Mittwoch, 14. Januar 2009

Faschiertes statt Lungenbraten





Die Krise trifft auch die Bauern. Sie werden aber mit einem blauen Auge davonkommen, obwohl die Preise im Keller sind.

HANS GMEINER Salzburg (SN). In der heimischen Milchwirtschaft schrillen die Alarmglocken. Der Absatz geht zurück, die Preise stehen so stark unter Druck wie schon lange nicht mehr. Die Leute kaufen weniger, heißt es. Und wenn sie kaufen, dann schauen sie genau auf die Preise. Während es bei den billigen Eigenmarken-Produkten des Handels zweistellige Zuwächse gibt, bleiben die teureren Markenprodukte der heimischen Molkereiwirtschaft in den Regalen liegen. Und das, obwohl auch sie in den vergangenen Monaten wieder deutlich billiger wurden.
Wie kaum sonst wo im Agrarbereich sind die Auswirkungen der Finanzkrise und der um sich greifenden Verunsicherung bei den Konsumenten so deutlich zu spüren wie bei Milch und Milchprodukten. Der Markt ist zusammengebrochen, die Preise, vor Jahresfrist noch auf historischen Höchstwerten, sind bei vielen Produkten um bis zu 50 Prozent gefallen. In manchen Molkereien liegen die Nerven blank. Bei der Salzburger Alpenmilch und bei der Tirolmilch wurden die Geschäftsführer in die Wüste geschickt. Milchpreise auf Talfahrt Auch die Bauern leiden. Die Erzeugermilchpreise liegen um gut ein Viertel niedriger als noch vor einem Jahr. Mit Jahresbeginn steht die nächste Preissenkung an. Statt gut 45 Cent pro Kilogramm zahlen die Molkereien nur mehr knapp über 30 Cent pro Kilogramm Milch. Ob es dabei bleibt, ist fraglich. In der Molkereiwirtschaft, der das Wasser bereits bis zum Hals steht, hält man weitere Preissenkungen für möglich. „Wir haben den Bauernmilchpreis in den vergangenen Monaten angesichts der Marktentwicklung zu wenig weit abgesenkt“, wird betont. Die Grenze von 30 Cent ist nicht mehr tabu. In Deutschland liegen die Preise in manchen Regionen bereits bei 24 bis 26 Cent.
Aber auch in allen anderen Zweigen der Landwirtschaft sind die Preishöhenflüge des Vorjahres Geschichte. Wie auf allen Rohstoffmärkten ist auch bei Agrarprodukten die Luft draußen. Die Spekulanten haben sich zurückgezogen. Das drückte genauso auf die Preise wie die gestiegene Produktion bei Milch, die guten Ernten bei Getreide, Mais und Ölsaaten und der gleichzeitig zurückgehende Konsum. Dazu kommen zunehmende Schwierigkeiten im Exportgeschäft, weil sich die Banken mit notwendigen Finanzierungen zurückhalten. Die Maislager sind voll „Bei Fleisch haben wir derzeit real ein Preisniveau wie Mitte der siebziger Jahre“, sagt Karl Bauer, Marktexperte der Landwirtschaftskammer Österreich im Gespräch mit den SN. Im Keller sind auch die Getreidepreise. Die Maislager sind in ganz Europa voll, statt 150 Euro pro Tonne wie im Jahr 2007 bekamen die Bauern im Vorjahr kaum mehr als 70 Euro pro Tonne. Die Weizenpreise stürzten seit der Ernte im August von 180 auf 120 Euro, die Preise für Ölfrüchte wie Raps und Soja halbierten sich.Unsichere Zeiten „Die Landwirtschaft befindet sich derzeit in einer Phase großer Unsicherheit, in der nicht klar ist, wohin sich die Märkte entwickeln“ sagt Franz Sinabell, Agrarexperte des österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung (Wifo). Er schätzt, dass sich daran in den nächsten zwei Jahren kaum etwas ändern wird. „Die Leute essen derzeit lieber Faschiertes als Lungenbraten.“
Das setzt auch den Biobauern und hochpreisigen Premiummarken wie dem kürzlich gestarteten „gut so!“ zu. Ihnen rät Sinabell, wie der heimischen Landwirtschaft insgesamt, nicht von der Qualitätsstrategie abzugehen. „Der Aufschwung wird wieder kommen und dann tun sich die leichter, die auch in schlechten Zeiten bei ihrer Linie geblieben sind.“
Allem Druck zum Trotz zählt der Wifo-Experte die Landwirtschaft zu den eher sicheren Branchen. „Die Landwirtschaft wird mit einem blauen Auge durch die Krise kommen“, ist er überzeugt. In keiner anderen Branche gebe es eine derart dicke Eigenkapitaldecke. „70 Prozent der bewirtschafteten Flächen stehen im Eigentum der Bauern“, sagt Sinabell. „Das hilft beim Durchtauchen.“ Bauern investieren weniger Unternehmen, die von der Landwirtschaft leben, würden sich allerdings schwerer tun, befürchtet Sinabell. Er erwartet, dass beispielsweise die Landtechnik-Industrie vor schwierigen Zeiten steht. Die Zurückhaltung der Bauern bei Investitionen ist dort bereits zu spüren. „Die Bauern investierten in den vergangenen Monaten weniger, aber nicht so dramatisch weniger wie in anderen Sparten“, sagt Rudolf Hinterberger vom Traktorenhersteller Steyr. Sein Unternehmen blieb von Kaufzurückhaltung bisher verschont. Sogar im November, als die Zahl der verkauften Traktoren bereits um ein Prozent unter dem vergleichbaren Vorjahresmonat lag, gab es beim österreichischen Hersteller noch Zuwächse.
Es herrscht aber nicht nur Tristesse. Optimisten unter den Landwirten verfolgen mit Interesse, dass in Osteuropa im Herbst deutlich weniger Getreide angebaut wurde, weil dort Geld für Saatgut, Dünger und Pflanzenschutzmittel fehlt. Jetzt hoffen die heimischen Bauern darauf, dass das gut für die Preise sein wird und sie der Krise doch noch ein Schnippchen schlagen können.
Wirtschaft / 14.01.2009 / Print

Donnerstag, 8. Januar 2009

Bauern sind auch keine Heiligen





In der heimischen Landwirtschaft klagt es wieder einmal aus allen Ecken. Die Bauern sind unrund, weil die Konsumenten gerne das Angebot in den Supermärkten annehmen und nicht mehr so freudig wie in den vergangenen Jahren zu heimischer Teebutter greifen, sondern gerne auch zu billiger Importbutter.

Da leuchten gleich alle Alarmsignale dunkelrot und die Maschinerie beginnt zu laufen. Wenn nicht gerade die IG-Milch ihre "Rebellen" zum Demonstrieren schickt, tut es der Bauernbund. "Eines von zehn Milchpackerln mehr aus dem Ausland bedeutet in jeder Landgemeinde einen Arbeitslosen mehr", lässt man einen Universitätsprofessor ausrechnen.

Da kam zupass, dass man sich wegen des irischen Dioxinfleischs gleich auch über die Fleischimporte echauffieren konnte.

Ja, warum dürfen's denn das überhaupt?

Allzu viele Bauern und Agrarfunktionäre fragen sich das ernsthaft. Immer noch. Und man kann sich immer noch in Rage reden. Ausländische Lebensmittel? Massenware, keine Qualität, ja, eine Gefahr für die Gesundheit! Teufelszeug! Österreich, die einzige Insel der Seligen.

Irgendetwas kriegen da viele in der Landwirtschaft nicht auf die Reihe. Auf der einen Seite sind sie stolz auf die Exporterfolge der vergangenen Jahre und darauf, dass die Produkte aus Österreich überall so beliebt sind. Jedes Jahr werden neue Exportrekorde gefeiert. Bei Milch und Käse, bei Fleisch, bei Futtermitteln und bei vielen, vielen anderen Produkten.

Die Entwicklung der Agrarexporte ist seit dem EU-Beitritt eine der großen Erfolgsstories der heimischen Wirtschaft: Die Exporte haben sich auf mehr als sieben Milliarden Euro vervierfacht. Selbst wenn man Exportschlager wie Red Bull weglässt, das ebenfalls in der Statistik der Agrarexporte geführt wird, bleibt noch ein riesiger Zuwachs.

Auf der anderen Seite wollen viele Bauern nicht zur Kenntnis nehmen, dass die Importe, gegen die sie immer wieder Sturm laufen, in den vergangenen Jahren deutlich weniger angestiegen sind, mithin die heimische Landwirtschaft zu den Gewinnern zählt. Erstmals hat Österreich im Vorjahr sogar mehr Lebensmittel und Agrarprodukte exportiert als importiert.

Da sei die Frage erlaubt, wer muss sich da mehr fürchten? Die österreichischen Bauern vor Fleisch, Käse, Milchprodukten aus Frankreich, Deutschland, Italien, Südamerika, Polen oder wie all die Länder heißen, die ständig als Bedrohungsszenario im Mund geführt werden. Oder sind es nicht doch die Bauern in Deutschland, Tschechien, Ungarn, Polen, die sich mehr ärgern könnten, weil in ihren Ländern so viele österreichische Produkte verkauft werden und ihnen Absatzmöglichkeiten wegnehmen?

Allein die Ausfuhren von Milch und Milchprodukten wuchsen zwischen 1995 und 2007 von 186 Millionen Euro auf 860 Millionen Euro. Wenn man dann schon beklagt, dass eines von zehn Milchpackerln aus dem Ausland einen Arbeitsplatz kostet, dann soll man einmal ausrechnen, wie viele Arbeitsplätze der Zuwachs der heimischen Exporte gebracht hat.

Man mag sich gar nicht ausdenken, was wäre, wenn wir hätten, was manch österreichischer Bauer sich so sehnlich wünscht: dichte Grenzen. Aber über so etwas reden die Bauern nicht gerne. Es hat Tradition, dass man gerne unterschiedliche Maßstäbe anlegt, wenn es denn nur dem eigenen Vorteil, der eigenen Position dienen könnte. Mit Verlaub - alle Scheinheiligkeit inklusive. Denn, was von den Konsumenten eingefordert wird, lassen die Bauern selbst allzu oft vermissen, wenn es nur um den eigenen finanziellen Vorteil geht.

Sie sind, so ehrlich müssen sie sein, selbst alles andere als Heilige. Was hat man da nicht schon alles erlebt: Aus Tschechien, Polen, ja sogar aus Russland wurden nach dem Fall des Eisernen Vorhanges Landmaschinen und Traktoren herbeigekarrt. Für Futter- und Pflanzenschutzmittel, die auch in Österreich erzeugt wurden, fuhr man bis Frankreich und weit hinunter nach Osteuropa. Und nur ein geringer Teil der Milchbauern, die ganz besonders laut von Konsumenten und Handel Treue zu österreichischen Produkten einmahnen, fahren Steyr- oder Lindner-Traktoren.

Gerade die am lautesten schreien, fahren oft selbst am weitesten, wenn sie nur weniger zahlen müssen.

Man versteht auch den Unmut und die Verärgerung mancher Geschäftsleute, die immer wieder erleben müssen, wie schwer sich Bauern tun, Abmachungen zu respektieren, oder wenn sie Verständnis bräuchten. Da vergessen die Bauern links und rechts sehr schnell alles. Sind die Preise hoch, will man alles - auch im Nachhinein und ganz selbstverständlich. Sind die Preise tief, will man davon nichts wissen und pocht auf Verständnis. Und das mit der Faust und Politikern im Rücken, die Stimmen erhoffen. Man frage nur, was Getreideaufkäufer in den vergangenen zwei Jahren alles erlebt haben.

Und, ganz ehrlich, man möchte in vielen bäuerlichen Vorratskammern nicht Mauserl sein. In wie vielen Fällen müsste man sich da wohl von Nudeln vom Diskonter, von Billig-Käse einer Handels-Eigenmarke, von Semmeln und Brot aus der jüngsten Supermarktaktion und von Aktions-Fleisch aus der Tiefkühltheke ernähren? Und dass man oft auch auf billige Butter aus Ostdeutschland stoßen würde, ist auch nicht so unwahrscheinlich. Man weiß ja auch auf den Bauernhöfen zu sparen. Gerade dort.

Die Lage der Bauern, das wissen wir, ist nicht einfach. In den vergangenen Monaten hat sich alles wieder zum Schlechteren gewendet. Das freilich nicht nur für die Bauern. Darum sollten die Agrarier den Blick für die Realität schärfen, doch wieder einmal über den Tellerrand schauen und sich nicht in einer wehleidigen Nabelbeschau ergehen. Sie werden draufkommen: Die da draußen sind auch nicht schlechter, schon gar nicht so schlecht und böse, wie die Bauern oft meinen. Vielleicht sind sie ja gar nicht anders als sie selbst.

Hans Gmeiner
"Raiffeisenzeitung" Nr. 01+02/09 vom 08.01.2009

Freitag, 2. Januar 2009

Der Schlendrian wird zur Gefahr





War das eine Aufregung in den Tagen vor Weihnachten. Irisches Dioxinfleisch in Österreich - o Graus! Kammerpräsidenten taten ihre Entrüstung per Presseaussendungen kund, die AMA-Marketing lud eilends zu einem Informationsgespräch. Da Sprechblasen, dort Sprechblasen, da Stellungnahmen und dort Klagen. Dabei konnte der heimischen Landwirtschaft gar nichts Besseres passieren. Sollte man meinen. Solche Skandale geben doch Gelegenheit, die Vorzüge der hiesigen Landwirtschaft und ihrer Produkte in die Auslage zu stellen. Dumm nur: Das geht nicht, ohne sich selbst kräftig anzupatzen.

Einmal abgesehen vom Dioxin im Fleisch, das ja nicht die Regel, sondern die kriminelle Ausnahme ist, und abgesehen davon, dass grundsätzlich nichts gegen Importe einzuwenden ist, weil ja auch die österreichische Landwirtschaft vom internationalen Handel lebt: Aber was sollen Konsumenten denken, wenn sie erfahren müssen, dass Tiroler Bauernspeck aus irischem Fleisch erzeugt wird? Dass ein Wiener Fleischer, der mit einem "Wiener Wurstgütesiegel" wirbt, durchaus auch im Ausland einkauft? Und das alles gesetzlich gedeckt und mithin völlig legal, mit viel Rot-weiß-rot auf der Verpackung, dem österreichischen Genusstauglichkeitskennzeichen und vielleicht auch noch einem Bundesadler?

Sie werden sich betrogen fühlen. Und das völlig zu Recht. Es wird ihnen in Zukunft wohl egal sein, woher der Speck, die Wurst, das Fleisch, die Butter kommt. Österreichische Qualität ist für sie, zumal dann, wenn sie noch dazu mehr dafür bezahlen sollen, wohl kaum mehr ein wichtiges Kaufkriterium.

Der Dioxinfleischskandal legt den Schlendrian in der Lebensmittelkennzeichnung offen. Der wird mittlerweile zur Gefahr für Österreichs Qualitäts-Strategie bei Lebensmitteln, weil die Konsumenten sich nicht mehr auskennen und sich verschaukelt fühlen. Und das gerade jetzt, wo die Treue wegen der zuweilen großen Preisunterschiede ohnehin schon stark strapaziert ist. Viele von denen, die sich da vor den Feiertagen entrüstet geäußert haben, haben dieser Entwicklung jahrelang zugeschaut. Achselzuckend. Die politischen Möglichkeiten in der Regierung, die ihnen die Bauern als überwiegend treue Bauernbund- und damit ÖVP-Wähler gegeben haben, haben sie nie genutzt, um diese Missstände zu ändern.

Es ist ihnen nie gelungen, zwischen all den EU-Vorgaben zur Kennzeichnung von Lebensmitteln Klarheit zu schaffen. Sie haben nichts getan, als der Handel mit viel Fantasie immer neue Zeichen und Fähnchen erfand, um Wurst, Käse, Schinken und Schnitzel in Inseraten als "österreichisch" auszuloben, ohne genau zu sagen, was dahinter steckt. Sie haben zugeschaut, wie Verbände und Organisationen mit immer neuen Siegeln die Konsumenten schwindlig machten, und den Wildwuchs auch noch mit hunderttausenden, ja Millionen Euro gefördert. Ja, sie haben mitunter sogar kräftig mitgeholfen, die Konsumenten hinters Licht zu führen. Man denke nur an den Kniefall vor Werner Lampert und dem Diskonter Hofer, für die man die Umstiegszeit auf Bio-Produktion halbierte. Man denke aber auch an die vielen Genussregionen und die Produkte, die dort erzeugt werden. Klingen allesamt gut, aber klare Regelungen dafür gibt es nicht.

Man darf gespannt sein, ob sich bei den Verantwortlichen die Lethargie jetzt löst. Als gelernter Österreicher fährt man wohl besser, wenn man das bezweifelt.

"Blick ins Land" Nr. 01/09 vom 02.01.2009

Montag, 1. Dezember 2008

… und es denkt sich niemand etwas dabei





Nicht weniger als 80 Vorschriften und Produktionsregeln muss ein Landwirt beachten, der für Franz Fischlers "gut so!"-Programm Milch erzeugt. Bei Werner Lamperts "Zurück zum Ursprung" wird's nicht viel weniger sein. Und auch nicht beim AMA-Gütesiegel und schon gar nicht bei den Bio-Verbänden und den vielen anderen Programmen. Aber auch wer nicht im Rahmen von Sonderprogrammen produziert, hat es kaum besser. 64 Seiten umfasst alleine das Heft, in dem alle Vorschriften zusammengefasst sind, die ein Landwirt beim Ausfüllen des Mehrfachantrags zu beachten hat. Dazu kommen dutzende Seiten mit Cross-Compliance-Paragraphen und allerlei anderen Feinheiten, die von den Bauern beachtet werden müssen, damit sie ans Geld kommen.

"Die spinnen, die Bürokraten", denken sich immer mehr Bauern. Für 95 Prozent von ihnen steht inzwischen die Eindämmung der Bürokratie an vorderster Stelle, wenn man sie nach ihren dringlichsten Wünschen fragt. Zu verdenken ist es ihnen nicht. Denn all die bürokratische Pein samt finanziellem Striptease steht zumeist in keiner Relation zum Mehrverdienst, den sie dafür bekommen. Ein paar Cent sind es beim Gütesiegel-Fleisch, ein paar Cent bei anderen Qualitätsprogrammen. Man muss selbst als Biobauer zumeist froh sein, wenn sich da gerade einmal der Mehraufwand rechnet. In vielen Fällen ist es oft nicht einmal das. Da sei nur die Umstellung auf gentechnikfreie Fütterung in der Milchproduktion genannt. Der Ausgleich der Mehrkosten, den damals die Molkereien den Bauern vollmundig versprochen haben, ist längst in Vergessenheit geraten. Das zeigte sich gerade in den vergangenen Wochen bei Milch und Molkereiprodukten. Dass in Österreich gentechnikfrei gefüttert wird, ist den Konsumenten keinen Cent wert. Und dem Handel schon gar nicht. Was von der heimischen Landwirtschaft immer wieder gefordert wurde, interessierte mit einem Mal niemanden mehr. Wenn es aber nur das wäre. Was ebenso schwer wiegt: Trotz aller Vorschriften und Kontrollen geht immer noch jede Menge daneben. Staunend muss man, wie beim jüngsten Bio-Skandal, zur Kenntnis nehmen, wie lückenhaft das System ist. Die Landwirtschaft scheint dabei zu sein, zu einem Selbstbedienungsladen für Geschäftemacher zu werden, die mit den Bauern nach Belieben fuhrwerken. Nicht nur für Handel und Verarbeiter, sondern auch für die Kontrollore. Die Ausarbeitung aller Vorschriften und deren Überwachung sind längst zu einem Millionengeschäft geworden. Werner Lampert lebt mit eigener GmbH davon und nahm dafür erst kürzlich einen 1,5-Mill.-Euro-Zuschuss vom Bund. Die "fairea" von Franz Fischlers Ökosozialem Forum erhielt 400.000 Euro für "gut so!".

Bei den Kontrollunternehmen selbst herrschen, man mag es kaum anders nennen, ohnehin fröhliche Zuständ. Die am Produktionsprozess Beteiligten machen am liebsten auch gleich die Kontrolle selbst. So mischen die Bioverbände nach wie vor bei der Austria Bio Garantie mit, hat der grüne Abgeordnete Pirklhuber mit der BIOS sein eigenes Unternehmen, ist die Biobäckerei Mauracher an Lacon beteiligt und macht sich manche Landwirtschaftskammer mit der Beteiligung an Kontrollfirmen ein Körberlgeld. Und so weiter und so fort. Und als ob das nicht genug wäre, sitzen die Kontrollstellen auch gleich in jenen Gremien, die die Kontrollrichtlinien beschließen. Und offenbar niemand denkt sich etwas dabei. Nur die Bauern. Aber auf die hört anscheinend keiner.

"Blick ins Land" Nr. 12/08 vom 01.12.2008

Dienstag, 18. November 2008

Die schmutzige Seite des Biogeschäfts





Auf krummen Wegen und zuweilen falsch deklariert kommt Biogetreide nach Österreich. Diese Machenschaften zerstören den Glauben an eine „gute“ Branche.

HANS GMEINER Salzburg (SN). Konventionell erzeugtes Getreide wird in Deutschland auf die Reise geschickt und kommt über Italien in Österreich als Biogetreidean. Mit Pflanzenschutzmitteln belastetes „Biogetreide“, das von dem einen Futterhersteller abgelehnt wird, nimmt der nächste,ohne lange zu fackeln. Das Protokoll einer Zeugenvernehmung, das in Biokreisen kursiert, zeigt die Abgründe des Biobusiness. Mit den Vorstellungen, die sich ein Konsument von Bioprodukten und Biolandbau macht, hat das nichts zu tun.
Wie alle anderen Bauern leiden auch die heimischen Biolandwirte unter einem massiven Kostendruck. Besonders angespannt ist die Lage bei Futtergetreide. Es soll bio und dennoch möglichst billig sein. Das zieht dubiose Geschäftemacher an. Die Fälle, in denen sich das als bio gelieferte Futtergetreide in Analysen als ganz normale konventionell erzeugte Ware erweist, häufen sich.
Dem Vernehmen nach liegen tausende Tonnen falsch deklarierter Ware in Sperrlagern. Wie viel davontrotzdem auf den Markt gekommen ist, ist ungewiss. An der Wiener Getreidebörse läuft ein Verfahren, die Kripo ermittelt, gegen italienische Firmen laufen strafrechtliche Verfahren.
Das wurde jetzt auch Andreas Kocourek von der Agentur für Bio Getreide zu viel. In einem Schreiben an Geschäftspartner warnt er vor Direktimporten. Diesem Schreiben beigefügt ist ein polizeiliches Vernehmungsprotokoll, in dem Kocourek, einer der besten Kenner der Szene und selbst (noch nicht rechtskräftig) wegen Unregelmäßigkeiten bei Importen verurteilt, Einblick in die Machenschaften gibt – „zu Ihrer Information, als auch zur Vorbereitung für allfällige Ermittlungen der Kriminalpolizei“.
Darin hält der Dritteleigentümer der Agentur für Bio Getreide fest, dass es bei einer italienischen Firma, über die sein Unternehmen Biogetreide importierte, immer wieder Verunreinigungen mit Lagerschutzmitteln und Pestiziden gegeben habe. Von mehr als 500 Lieferungen dieses Lieferanten zwischen November 2007 und September 2008 waren laut Kocourek fast 100 Lieferungen falsch deklariert. „Als pauschale Rechtfertigung gaben die Mitarbeiter dieser Firma immer wieder an, dass lediglich wir so zimperlich seien“, heißt es in dem Protokoll. „Sie würden die von uns beanstandeten Getreideprodukte in ganz Europa verkaufen.“ Sowohl bei Gerste als auch bei Mais ließen die Italiener laut Kocoureks Aussagen gegenüber der Polizei erkennen, dass vor allem in Salzburg und Oberösterreich Erzeuger von Biofuttermitteln diese Wareübernehmen würden.
Das Geschäft mit der falschen Bioware ist grenzüberschreitend organisiert. So wird in dem Vernehmungsprotokoll ein deutscher Getreidelieferant genannt, der just an die in Rede stehende italienische Firma in großem Stil konventionelle Ware aus dem Raum Bamberg lieferte. Isotopenuntersuchungen bestätigten, dass genau diese Ware als „italienische“ Biogerste nach Österreich kam.
Nicht ganz unverantwortlich für die derzeitigen Zustände ist Bio Austria. Der Biobauernverband forcierte die Importe, um den Preisdruck für die Bauern zu mildern. Dabei wäre das gar nicht mehr nötig.Es gibt heuer in Österreich mehr als genug Biofuttergetreide.
Wirtschaft / 18.11.2008 / Print

Bioland im Biosumpf





O Bioland Österreich! Man mag nicht glauben, was sich da im Handel mit Biogetreide abspielt. Da scheinen alle Dämme gebrochen. Woran soll man noch glauben? Und wem? Die Glaubwürdigkeit einer ganzen Branche steht auf dem Spiel.

Die wahren Opfer sind die Bauern. Nicht nur, weil ihnen höchstwahrscheinlich immer wieder einmal falsche Ware untergejubelt wurde. Sie sind es auch, die das Desaster ausbaden müssen.

Das Image der Biolandwirtschaft steht ohnehin bereits unter Druck. In den Supermärkten brechen die Umsätze weg. In Deutschland schließen Biomärkte bereits Filialen. „Bio ist heute nichts besonderes mehr", sagen Meinungsforscher. Regionalität ist das Schlagwort der Stunde. Lebensmittelmarken, die darauf setzen, buhlen um die gleiche Kundschaft.
Da sind Machenschaften wie auf dem Biogetreidemarkt reines Gift.

Fragt sich bloß, warum die Agentur für Bio Getreide, wichtigster Händler in Österreich, nicht beim ersten Verdacht die Geschäfte mit dem italienischen Partner beendete, sondern über Monate weitergemacht hat.
Es fragt sich auch, wie es um das Kontrollwesen im Lebensmittelbereich steht.
Und es fragt sich, warum Bio Austria nach dem heurigen Sommer sogar die Importe noch forcierte, obwohl die Versorgungsengpässe des Vorjahres längst Geschichte waren.
Wenn sie das schon nicht einem Richter erklären müssen, den Bauern gegenüber müssen sie es tun.

Von Hans Gmeiner am 18. Nov 2008 in Wirtschaft

Samstag, 1. November 2008

Fesche Party mit fatalem Ende?





Es war eine fesche Party, die da im schicken Wiener "Volksgarten" abging. Die Models waren sowieso fesch. Und auch die Schlagzeilen. "Sexy, selbstbewusst und kein bisschen langweilig: Der Jungbauernkalender für das Jahr 2009 zeigt die schönsten Seiten der heimischen Landwirtschaft."

Das pfeift! Alles paletti also, zeigte man doch allen: "Wir sind gar nicht so hinterwäldlerisch, wie alle meinen."

Na Gott sei Dank! Ist doch jetzt immerhin schon zehn Jahre lang Programm.

Aber sonst?

Aber sonst ist's, mit Verlaub, nicht so toll. Schon gar nicht so schlagzeilenträchtig. Da dienen die Jungbauern in der Öffentlichkeit allenfalls als Echo der Politik, die die Alten machen. Brav wird nachgebläfft, dass die Bauern keine Preistreiber sind, man "begrüßt" artig einen Bericht des EU-Parlaments über die Zukunft der jungen Bauern, man hält im Bierzelt die in der Zentrale gemalten Transparente in die Höhe, wenn ein Willi Molterer wahlkämpft. Und der Tag der "Jungen Landwirtschaft" ging vor wenigen Tagen bezeichnenderweise gleich in der Sozialversicherungsanstalt der Bauern über die Bühne. Eines der zentralen Themen dort (ja, es beschleicht einen eine gewisse Vorahnung): Pensionsversicherung.

Und das am "Tag der jungen Landwirtschaft".

Da ist weit und breit nichts von dem zu sehen, was man vom bäuerlichen Nachwuchs erwarten würde: neue Ideen, neue Gedanken, Forderungen, ein Drängen und Nachdrängen. Nirgendwo auch nur so etwas Ähnliches wie ein Stachel im Fleisch der Altvorderen.

Schon gar nicht ein Stachel in deren Sitzfleisch. Von den insgesamt zwölf Abgeordneten, die für den VP-Bauernbund im neuen Nationalrat sitzen, ist nur ein einziger unter vierzig. Zweitjüngster ist übrigens dann schon der - wohl - künftige Vizekanzler, der auch auf dem Bauernbund-Ticket kandidierte.

All das sind aber nicht allein Probleme der Jungbauernschaft des Bauernbundes und damit der VP. Mitnichten. Es sind Probleme, die auf die gesamte junge Bauernschaft in Österreich zutreffen.

So tüchtig, offen und auch erfolgreich sich junge Bäuerinnen und Bauern bei der Arbeit und bei der wirtschaftlichen Führung ihrer Höfe zeigen, so sehr lassen sie immer öfter den Blick aufs Ganze vermissen.

Über dem Streben nach wirtschaftlichem Erfolg in der Landwirtschaft und Karriere im Nebenerwerb hat man vor allem die Bedeutung der Politik aus den Augen verloren. Weil man ohnehin bis weit über den Kopf nicht nur auf dem Hof, sondern auch im Job in der Arbeit steckt, hat kaum mehr jemand Lust, sich mit grundsätzlichen Fragen der Landwirtschaft respektive der Agrarpolitik oder der Position der Bauern in der Gesellschaft auseinanderzusetzen.

Das ist ihnen nicht zu verdenken. Aber zu akzeptieren ist es deswegen noch lange nicht.

Nicht nur Ortsbauernschaften verkümmern, weil niemand mehr bereit ist, Verantwortung zu übernehmen, sich vorne hinzustellen, Ideen zu entwickeln, an Lösungen mitzuarbeiten. Das zieht sich bis nach oben hin, bis in die Kammern, bis in die Parteien, bis ins Ministerium. Der Stil, die Formalismen, die Sitzungen, die Leerläufe - das alles zehrt oft nur an den Nerven. Der Nachwuchs ist verschreckt und wendet sich mitunter mit Grausen.

Er sollte es nicht. Denn ohne große Not und ohne viel Nachdenken geben damit die jungen Bauern die Landwirtschaft auf, ja schmeißen sie regelrecht weg.

Und das ist dann wohl nicht so fesch - und schon gar nicht sexy.

"Blick ins Land" Nr. 11/08 vom 01.11.2008
 
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