Donnerstag, 12. September 2013

Dröhnende Tüchtigkeit



"Österreich gehört den Entdeckern“ verspricht das bunte Plakat, das einen zeigt, der in einen Bergsee springt. Ein anderes, auf dem ein blitzblauer Berghimmel mit Ballon zu sehen ist, stellt in Aussicht, dass das Land den Optimisten gehört, eines, mit Bergwanderern, dass es die Welt der Weltoffenen ist. Und eines, mit einem, was gemeinhin als Bild von einem Mann gilt, verspricht "Österreich gehört den Tüchtigen“.

Das bleibt hängen. Österreich gehört den Tüchtigen. Das dröhnt vor Selbstgerechtigkeit und satter Selbstzufriedenheit österreichischen Zuschnitts, die gerne alle anderen für Tachinierer und schamlose Nutznießer hält, die alles bis zum letzten Strich ausnutzen, keine Gelegenheit auslassen vom Staat zu leben und jeden, der anders denkt, für verrückt halten.

Aber es dröhnt nicht nur, sondern es führt unvermittelt zur Frage, was ist, wenn man in diesem Land nicht zu diesen Tüchtigen gehört, obwohl man auch immer alles getan hat, diese Ansprüche zu erfüllen. Aber ein Unfall hat alles verändert, eine Krankheit, mit der man nicht rechnen konnte, der Verlust des Jobs, den man zwar gut machte, aber unglückseligerweise bei einem Unternehmen des Zuschnitts der Alpine oder von Schlecker. Oder der Mann hat sich aus dem Staub gemacht, als ihm die Kinder zu viel wurden und man hat just deswegen die eigene Karriere abbrechen und viele Pläne begraben müssen.

Hat man dann in diesem Österreich, das da versprochen wird, nichts mehr verloren? Gehört einem dann dieses Land nicht? Hat man in diesem Land nichts zu sagen? Oder muss man sich darauf einstellen, auf Almosen angewiesen zu sein, geduldet allenfalls von den Tüchtigen dieses Landes und ihrem Verständnis von der Welt?

Es befremdet, dass eine Partei wie die Volkspartei so einen Satz plakatiert und zum Wahlversprechen macht. Ohne jeden Zusatz und ohne jede Relativierung. Dabei sind es doch die Vertreter dieser Partei, die bei allen passenden und unpassenden Gelegenheiten nie versäumen, die Verpflichtung christlichen Werten gegenüber hervorzukehren und die nicht vergessen, die Bedeutung des sonntäglichen Kirchgangs für sie persönlich hervorzuheben.

Aber am Montag ist offenbar alles anders und angesichts der vermuteten Wählerstimmen am rechten Rand des politischen Spektrums hängt man die Grundsätze nicht mehr gar so hoch.

Dass der Satz "Österreich gehört den Tüchtigen“ so da steht, wie er da steht und dass selbst in der größten christlich-demokratischen Partei des Landes keiner mehr daran Anstoß nimmt, ist Beleg dafür, wie weit es die Rechtspopulisten in diesem Land bereits gebracht haben. Wie erfolgreich sie in den vergangenen Jahrzehnten wurden, wie tief sie ins Bewusstsein der Leute gedrungen sind - und wie sehr sie die großen Parteien vor sich her treiben und ihnen den Ton vorgeben, in dem sie meinen, um ihre Wähler buhlen zu müssen.

Dass so ein Satz heute möglich ist, bildet die Stimmung in diesem Land ab und die Geisteshaltung, die hier seit Jahrzehnten um sich greift. Neid ist es und Missgunst und Misstrauen. Die Gewichtungen stimmen nicht mehr wirklich. Viele Menschen fühlen sich ausgenutzt, blockiert, benachteiligt und ungerecht behandelt.

Vor diesem Hintergrund ist es nachgerade ein Treppenwitz der heimischen Innenpolitik, dass just jene Partei, die in den vergangenen Jahrzehnten eine große Partei wie die Volkspartei zu Slogans wie "Österreich gehört den Tüchtigen“ trieb, ihrerseits "Liebe deinen Nächsten“ plakatiert, auch wenn sie ihn mit dem Hinweis, der "Nächste“ seien die Österreicher regelrecht pervertiert.

Aber es ist schon lange kaum mehr etwas so in diesem Land, als dass es nicht verkehrt daherkäme. Linie zu halten ist nicht das, was zu den Stärken der Politik und derer, die sie machen, zählt. Man weiß es.

Und man hat es zu tragen. Dieser Entwicklung entgegen zu steuern, ist ein schwieriges Unterfangen. Bemühungen, das zu tun sind manchmal, Erfolge hingegen nie erkennbar.

Es fehlt an Mut, an Esprit und an Unterstützung. Der Mainstream scheint alles zu fressen. Und sich ihm entgegen zu stellen, dafür mag sich kaum mehr jemand hergeben.

Dabei wäre gerade da Tüchtigkeit gefragt. Die aber ist wohl von anderer Art, als die, von denen auf den Plakaten die Rede ist.

Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 12. September 2013

Freitag, 6. September 2013

EU lässt Landwirte bei Förderungen zappeln



Österreichs Bauern verpflichten sich derzeit zu Umweltmaßnahmen, ohne zu wissen, ob sie dafür Geld bekommen.

Hans Gmeiner Ried (SN). Weil in der EU-Agrarreform trotz der grundsätzlichen Einigung Anfang Juli immer noch viele Detailfragen offen sind, sitzen Österreichs Bauern zwischen den Stühlen. Das Umweltprogramm für die Förderperiode 2007 bis 2013 ist ausgelaufen, ein Nachfolgeprogramm kann wegen vieler fehlender Eckpunkte wie Rechtstexten oder fixen Budgets noch nicht ausgearbeitet werden.

Das Landwirtschaftsministerium hat daher das Wirtschaftsjahr 2013/2014 zum Übergangsjahr erklärt und bietet den Bauern Ausgleichszahlungen zu gleichen Bedingungen wie in der abgelaufenen Periode – unter dem Vorbehalt, dass die Europäische Union zustimmt. Doch die weigert sich.

Die Bauern, die in diesen Wochen die entsprechenden Anträge stellen und sich für Maßnahmen wie die Begrünung der Felder über den Winter zur Verringerung des Stickstoffaustrags ins Grundwasser verpflichten, können daher nicht sicher sein, dass sie die dafür in Aussicht gestellten Mittel auch bekommen werden, obwohl sie die Felder bereits bestellt haben. „Da derzeit noch keine verbindlichen Rechtsgrundlagen für 2014 vorliegen, muss die Beantragung der Verlängerung der Umweltprogramms 2007 unter einen Vorbehalt gestellt werden“, heißt es in einem Begleitschreiben zu den Antragsformularen.

Bei der Rieder Messe zeigte sich Landwirtschaftsminister Nikolaus Berlakovich erbost über das Zögern der EU-Kommission. „Das ist ein schweres Versäumnis der europäischen Ebene“, sagte er. Die Verzögerungen beim Abschluss der Agrarreform blockieren auch die Investitionspläne der Landwirte sowie den Umstieg auf die Biolandwirtschaft.

Die Fördertöpfe für Investitionen in Betriebsmodernisierungen und Stallbauten sind seit zwei Jahren leer. Die Wartelisten sind lang. Allenfalls ein Tropfen auf den heißen Stein ist das Investitionsprogramm, das Berlakovich nun aus Restmitteln des ausgelaufenen Umweltprogramms gezimmert hat. 20 Mill. Euro an öffentlichen Mitteln von Bund, Ländern und der EU sollen den größten Druck lindern. Berlakovich: „Damit können wir heuer in der Landwirtschaft immerhin noch ein Investitionsvolumen von rund 100 Mill. Euro auslösen.“

Auch für die Biolandwirtschaft wird an einer Lösung gearbeitet, die ermöglicht, dass Bauern mit dem Umstieg nicht noch ein Jahr warten müssen. Auch hier ist der Zeitdruck groß. Seit Herbst 2010 ist der Umstieg auf Bio in Österreich ohne Verzicht auf die entsprechenden Ausgleichszahlungen nicht mehr möglich. Auch Bauernkammer-Präsident Gerhard Wlodkowski und Bauernbund-Chef Jakob Auer drängen Brüssel zur Eile. „Die Bauern brauchen Planbarkeit und Sicherheit“, sagen sie.

Mehr als Druck machen können sie freilich nicht. „Die Aufteilung der Finanzierung von Umweltprogrammen zwischen EU und Nationalstaaten ist das wichtigste Thema, wo es noch Verhandlungsbedarf gibt“, sagt EU-Abgeordnete Elisabeth Köstinger. Sie rechnet aber damit, dass Mitte November alles unter Dach und Fach ist.

Salzburger Nachrichten - Wirtschaft, 6. September 2013

Donnerstag, 5. September 2013

"Bis zum letzten Hendlfurz"


 
 
 
Hans Zeger, der sich als nimmermüder Chef der Arge Daten in diesem Land um zumindest ein Mindestmaß an Datenschutz bemüht, ist eine schöne Wortkreation zu verdanken. "Die Bauern sind wegen der Förderungen die bestüberwachte Bevölkerungsgruppe", sagte er im Zuge der Diskussion über die Datensammelwut, die vom Weißen Haus, über die Geschäfte mit all ihren Kundenkarten bis in die österreichischen Arztordinationen grassiert und die Bürger verschreckt. Überwacht "bis zum letzten Hendlfurz" fügte der dann noch dran.

Schöner, origineller und vor allem treffender kann man nicht formulieren, woran Österreich Bauern seit Jahr und Tag zu tragen haben. Wie keine andere Bevölkerungsgruppe müssen sie sie nicht nur ihre Brieftaschen, sondern auch ihre Ställe und Felder durchleuchten lassen. Alles will man offenbar von ihnen wissen weil man ihnen offenbar alles zutraut und ihnen nicht vertrauen mag. In den vergangenen Jahren ist rund um die einfache und schlichte Erzeugung von Agrarprodukten eine kafkaeske Welt aufgebaut worden, die ihresgleichen sucht.

Dabei waren es selten die Bauernvertreter oder die so gerne gescholtene AMA, die sich all die Quälereien einfallen ließen. Verlangt wurden sie von der nicht-bäuerliche Bevölkerung und ihren politischen Vertretern. Andernfalls, so ihre Drohung, wollen die die öffentlichen Kassen für die Bauern nicht öffnen.

Man verlangte Transparenz, man drängte auf Nachvollziehbarkeit, man wollte wissen, wer was mit welchem Geld macht. Bis hin zur Transparenzdatenbank, in der alle Bauern, vom ganz kleinen Bergbauern bis hin zum Prinzen Charles, der Gesellschaft als Nehmer vorgeführt wurden. Dabei hat man keinerlei Scheu unterschiedliche Maßstäbe anzulegen. Man denke nur an das Scheitern einer Datenbank, in der alle Zuwendungen für jeden einzelnen Österreicher einsehbar gemacht werden sollten.

Der Fortschritt, den die Bloßstellung der Landwirtschaft alias Transparenz  und Nachvollziehbarkeit bis zum, um bei Hans Zeger zu bleiben, "letzten Hendlfurz" brachte, ist gering, die Verwicklungen hingegen werden immer größer. Die Streitereien um die Vermessung der Almflächen sind nur ein Beispiel dafür. Und auch die immer neuen Lebensmittelskandale. Je mehr Daten gesammelt werden, je größer die Bürokratie ist, desto größer und monströser sind die Folgen, wenn etwas schief läuft.

Die Frage nach dem Sinn all dieses Tuns wird nur mehr pro Forma gestellt. Längst scheint man jede Hoffnung auf Verbesserung fahren gelassen zu haben. Jede Ankündigung von Entbürokratisierung, jedes Versprechen der Vereinfachung, scheint unabänderlich in immer neue Kaskaden an Vorschriften zu münden.

Die EU-Agrarreform wird das nächste Beispiel dafür. Obwohl der Abbau von Bürokratie eines der obersten Ziel war, gilt inzwischen als sicher, dass ebendiese noch mehr wird. 

Für die Landwirtschaft scheint es kein Entrinnen zu geben. Im Gegenteil - es wird wohl noch schlimmer werden. Auswege aus diesem Dilemma sind schwer zu finden. Den einen, den es gibt, traut sich kaum ein Landwirt zu machen - den Verzicht auf all die Ausgleichszahlungen und Förderungen. Nur dieser würde unabhängig machen und den Bauern jene Freiheit bringen, die sie so gerne für sich in Anspruch nähmen. Weil das angesichts der Preise für Agrargüter aber alles andere als einfach ist, bleibt wohl nichts, als auch fürderhin Überwachung und Kontrolle in Kauf zu nehmen - bis zum letzten Hendlfurz.

Gmeiner meint - Blick ins Land, 5. September 2013
 

Ein vermisstes Wahlversprechen



50.000, 150.000, 400.000 Arbeitsplätze, weniger Steuern, Freifahrt für Jugendliche, Entlastung für Familien. Die Parteien versprechen in diesen Wochen vor der Nationalratswahl den p.t. Wählerinnen und Wählern das Blaue vom Himmel. Ganz einerlei, ob sie als SPÖ und ÖVP Regierungsverantwortung tragen, oder ob sie als Oppositionspartei welcher Größe und Bedeutung auch immer, nur versuchen in der heimischen Politik mitzumischen. Alle tun so, als hätten sie allein die Macht in der Hand und könnten schalten und walten, wie sie wollen.

Warum sie das tun, ist freilich nicht nachzuvollziehen. Die Zeit der Alleinregierungen in Österreich ist längst Geschichte. Und man ist sehr viel näher bei der Zeit, dass drei Parteien zusammenfinden müssen, um das Land zu regieren, als dass wieder eine Partei alleine regieren könnte.

Die politischen Verhältnisse in Österreich sind so, dass die Parteien miteinander können müssen. Da sind Kompromissfähigkeit gefragt, Konsensbereitschaft, Bereitschaft zur Zusammenarbeit und gegenseitige Wertschätzung. All das könnte ein Wahlversprechen sein. Fein verpackt und ausformuliert und getragen von der nötigen Ernsthaftigkeit und Glaubwürdigkeit.

Ein solches findet sich freilich in keinem der Programme und Ankündigungen, mit denen die Parteien um die Stimmen der Wähler buhlen.

Dabei ist es bei Licht betrachtet, für das Vorankommen eines Landes unabdingbar, dass die politischen Parteien und ihre Verantwortungsträger zum Ziel haben, miteinander zu wollen und zu können.

Österreichs Politik und Politiker freilich können, und das ist die Krux, mit der Situation wie sie sich in Österreich darstellt, nicht umgehen. Da setzt man sehr viel lieber alle Energie darein, sich gegenseitig zu blockieren und zu behindern. Man tut das allzu oft aus reiner Bosheit, man tut es oft freilich auch aus der unergründlichen Überzeugung heraus, um des eigenen Vorteils willen dem anderen schaden zu müssen. Man verschwendet keine Gedanken an Konsens und Wertschätzung der politischen Konkurrenten. Und man vergisst, dass Politik nicht für sich alleine steht, sondern dass sie für eine Vielfalt an gesellschaftlichen Gruppen mit ganz persönlichen Ansprüchen und Lebensvorstellungen zu wirken hat, die es zu respektieren gilt.

Davon freilich ist man ist Österreich zuweilen weit entfernt. Da macht man lieber alles herunter und zerdeppert es wie kleine Kinder die Vase im Wohnzimmer und hat dann keine Scheu, das trotzdem selbstzufrieden ob der eigenen Forschheit den Zustand der Republik, respektive des Wirtschaftsstandortes Österreich, "abgesandelt“ zu nennen.

An den Folgen tragen alle. Nicht ohne Grund ist die Bilanz der vergangenen Jahre so mager, machen sich viele Menschen in diesem Land Sorgen um die Zukunft und wenden sich viele verdrossen von der Politik ab. Man ist der Wahlkampf-Haxelbeißereien, die einem tagtäglich präsentiert werden, müde, man kann die Wortblasen nicht mehr hören und die Slogans, man kann die Bilder nicht mehr sehen und man hat die Inszenierungen satt. Diese künstliche Aufgeregtheit, die aus allen Statements wabert, die künstlichen Bilder, die affichiert sind, diese künstliche Politik weitab der Realität, die einem präsentiert wird.

Man kennt all das aus den vergangenen Jahren. Neu ist nichts. Und man weiß, dass die Wertigkeit all dessen, was da serviert wird, allermeistens gegen Null geht.

Dabei wäre vieles von dem, was in diesem Wahlkampftagen und -wochen angekündigt, versprochen und gefordert wird, nicht schlecht. Vieles täte dem Land gut, vieles hätte das Land bitter nötig, auf vieles wartet das Land schon lange. Aber warum sollte man all dem nach den Erfahrungen der vergangenen Jahre und Jahrzehnte Glauben schenken? Klang es nicht vor fünf Jahren ähnlich? Und vor sieben, vor elf und vor 14 Jahren?

Da verwundert die zuweilen vorgetragenen Klage, dass der Wahlkampf fad sei, nicht. Man kennt die Mechanismen, man weiß, was man wie einzuordnen hat, man weiß, wie man mit dem, was man hört, umzugehen hat. Längst hat man den Glauben daran verloren, dass tatsächlich etwas anders wird in der heimischen Politik und damit in diesem Land.

Das freilich ist auch keine Perspektive. Daraus eine zu machen ist wohl die größter Herausforderung, vor der die Politik steht. Angesichts der Erfahrungen in diesen Wochen, ist wohl noch länger darauf zu warten.

Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 4. September 2013

Dienstag, 27. August 2013

Kataloge des Versagens


 
Die ersten Plakate hängen. Der alte weißhaarige Herr machte den Anfang. "Aufrichtig" zu sein stellt er denen in Aussicht, die ihm ihre Stimme geben, "Frank" eben. "Weniger belämmert als die anderen zu sein", versprechen die Grünen, "Genug gezahlt" befindet das BZÖ und "Liebe deinen nächsten", empfiehlt die FPÖ doppelzüngig. "Wir kämpfen um jeden Arbeitsplatz" verspricht die SPÖ. Und die ÖVP meint, dass Österreich den Entdeckern gehöre.

Ja eh. Aber wen wählen?  Ein großer Teil der Österreicherinnen und Österreicher weiß es noch nicht. Noch immer nicht. Ihre Unsicherheit ist nachzuvollziehen. Insbesondere, was jene betrifft, die damit hadern, der SPÖ oder der ÖVP ihre Stimme zu geben. Denn während die Oppositionsparteien mit dem Bonus der Unschuld antreten, weil sie in keiner politischen Verantwortung stehen, ergo auch nichts falsch gemacht haben können, sind die Wahlprogramme der beiden Regierungsparteien, wenn man sie denn ernst nimmt, bei Licht betrachtet nichts anderes als Kataloge ihres Scheiterns.

Wenn die ÖVP zum x-ten Mal ein Familienprogramm propagiert, zeigt das nichts anderes, als dass sich die in den vergangenen Jahrzehnten vorgeschlagenen Maßnahmen als untauglich erwiesen und immer noch hoher Handlungsbedarf besteht. Nicht anders verhält es sich, wenn die Sozialdemokraten mehr Gerechtigkeit einmahnen und "Arbeit und gerechte Löhne für alle" fordern und ihre Vorfeldorganisation, die Arbeiterkammer, feststellt, wie ungleich die Vermögen in Österreich verteilt sind.

So gesehen ist die Liste des Versagens lang. Angesichts der Ernsthaftigkeit mit der vom p.t. Wahlpublikum eingefordert wird, die Wahlversprechen für bare Münze zu nehmen entbehrt sie nicht eines gewissen Amusements, soferne man nicht der Verärgerung respektive Verwunderung über soviel Chuzpe anheim fällt.

"Mehr Leistung und ein übersichtlicheres System", fordert etwa die ÖVP in der Familienförderung, "Ein Pensionsrecht für alle", den Ausbau der Berufsorientierung in den Schulen und die Schaffung von Einstiegshilfen in das Arbeitsleben. Man verspricht eine Mittelstandsfinanzierung durch Mittelstandsfinanzierungsgesellschaft zu erleichtern und zu forcieren, über die Private direkt an der Entwicklung von KMU teilhaben können, und stellt in Aussicht im Rahmen eines "Programms zur Entfesselung der Wirtschaft" den Abbau bürokratischer Hürden und eine Jungunternehmeroffensive umzusetzen. Ganz so, als ob man nichts mit dieser Thematik zu tun gehabt hätte und nicht seit Jahr und Tag das Wirtschaftsministerium und das Finanzministerium dazu in schwarzen Händen sind. In die gleiche Kategorie fällt das Versprechen Unternehmensgründungen durch den Abbau von Bürokratie zu erleichtern. Gar nicht zu reden von des ÖVP-Obmannes vollmundigen Versprechen 420.000 neue Arbeitsplätze bis 2018 zu schaffen.

Um keinen Deut vertrauensbildender nimmt sich aus, wenn sich die SPÖ trotz Jahrzehnten an der Macht immer noch genötigt sieht, die Forderung nach "Arbeit und gerechte Löhne für alle" einmahnen zu müssen. Nicht anders verhält es sich mit dem Ruf nach gleichen Lohn für gleiche Arbeit und einem gemeinsamen Arbeitsrecht für alle. Wenn man das bisher nicht geschafft hat, sollte man eigentlich in sich gehen und sich ein bisserl schämen, zumal dann ,wenn man gerne großspurig und besserwisserisch auftritt. "Heizung für all leistbar machen" fällt genauso in diese Kategorie wie das Projekt  73 in den Bundeskanzlers Katalog für Österreich. "Aktiv in die Arbeit der Vereinten Nationen einbringen" nimmt man sich dort vor. Was hat man denn bisher getan, muss man sich da wohl fragen.

Und das nicht nur, wenn es um das Engagement bei den Vereinten Nationen geht. Angesichts vieler Wahlversprechen fragt man sich: Was haben SPÖ und ÖVP in den vergangenen Jahren gemacht? Wozu war die große Koalition gut, die immer mit der ihr angeblich innewohnenden Entscheidungskraft begründet wurde?

Wenn sie wirklich so wenig zusammengebracht haben, wie sich das als Umkehrschluss aus den Wahlforderungen der beiden Regierungsparteien ergibt, dann ist niemandem von denen, die derzeit zaudern und zögern, zu verübeln, dass sie mit dem Gedanken spielen, es einmal mit anderen zu versuchen. Vielleicht mit denen, die "weniger belämmert" sind, die versprechen "aufrichtig" zu sein oder gar mit denen, die das Wort Nächstenliebe im Mund führen. 

Ob sie damit besser fahren, als mit Schwarz oder Rot steht freilich auf einem anderen Blatt.
 
Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 23. August 2013

Mittwoch, 21. August 2013

Jenseits der Romantik



Die Landwirtschaft ist nicht so romantisch, wie es die Öffentlichkeit gern hätte. Vor allem die konventionellen Bauern geraten deswegen unter Druck.

In der heimischen Landwirtschaft geraten die Relationen aus dem Lot. In der breiten Öffentlichkeit scheinen die Biobauern und die Kleinlandwirte alle Sympathien zu haben. Die konventionelle Landwirtschaft und größerebäuerliche Betriebe hingegen geraten seit geraumer Zeit immer stärker unter Druck.

In Österreich hat sich ein Klima aufgebaut, das viele konventionelle Bauern mittlerweile als Bedrohung empfinden. Ihre Produktionsweisen werden in Zweifel gezogen und es wird einer Form der romantisierenden Subsistenz-Landwirtschaft das Wort geredet, die sich an Träumen von einem Agrarwesen längst vergangener Zeiten orientiert, nicht aber an den Verhältnissen auf den Märkten. Über die Folgen für die Sicherung der Versorgung mit Lebensmitteln und davon, dass die Lebensmittel dann deutlich teurer wären, mag hingegen niemand reden.

Konventionelle Bauern tun sich immer schwerer damit, mit dem vor allem in der Werbung gezeichneten Bild einer Heilen-Welt-Landwirtschaft mit geschwätzigen Schweinchen und kitschigen Bildern abseits der täglichen Realität auf den Höfen zurechtzukommen. Damit werden Erwartungen in die Landwirtschaft projiziert, die in der Realität kaum mehr erfüllbar sind. Für die Bauern sind sie zu einer großen Belastung geworden. Denn längst bestimmen diese Bilder auch die politische Diskussion und damit den Forderungskanon, dem sich die heimischen Bauerngegenübersehen.

Handel und NGO geben in dieser Diskussion den Takt vor. Lang ist die Liste der Vorschriften, die den Bauernaufgezwungen wurden und die sie im Wettbewerb benachteiligen, weil sie in anderen EU-Staaten später in Kraft treten oder gar nicht gelten. Der Bogen reicht vom vorzeitigen Verbot von Neonicotinoiden in der Saatgutbeizung bis zur GVO-freien Fütterung. Die finanziellen Nachteile daraus müssen die Bauern selbst tragen.

Denn auf den Märkten wird eine andere Sprache gesprochen. Dort hat das, was in Österreich zuweilen als ausschließliche Zukunft der Landwirtschaft gesehen wird, nicht den Platz, den manche glauben machen möchten. Und danach, ob die Agrarprodukte von kleinen oder großen Bauern kommen, fragt niemand.

Sollen diese Produkte auch künftig aus Österreich kommen, muss der konventionellen Landwirtschaft und konkurrenzfähigen Betriebsgrößen der entsprechende Rang zugestanden werden. Denn es ist immer noch die konventionelle Landwirtschaft, die mehr als 90 Prozent der Lebensmittel erzeugt und so die Versorgung zu Preisen sichert, die für alle Bevölkerungsschichten erschwinglich sind.

Ähnlich verhält es sich mit der Produktionsleistung von kleinen und größeren Betrieben. Bei Getreide etwa liefern die an der Betriebsgröße gemessenen oberen 19 Prozent 51 Prozent der Produktion. Die 19 Prozent der Betriebe am unteren Ende der Größenskala bringen es dagegen nur auf drei Prozent der Produktion. In den anderen Sparten ist es kaum anders. Das alles sind keine Gründe, Bio schlechtzumachen und kleine Betriebe nicht zu unterstützen. Das alles sind aber Gründe, konventionelle Landwirtschaft und entsprechend große Betriebe nicht permanent schlechtzumachen, sondern alles zu tun, um auch sie abzusichern.



Salzburger Nachrichten - Wirtschaft, 21. August 2013

Donnerstag, 15. August 2013

Die verlorene Glaubwürdigkeit





Im Vorjahr die Kastenstände, heuer die Bienen, das Glyphosat und immer wieder Untergriffe der Arbeiterkammer. Und dann auch noch der Rechnungshof, der monierte, dass die Ziele des Umweltprogrammes zu allgemein formuliert sind.

Den Bauern fliegen aus allen Winkeln der Gesellschaft längst nicht mehr nur in Vorwahlzeiten Vorhaltungen um die Ohren. Das Misstrauen wächst, die Glaubwürdigkeit der Bauern steht in Zweifel. Die haben heute in der breiten Öffentlichkeit sehr viel eher die NGO's, Handelsgurus wie Werner Lampert oder Experten der Arbeiterkammer, als die Bauern und ihre Vertreter. 

Die Landwirtschaft hingegen tut sich immer schwerer, ihre Ansichten und Bedürfnisse für jedermann verständlich darzulegen. Man glaubt ihr nicht.

Das hat damit zu tun, dass man hat es sich seit Jahrzehnten oft zu einfach macht. Saubere, gute und durchgängige Argumentation von Bauernseite ist selten. Die Argumente sind oft schwach und kaum belastbar. Man ist allzuoft nicht bereit, auf die Vorhaltungen von Kritikern ernsthaft einzugehen, und glaubt mit Allgemeinplätzen à la "Bauern sind die besten Naturschützer" in der öffentlichen Meinung durchkommen zu können. Da eine kleine Antwort und dort eine. Und wenn gar nichts mehr geht, stellt man sich als unverstandenes Opfer dar.

Oft ist Hochnäsigkeit der bäuerlichen Vertreter der Grund dafür, manchmal Präpotenz und Gedankenlosigkeit, allzu oft aber schlichte Unfähigkeit wirklich Antworten zu geben auf Fragen wie "Wie umweltfreundlich erzeugen Österreichs Bauern wirklich?", "Was unterscheidet sie von Landwirtschaften in anderen Ländern?" oder "Wie ist das mit dem Tier- und dem Pflanzenschutz wirklich?". Man hat diese Antworten schlicht nicht.

In den vergangenen Jahren und Jahrzehnten hat man lieber mit schönen Bildern und flockigen Parolen ein Bauernimage weit jenseits der Realität aufgebaut. Ebendiesem Image hält die bäuerliche Wirklichkeit immer weniger Stand.

Für die Bauern wird es immer schwieriger, gegen Forderungen anzukämpfen, die von diesen Bildern der Heile-Welt-Landwirtschaft genährt sind, auf die längst auch der Handel setzt und die zunehmend die politische Diskussion bestimmen.

Viel zu lange hat die Landwirtschaft dem Treiben von NGO's zugeschaut und sie herablassend ins linke Eck gestellt. Nie hat man eine Strategie im Umgang mit dem Lebensmittelhandel gefunden, der mittlerweile auf breiter Front die Bedingungen für die Landwirtschaft diktiert. Nicht genug damit - in der Sozialpartnerschaft hat man kaum mehr Gewicht, und längst haben politische Parteien von Stronach bis zu den Grünen und Organisationen wie die Arbeiterkammer die Landwirtschaft und ihre Geschlossenheit im Fokus und nicht anderes im Sinn, als diese auszuhebeln.

Für die Bauern ist das kein Zustand. Die Landwirtschaft und ihre Vertreter müssen daher alles daran setzen, die Glaubwürdigkeit wieder zurück zu gewinnen.

Es geht dabei auch um neue und vor allem bessere Argumente. Die Linie, an die sich die Landwirtschaft dabei halten sollte, ist eigentlich einfach. Wenn man was Schlechtes macht, das man sich nicht herzuzeigen traut, soll man es nicht machen. Wenn man davon überzeugt ist, nichts Schlechtes zu machen, dann soll man auch den Mut haben, es zu vermitteln. Rechtzeitig und mit soliden Argumenten.

Es besteht akuter Handlungsbedarf.

Es ist ja kein Zustand, dass immer öfter so getan wird, als sollten sich die Bauern für das, was sie tun, schämen müssen.

Gmeiner meint - Blick ins Land, 14. August 2013
 
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