerne Positives abgewinnen würde. Aber, wie soll man es anders sagen -zum Besseren hat sich auch heuer kaum etwas gewendet. Es ist alles in allem das, was man wohl ein verlorenes Jahr nennen muss. Für das Land, für die Gesellschaft, für die Wirtschaft. Wenn man zynisch ist und der Partei anhängt, die die Nationalratswahlen gewonnen hat, könnte man sagen, nicht einmal die politische Wende ist gelungen, obwohl eigentlich alles aufbereitet war dafür. Es ist aber auch bisher nicht einmal gelungen, diese politische Wende abzuwehren. Und je mehr Zeit seit den Wahlen vergeht, desto größer werden die Zweifel dran.

In diese Stimmungslage passt, dass innerhalb der vergangenen Woche drei Visionäre verstorben sind. Drei, die Charisma hatten, das in diesem Land oft so vermisst wird. Deren Weitblick und deren Ansichten über Parteigrenzen und gesellschaftliche Schwellen hinweg geschätzt und gehört wurden und die sich nicht scheuten, sich auch in der Öffentlichkeit einzusetzen. Ihnen ging es darum, das Land und auch die Gesellschaft weiterzubringen, wie es in dem einen oder anderen der vielen Nachrufe hieß. Etwas, was man der heutigen Generation wohl kaum nachsagen wird. Leute wie Josef Taus, Hannes Androsch und Claus Raidl, die alle ihre Kanten und auch dunklen Ecken gehabt haben mögen, und zu denen man stehen kann, wie man will, sind es heute, die dem Land fehlen.

Stefan Pierer hätte auch das Zeug dazu gehabt. Vieles von dem, was er sagte, war richtig und notwendig in diesem Land, in dem so viele nichts oder nur Nichtssagendes sagen. Nun freilich ist die Pleite, die er mit seinem Motorradwerk hingelegt hat, für viele wohl nur eine weitere Bestätigung dafür, dass man keinem trauen darf, dass man sich auf keinen verlassen kann, und dass "die da oben" ohnehin nichts anderes im Sinn haben, als es sich zu richten.

Wenn solche Anker wie Pierer scheitern, tut das auch dem nationalen Ego weh. Es ist Gift für Zuversicht in die Zukunft, die alle im Land so dringend brauchen würden, in dem sich Orientierungslosigkeit breit gemacht hat. Die Schwierigkeiten bei den Koalitionsverhandlungen führen das tagtäglich vor. Da ist nichts davon, an einem Strang ziehen zu wollen, nichts davon, die Vergangenheit hinter sich und einen Neuanfang wagen zu wollen. Nein, man verheddert sich in alten Mustern wie eh und je. Man beschäftigt sich immer noch vorzüglich mit sich selbst und nicht mit großen Themen.

Man liefert sich, um nur ein Beispiel anzuführen, lieber ein peinliches, beschämendes und hartherziges Wettrennen darum, zu uns geflüchtete Syrer umgehend zurückzuschicken. Das freilich passt zu dem, was zum politischen Stil geworden ist -man glaubt, mit einfachen Lösungen davonzukommen. Dabei steckt das Land jetzt wirklich in einer veritablen Krise. "Kein weiter wie bisher", wie die Koalitionsverhandler das Ziel ihrer Verhandlungen mantra-artig vor sich hertragen, ist längst zu wenig. Da braucht es sehr viel mehr. Es braucht ein großes gemeinsames Ziel, eine Vision für die Gesellschaft und für das Land, eine Richtung, in die man mit vereinten Kräften gehen will. Das ist es, was seit Jahren fehlt. Es darf nicht mehr darum gehen, sich gegenseitig schlecht zu machen, klein-klein alles gegeneinander aufzurechnen und sich im Durchsetzen der eigenen Interessen zu verlieren. Es muss um das große Ganze gehen, darum, gemeinsam an der Zukunft zu arbeiten und etwas zu schaffen.

Das Land steht am Kipppunkt und die Gesellschaft auch. Dass auch in der Welt um uns so viel im Umbruch ist, macht die Herausforderung nicht kleiner. Rosig kann man die Aussichten nicht nennen. Aber was wir vom neuen Jahr erhoffen können sollen, soll zumindest die Erwartung sein, dass die Aussichten wieder rosig werden können. Das zumindest.

Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 19. Dezember 2024

Mittwoch, 18. Dezember 2024

Bauern naschen am Weihnachtsgeschäft mit

Gansl, Fisch und Geschenkboxen sind gefragt. Gepunktet wird auch mit Neuem, von Tofu bis Garnelen. Für Bäuerinnen und Bauern wird Direktvermarktung immer wichtiger.

Hans Gmeiner

Salzburg. Nicht nur im Handel herrscht in diesen Wochen vor Weihnachten Hochsaison. Auch für viele Bauernhöfe im Land ist das Weihnachtsgeschäft ein wichtiger Umsatzbringer. „Zu Weihnachten spielen natürlich Gansl und Fisch direkt vom Bauern eine große Rolle“, sagt Martina Ortner, die in der Landwirtschaftskammer Österreich für die bäuerlichen Direktvermarkter zuständig ist. „In den Bauernläden und auf den Märkten sieht man zudem aber immer öfter auch sehr schöne Geschenke, die von der Kundschaft auch immer mehr geschätzt werden.“ Die oft hochwertigen und sehr aufwendig gestalteten Geschenkboxen und -kisterl sind im Weihnachtsgeschäft zu einem Markenzeichen der bäuerlichen Direktvermarkter geworden. Mit eigenen Produkten wie Schnaps, Wein, Most, Speck, Würsten, Fruchtsäften bis hin zu Essigen, Kräutern und Tee gefüllt, erfreuen sie sich seit Jahren immer größerer Beliebtheit.

Die Direktvermarktung ihrer Produkte ab Hof, über Gemeinschaftsläden, über Märkte oder auch über das Internet, als Cateringangebote für Feste und Feiern oder über Selbstbedienungsboxen und Automaten wurde in den vergangenen Jahren zu einem immer bedeutenderen Einkommensstandbein für viele Bauern in ganz Österreich. Auch wenn der Hype der ersten Monate in der Coronakrise längst vorbei ist, ist man zufrieden. Das Vermarktungsniveau ist sehr professionell. Das Geschäft wächst. „Es ist der direkte Kontakt, der zählt“, ist Ortner überzeugt.

Daher verwundert es nicht, dass immer öfter Selbstbedienungsboxen und Automaten, die vor nicht allzu langer Zeit als die Zukunft schlechthin gegolten haben, wieder verschwinden. Dafür kommt Neues. So sind derzeit Kooperationsplattformen wie „Ja zu nah“ in Niederösterreich im Kommen, über die Landwirte Gastrobetriebe beliefern.

Die Direktvermarkter gelten als sehr innovativ. „Landwirte sind generell sehr kreativ und finden rasch Lösungen und neue Wege“, sagt Ortner. Bei den Direktvermarktern kommen seit einigen Jahren die Impulse vor allem von Jungen und Quereinsteigern. Ortner: „Die sind besonders innovativ und trauen sich, was Neues zu machen.“

Längst reicht das Angebot weit über die bekannten und geschätzten Produkte wie Fleisch, Milch, Käse oder Eier hinaus. Überraschungen sind dabei nicht ausgeschlossen. So liegen derzeit auch bei den Direktvermarktern pflanzliche Alternativprodukte voll im Trend.

„Die sind bei uns ein Schlager“, sagt Ortner. „Würzsoßen aus Soja, Eiweißprodukte, Hülsenfrüchte und selbst gemachter Tofu werden immer beliebter.“ Mitunter stoßen die Direktvermarkter in ganz neue Marktregionen vor. Fisch etwa gewinnt zunehmend an Bedeutung. Im oberösterreichischen Kremstal, in der Steiermark, aber auch in Tirol befasst man sich sogar mit der Produktion von Garnelen. Einige Bauern setzen auf die Zucht von Edelpilzen, andere haben sich auf die Produktion von Senf verlegt, spezielle Marmeladen und Säfte sind dabei längst zum Dauerbrenner geworden.

Längst ist die bäuerliche Direktvermarktung in der Landwirtschaft zu einer relevanten Größe geworden. Nach Angaben der Landwirtschaftskammer Österreich ist in diesem Geschäft ein Drittel der rund 100.000 landwirtschaftlichen Betriebe aktiv. Im Schnitt erwirtschaften sie dabei rund ein Drittel ihres Einkommens. Bis zu 7000 Betriebe, so Schätzungen, erwirtschaften sogar mehr als die Hälfte ihres Einkommens aus der Direktvermarktung ihrer Produkte. Laut Grünem Bericht erreichte der Produktionswert der Branche im Vorjahr knapp 260 Mill. Euro. Dazu kommen weitere 135 Mill. Euro, die von Heurigen und Buschenschanken erwirtschaftet werden. Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass die Direktvermarktung vielen Bauern als mögliche Strategie für die Zukunft gilt. Laut einer Umfrage des Meinungsforschers Keyquest sehen 83 Prozent der Bäuerinnen und Bauern die Zukunft der Direktvermarktung positiv.

Dieser Optimismus freilich wird derzeit auf eine harte Probe gestellt. Die vorübergehend wieder aufgeschobene Entwaldungsverordnung, aber auch das Lieferkettengesetz und die Nachhaltigkeitsrichtlinie treiben auch den Direktvermarktern die Zornesröte ins Gesicht. Sie fürchten, in der Bürokratie zu versinken. „Es muss jedes Mal jedes Feld eingegeben und erklärt werden, dass es kein Wald ist, und vieles andere mehr, das ist ja absurd“, schimpft Martina Ortner. „All diese Verordnungen werden immer auch für die kleineren und mittleren Landwirtschaftsbetriebe schlagend, weil sie als Zulieferanten immer eine Rolle spielen, und seien sie auch noch so klein.“

Salzburger Nachrichten - Wirtschaft, 18. Dezember 2024

Schon jeder dritte Bauer verdient im Direktverkauf

Salzburg. Ein bescheidener Zusatzverdienst ist es längst nicht mehr. Rund ein Drittel der 100.000 landwirtschaftlichen Betriebe in Österreich ist laut Angaben der Landwirtschaftskammer mittlerweile in der Direktvermarktung aktiv. 7000 Bäuerinnen und Bauern dürften bereits mehr als die Hälfte ihres Einkommens mit dem direkten Verkauf ihrer Produkte erzielen.

Gerade in der Vorweihnachtszeit zeigt sich das deutlich: Bäuerliche Produkte sind gefragt. Ob Gans oder Fisch direkt vom Bauern oder auch aufwendig gestaltete Geschenkboxen oder -kisterl, das Angebot sei vielfältig, sagt Martina Ortner, die in der Landwirtschaftskammer für die bäuerlichen Direktvermarkter zuständig ist. Die Ideen gingen dabei mittlerweile längst über Selbstbedienungsboxen und Automaten hinaus. Gerade die Jungen, aber auch Quereinsteiger seien besonders innovativ, sagt Ortner.

Überraschungen sind dabei nicht ausgeschlossen. So setzen mittlerweile auch bäuerliche Direktvermarkter auf pflanzliche Alternativprodukte, seien es Würzsoßen aus Soja oder selbst gemachter Tofu. Auch Fisch gewinne zunehmend an Bedeutung. So befassen sich bereits mehrere Betriebe mit der Produktion von Garnelen. Andere wiederum setzen auf ihren Höfen auf die Zucht von Edelpilzen oder stellen Senf, Marmeladen oder auch Säfte her.

Laut Grünem Bericht erreichte der Produktionswert in der Direktvermarktung im Vorjahr knapp 260 Mill. Euro. Dazu kommen 135 Mill. Euro, die von Heurigen und Buschenschanken erwirtschaftet werden. Vor dem Hintergrund verwundert es nicht, dass die Direktvermarktung vielen Bauern als mögliche Strategie für die Zukunft gilt. Mit Einschränkung: Denn zunehmende Bürokratie treffe kleine und mittlere Betriebe besonders hart. Seite 11

Salzburger Nachrichten - Seite 1, 18. Dezember 2024

Donnerstag, 12. Dezember 2024

Ach, wären die Politikerinnen und Politiker nur stiller

Der schwarze Landeshauptmann beim Kekserlbacken, der grüne Landesrat, der einen "Schönen 1. Advent (vulgo Bratwürstelsonntag)!" wünscht. Sie sind nicht die Einzigen. Politiker vom Bundespräsidenten, über den Bundeskanzler, bis hinunter zu den Gemeindechefs zünden Adventkerzen an, wünschen einen schönen Advent und posten davon Bilder auf Social Media. Selbst Neos-Chefin Beate Meinl-Reisinger und Herbert Kickl tun es.

Dabei stehen Weihnachten und der Jahreswechsel und das ganz große Wünschen erst bevor. Und, man mag es in all dieser Wünsch-Glückseligkeit gar nicht erwähnen, steckt das Land in einer der schwersten Krisen seit dem Zweiten Weltkrieg, in der man das wohl eher nicht als politische Arbeit erwartet.

Da ist wenig Trost, wenn ein Freund meint, das stehe "halt für Brauchtum und Tradition" und sei ein "wichtiger Orientierungsanker in schwierigen Zeiten". Da neigt man eher zur Meinung eines anderen Freundes, der flapsig verlangt, "bitte alle einsparen."

Man fragt sich, warum sich Politikerinnen und Politiker so produzieren, wie sie sich produzieren? Warum glaubt man wirklich, dass das Volk so etwas wie die Adventwünsche erwartet und das als Volksnähe empfindet? Es ist oft schwer nachvollziehbar. Nicht nur rund um Advent, Weihnachten und Jahreswechsel. Denn viele Politiker vermitteln in ihrem Eifer sehr viel eher das Bild, dass sie nichts anderes tun, als sich selbst darzustellen und das für politische Arbeit halten. Und das meist weitab von der Realität und von dem, was eigentlich von ihnen erwartet wird. Bilder von irgendwelchen Grußszenen da, Schnappschüssen von Reisen dort oder davon, wie man sich mit ernster Miene etwas erklären lässt, oder davon, wie sie leutselig Musikkapellen dirigieren. Und dazwischen ganz wenige, zumeist parteipolitisch geprägte Aussagen, die als politisch durchgehen sollen. Wenn überhaupt. Da darf nicht wundern, wenn man sich fragt: "Ja, wann arbeiten denn die eigentlich?"

Ein eindrückliches Beispiel brachte Susanne Dickstein, Chefredakteurin der OÖ Nachrichten, am Ende jener Woche, in der KTM Insolvenz anmeldete, in ihrem Leitartikel. "Ein Blick auf die Homepage von Oberösterreichs Wirtschaftslandesrat diese Woche spricht Bände", hub sie zur Schelte an. Da fand sie eine Aussendung zum "einzigartigen Wolfgangsee Advent", Fotos mit Parteifreunden und Prominenz und "unter der Überschrift Schwerpunkte", wie Dickstein spitz anmerkte, "Allgemeinplätze zu Oberösterreich auf dem Weg zur Spitzenregion in Europa". Es scheine "ein Paralleluniversum" zu existieren abseits der KTM-Insolvenz und drohenden Dominoeffekten im ganzen Land, schreibt die Chefredakteurin.

Oberösterreich freilich ist überall. Wenn man Politik vornehmlich so erlebt und erleben muss, verwundert nicht, dass längst breite Meinung ist, dass es dem Land an geeignetem Politpersonal fehlt. Bei allen Ausnahmen, die es natürlich gibt -viel zu viele sitzen auf ihren Sesseln offenbar nur, um ihre Parteilinie durch die Gremien zu tragen, viel zu viele, die sich nur darauf verstehen zu repräsentieren, die in der Sache, welche immer die auch sei, oft alles andere als firm sind, oder die gar eigene politischen Idee einbringen und auch vertreten können.

Dann halt lieber ein Bild mit einem Adventkranz und "Schönen Wünschen" oder eines vom Musikvereinskonzert mit dem sinnigen Text: "Wie still wäre es in diesem Land ohne unsere Musikvereine -danke für eure Musik."

Ach, wären die Politikerinnen und Politiker nur stiller, wünscht man sich da nur mehr.

Aber die Parteien wollen heute nur mehr Parteisoldatinnen und -soldaten. Mit jemandem, der oder die selbst denkt, kann man nicht mehr umgehen, und man will sich das auch gar nicht mehr antun. Nicht zuletzt deswegen fehlt es wohl an Charakteren in der heutigen Politik, die in all ihren Ausformungen vor allem stromlinienförmig daherkommt. Politikerinnen und Politiker werden oft nur mehr, man kann es nicht anders sagen, verwendet, um die Meinung von oben weiterzugtragen. Breite Diskussionen zu den großen Themen gibt es in den Parteien kaum mehr.

Und das ist es wohl auch, was man an der Qualität der Politik merkt. Dabei wäre die derzeit wichtiger denn je. Jetzt, wo das Land eine Wende in der Stimmung braucht, einen Aufbruch, eine neue Richtung, ein neues "Narrativ", wie das neudeutsch heißt. Dass es "Kein weiter wie bisher" geben dürfe, ist da zu wenig.

Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 12. Dezember 2024

Donnerstag, 5. Dezember 2024

Black Friday, Black Week - und unser aller Blackout

Die Briefträgerinnen und Briefträger stöhnten und die Paketdienstfahrer auch. Ihre Autos waren auch heuer wieder zum Bersten voll. Bis oben beladen mit dutzenden Paketen. Auch heuer sorgten die oft hoch-zweistelligen Rabatte im Internet, aber auch im stationären Handel dafür, dass gekauft wurde, als wäre das Geld abgeschafft -Black Friday, Black Week und bei den Konsumentinnen und Konsumenten das alljährliche Blackout sozusagen.

Alleine am vergangenen Freitag, dem eigentlichen Black Friday, dereinst in den Vereinigten Staaten von findigen Händlern erfunden, um den Absatz anzukurbeln, und inzwischen ein weltweites Phänomen, stellte die österreichische Post angeblich eine Million Pakete zu. Auf rund 600 Millionen Euro wird der Umsatz heuer geschätzt. Krise schaut anders aus. Da war nichts von fehlender Kaufkraft und nichts davon, dass die Leute das Geld zusammenhalten müssen. Und schon gar nichts von all dem, was man mitunter übers Jahr so gerne geißelt und anderen vorhält. Da ist alles wie weggeblasen. Von der Kritik am Konsumrausch angefangen, über Nachhaltigkeit bis hin zu Umweltbelastung und Ausbeutung von Menschen und Ressourcen, die wir mit unserem Kaufverhalten verursachen. Da herrscht Schnäppchenjagd, bei der es nur um eins geht - billig, billig, billig.

Was jährlich rund um den Black Friday zu erleben ist, erleben wir in vielen anderen Bereichen auch. Man tut, als gäbe es kein Morgen. Man schaltet die Vernunft aus, vergisst die Bedenken und die Sorgen, man pfeift auf die Verantwortung und auf alles, von dem man gerne vorgibt, einem so viel wert zu sein und was man so gerne von anderen fordert. Das Auto lässt kaum jemand stehen, unter drei bis vier Urlaubsreisen im Jahr scheint es kaum mehr jemand zu tun und das mit der Flugscham ist höchst relativ. Fliegen ist wieder ganz normal und die Prognosen zeigen steil nach oben. Lebensmittel kauft man nach dem Preis. Die Kleiderkästen sind nach wir vor übervoll, vorzugsweise mit Billiggewand, das irgendwo in einer armen Ecke der Welt, unter erbarmungswürdigen Bedingungen und um einen Bettel zusammengenäht wird. Und gar nicht zu reden von der Plastikflut, die die Welt schon langsam zu ersticken droht.

Überall wird viel geredet -und die Fortschritte bleiben dennoch sehr überschaubar, wenn es sie denn überhaupt gibt. Das Gute, auch das Erstrebenswerte, setzt sich nur schwer durch. Verantwortungsvoller Konsum? Ressourcenschonung? Abfallvermeidung? Rücksicht auf die Umwelt? Immer noch viel zu oft Fehlanzeige. Die Fortschritte, das zu ändern, sind überschaubar. Die Politik kämpft gegen Windmühlen. Und das nicht nur, weil sie, wie man gemeinhin meint, unfähig ist.

Die Gründe mögen vielfältig sein. Einer ist wohl, dass wir oft keine Scheu haben, Wasser zu predigen und Wein zu trinken. Man ist immer schnell mit Erklärungen bei der Hand, wenn es darum geht zu erläutern, warum Vorsätze und Handeln oft so weit auseinanderklaffen. Das gilt im Privaten, das gilt aber und vor allem auch in der Wirtschaft. Dort haben es sich viele Unternehmungen längst zu eigen gemacht, daraus ein Geschäftsmodell zu machen. Auf der eine Seite vermittelt man vorzugsweise in der Werbung den Eindruck, für nichts als Nachhaltigkeit, Umweltschutz und Verantwortung für Mensch und Natur zu handeln, während man auf der anderen Seite oft keine Scheu hat, genau das Gegenteil zu tun. Das beginnt im Lebensmittelhandel, geht über die Verpackungs-und Autoindustrie bis hin zur Ausgestaltung internationaler Handelsbeziehungen.

Freilich muss es nicht immer Nachlässigkeit oder gar Bosheit sein, warum man sich oft so schwer tut, Vorsätze mit dem tatsächlichen Handeln in Einklang zu bringen. Gerade rund um den Black Friday weiß der Handel ein Lied davon zu singen. Während die einen die übergroße Konkurrenz und die Rabattschlacht beklagen, sagen andere, der Black Friday sei für sie alternativlos, um im Geschäft zu überleben. Den alljährlichen Tanz um die Preise zu verweigern sei für ihn wie die Wahl "zwischen Pest und Cholera", wird dieser Tage ein Unternehmer in einer Zeitung zitiert. Für viele ist so ein Tag auch eine Chance, und sei es nur die, mit hohen Rabatten neue Kunden zu gewinnen.

Für viele freilich ist es eine zusätzliche Belastung. Und das nicht nur im Handel. Glaubt man der Post, stehen den Briefträgerinnen und Briefträgern im Land bis Weihnachten noch einige Tage bevor, an denen sie rund eine Million Pakete zustellen müssen.

Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 5. Dezember 2024

Donnerstag, 28. November 2024

Wenn aus Spinnerei Politik wird

Er ist Molekularbiologe, bekannt aus dem TV als "Science Buster" und er hat eine Leidenschaft: Genussvoll geißelt Martin Moder die Wissenschaftsfeindlichkeit in unserem Land. Seine Beiträge auf YouTube, X oder Instagram sind mit Themen wie Bioresonanz, Granderwasser, Covid oder Schwurbler voll. Mit Inbrunst legt er sich mit Gentechnik-Gegnern an und mit Homöopathiefans. Und das immer kompetent, witzig und vor allem aufschlussreich. Mit Leidenschaft kämpft er für die Wissenschaft und ihre Bedeutung und wird nicht müde, der Gesellschaft den Spiegel ihrer Ignoranz vor die Nase zu halten.

Und das, wir wissen es, hat das Land bitter nötig, in dem zumindest zehn Prozent der Wissenschaft offen feindselig gegenüberstehen und in der die Skepsis gegenüber allem, was von dort kommt, überdurchschnittlich hoch ist. So hoch, dass man mitunter aus dem Staunen nicht herauskommt, wenn man Leuten wie Moder und auch anderen Wissenschaftlern wie etwa Florian Aigner zuhört, die sich der Erklärung der wissenschaftlichen Arbeit und Leistungen verschrieben haben.

Heute halten einer aktueller Eurobarometer-Umfrage zufolge allen Ernstes nur 48 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher wissenschaftliche Grundlagenforschung für wichtig. Wenige wie kaum sonst in Europa glauben bei uns, dass Wissenschaft und Technik unser Leben einfacher, gesünder und bequemer machen oder dass das Interesse für Wissenschaft für unseren künftigen Wohlstand von zentraler Bedeutung ist. Unter den 27 EU-Staaten finden wir uns, oft abwechselnd mit Rumänien, an den allerletzten Stellen. Nur einmal liegt Deutschland noch dahinter. Nur dort zweifelt man noch mehr als bei uns am Charakter und an der Ehrlichkeit von Forschenden.

Untersuchungen wie diese leuchten tief in die österreichische Seele. Sie erklären, warum in den vergangenen Jahren einiges so wurde, wie es geworden ist. Mit Wissenschaft hat man nichts am Hut in diesem Land. Da ist nichts vom Stolz auf den Nobelpreis für Anton Zeilinger und von dessen Glanz, in dem man sich sonnen wollte. Längst vergessen alles. Schnee von gestern.

Die Wissenschaftsfeindlichkeit in Österreich hat längst auch eine politische Dimension erreicht. Sie wurde von der Politik instrumentalisiert und zum Werkzeug gemacht, um Wähler zu gewinnen. Und sie ist dabei, oft nachgerade zum bestimmenden Faktor bei der Auswahl von politischem Personal oder gar bei politischen Entscheidungen und Weichenstellungen zu werden. Längst hat in Österreich Herbert Kickl die Oberhoheit in Sachen Wissenschaftsfeindlichkeit gewonnen und zu einer tragenden Säule seiner Politik gemacht. Schlimm genug -inzwischen machen ihm das auch viele andere nach, auch Politiker, die in höchster Verantwortung stehen in diesem Staat.

Unvergessen ist die Aussage des Innenministers, dass "Wissenschaft das eine, Fakten aber das andere" sei. Dass ihm der Bundeskanzler in nichts nachsteht, zeigte sich, als er in seiner Not im Nachhinein Entscheidungen während der Pandemie rechtfertigen musste. "Wir waren expertenhörig", meinte er damals und forderte, "nun sollen die Experten erklären, warum es zu diesen Entscheidungen gekommen ist". Und da ist noch gar nicht die Rede von den Bemühungen seiner Partei, einen Sommer lang den "Hausverstand" alleine zur politischen Leitschnur zu machen.

In diese Kategorie gehört auch die Ablehnung der Gentechnik, die selbst bei jenen zur politischen Floskel verkommen ist und wissenschaftlich längst überholt ist, die sich sonst gerne auf die Wissenschaft berufen, wenn es in ihren Kram passt. Ganz so, als ob Wissenschaft etwas Beliebiges wäre.

Wohin das führen kann, wird uns in diesen Tagen in den USA so drastisch, wie wir das nie für möglich hielten, vor Augen geführt. Der künftige Präsident des größten Industriestaates der Welt leugnet den Klimawandel, Gesundheitsminister soll ein deklarierter Corona-Leugner werden und ein Fracking-Unternehmer und Klimawandel-Leugner Energieminister.

Es ist wie eine Falle, in der wir zu sitzen scheinen, und die Martin Moder jüngst in Wien so formulierte: "Diejenigen, die dem wissenschaftlichen Konsens am meisten widersprechen, haben am wenigsten Fachwissen im entsprechenden Gebiet, sind allerdings überzeugt davon, am meisten zu wissen." Wenn es nur das wäre. "Man lässt sich halt nicht gerne was sagen in Österreich."

Nicht nur in Österreich.

Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 28. November 2024

Donnerstag, 21. November 2024

Schocktherapie gegen die Bürokratie

Er wolle "Schockwellen durch das System schicken", ließ X-und Tesla-Boss Elon Musk wissen, als ihn der Bald-wieder-US-Präsident Donald Trump dieser Tage mit einer Regierungsbehörde betraute, deren vorderster Auftrag es ist, Bürokratie samt Behörden in den USA zu verschlanken. Man darf gespannt sein. Vielleicht gelingt es ja Musk tatsächlich, den Staat schlanker zu machen und die Bürokratie und alle ihre Auswüchse in der Tat in den Griff zu bekommen.

Trumps Plan mit Musk und seine großspurige Ankündigung fügen sich jedenfalls in den immer größer werdenden Unmut über die überbordende Bürokratie, die längst in vielen Bereichen in Verzweiflung gemündet ist. Nicht zuletzt deswegen blickt wohl die ganze Welt auf Musk, der neuerdings wie Trumps Musterschüler auftritt. Man will ihn erfolgreich sehen. Man will sehen, dass es möglich ist, die Welt von der Geißel der Bürokratie zu befreien, oder, wenn nicht gerade das, sie in den Griff zu bekommen.

Auch wenn man nicht weiß, was Musk wirklich mit den "Schockwellen" meint, und auch wenn zu fürchten ist, dass diesen auch missliebige Behörden wie die Waffenbehörde zum Opfer fallen könnten, schätzt man vor allem, dass das Thema offenbar mit einem bisher kaum gekannten Ernst angegangen werden soll. Ursula von der Leyens Ankündigung, die Bürokratie in der Europäischen Union um 25 Prozent reduzieren zu wollen, nimmt sich dagegen jedenfalls handzahm aus gegenüber den Tönen, die aus Amerika kommen.

Denn längst stehen auch in Europa und in Österreich die Zeichen auf Sturm. Längst hat man auch bei uns die verbalen Baseballschläger ausgepackt, um die Dringlichkeit eines Erfolgs beim Bürokratieabbau verständlich zu machen. "Bürokratiemonster" gehört dabei zum Standardrepertoire, der Europäischen Union hat man im Zusammenhang damit als "Giftküche" und dem "bürokratischen Wahnsinn" inzwischen gar ein eigenes Lexikon gewidmet.

Die Bürokratie, die Regulierungswut und was dazugehört -von den Aufzeichnungs-und Dokumentationspflichten, über Auflagen bis hin zu den Verwaltungseinrichtungen und Behörden, die alles umsetzen und überwachen müssen -sind zur größten Geißel der Gesellschaft und vor allem der Wirtschaft geworden. Längst erweist sich die Bürokratie in allen Bereichen als Hemmschuh Nummer eins für jedwede Entwicklung. Verselbstständigt oft und losgelöst von der Wirklichkeit. "Behörden sichern ihren Status, indem sie sich neue Aufgaben suchen, die ihre Existenz rechtfertigen", formulierte dieser Tage eine Zeitung einen Verdacht, dem wohl viele etwas abgewinnen können. "Sie schaffen neue Stellen, trachten danach, sich zu vergrößern, und irgendwann fragt niemand mehr, wofür sie einst gegründet worden sind."

Gesetzes-und Verordnungsungetüme wie "Lieferkettenrichtlinie","Entwaldungsverordnung" oder "Taxonomieverordnung" treiben immer mehr Menschen zur Weißglut. Man versteht nicht mehr, was gewollt wird, und man sieht nicht ein, warum man überwachen und verantworten soll, wofür es ohnehin Gesetze gibt. Die Agenda Austria beziffert in Österreich alleine für Gewerbe und Handwerk die jährlich durch Bürokratie anfallenden Kosten mit 4,3 Mrd. Euro. Einzelunternehmen müssen demnach bereits 250 Jahresstunden für die Erledigung des Papierkrams aufwenden. Als Hort des Bösen wird gerne die EU verortet. In Österreich freilich steht man der Union um nichts nach. Allein die Stadt Wien beschäftigt rund 67.000 Mitarbeiter. Und wie man weiß, arbeiten nicht alle davon bei der Müllabfuhr oder am Zentralfriedhof. Und gar nicht zu reden von den zahllosen Paralleluniversen in den Ländern.

Längst steht dabei viel auf dem Spiel -von der Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft bis zum Wohlstand schlechthin. Man weiß das, aber man weiß dennoch nicht damit umzugehen. Auch wenn man unbestritten guten Willens ist. Auf beiden Seiten. Es ist nicht so, dass es in der Wirtschaft kein Verständnis gibt für Vorschriften. Und es ist nicht so, dass es in Politik und Verwaltung kein Verständnis für die Kritik und die Wut gibt. Es gilt wohl auch hier -die Dosis macht das Gift. Nicht zuletzt deswegen ist interessant, was Musk in den USA machen wird. Und was er erreichen wird. Auch wenn man den "Schockwellen", die er aussenden will, nicht recht trauen mag.

Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 21. November 2024

Donnerstag, 14. November 2024

Europa muss zu eigener Kraft finden

Die ganze Welt rätselt darüber, was in den USA passiert ist und über das Warum. Mit einem Mal gibt es so viele Erklärungen dafür, warum Trump gewonnen hat, wie es vor den Wahlen Erklärungen gegeben hat, warum nur Kamala Harris und nicht Trump gewinnen könne.

In Wahrheit ist es für Europa einerlei. Wenn nach dem Wahlergebnis in den USA etwas wirklich klar ist, dann das: Europa muss sich endlich emanzipieren und selbstständig werden. Es muss zu eigener Kraft finden.

Ein realistischer Blick auf die Welt ist dringlicher denn je. Vor allem in Europa, wo gilt, was jemand auf X so formulierte: "Hallo, mein Name ist Wohlstandzentraleuropäer, der von den USA alle Innovationen gratis geliefert bekommt und davon lebt, dass die Menschen in den USA für Militär zahlen, damit ich mir einen riesigen Sozialstaat leiste." Man könnte diesen Tweet mit vielem ergänzen, bis hin zum Green Deal und all den Vorschriften und Auflagen, die der Wirtschaft oder etwa der Landwirtschaft das Leben schwer machen.

"Europa hatte vier Jahre Zeit, sich während der Biden-Regierung auf den schlimmsten Fall vorzubereiten -wirtschafts-und verteidigungspolitisch", schreibt die deutsche Wochenzeitung "Die Zeit". Aber auch der wohlwollendste Beobachter könne nicht behaupten, dass dies in ausreichendem Maße geschehen sei. "Trumps Triumph ist kein Betriebsunfall der Geschichte", schreibt nicht nur "Die Zeit".

Die Politik ist es, die Europa aus dem Spiel nimmt, und man tut ohne Argwohn so, dass man mit immer mehr Bürokratie, mit Kleinstaaterei und Kleinkrämerei ohne jede Vision und Ehrgeiz auf dem richtigen Weg sei und Themen wie Wettbewerbsfähigkeit keine Rolle spielen. Dass es so nicht geht, in der internationalen Wirtschaft oder Landwirtschaft, in der Verteidigungspolitik und in vielen anderen Bereichen, sich aus der Verantwortung zu ziehen, ist nicht mehr zu übersehen.

Was wir seit Jahren auf der politischen Ebene erleben, spiegelt nichts anderes als eine Kultur wider, die sich nicht nur in Österreichs Gesellschaft, sondern in allen europäischen Staaten, allen voran in Deutschland, auch breit gemacht hat. Man ist immer weniger bereit, Verantwortung zu übernehmen, man fordert und man verlangt alimentiert zu werden. Man lässt machen und ist wenig gewillt, einen eigenen Beitrag zu leisten. Solidarität gilt nichts mehr und auch Zusammenhalt nicht. Und weil sich immer jemand findet in der Politik, der dieser Kultur nachgibt, weniger um wirklich Gutes zu bewirken, sondern eher um Stimmen zu bekommen, sind wir dorthin gekommen, wo wir jetzt stehen.

Und das ist nicht vorne. Ganz im Gegenteil. Europa ist im Wolkenkuckucksheim gelandet und ist dabei, den Anschluss zu verlieren. Wirtschaftlich und technologisch und verteidigungspolitisch sowieso.

Europa kann nicht mehr auf Kosten der restlichen Welt leben, sich die Rosinen herauspicken, den feinen Oberlehrer spielen und die raue Arbeit den anderen überlassen. In den Industriehallen oder auf den Feldern genauso wie im Krieg, zumal einem auf dem eigenen Kontinent. Es ist ja gut und auch wichtig, wenn man um die Zahl der Geschlechter streitet, sich für das Gendern und LGBTQ einsetzt und dafür, dass, wie in Wien, in den Öffis die Piktogramme durch geschlechtsneutrale Abbildungen ersetzt werden -aber man darf dabei die großen Linien nicht aus den Augen verlieren, an denen sich die Welt entwickelt und orientiert. Genau das aber tut man in Europa. Und genau deswegen trifft die Wahl Trumps die Menschen und die Politik so heftig.

Europa muss wieder in die Spur finden, um ernst genommen zu werden. Es muss ja nicht gleich eins zu eins umgesetzt werden, wenn gefordert wird, die Klimaziele "in ihrer ideologischen Sturheit" zu überdenken, die Blockade von Technologien aufzugeben, um die CO2-Ziele zu erreichen, das "Helikoptergeld" an Förderungen abzustellen, wie das da und dort zu lesen war - aber es sollte in diese Richtung gehen. In Richtung mehr Realitätssinn, mehr Realitätsbewusstsein und in Richtung mehr Eigenverantwortung.

Daran fehlt es. In Europa, in Deutschland, in Frankreich, in Österreich.

Dass es in Deutschland jetzt offenbar wirklich an ausreichend Papier für die Stimmzettel für die notwendig gewordenen Neuwahlen fehlt, könnte die Situation, auch wenn das Beispiel fraglos überzeichnen mag, für die meisten Staaten in Europa nicht bedrückender und eindrücklicher zeigen.

Meine Meinung - Raiffeisenzeitung

Donnerstag, 7. November 2024

Falsche Bühne für "Polit-Schmiere"

Die Bilder, die in der vorigen Woche aus dem Parlament an der Wiener Ringstraße zu sehen waren, waren gewöhnungsbedürftig. Viktor Orbán, der so selbstbewusste wie selbstherrliche Autokrat aus dem Nachbarland, derzeit als Ratsvorsitzender sogar oberster Repräsentant der Europäischen Union, die er am liebsten aufgelöst sähe, hielt Hof, als wäre er daheim in Budapest. Ein Foto da, ein Foto dort und Wortspenden zum Wahlsieg der FPÖ zum Drüberstreuen.

Die Freiheitlichen, voran der frisch gewählte Parlamentspräsident und der Parteiobmann und ihre Entourage, gaben bei dem Spektakel die Lakaien, freuten sich wie die sprichwörtlichen Schulbuben über den Besuch und taten im noblen Ambiente des Parlaments ganz so, als hätten sie das Sagen in unserem Land. Da saßen auf einmal Leute im österreichischen Parlament, die keine Scheu hatten, mit einem international höchst umstrittenen ausländischen Politiker ohne jedes Mandat Gespräche zu führen und als Gipfel dieser "Polit-Schmiere" auch noch eine "Wiener Erklärung" zu veröffentlichen. Keine Spur davon, dass sie keinen Auftrag und schon gar kein Recht haben, im Namen Österreichs irgendetwas zu unterzeichnen.

Mitunter fühlte man sich in einer jener Kickl-Parodien, mit der Christoph Grissemann in der Sendung "Willkommen Österreich" das Land immer wieder unterhält. Mitunter fühlte man sich aber auch ganz anders, kamen einem doch beim schnellen Hinschauen auch Gedanken an einen Staatsstreich unter, bei dem es auch so sein könnte, was man da sah.

Es ist die Anmaßung, die empört, und die Art und Weise, wie die FPÖ interpretiert, dass sie bei den Wahlen die meisten Stimmen erhalten hat. Es fühlt sich jedenfalls fremd an, diese Szenerie zu sehen. Dass auf einmal die FPÖ nicht nur im Plenum und in ihren Klubräumen, sondern in den Repräsentationsräumen im Parlament sitzt und Staatschefs empfängt, ohne irgendeinen Auftrag zu haben. Das ist gewöhnungsbedürftig, aber das ist wohl die neue Realität.

Es ist wohl zu befürchten, dass so etwas, wie wir es in der vorigen Wochen erleben mussten, zu unserer Zukunft gehört. Es steht zudem zu befürchten, dass man sich daran gewöhnen muss, dass die Freiheitlichen einfach den Staat für ihre Zwecke, für ihre Strategien und für ihre Ziele benutzen und in einer Rolle, in der sie einfach nicht sind und die ihnen mangels Legitimation auch nicht zusteht, dennoch auf mächtig machen.

Freilich kann man sagen, die FPÖ müsse ja das Momentum nutzen und jetzt einmal Profil zeigen. Kann man. Aber die FPÖ sollte auch die Hände reichen und zeigen, dass sie sich bemüht, mit den anderen zusammenzuarbeiten, dass sie Verantwortung für den Staat und für das Gesamte nimmt und dass es nicht nur um die eigene Profilierung geht.

Und auch dem frisch gewählten Parlamentspräsidenten stünde es an, die Rolle des "Parteisoldaten", die er in Interwies immer hervorkehrte, endlich zu verlassen. Er hätte so viele andere Leute auf seinem hierarchischen Niveau einladen können, etwa Kollegen aus anderen Parlamenten. Aber nein -er lädt just den umstrittensten Staatschef in der EU ein, nimmt damit gleichsam das ganze Land als Geisel und schlägt einen Pflock ein, der abgrenzt und abtrennt.

Österreich reagierte aufgeregt und eingeschnappt. Die Kirche im Dorf wollte kaum einer lassen. Ganz abgesehen davon, dass es so ungewöhnlich nicht war, wie getan wurde. Auch andere Parteien begrüßen im Parlament gerne ihre Gäste und treten dabei zuweilen auch in einer Art und Weise auf, die ihnen eigentlich nicht anstehen würde.

Das wirft die grundsätzliche Frage auf, wie das Parlamentsgebäude über die politische Entscheidungsfindung hinaus genutzt werden soll. Und ob dazu auch Veranstaltungen wie der vielkritisierte Orbán-Besuch gehören sollen, zumal dann, wenn sie so ablaufen, wie wir sie erleben mussten.

Dabei geht es nicht um die Frage, ob das Parlament offen sein soll. Das soll es ohne Zweifel. Aber es sollte sehr wohl um die Frage gehen, ob es Bühne oder gar Spielwiese sein soll und darf für parteipolitische Interessen.

Ganz abgesehen davon - hätte Österreichs Politik den Freiheitlichen nicht so in die Hände gespielt, wie man es in den vergangenen Jahren getan hat, wäre uns das alles erspart geblieben.

Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 7. November 2024

Donnerstag, 31. Oktober 2024

Österreich zwischen den Zeiten

"Die erste Annäherung fand bei Tafelspitz statt", schrieb die größte Tageszeitung im Land zu Beginn dieser Woche. "In zwei Wochen will man entscheiden, ob Koalitionsverhandlungen möglich sind." Nach Tempo schaut das nicht aus. Es wird sich wohl ziehen, bis wir eine neue Regierung haben und wir müssen uns wohl darauf einstellen, länger zwischen den Zeiten zu leben. Zwischen der alten Regierung, die eine "Lame Duck" ist, wie das im Englischen wenig despektierlich, aber sehr treffend genannt wird, und vor der neuen Regierung, die kaum mehr heuer angelobt wird. Eine "lahme Ente", die keine Entscheidungen trifft und auch nicht mehr treffen kann, aber weiter im Amt sitzt, ganz gleich, wie dringlich der politische Handlungsbedarf ist im Land.

Aber es geht wohl nicht anders. Die Lage ist alles andere als einfach. Verzwickt ist noch ein Hilfsausdruck. Mit Kickl mag niemand respektive getraut sich niemand in eine Regierung zu gehen. Aber auch die Koalition zwischen ÖVP und SPÖ, für die die immer noch zu hörende Bezeichnung "große Koalition" angesichts des Stimmenschwunds längst reichlich übertrieben ist, mag man nirgendwo wirklich. Mag sein, dass schwarz-rot am besten wäre, wenn man nicht wüsste, wie weit sich diese Welten voneinander entfernt haben, wie tief auf beiden Seiten die Abneigung zuweilen geht und worunter man in der Vergangenheit zu leiden hatte.

Früher hätte man der Koalition zwischen VP und SP ohne viele Einschränkungen das Wort geredet, zumal, wenn große Aufgaben anstehen und große Probleme zu lösen sind, in denen politischer Kleinkrieg nur hinderlich wäre. Doch diese Zeiten sind längst vorbei. Und da wie dort ist viel Porzellan zerschlagen worden. Ob die Neos da viel retten oder gar verändern können, wenn man sie in eine "Zuckerlkoalition" holt, wie dieser Parteien-Dreier schnell punziert wurde, steht in den Sternen.

Da nützen alle Beschwörungen des Kanzlers wenig, dass es ein "weiter wie bisher nicht geben darf" und dass es "Veränderungen und Reformen" brauche, "um die Herausforderungen der Zukunft bewältigen zu können". Genauso wenig, wie wenn der SP-Vorsitzende nahezu wortgleich das Nämliche formuliert oder der Bundespräsident "neue Lösungen" und Reformen fordert, und Altes loszulassen und Neues zu wagen.

"Ja eh", ist man geneigt zu stöhnen. Man kennt das ja sattsam und zur Genüge und man mag nicht recht daran glauben, dass die wirklich umsetzen können, was sie da versprechen und fordern. Das war schon bei den vergangenen Wahlen so. Warum sollte es diesmal anders sein?

Schwarz-rot ist nicht spannend. Man erhofft sich wenig und man erwartet nicht viel. Weit und breit keine charismatischen Figuren, weit und breit keine spannenden Ideen. Nicht zuletzt deshalb ist in diesem Land wohl keine Stimmung für diese Koalition zu spüren. Nichts von dem, was man gemeinhin unter "Zug" versteht, und schon gar nichts von einer Aufbruchsstimmung, die das Land so dringend brauchen würde. Da ist nichts von Visionen für die Zukunft zu erkennen und nichts von Zielen, die das Land weiterbringen können. Und die Neos sind in dieser Konstellation wohl zu klein und allenfalls für den einen oder anderen Farbtupfer gut, wenn sie tatsächlich in die Regierung gebeten würden.

Die Zustimmung zu einer Koalition zwischen Schwarz und Rot und auch zu einer Zuckerl-Koalition entspringt wohl eher einer Mischung aus Verzweiflung und Ratlosigkeit. Zu viel hat man als Wählerin respektive Wähler schon mit diesen beiden Parteien erlebt. Da ist die Sorge größer, dass man wieder das erlebt, was man ohnehin schon kennt und von dem man oft schon so enttäuscht war, "aber irgendwer muss ja regieren", hört man oft.

Rundherum ist man nicht glücklich. Freilich ohne Alternativen zu haben. Mit den Freiheitlichen besteht zu recht Angst und Sorge, dass der Staat in den Graben fährt. Das ist aber, in einer anderen Weise, wohl auch von der Koalition zu befürchten, an die man sich "beim Tafelspitz" annäherte. Manche Kommentatoren machen sich schon jetzt Sorgen. "Sollten ÖVP und SPÖ der Versuchung erliegen, ihre diversen Wahlkampfschlager zu verwirklichen, wird das Staatsbudget endgültig aus den Fugen geraten", schreibt etwa Andreas Koller in den Salzburger Nachrichten.

Vielleicht wird ohnehin noch alles ganz anders. Nicht wenige im Land meinen das. Viele hoffen unverdrossen darauf, dass FP und VP doch noch zusammenfinden. Und viele freilich fürchten sich genau davor.

Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 31. Oktober 2024

Die Bauern kämpfen um ihren Platz

Der Streit zwischen Spar und den Milchbauern lenkt die Augen auch auf strukturelle Probleme in der Landwirtschaft. Die Zahl der Betriebe dürfte weiter sinken.

Hans Gmeiner

Salzburg. Die Milchbauern sorgen in diesen Tagen wieder für Schlagzeilen. Die Handelskette Spar und die Bauern der MGN Milchgenossenschaft Niederösterreich, Lieferanten und Miteigentümer der NÖM, Österreichs zweitgrößter Molkerei, kommen bei den Preisverhandlungen auf keinen grünen Zweig. Spar akzeptiert die von der NÖM für ihre Milchprodukte gewünschten Preiserhöhungen nicht. Deshalb beliefert die NÖM Spar vorerst nicht mehr. Während das Handelsunternehmen mit dem Verweis auf gesunkene Kosten bei Energie, Verpackungsmaterial und Futtermitteln keine Preiserhöhungen akzeptieren will, pochen die Bauern auf Fairness und kostengerechte Preise.

Der Streit samt Lieferstreik ist vorläufiger Höhepunkt der Auseinandersetzungen der Bauern mit den Handelsketten, die sich bereits über Jahrzehnte ziehen. Die Milchbauern stehen seit Jahren unter großem Druck. In keinem Betriebszweig der Landwirtschaft hörten so viele Bauern auf, weil sie keine Zukunft mehr für sich sahen. Allein in den elf Jahren seit 2013 ging die Zahl der heimischen Milchproduzenten um mehr als ein Drittel auf rund 22.400 zurück. Noch drastischer fällt der Vergleich mit der Mitte der 1990er-Jahre aus. Damals gab es noch mehr als 81.000 Milcherzeuger in Österreich. Der ständige Preisdruck, hohe Kosten, immer neue Auflagen und oft auch Probleme mit der Hofnachfolge sind die Hauptgründe dafür, dass so viele Bauern aus der Produktion ausgestiegen sind. Die Betriebe sind heute deutlich größer. Hatte damals ein Milchbauer im Schnitt zehn Kühe im Stall, so liegt der Schnitt heute bei knapp 25 Kühen. Dass ein Milchbauer mehr als 100 Kühe hält, ist heute auch bei uns keine Seltenheit mehr und auch mit der Grund dafür, dass die Milchproduktion nicht zurückgegangen ist. Ganz im Gegenteil. In den vergangenen 30 Jahren erhöhte sich die Produktion um mehr als 40 Prozent auf rund 3,8 Mrd. Liter jährlich, deutlich mehr als der Inlandsbedarf.

Der Strukturwandel in der Milcherzeugung ist das eindrücklichste Beispiel dafür, dass der Strukturwandel in den landwirtschaftlichen Betriebszweigen mit Tierhaltung deutlich mehr Tempo hat als etwa im Ackerbau. Während die Zahl der Bauern in den vergangenen Jahren insgesamt jährlich um rund zehn bis zwölf Prozent zurückging, und damit deutlich geringer als in den Jahrzehnten davor, sank die Zahl der Rinderhalter insgesamt (inklusive Milchviehhalter) in den vergangenen zehn Jahren um rund 20 Prozent. Noch mehr Bauern stiegen aus der Schweinhaltung aus. Die Zahl der Schweinehalter ging in den vergangenen zehn Jahren um ein Viertel auf rund 17.000 Bauern zurück.

In diesem Tempo wird es wohl weitergehen. Erst jüngst sorgte eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts KeyQuest unter den Bauern für Aufsehen. Demnach wird in den nächsten zehn Jahren die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe um weitere 15 Prozent zurückgehen. Die Zahl der Haupterwerbsbetriebe soll demnach sogar um 22 Prozent sinken. Auch dort wird der Rückgang bei Tierhaltern, speziell bei Milchbauern, Mutterkuhhaltern und Rindermästern, aber auch bei Waldbauern besonders stark ausfallen. Auch die Zahl der Betriebe, die im Nebenerwerb bewirtschaftet wird, wird der Umfrage zufolge um neun Prozent sinken.

Als Hauptursachen für die Stilllegung von Betrieben und für den verstärkten Wechsel in den Nebenerwerb nennt Johannes Mayr von KeyQuest die „mangelnde Rentabilität“. Sie ist für 70 Prozent der Grund dafür, die Hof- und Stalltüren für immer zu schließen. Bei gut einem Drittel der Höfe, die aufgegeben werden, fehlt es aber schlicht an Nachfolgern. Mayr: „Vielen potenziellen Hofnachfolgern fehlt es an den wirtschaftlichen Perspektiven“. Zudem sei die zu erwartende Arbeitsbelastung ein wichtiges Entscheidungskriterium.

Der Strukturwandel in der Landwirtschaft hat längst weitreichende Folgen, die weit über das Schicksal von Bauernfamilien und Höfen hinausgehen. Besonders markant ist nicht nur der Verlust an Arbeitsplätzen auf dem Land, sondern auch der Wandel in der Landnutzung, der damit schon bisher einherging. Laut Wirtschaftsforschungsinstitut Wifo verkleinerte sich innerhalb der vergangenen 50 Jahre die landwirtschaftlich genutzte Fläche Österreichs von 3,6 Mill. auf 2,6 Mill. Hektar, während die Wald-und Forstflächen von 2,9 Mill auf 3,4 Mill. Hektar und die weder land- noch forstwirtschaftlich genutzten Flächen von 1,4 Mill. auf 2,4 Mill. Hektar wuchsen.

Dass die heimische Landwirtschaft trotz des Strukturwandels und deutlich weniger Betrieben in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten heute dank der Fortschritte in Pflanzenzüchtung, Tiergenetik, Produktionstechnik und Know-how mehr erzeugt denn je, konnte nicht verhindern, dass die Wertschöpfung im Vergleich zu anderen Sektoren deutlich zurückgefallen ist und die Bauern unzufrieden sind. Wäre die Bruttowertschöpfung der Landwirtschaft in Österreich seit 1995 so gestiegen wie in der Volkswirtschaft insgesamt, müsste sie laut Wifo nominell 7,6 Mrd. Euro betragen. „Tatsächlich betrug sie im Vorjahr nur 4,4 Mrd. Euro“, heißt es im Wifo-Bericht.

Salzburger Nachrichten - Wirtschaft, 31. Oktober 2024

Die Zahl der Bauernhöfe sinkt weiter

Salzburg. Seit Tagen sorgen die heimischen Bauern wieder für Schlagzeilen. Dass sich der größte Handelskonzern Spar nicht mit der zweitgrößten Molkerei des Landes NÖM über die Preise einigen kann und die Bauern daher die Belieferung eingestellt haben, lässt die Wogen hochgehen. Zugleich zeigt es strukturelle Probleme in der heimischen Landwirtschaft auf – und die gehören noch keineswegs der Vergangenheit an.

In keinem anderen Betriebszweig hörten in den vergangenen Jahren so viele Bäuerinnen und Bauern auf wie in der Milchwirtschaft. Allein in den elf Jahren seit 2013 ging die Zahl der heimischen Milchproduzenten um mehr als ein Drittel auf rund 22.400 zurück. Noch drastischer fällt der Vergleich mit der Mitte der 1990er-Jahre aus. Damals gab es noch mehr als 81.000 Milcherzeuger in Österreich. Der ständige Preisdruck, hohe Kosten, immer neue Auflagen und Probleme mit der Hofnachfolge sind die Hauptgründe dafür. Zugleich freilich ist auch die Betriebsgröße deutlich angewachsen.

Ein Ende des viel beklagten „Bauernsterbens“ ist nicht in Sicht. Erst jüngst sorgte eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts KeyQuest unter den Bauern für Aufsehen. Demnach wird in den nächsten zehn Jahren die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe um weitere 15 Prozent zurückgehen. Die Zahl der Haupterwerbsbetriebe soll demnach sogar um 22 Prozent sinken.

Das hat laut Daten des Wirtschaftsforschungsinstituts längst Folgen, auch über die persönlich Betroffenen hinaus: Laut Wifo hat sich die landwirtschaftlich genutzte Fläche in Österreich in den vergangenen 50 Jahren von 3,6 Mill. auf 2,6 Mill. Hektar verkleinert, während die Wald- und Forstflächen von 2,9 Mill. auf 3,4 Mill. Hektar und die weder land- noch forstwirtschaftlich genutzten Flächen von 1,4 Mill. auf 2,4 Mill. Hektar wuchsen. Als Hauptgrund, aufzuhören, nennen Bauernn die fehlende wirtschaftliche Perspektive. 

Salzburger Nachrichten - Seite 1, 31. Oktober 2024

Donnerstag, 24. Oktober 2024

Das Ringen mit dem Wahlergebnis

 

Es war einer der entlarvendsten Tweets, die nach den Nationalratswahlen geschrieben wurden. "Stadt/Land -Gummistiefel vs. Herz und Hirn." Hier die Leute mit Verstand, Verantwortung, Umsicht und Weitblick, dort die Einfachen, Grobschlächtigen, Verblendeten, Engstirnigen, die zu schlicht gestrickt sind, um auch nur irgendetwas zu begreifen, war damit wohl gemeint. Hier die weltläufige Stadt und ihre Bewohner, da die Leute vom Land, die hinten geblieben sind. Gegenüber was auch immer. Mehr an Verachtung geht kaum und weniger Respekt auch nicht. Eindrücklicher könnte nicht beschrieben werden, warum das Land in der Lage ist, in der es ist.

Der Tweet zeigt aber auch, wie schwer sich viele tun mit einem in demokratischen Wahlen zustande gekommenen Ergebnis umzugehen. Links der Mitte will man nicht zur Kenntnis nehmen, dass einer wie Kickl als klarer Wahlsieger hervorgegangen ist, der ihrer Ansicht nach gar nicht hätte gewinnen dürfen und den sie auch nach den Wahlen immer noch mit aller Macht zu verhindern versuchen. Man protestiert nach Kräften, geht auf die Straßen und versucht mit Petitionen und Resolutionen, das Wahlergebnis am besten ungeschehen zu machen. Ganz so, als hätte es die Wahlen nicht gegeben.

Auf der anderen Seite, das soll nicht unerwähnt bleiben, tun sich freilich auch die, die Kickl zum großen Sieger gemacht haben, und auch Kickl selbst schwer damit, zur Kenntnis zu nehmen, dass sie eben nur 30 Prozent der Stimmen erreicht haben und dass das weit entfernt ist von einer absoluten Mehrheit, die es ermöglichen würde, wirklich anzuschaffen in diesem Land.

Auch wenn man davon kaum reden mag -es gehen Gräben durch das Land. "Die Stadt-Land-Kluft im Wahlverhalten, die es immer schon gab, wächst", schrieb eine Tageszeitung in einer Wahlanalyse. Das Verständnis der Gesellschaftsgruppen untereinander schwindet, Versuche, Brücken zu bauen, gelten nicht mehr viel, auch nicht miteinander zu reden oder gar aufeinander zuzugehen. Stattdessen Abgrenzung allerorten, Unverständnis, Kopfschütteln, Häme auch und oft sogar Wut. Auf allen Seiten der Gräben, die sich durch das Land ziehen.

Genau auch deswegen ist es zu dem Wahlergebnis gekommen, mit dem so viele im Land nicht zurechtkommen können. Man nimmt in den urbanen Räumen nicht zur Kenntnis, dass die Anforderungen draußen am Land oft ganz andere sind. Dass man sich dort zunehmend abgehängt fühlt, alleine gelassen, wenn der Greissler zusperrt, das Dorfwirtshaus, die Post, der Doktor und die Bank, oder wenn Betreuungsplätze für Kinder oft nur schwer zu finden sind. Man kann zuweilen wenig anfangen mit der immer lauter werdenden Kritik am Auto, wenn man kilometerweit bis zu nächsten Bus-oder Bahnhaltestelle fahren muss. Oft bleibt nichts als Staunen darüber, was da in der Stadt und in der Politik geredet und diskutiert wird, weil es mit der eigenen Lebenswelt so wenig zu tun hat.

Herbert Kickl hat es geschafft, diese Unzufriedenheit in Stimmen umzuwandeln. Die anderen, vornehmlich die links der Mitte, haben es nie geschafft, die Leute in dem Maß für sich und ihre Anliegen zu gewinnen. Ihre Ideen und Warnungen sind nicht angekommen. Im Gegenteil. Sie stärkten die andere Seite. Seit Jahrzehnten.

Aber es ist nicht alleine das. Betrachtet man die ländlichen Regionen, so ist es dort vor allem im konservativ-rechten Spektrum zu Wählerverschiebungen gekommen. Also zwischen der FPÖ und der ÖVP, die bis auf wenige Ausnahmen über Jahrzehnte gemeinsam die Mehrheit im Land halten. Und das sowohl auf der Ebene des Bundes und auch in vielen Ländern und Gemeinden. Es ist vor allem die ÖVP, die jene Stimmen verloren hat, die Kickl so stark gemacht haben. Jene ÖVP, die sich nicht stolz genug brüsten kann mit ihren Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern im ganzen Land und mit ihren Landeshauptleuten, und die sich so gerne selbst auf die Schultern klopft. Obwohl man überall die Schalthebel in der Hand hat, hat man es nicht geschafft, die Probleme, die die Leute drücken und mit denen sie sich herumschlagen müssen, aufzufangen.

Nun muss man sich vorhalten lassen, dass man, bei Licht betrachtet, eigentlich verantwortlich ist dafür, dass viele Leute am Land ihre Lage so empfinden, wie sie sie empfinden, und dass sie just deswegen diesmal bei der FPÖ ihr Kreuzerl gemacht haben.

Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 24. Oktober 2024
 
UA-12584698-1