Dienstag, 27. August 2013

Kataloge des Versagens


 
Die ersten Plakate hängen. Der alte weißhaarige Herr machte den Anfang. "Aufrichtig" zu sein stellt er denen in Aussicht, die ihm ihre Stimme geben, "Frank" eben. "Weniger belämmert als die anderen zu sein", versprechen die Grünen, "Genug gezahlt" befindet das BZÖ und "Liebe deinen nächsten", empfiehlt die FPÖ doppelzüngig. "Wir kämpfen um jeden Arbeitsplatz" verspricht die SPÖ. Und die ÖVP meint, dass Österreich den Entdeckern gehöre.

Ja eh. Aber wen wählen?  Ein großer Teil der Österreicherinnen und Österreicher weiß es noch nicht. Noch immer nicht. Ihre Unsicherheit ist nachzuvollziehen. Insbesondere, was jene betrifft, die damit hadern, der SPÖ oder der ÖVP ihre Stimme zu geben. Denn während die Oppositionsparteien mit dem Bonus der Unschuld antreten, weil sie in keiner politischen Verantwortung stehen, ergo auch nichts falsch gemacht haben können, sind die Wahlprogramme der beiden Regierungsparteien, wenn man sie denn ernst nimmt, bei Licht betrachtet nichts anderes als Kataloge ihres Scheiterns.

Wenn die ÖVP zum x-ten Mal ein Familienprogramm propagiert, zeigt das nichts anderes, als dass sich die in den vergangenen Jahrzehnten vorgeschlagenen Maßnahmen als untauglich erwiesen und immer noch hoher Handlungsbedarf besteht. Nicht anders verhält es sich, wenn die Sozialdemokraten mehr Gerechtigkeit einmahnen und "Arbeit und gerechte Löhne für alle" fordern und ihre Vorfeldorganisation, die Arbeiterkammer, feststellt, wie ungleich die Vermögen in Österreich verteilt sind.

So gesehen ist die Liste des Versagens lang. Angesichts der Ernsthaftigkeit mit der vom p.t. Wahlpublikum eingefordert wird, die Wahlversprechen für bare Münze zu nehmen entbehrt sie nicht eines gewissen Amusements, soferne man nicht der Verärgerung respektive Verwunderung über soviel Chuzpe anheim fällt.

"Mehr Leistung und ein übersichtlicheres System", fordert etwa die ÖVP in der Familienförderung, "Ein Pensionsrecht für alle", den Ausbau der Berufsorientierung in den Schulen und die Schaffung von Einstiegshilfen in das Arbeitsleben. Man verspricht eine Mittelstandsfinanzierung durch Mittelstandsfinanzierungsgesellschaft zu erleichtern und zu forcieren, über die Private direkt an der Entwicklung von KMU teilhaben können, und stellt in Aussicht im Rahmen eines "Programms zur Entfesselung der Wirtschaft" den Abbau bürokratischer Hürden und eine Jungunternehmeroffensive umzusetzen. Ganz so, als ob man nichts mit dieser Thematik zu tun gehabt hätte und nicht seit Jahr und Tag das Wirtschaftsministerium und das Finanzministerium dazu in schwarzen Händen sind. In die gleiche Kategorie fällt das Versprechen Unternehmensgründungen durch den Abbau von Bürokratie zu erleichtern. Gar nicht zu reden von des ÖVP-Obmannes vollmundigen Versprechen 420.000 neue Arbeitsplätze bis 2018 zu schaffen.

Um keinen Deut vertrauensbildender nimmt sich aus, wenn sich die SPÖ trotz Jahrzehnten an der Macht immer noch genötigt sieht, die Forderung nach "Arbeit und gerechte Löhne für alle" einmahnen zu müssen. Nicht anders verhält es sich mit dem Ruf nach gleichen Lohn für gleiche Arbeit und einem gemeinsamen Arbeitsrecht für alle. Wenn man das bisher nicht geschafft hat, sollte man eigentlich in sich gehen und sich ein bisserl schämen, zumal dann ,wenn man gerne großspurig und besserwisserisch auftritt. "Heizung für all leistbar machen" fällt genauso in diese Kategorie wie das Projekt  73 in den Bundeskanzlers Katalog für Österreich. "Aktiv in die Arbeit der Vereinten Nationen einbringen" nimmt man sich dort vor. Was hat man denn bisher getan, muss man sich da wohl fragen.

Und das nicht nur, wenn es um das Engagement bei den Vereinten Nationen geht. Angesichts vieler Wahlversprechen fragt man sich: Was haben SPÖ und ÖVP in den vergangenen Jahren gemacht? Wozu war die große Koalition gut, die immer mit der ihr angeblich innewohnenden Entscheidungskraft begründet wurde?

Wenn sie wirklich so wenig zusammengebracht haben, wie sich das als Umkehrschluss aus den Wahlforderungen der beiden Regierungsparteien ergibt, dann ist niemandem von denen, die derzeit zaudern und zögern, zu verübeln, dass sie mit dem Gedanken spielen, es einmal mit anderen zu versuchen. Vielleicht mit denen, die "weniger belämmert" sind, die versprechen "aufrichtig" zu sein oder gar mit denen, die das Wort Nächstenliebe im Mund führen. 

Ob sie damit besser fahren, als mit Schwarz oder Rot steht freilich auf einem anderen Blatt.
 
Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 23. August 2013

Mittwoch, 21. August 2013

Jenseits der Romantik



Die Landwirtschaft ist nicht so romantisch, wie es die Öffentlichkeit gern hätte. Vor allem die konventionellen Bauern geraten deswegen unter Druck.

In der heimischen Landwirtschaft geraten die Relationen aus dem Lot. In der breiten Öffentlichkeit scheinen die Biobauern und die Kleinlandwirte alle Sympathien zu haben. Die konventionelle Landwirtschaft und größerebäuerliche Betriebe hingegen geraten seit geraumer Zeit immer stärker unter Druck.

In Österreich hat sich ein Klima aufgebaut, das viele konventionelle Bauern mittlerweile als Bedrohung empfinden. Ihre Produktionsweisen werden in Zweifel gezogen und es wird einer Form der romantisierenden Subsistenz-Landwirtschaft das Wort geredet, die sich an Träumen von einem Agrarwesen längst vergangener Zeiten orientiert, nicht aber an den Verhältnissen auf den Märkten. Über die Folgen für die Sicherung der Versorgung mit Lebensmitteln und davon, dass die Lebensmittel dann deutlich teurer wären, mag hingegen niemand reden.

Konventionelle Bauern tun sich immer schwerer damit, mit dem vor allem in der Werbung gezeichneten Bild einer Heilen-Welt-Landwirtschaft mit geschwätzigen Schweinchen und kitschigen Bildern abseits der täglichen Realität auf den Höfen zurechtzukommen. Damit werden Erwartungen in die Landwirtschaft projiziert, die in der Realität kaum mehr erfüllbar sind. Für die Bauern sind sie zu einer großen Belastung geworden. Denn längst bestimmen diese Bilder auch die politische Diskussion und damit den Forderungskanon, dem sich die heimischen Bauerngegenübersehen.

Handel und NGO geben in dieser Diskussion den Takt vor. Lang ist die Liste der Vorschriften, die den Bauernaufgezwungen wurden und die sie im Wettbewerb benachteiligen, weil sie in anderen EU-Staaten später in Kraft treten oder gar nicht gelten. Der Bogen reicht vom vorzeitigen Verbot von Neonicotinoiden in der Saatgutbeizung bis zur GVO-freien Fütterung. Die finanziellen Nachteile daraus müssen die Bauern selbst tragen.

Denn auf den Märkten wird eine andere Sprache gesprochen. Dort hat das, was in Österreich zuweilen als ausschließliche Zukunft der Landwirtschaft gesehen wird, nicht den Platz, den manche glauben machen möchten. Und danach, ob die Agrarprodukte von kleinen oder großen Bauern kommen, fragt niemand.

Sollen diese Produkte auch künftig aus Österreich kommen, muss der konventionellen Landwirtschaft und konkurrenzfähigen Betriebsgrößen der entsprechende Rang zugestanden werden. Denn es ist immer noch die konventionelle Landwirtschaft, die mehr als 90 Prozent der Lebensmittel erzeugt und so die Versorgung zu Preisen sichert, die für alle Bevölkerungsschichten erschwinglich sind.

Ähnlich verhält es sich mit der Produktionsleistung von kleinen und größeren Betrieben. Bei Getreide etwa liefern die an der Betriebsgröße gemessenen oberen 19 Prozent 51 Prozent der Produktion. Die 19 Prozent der Betriebe am unteren Ende der Größenskala bringen es dagegen nur auf drei Prozent der Produktion. In den anderen Sparten ist es kaum anders. Das alles sind keine Gründe, Bio schlechtzumachen und kleine Betriebe nicht zu unterstützen. Das alles sind aber Gründe, konventionelle Landwirtschaft und entsprechend große Betriebe nicht permanent schlechtzumachen, sondern alles zu tun, um auch sie abzusichern.



Salzburger Nachrichten - Wirtschaft, 21. August 2013

Donnerstag, 15. August 2013

Die verlorene Glaubwürdigkeit





Im Vorjahr die Kastenstände, heuer die Bienen, das Glyphosat und immer wieder Untergriffe der Arbeiterkammer. Und dann auch noch der Rechnungshof, der monierte, dass die Ziele des Umweltprogrammes zu allgemein formuliert sind.

Den Bauern fliegen aus allen Winkeln der Gesellschaft längst nicht mehr nur in Vorwahlzeiten Vorhaltungen um die Ohren. Das Misstrauen wächst, die Glaubwürdigkeit der Bauern steht in Zweifel. Die haben heute in der breiten Öffentlichkeit sehr viel eher die NGO's, Handelsgurus wie Werner Lampert oder Experten der Arbeiterkammer, als die Bauern und ihre Vertreter. 

Die Landwirtschaft hingegen tut sich immer schwerer, ihre Ansichten und Bedürfnisse für jedermann verständlich darzulegen. Man glaubt ihr nicht.

Das hat damit zu tun, dass man hat es sich seit Jahrzehnten oft zu einfach macht. Saubere, gute und durchgängige Argumentation von Bauernseite ist selten. Die Argumente sind oft schwach und kaum belastbar. Man ist allzuoft nicht bereit, auf die Vorhaltungen von Kritikern ernsthaft einzugehen, und glaubt mit Allgemeinplätzen à la "Bauern sind die besten Naturschützer" in der öffentlichen Meinung durchkommen zu können. Da eine kleine Antwort und dort eine. Und wenn gar nichts mehr geht, stellt man sich als unverstandenes Opfer dar.

Oft ist Hochnäsigkeit der bäuerlichen Vertreter der Grund dafür, manchmal Präpotenz und Gedankenlosigkeit, allzu oft aber schlichte Unfähigkeit wirklich Antworten zu geben auf Fragen wie "Wie umweltfreundlich erzeugen Österreichs Bauern wirklich?", "Was unterscheidet sie von Landwirtschaften in anderen Ländern?" oder "Wie ist das mit dem Tier- und dem Pflanzenschutz wirklich?". Man hat diese Antworten schlicht nicht.

In den vergangenen Jahren und Jahrzehnten hat man lieber mit schönen Bildern und flockigen Parolen ein Bauernimage weit jenseits der Realität aufgebaut. Ebendiesem Image hält die bäuerliche Wirklichkeit immer weniger Stand.

Für die Bauern wird es immer schwieriger, gegen Forderungen anzukämpfen, die von diesen Bildern der Heile-Welt-Landwirtschaft genährt sind, auf die längst auch der Handel setzt und die zunehmend die politische Diskussion bestimmen.

Viel zu lange hat die Landwirtschaft dem Treiben von NGO's zugeschaut und sie herablassend ins linke Eck gestellt. Nie hat man eine Strategie im Umgang mit dem Lebensmittelhandel gefunden, der mittlerweile auf breiter Front die Bedingungen für die Landwirtschaft diktiert. Nicht genug damit - in der Sozialpartnerschaft hat man kaum mehr Gewicht, und längst haben politische Parteien von Stronach bis zu den Grünen und Organisationen wie die Arbeiterkammer die Landwirtschaft und ihre Geschlossenheit im Fokus und nicht anderes im Sinn, als diese auszuhebeln.

Für die Bauern ist das kein Zustand. Die Landwirtschaft und ihre Vertreter müssen daher alles daran setzen, die Glaubwürdigkeit wieder zurück zu gewinnen.

Es geht dabei auch um neue und vor allem bessere Argumente. Die Linie, an die sich die Landwirtschaft dabei halten sollte, ist eigentlich einfach. Wenn man was Schlechtes macht, das man sich nicht herzuzeigen traut, soll man es nicht machen. Wenn man davon überzeugt ist, nichts Schlechtes zu machen, dann soll man auch den Mut haben, es zu vermitteln. Rechtzeitig und mit soliden Argumenten.

Es besteht akuter Handlungsbedarf.

Es ist ja kein Zustand, dass immer öfter so getan wird, als sollten sich die Bauern für das, was sie tun, schämen müssen.

Gmeiner meint - Blick ins Land, 14. August 2013

Donnerstag, 8. August 2013

Die neue Obrigkeit



Das Ross ist hoch, auf dem der heimische Lebensmittelhandel sitzt. "Die Preise werden nur dann erhöht, wenn die Hersteller nachweisen können, dass dies aufgrund erhöhter Kosten notwendig ist“, ließ man wissen, als jüngst die Bauern mehr Geld für ihre Produkte einforderten.

Mehr als zwanzig Jahre nach Ende der amtlichen Preisfestsetzungen für Lebensmittel scheint in Österreich alles wieder beim Alten zu ein. Mit einem gravierenden Unterschied freilich. Mussten seinerzeit die Bauern Gewerkschaftsboss Anton Benya und Wirtschaftskammer-Chef Rudolf Sallinger und die Ihren davon überzeugen, dass sie wegen einer Dürre höhere Preise für ihr Getreide brauchten oder wegen der erhöhten Futterkosten mehr Geld für die Milch, so sind es heute die Herren der Handelsketten, die das von ihnen verlangen.

Dabei glaubte man dieses System der Bittstellerei und obrigkeitlichen Preisfestsetzungen längst im Orkus der Geschichte verschwunden. In Österreich aber ist es längst durch die Hintertür wieder zurückgekehrt. Die neue Obrigkeit sind die drei, vier großen Handelskonzerne, die sich fast 90 Prozent des heimischen Marktes aufteilen. Sie sagen, was geht und was nicht geht. Oft starr, streng, unerbittlich und für viele Branchen übermächtig.

Früher bestimmten Benya und Sallinger darüber, wieviel Geld etwa die Bauern bekamen und was sie tun und nicht tun durften, jetzt ist es der Lebensmittelhandel. Wer da nicht spurt, hat es schwer in diesem Land. Alternativen gibt es kaum.

Die Handelskonzerne haben es sich fein eingerichtet in Österreich. Längst ist das Land zwischen Bodensee und Neusiedler See in ihrem Spinnennetz gefangen. Mit ihren Geschäftskonzepten haben sie ganze Branchen gekapert. Die Landwirtschaft gehört dazu, die Bäckereien, das Fleischgeschäft und viele andere auch. Mit ihren Marktkonzepten haben sie unter dem Denkmantel der Kundenfreundlichkeit und vorgeblichen Partnerschaften mit allem und jedem die Topographie Österreichs und das Lebensumfeld vor allem auf dem Land nachhaltig verändert. Mit den Märkten lockte man die Kundschaft aus den Dörfern hinaus an die Ortseinfahrten und an die Ränder der Städte und zerstörte mit Lockangeboten und Aktionen in vielen Regionen Nahversorgungsstrukturen in einem Ausmaß, dass das vielerorts längst ein politisches Problem von großem Ausmaß ist.

Die Macht, die sie dabei angehäuft haben, ist in Österreich wegen der hohen Marktkonzentration kaum mehr zu kontrollieren. Die heimische Wettbewerbsbehörde, die das seit geraumer Zeit versucht, scheint auf verlorenem Posten zu stehen. Millionenstrafen werden mit einem Achselzucken hingenommen. Ruhig bleiben und keine Reaktionen zeigen, scheint die oberste Devise zu sein - und weitermachen wie bisher.

Den Handelskonzernen ist es in den vergangenen Jahrzehnten gelungen, in Österreich eine Machtposition aufzubauen, die ihresgleichen sucht. Man ist nachgerade unantastbar geworden. Jenen, die wie die heimischen Erzeuger und Verarbeiter von Lebensmitteln auf sie angewiesen sind, bleibt nichts anders als zu schweigen. Alles andere würde schnell zu einem wirtschaftlichen Selbstmordkommando.

Denn um sie ist nicht herumzukommen. Sie reißen immer mehr an sich und verstehen es blendend, immer und auf allen Ebenen als die dazustehen, die nichts als das Wohl der Kundinnen respektive der Kunden fest im Auge haben. Sie haben keine Scheu, sich als beinharte Diskonter mit Billigstprodukten darzustellen, wenn es darum geht, als Kämpfer für niedrige Lebensunterhaltskosten Image zu machen. Sie loben Qualität aus Österreich aus, wenn es sich ihrer Ansicht nach schickt, und lassen sich dafür feiern, heimische Produkte zu forcieren. Und sie kommen als die Umweltschützer und Schirmherren der Biolandwirtschaft daher, die genau wissen, was die Bauern zu tun hätten. Und das alles innerhalb einer Postwurf-Aussendung in eines Regal-Meters.

Wie das alles unter einen Hut geht, wenn man im Diskont dafür sorgt, dass der Preisdruck hoch ist und industriellen Produktionsformen Vorschub leistet, während man im Bio-Segment ebendiese als Fehlentwicklung geißelt? "Kinder sind auch unterschiedlich“, heißt dann die nonchalante Erklärung dafür, auf allen Ebenen abzukassieren. Das passt zur Feststellung, dass die Preise nur dann erhöht werden, wenn die Hersteller nachweisen können, dass die aufgrund erhöhter Kosten notwendig ist. Beim Taschengeld für Kinder ist das ja auch nicht anders.

Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 8. August 2013

Donnerstag, 25. Juli 2013

Billige Seelen



Mitunter staunt man darüber, was die Post ins Haus bringt. Diesfalls war es ein Flugblatt der hiesigen Jungen Generation der Sozialdemokratischen Partei Österreichs. Aus den Erlösen eines so genannten "Quietschentenrennens" habe man den Ankauf von Spielgeräten für die Spielplätze der hiesigen Gemeinde unterstützt, "um aufzuzeigen, wie wichtig uns die Jugend in unserer Gemeinde ist". Und es soll offenbar nicht das letzte Mal gewesen sein. "Der SJ-Bezirksvorsitzende bekräftigte, auch für die Zukunft ganz besonderen Wert auf die Jugend zu legen." Das steht ihm als Chef einer Jugendorganisation zweifelsfrei auch gut an.

So weit, so gut. Denn viel bemerkenswerter war ohnehin die Rückseite des Flugblattes. Auf einer ganzen Seite wirbt da die Druckerei, die das Flugblatt gedruckt hat. Wäre auch nicht ungewöhnlich, wenn es nicht eine Online-Druckerei aus Deutschland wäre und wenn nicht der Auftraggeber die Sozialistische Jugend wäre.

"Drucksachen einfach online bestellen", wird da geworben. Und: "Unser Online-Shop ist übersichtlich, völlig unkompliziert und 24 Stunden geöffnet."

Dort drucken zu lassen sollte der Organisation, die so gerne forsch mehr Geld für den Schutz und die Schaffung von Arbeitsplätzen im Land einfordert und Unternehmer gerne als Abzocker geißelt, peinlich sein.

Was mögen sich da die Beschäftigten der Druckerei im Nachbarort denken? Was deren Chef? Tagtäglich müssen sie mit dem leben, was just die Vertreter der Sozialistischen Jugend und ihre Freunde in Arbeiterkammer und Gewerkschaft in diesem Land in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten durchgesetzt haben. Mit einem abgeschotteten Arbeitsmarkt, mit rigiden Arbeitszeitregeln und Sicherheitsvorschriften, mit hohen Überstunden-und Nachtzuschlägen - von den Gebühren, Steuern und Abgaben und all dem anderen, was Arbeit in diesem Land so teuer macht, gar nicht zu reden. "Unkompliziert und 24 Stunden geöffnet" hat man in Österreich längst unmöglich gemacht. Auch für die, die es möchten.

Die tun sich schwer mit der billigen Konkurrenz im Internet, die mit all dem nicht zu kämpfen hat. Da geht ihnen schnell die Luft aus, da wissen sie, dass sie den Kürzeren ziehen, wenn sie ein Angebot legen müssen. Ein paar Cent oder Euro mehr, die sie verlangen müssen, um all das bezahlen zu können, was ihnen hierzulande abverlangt wird - und sie sind weg vom Fenster.

Nicht nur die Druckereien. Das gilt auch für alle anderen Branchen. Für manche mehr, für manche weniger. Hierzulande ist es Sport und Kultur geworden, für ein paar Cent auf oder ab die Seele zu verkaufen. Da lassen nicht nur gestandene Sozialisten schon bei Petitessen wie Flugblattbestellungen Druckereien über die Klinge springen und ihre Grundsätze Grundsätze sein. Was kümmern uns die forschen Parolen aus unserer letzten Aussendung? Da straft die Hausfrau wegen ein paar Cent auf oder ab den örtlichen Fleischhauer oder den Nahversorger ab und kauft im zwanzig Kilometer entfernten Einkaufszentrum. Da pressen die Handelsketten den Lieferanten ein paar Cent ab, obwohl es weder ihnen noch den Konsumenten wirklich drauf ankommt. Da bestellt man im Internet, weil es um einen Deut billiger ist. Und da straft man den Gewerbetreibenden in der Nachbarschaft mit Missachtung, wenn man etwas woanders auch nur ein bisschen günstiger kriegt. "Ein Schnäppchen, sie wissen, da musste man zuschlagen."

"Geiz ist geil" hat vor Jahren eine Handelskette kurz und bündig die neue "Religion" formuliert. Von dem, was dabei drauf und verloren geht, redet niemand. Nicht einmal dann, wenn man dabei den eigenen Arbeitsplatz unterm Hintern verliert. Noch einmal billig, noch einmal günstig und noch einmal ein Schnäppchen, scheint vielen allemal mehr wert zu sein. Nachdenken gilt nicht. Nicht nur für die Sozialistische Jugend der hiesigen Gemeinde.

Dabei wäre gerade das so dringend nötig. Wie heißt es doch auf der Homepage der unglückseligen SJ "Es liegt an uns! Von selbst werden weder überfüllte Schulklassen noch Arbeitslosigkeit und schlechte Arbeitsbedingungen verschwinden."

Da ist den Jung-Roten nur recht zu geben. Fragt sich nur, warum sie sich nicht dran halten. Zumal, wenn sie "für die Zukunft ganz besonderen Wert auf die Jugend legen". Wenn man gleich wegen ein paar Cent ins Ausland rennt, wird just die wohl in diesem Land keine große Zukunft haben.

Da quietscht selbst die Ente.

Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 25. Juli 2013

Samstag, 20. Juli 2013

Bauern wollen Fachhochschule




Linz (SN-gm). Die Einigung auf die Einrichtung einer Medizin-Uni hat die Oberösterreicher offenbar auf den Geschmack gebracht. Sie wollen nun noch mehr. Nun fordern die Bauern eine Fachhochschule für Landwirtschaft in Oberösterreich. „Die Universität für Bodenkultur leistet zwar hervorragende Arbeit, dort ist aber in der Ausbildung zu wenig Praxis dabei“, sagte am Freitag Bauernbundpräsident Jakob Auer (ÖVP) in Linz. Auer, selbst Oberösterreicher, sieht das Land ob der Enns als Standort für die Fachhochschule prädestiniert. „Mit Ausnahme von Getreide ist Oberösterreich in praktisch allen Sparten führend und damit Österreichs bedeutendstes Agrarland.“

Eine Fachhochschule gibt es bisher nicht im breit gefächerten landwirtschaftlichen Bildungsangebot. Landwirtschaftsminister Niki Berlakovich zeigte sich angesichts Auers Forderung zurückhaltend. Er befürworte den Vorschlag, wenn es ausreichend Mittel dafür gebe, sagte er. Berlakovich verwies dabei auf das wachsende Interesse an agrarischer Ausbildung.

Fachliche Ausbildung wird in der heimischen Landwirtschaft traditionell großgeschrieben. Mittlerweile ist sie auch Voraussetzung für den Erhalt von Ausgleichszahlungen. Das Bildungsangebot ist breit gefächert. In den insgesamt 96 land- und forstwirtschaftlichen Fachschulen werden derzeit rund 13.000 Schülerinnen und Schüler ausgebildet. Jährlich absolvieren mehr als 5000 Jugendliche die Facharbeiter- oder die Meisterprüfung. Dazu kommen elf höhere land- und forstwirtschaftliche Schulen mit knapp 3800 Schülerinnen und Schülern. Am oberen Ende gibt es bisher nur die Hochschule für Agrar- und Umweltpädagogik mit mehr als 400 Studentinnen und Studenten und die Universität für Bodenkultur mit mehr als 11.000 Hörerinnen und Hörern.

Salzburger Nachrichten - Wirtschaft, 20. Juli 2013

Freitag, 19. Juli 2013

Sonnberg im Bio-Himmel





Erfolgsstory. Ein ehemaliger Eisenbahner ist der größte Biowurst-Erzeuger Österreichs.

Hans gmeiner unterweissenbach (SN). Vom „Speckhimmel“ hängen dutzende „Renken“, wie man im Mühlviertel zu den großen Speckseiten sagt. Die Vitrine ist verlockend gut gefüllt mit einem breiten Fleischsortiment vom Rindersteak bis zu Koteletts vom Schwein. Und mit Würsten in allerlei Varianten. Die machen Manfred Huber besonders viel Freude. „Alles ausschließlich bio“, sagt er. „Wir machen nur das beste – Warmbrät, keine Bindemittel, kein Pökelsalz.“ Stolz schwingt mit, wenn er den Schaubetrieb seines Unternehmens präsentiert. Sonnberg-Biofleisch in Unterweißenbach im unteren Mühlviertel, weitab von den Groß- und Zentralräumen dieses Landes, ist sein Kind. Heute ist Sonnberg der größte Fleischverarbeiter Österreichs, der ausschließlich Biotiere verarbeitet. 10.000 Schweine, 2000 Jungrinder, 1500 Kälber, 1000 Lämmer und 15 Tonnen Putenfleisch verarbeitet Sonnberg in der eigenen Schlachterei und der Wurstproduktion jährlich. „Die Tiere kaufen wir direkt von den Bauern im Mühl- und Waldviertel“, sagt Huber. 800 Lieferanten sind es inzwischen. Und es werden immer mehr.

Dass der Markt für Biofleisch als sehr schwierig gilt und die Produkte deutlich teurer sind als konventionell erzeugte Ware, ist bei Sonnberg kein Thema. Und auch nicht der Standort weit weg von den Märkten. „Es gibt keine schlechten Regionen“, sagt Huber. Schon gar nicht zählt die sogenannte Mühlviertler Alm mit ihren zehn Gemeinden dazu. „Da ist Bio daheim“.

Die Zahlen bestätigen, was er sagt. Der Umsatz von Sonnberg Biofleisch wuchs in den vergangenen Jahren von 2,8 Mill. auf zwölf Mill. Euro, die Zahl der Mitarbeiter von zwölf auf gut 50. 20 Prozent des Umsatzes kommen bereits aus dem heiklen und produktionstechnisch anspruchsvollen Wurstgeschäft, 40 Prozent Umsatzanteil sollen es werden. 15 Mill. Euro Umsatz hält Huber für möglich. Mehr will er nicht. „Wir machen lieber weniger, dafür etwas Gescheites.“

Huber versteht sich aufs Geschäft. Er kennt es von der Pieke auf. Vor 20 Jahren kaufte der damalige Großhandelskaufmann im Sold der ÖBB in Lasberg bei Freistadt einen alten Bauernhof. „Ich habe bäuerliche Wurzeln.“ Was er auf dem Hof erzeugte, fand bei seinen Arbeitskollegen großen Anklang. Fleisch, Eier und was er, seine Frau und die Nachbarn sonst noch erzeugten, fanden immer mehr Freunde. Seine Schwester nahm die Produkte nach Wien mit. Huber: „Die sind noch offener für deine Sachen“, sagte sie. Zu Recht. 1996 ließ Huber die ÖBB ÖBB sein und stieg in den Handel ein. Im Jahr 2000 ersteigerte er am Sonnbergplatz im 19. Wiener Bezirk sein erstes Biofleisch-Fachgeschäft. Daheim gründete er mit 24 Mühlviertler Biobauern am eigenen Hof eine Schlachtgemeinschaft, um den Nachschub zu sichern.

Das Geschäft begann zu blühen. Eins ergab das andere. 2004 gründete er mit dem Fleischer Wolfgang Fürst, der den einzigen EU-zertifizierten Schlachthof im Bezirk Freistadt betrieb, die Sonnberg Biofleisch GmbH. Der Schlachtbetrieb in Unterweißenbach wurde auf 100 Prozent Bio umgestellt. Vor zwei Jahren kam dort der Schaubetrieb „Sonnberg Bio Wursterlebnis“ dazu.

Längst stehen bei ihm Handelsketten, Großküchen wie jene der oberösterreichischen Landeskrankenanstalten, Gastronomie und Biofachhandel auf der Abnehmerliste. Dazu kommen vier Sonnberg-Geschäfte in Wien und zwei in Linz. In Deutschland ist Huber mit seinen Produkten sogar in Studentenheimen. Und an Würstelbuden. „Die beste Currywurst Deutschlands gibt es laut einer Umfrage in Köln“, erzählt Huber. „Die Currywurst, die dort verkauft wird, kommt von uns.“

Salzburger Nachrichten - Wirtschaft, 19. Juli 2013
 
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