Dienstag, 10. August 2010

Erfolgsstrategie unter Druck




Österreichs Landwirtschaft setzt auf hohe Qualität. Entsprechend streng sind die Vorschriften. Nur so, lautet die Idee, können sich auch die zumeist kleinen österreichischen Bauern gegen die internationale Konkurrenz behaupten und mehr Geld für ihre Produkte bekommen. Die Landwirtschaft fuhr bisher nicht schlecht damit.
Mittlerweile steht diese Strategie freilich unter großem Druck. Es wird immer schwieriger, die für die aufwendige Produktion nötigen Preise zu bekommen. Selbst Bio kann sich in vielen Bereichen kaum mehr preislich von konventioneller Ware absetzen.

Immer öfter müssen die Bauern zuschauen, wie die Konsumenten und vor allem die Verarbeiter lieber zu billigen Produkten greifen, die im Ausland zu wesentlich niedrigeren Standards erzeugt wurden. Das könnten sie genauso, dürften sie aber nicht, klagen sie.

Strenge Produktionsauflagen und oft als sehr rigid empfundene Tierhaltungs- und Umweltvorschriften verwehren ihnen das. Als Ausweg bleibt ihnen nur, bei den Preisen nachzugeben.

Politik und Vermarkter sind gefordert, das strenge Produktionsregime, dem man die Landwirtschaft unterwirft, zu Geld für die Bauern zu machen. Das hat man zuletzt aus den Augen verloren. Selbst Trümpfe, die man in der Hand hatte, spielte man leichtfertig aus.

Dass Österreich das einzige EU-Land ist, das praktisch flächendeckend gentechnikfreie Milch erzeugt, hat die Bauern bisher nur Geld gekostet, aber ihnen keinen Cent gebracht. GVO-freies Futter ist teurer als das herkömmliche Pendant, GVO-freie Milch nicht.

Salzburger Nachrichten - Wirtschaft 10. August 2010

Auflagen bremsen Bauern-Elan




Österreicher schätzen heimische Produkte. Doch den Bauern wird es oft schwer gemacht, diese anzubieten.

HANS GMEINER
Salzburg (SN). Das Schnitzel vom Schwein aus einem oberösterreichischen Stall, das Frühstücksei von einem steirischen Huhn, die Milch zum Kaffee von einer Kuh, die im Salzburger Land weidet. Die österreichischen Konsumenten mögen das. Sie schätzen heimische Agrarprodukte. Die Bauern tun ihr Bestes, die Nachfrage zu bedienen. Doch das wird ihnen nicht immer einfach gemacht. Auch wenn die im Vergleich zu anderen EU-Ländern deutlich schärferen Produktions- und Tierhaltungsvorschriften einen Teil der spezifisch österreichischen Qualität ausmachen, werden ihnen dadurch in vielen Bereichen auch die Marktchancen verbaut. Die aufgrund der Struktur und der oft schwierigen Produktionsbedingungen in Österreich ohnehin kostenintensive Agrarproduktion wird dadurch noch kostspieliger. Das schwächt die Wettbewerbsposition. In vielen Bereichen muss man zusehen, wie mit billiger Importware, die zu deutlich niedrigeren Standards erzeugt wird, gute Geschäfte gemacht werden, obwohl man sie auch in Österreich erzeugen könnte.

Vertane Einkommenschancen
Das macht den Bauern angesichts des wachsenden Drucks auf den Märkten zunehmend Sorgen. Denn damit vergibt man sich Einkommenschancen, die angesichts der angespannten Situation dringend nötig wären.
Augenfällig ist die Entwicklung in der Schweineproduktion. „Da wurde Österreich in den vergangenen Jahren von einem Produktionsland zu einem Verarbeitungsland“, sagt Adolf Marksteiner von der Landwirtschaftskammer Österreich. Österreichs Fleischverarbeiter haben sich auf dem internationalen Markt als gesuchte Lieferanten etabliert. Statt der gut fünf Millionen Schweine, die sie noch vor zehn Jahren jährlich schlachteten und verarbeiteten, sind es heute 7,5 Millionen. Die österreichischen Bauern konnten davon aber kaum profitieren. Ihre Produktion blieb über die Jahre bei rund fünf Millionen Schweinen stabil. Der Rest kommt aus dem Ausland. „Strenge Umweltvorschriften für Ställe, Umweltverträglichkeitsprüfungen, teure Tierhaltungsvorschriften und im internationalen Vergleich sehr geringe Bestandsobergrenzen haben den Investitionswillen erheblich gebremst“, sagt Marksteiner. „In einer Branche, in der es auf jeden Cent ankommt, zahlt es sich angesichts dieser Erschwernisse kaum aus, 300.000 bis 500.000 Euro in Stallungen zu investieren“.

Ganz ähnlich ist es bei Geflügel. In dieser traditionellen agrarischen Produktionssparte bringt es Österreich nur auf einen Selbstversorgungsanteil von 75 Prozent. Das hat zum einen damit zu tun, dass es nur mehr sehr wenige Gefügelverarbeiter gibt. Zum anderen hat es aber auch ganz wesentlich damit zu tun, dass heimische Geflügelmäster wesentlich strengere Produktionsauflagen haben. „Während hierzulande in den Hühnerställen die Besatzdichte 15 Hühner pro Quadratmeter Stall nicht übersteigen darf, sind EU-weit 20 erlaubt“, sagt Marksteiner.

Für ihn ist es nicht verwunderlich, dass die Bauern zumeist an ihren angestammten Produktionszweigen, der Milch- oder Getreideproduktion, so lang wie möglich festhalten. „Der Umstieg etwa auf Lamm- oder Geflügelproduktion ist, abgesehen von den Vorschriften, schwierig und zumeist sehr Know-how- und kostenintensiv“, sagt der Kammerexperte. „Da müssen auch die persönlichen Voraussetzungen und die Verarbeitungsmöglichkeiten stimmen.“

„Die Bauern rechnen sehr genau“Der niedrige Selbstversorgungsgrad bei Produkten wie Eiern (77 Prozent), Geflügelfleisch (72 Prozent), Schafen und Ziegen (75 Prozent), Gemüse (60 Prozent) und Obst (65 Prozent) bietet daher eher selten Anreiz, eingefahrene Geleise zu verlassen und neue Einkommensmöglichkeiten zu erschließen. „Auch wenn ihnen oft das Gegenteil vorgeworfen wird, zeigt sich da, dass die Bauern sehr genau rechnen“, sagt Marksteiner. Genau das freilich könnte der Grund sein, dass die schlechte Versorgungsbilanz bei Soja bald wesentlich besser aussieht und die Eiweißfrucht für viele Bauern ein neues Einkommensstandbein wird. Denn die Preise steigen und Vermarkter wie die burgenländische Mona haben mit Produkten wie Sojamilch und Pudding neue Märkte erschlossen.

Salzburger Nachrichten - Wirtschaft 10. August 2010

Samstag, 7. August 2010

Preishoch weckt alte Ängste




Die Getreidepreise explodieren. Und schon geht die Angst vor teurem Essen um.

HANS GMEINER Salzburg (SN). Preise für agrarische Rohstoffe, die den Bauern im Vorjahr ein Einkommensminus von fast 30 Prozent bescherten, ziehen seit Monaten kontinuierlich an, bei Getreide explodieren sie regelrecht. Auf den internationalen Getreidemärkten purzeln seit Wochen die Rekorde. An der für Europa maßgeblichen Warenterminbörse Euronext in Paris notieren Weizen, Mais und Raps deutlich höher als Anfang August 2007, als eine bis dahin beispiellose Preisrallye einsetzte, die dann 2008 in überdurchschnittlichen Teuerungen bei Lebensmitteln und Hungerrevolten mündete.

Der für die Branche entscheidende Novemberkontrakt für Mahlweizen schoss nach Bekanntwerden der russischen Getreideexportsperre Donnerstag auf 224 Euro je Tonne. Das waren um 20 Prozent mehr als in der Woche zuvor. Spätestens seither ist vielen Beobachtern mulmig zumute. Denn damit wurde der bisherige Höchstwert aus 2007 um mehr als fünf Prozent übertroffen. Damals notierte der gleiche Kontrakt für Mahlweizen bei 211,50 Euro. Allein seit Anfang Juli beträgt der Preisanstieg fast 60 Prozent. Welche Dimension die aktuelle Preisrallye hat, zeigt ein Blick auf das Vorjahr. Damals lag die Notierung für Novemberweizen in der ersten Augustwoche mit 126 Euro je Tonne fast um die Hälfte niedriger als heuer.

Maispreis auf Rekordkurs
An der Wiener Getreidebörse, die für das Preisniveau in Österreich maßgeblich ist, hat die Euronext-Entwicklung noch nicht voll durchgeschlagen. Der Weizenpreis zog zwar in dieser Woche um gut zehn Prozent an, liegt mit 183 Euro je Tonne markant über dem Vorjahreswert (140 Euro), aber immer noch deutlich unter den Rekordwerten von 2007.

Aber nicht nur die Weizenpreise haben deutlich angezogen. Mit 209 Euro pro Tonne ist der Novemberkontrakt bei Mais um rund 70 Prozent teurer als vor einem Jahr. Stark angezogen haben auch die Rapspreise. Auch sie liegen mit 388 Euro je Tonne deutlich höher als 2007. Gerste hingegen blieb fast auf den Vorjahrespreisen sitzen.

Aber nicht nur bei Getreide steigen die Preise. Auch Milch wurde im vergangenen Jahr um 20 Prozent teurer. Erstmals kamen die Bauern heuer seit längerer Zeit ohne die sonst üblichen Preisrückgänge über den Sommer.

Angetrieben werden die Preise vor allem von einer geringeren Agrarproduktion. Bei Milch ist es die Rücknahme der Produktion, bei Getreide sind es die schlechten Ernteaussichten. Waren es zunächst Kälte und Nässe, die die Erwartungen dämpften und die Preise antrieben, so ist es seit Anfang Juli die Hitze im Norden und Osten Europas. Bei Mais treibt vor allem die Nachfrage aus China die Preise. Der Rapspreis wird vom Rohölpreis bestimmt.

Hinter der Preisentwicklung steckt aber auch die Rückkehr der Spekulanten auf die Rohstoffmärkte. Seit Monaten gelten Rohstoffe wieder als attraktive Anlagemöglichkeit. Schon im Vorjahr gab es eine Preisrallye bei Zucker. Zuletzt sorgten die Kakaopreise für Schlagzeilen. Ein einziger
Manager eines englischen Hedgefonds kaufte alle nur verfügbaren Handelskontrakte zusammen und trieb den Preis für die Kakao bohne damit in Rekordhöhen. Nun versprechen die Anlageberater „Weizen macht Sie reich!“ und tragen damit das Ihre zum Anstieg der Preise bei.

Die Branche versucht, die Nerven zu bewahren. „Der Weltmarkt für Weizen ist heute weit ausgeglichener als vor drei Jahren“, stellte die Welternährungsorganisation FAO Mitte dieser Woche fest. „Aus heutiger Sicht sind Ängste vor einer neuerlichen globalen Ernährungskrise nicht gerechtfertigt.“ Nach zwei Jahren mit weltweiten Rekordernten seien die Reserven wieder aufgefüllt.

Nach Angaben des Internationalen Getreiderats (IGC) liegen rund 30 Prozent eines Jahresbedarfs an Weizen auf Lager. Durch die heurigen Ernteaussfälle würden die Reserven lediglich auf 29 Prozent sinken. Als kritisch sieht man erst ein Absinken auf 20 Prozent an, wie es vor drei Jahren der Fall war. Ob das einen neuerlichen Preisschub bei Lebensmitteln verhindern kann, ist fraglich. „Der Rohstoffboom geht erst richtig los“, ist von den Börsen zu hören.

„Die Versorgung mit Getreide ist in Österreich auf jeden Fall gesichert“, sagte Freitag Franz Stefan Hautzinger von der Agrarmarkt Austria. Die Mühlenindustrie kündigte dennoch bereits an, „als Erster in der Wertschöpfungskette mit entsprechenden Preisanpassungen reagieren zu müssen“.

Auch die Bäcker reden bereits von einer Preiserhöhung in der Größenordnung von mindestens fünf Prozent im kommenden Herbst. Damit geht das Schwarze-Peter-Spiel Landwirtschaft gegen Lebensmittelverarbeiter und Gewerbe in eine neue Runde. Die Bauern halten eine derartige Anhebung der Preise für nicht gerechtfertigt. Der Getreidepreis macht nur zwei Prozent des Brotpreises aus.

Die Bauern selbst haben derzeit noch kaum etwas vom Höhenflug der Weizenpreise. Die Abnehmer wollen kaum Preise nennen. Aber auch die Bauern warten zu. Sie lagern selbst ein oder liefern zwar ab, rechnen aber noch nicht ab. Kolportiert werden etwa in Oberösterreich Preise von rund 170 Euro pro Tonne.

Auch wenn das derzeitige Preisniveau überzogen ist, ist man sich in Fachkreisen einig, dass die Agrarpreise steigen werden. Erst im Juni bekräftigen OECD und FAO ihre Prognosen, dass Weizen und Mais bis 2020 um durchschnittlich 15 bis 40 Prozent teurer werden.

Das gibt der Landwirtschaft Rückenwind. Für Experten wie den ehemaligen Landwirtschaftsminister Wilhelm Molterer, der neuerdings für die Europäische Volkspartei maßgeblich bei den Verhandlungen zur EU-Agrarreform mitmischt, ist klar: „Die agrarische Produktion und die landwirtschaftliche Nutzfläche gewinnen an Bedeutung.“

Salzburger Nachrichten - Wirtschaft 7. August 2010

Mittwoch, 21. Juli 2010

Chaos bei den Biobauern




HANS GMEINER Salzburg (SN). Der Markt für heimisches Biogetreide versinkt im Chaos. Tausende Bauern, die derzeit mitten in der Ernte stehen, wissen angesichts der Probleme rund um die bisher marktbeherrschende Agentur für Biogetreide immer noch nicht, wer ihnen das Getreide abnimmt. Viele lagern es entweder auf eigene Kosten ein und warten, bis sich eine Lösung abzeichnet. Viele haben dafür aber nicht die Nerven oder die nötige Finanzkraft und verkaufen zu wesentlich niedrigeren konventionellen Preisen. Nun will Bio Austria, die bisher eng mit der ums Überleben kämpfenden Agentur zusammenarbeitete, mit einer eigenen Vermarktungsorganisation retten, was zu retten ist.

In den vergangenen drei Wochen überschlugen sich auf dem Biogetreidemarkt die Ereignisse. Die Situation war wegen eines enormen Überangebots bereits extrem angespannt. Die Ankündigung der Biogetreide-Agentur, den Bauern einen Großteil der Gelder für die vorjährige Ernte schuldig bleiben zu müssen, um die Bilanz zu retten, wirkte wie ein Schock.

Eine in der Vorwoche präsentierte Lösung rund um ein Unternehmen eines ehemaligen Geschäftsführers von Bio Austria wurde in der Branche schnell als „alter Wein in neuen Schläuchen“ abgelehnt. Zu eng waren die Verbindungen mit dem Geschäftsführer der Agentur für Biogetreide, der bereits einmal wegen eines Schwindels mit Biogetreide eine Haftstrafe verbüßt hatte und auch in der neuen Gesellschaft die Vermarktung maßgeblich mitgestalten sollte.

Dazu kamen rechtliche Bedenken gegenüber dieser Konstruktion. Man befürchtete, dass sich die Agentur auf Kosten der Biobauern retten wollte. „Diese Bedenken sind immer noch nicht ausgeräumt“, erklärte am Dienstag Bio-Austria-Obmann Rudi Vierbauch und zog die Reißleine. Er kündigte die Gründung einer neuen Organisation für eine Vermarktung „in bäuerlicher Hand und mit starken Partnern“ an.

Wie die Lösung wirklich aussehen und wann sie kommen wird, bleibt er vorerst schuldig. „Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren“, heißt es wenig verbindlich. Dem Vernehmen nach dürfte die Raiffeisen Ware Austria, die mit ihren Lagerhäusern über die meisten Lager verfügt, eine wichtige Rolle spielen.

Wie es für die Tausenden Bauern weitergeht, die noch auf mehr als die Hälfte des von der Agentur versprochenen Erntegeldes aus dem Vorjahr warten, ist weiter ungewiss. Für viele geht es um fünfstellige Beträge.

Ob sie zu ihrem Geld kommen, ist alles andere als sicher. In der Branche rechnet man nach dem Bruch zwischen Bio Austria und der Agentur mit einem Konkurs des bisher wichtigsten Vermarkters von heimischem Biogetreide.


Salzburger Nachrichten - Wirtschaft / 21.07.2010

Montag, 19. Juli 2010

Fischlers Gütesiegel „gut so!“ kämpft




1,1 Mill. Euro für 32 Bauern, acht Verarbeiter und 50 Produkte. Das ist die magere Bilanz des Fischler-Siegels „gut so!“.

HANS GMEINER Salzburg (SN). „Wir sind mit unserem Lebensmittelsiegel ,gut so!‘ gut unterwegs.“ Katja Brunner versucht, Optimismus zu verbreiten. Als Verantwortliche für die Öffentlichkeitsarbeit der Lebensmittelmarke, die neue Ethikstandards setzen will, ist das ihr Job. Leicht dürfte der nicht sein.

Im Lebensmittelhandel belächelt man das Projekt, das mit dem Anspruch antrat, neue Ethikstandards zu setzen, als Flop, die Agrarpolitik hat es fallen gelassen. Die Bilanz der vor zwei Jahren von Ex-EU-Kommissar Franz Fischler entwickelten Marke fällt trotz des enormen finanziellen Aufwands bis jetzt mager aus.

Nicht mehr als 32 Bauern, vorwiegend aus Westösterreich, beliefern gerade einmal acht Verarbeiter. 25 Milch- und Molkereiprodukte und 25 Getreideprodukte und neuerdings Spargel tragen derzeit das grün-weiße „gut so!“-Siegel. Der Umsatz erreichte im Vorjahr 1,3 Mill. Euro.

Die Agrarier, die in den vergangenen beiden Jahren mehr als 800.000 Euro aus Mitteln der Ländlichen Entwicklung über Länder und Landwirtschaftsministerium in die Fischler-Marke gebuttert haben, haben die Reißleine gezogen und sich aus dem Projekt verabschiedet. Heuer greift das Wirtschaftsministerium für „gut so!“ in den Topf für Ländliche Entwicklung und stellt 300.000 Euro zur Verfügung.

„Das ist einiges an Geld“, räumt Hermann Hagspiel, Geschäftsführer von fairea, der Tochtergesellschaft des Ökosozialen Forums, das „gut so!“ lanciert, im SN-Gespräch ein. Er hält es, aller Kritik zum Trotz, für gut investiert. „Der Aufbau einer Marke, die Entwicklung von Kriterien und Kontroll- und Rückverfolgungssystemen, die EDV – das alles kostet Geld.“

Von seinen Zielen will er sich nicht abbringen lassen. Heuer soll sich der Umsatz auf 2,6 Mill. Euro verdoppeln, die Zahl der „gut so!“-Produkte auf mehr als 100 wachsen. Neben Milch- und Getreideprodukten sowie Gemüse soll es bald auch Eier, Fleisch und Obst von „gut so!“ geben.

Aus den Plänen, große Lebensmittelproduzenten zu gewinnen, ist bisher nichts geworden. Das erweist sich auch bei den Handelsketten als Hemmschuh, weil man nicht die erforderlichen Mengen liefern kann. So liegen etwa die Kooperationen mit Tirolmilch und der Handelskette MPreis derzeit auf Eis. Nun kristallisieren sich Feinkosthändler und Direktvermarkter-Läden als wichtigste Absatzschienen für die hochwertigen Spezialitäten von Sennereien, Meierhöfen und Bergbauern heraus. Auszeichnungen wie kürzlich das „Kasermandl in Gold“ bei einer Käseprämierung für einen „gut so!“-Bergkäse der Vorarlberger Sennerei Schnifis kommen da gerade recht. In Wien etwa vertreibt eine Fleischereikette „gut so!“-Produkte als Extraangebot, im Herbst soll es die Produkte auch übers Internet geben.

Auch an der Verbreiterung der Produzentenbasis wird gearbeitet. Hagspiel ist vom Marken-Konzept nach wie vor überzeugt. „Wir bieten regionalen Herstellern und Bauern eine Chance im Wettbewerb mit der Industrie“.


Salzburger Nachrichten Wirtschaft / 14.07.2010

Mittwoch, 7. Juli 2010

Bioboom geht an den Biobauern vorbei





HANS GMEINER Salzburg (SN). Die Österreicher kaufen so viele Biolebensmittel wie nie zuvor. Die Verkaufszahlen im Lebensmittelhandel explodierten in den vergangenen Monaten regelrecht. Die Bioumsätze von Spar, Billa, Hofer und Co. lagen in den ersten vier Monaten dieses Jahres um 30 Prozent über dem Niveau des vergleichbaren Vorjahreszeitraums. Mengenmäßig gab es sogar ein Plus von 40 Prozent. Das ergab die jüngste Markt analyse der Agrarmarkt Austria.

Der Schub für Bio kommt vor allem von Hofer. Und wie schon seinerzeit, als er für Billa (Rewe) mit „ja!natürlich“ den heimischen Biomarkt richtig in Gang brachte, steckt auch diesmal wieder Werner Lampert dahinter. Der Bio guru entwickelte für Hofer die Eigenmarke „Zurück zum Ursprung“ und stellte sie ab Mitte des Vorjahres – für viele Bauern handstreichartig – auf Bio um. Mittlerweile hält der Diskonter 25 Prozent des Marktes.

Aber auch bei den anderen großen Handelsketten liegen die Bioumsätze heuer um mehr als 20 Prozent höher als im vergangenen Jahr. „Wir haben immer noch deutliche Steigerungen gegenüber dem Vorjahr“, sagt Spar-Sprecherin Nicole Berkmann. Von Rewe ist Ähnliches zu hören. „Bio ist richtig angesprungen“, heißt es dort.

Am größten waren die Zuwächse bei Milchprodukten. So wurden heuer im ersten Jahresdrittel um 76 Prozent mehr Butter, um 55 Prozent mehr Milch und um 51 Prozent mehr Käse in Bioqualität verkauft. Mit rund neun Prozent hat auch der Verkauf von biologischem Frischobst und Biogemüse kräftig zugelegt. Der Absatz von Biokartoffeln wuchs um 11,5 Prozent.

„Der neuerliche Wachstumsschub auch abseits von Hofer kommt überraschend“, sagt Johannes Mayr von KeyQuest, der für die AMA die Marktanalyse macht. Als Gründe nennt er die größer gewordene Produktvielfalt und ein Umdenken bei den Konsumenten, denen Themen wie Nachhaltigkeit immer wichtiger würden. „Davon profitiert auch Bio.“

Eine entscheidende Rolle beim neuen Bioboom spielt aber der Preis. Der Abstand zu den Preisen von konventionellen Produkten ist kleiner geworden. In vielen Sparten rutschten die Preise für Biolebensmittel deutlich nach unten. „Das belebte den Absatz“, wie Bio Austria in einem internen Papier anhand des Marktes für Molkereiprodukte analysiert: „Im gesamten Sortiment sind die Preise nach unten gegangen“, heißt es dort. Im Detail lasse sich aber an der Preisentwicklung ablesen, „dass veränderte Preisrelationen den Ab- und Umsatzschub nachdrücklich beflügelt haben“.

Glücklich sind die Bauern damit freilich nicht. „Bei ihnen kommt vom Boom nichts an“, sagt Hubert Zamut von Bio Austria. „Der Erfolg spiegelt sich nicht in den Bauernpreisen wider.“

Vor allem die Erzeugermilch preise stoßen den Biobauern sauer auf. In einer Aussendung warf Biobauern-Obmann Rudi Vierbauch erst in der Vorwoche dem Lebensmittelhandel vor, eine Erhöhung der Bauernmilchpreise zu boykottieren. Er fordert eine Preisanpassung, die eine Anhebung des Bauernmilchpreises um fünf Cent pro Liter ermöglicht.

Bei Biogetreide sind die Biobauern nicht in der Lage zu fordern. Angesichts der gewaltigen Überschüsse und der drohenden Pleite der Agentur für Biogetreide (die SN berichteten) laufen intensive Verhandlungen, den Markt in geordnete Bahnen zu lenken, zumindest einen Teil der versprochenen Preise zu bekommen und die heurige Ernte verkaufen zu können. Bisher ohne Ergebnis.

Salzburger Nachrichten - Wirtschaft 7. Juli 2010

Freitag, 2. Juli 2010

Keine Bauernopfer





Wien (SN). „Alles für unsere Bauern tun“, stand auf der Tafel, vor der Landwirtschaftsminister Niki Berlakovich und EU-Agrarkommissar Dacian Ciolos Dienstag bei einer Pressekonferenz in Wien Platz nahmen. Das freilich ist im derzeitigen Stadium der Verhandlungen über die künftige EU-Agrarpolitik nicht mehr als ein Versprechen.
Während Berlakovich neuerlich die Gefahr einer Kürzung der Mittel für die Umweltprogramme und die benachteiligten Gebiete um bis zu 70 Prozent beschwor, ließ sich der aus Rumänien stammende Kommissar auf keine Spekulationen ein. „Ich sammle derzeit in allen EU-Staaten Meinungen“, sagte er. Es sei zu früh, über unterschiedliche Meinungen und erst recht übers Budget zu reden.

Jetzt sei die Zeit, über Ziele und nicht über Mittel zu diskutieren. Und da, ließ er erkennen, gefalle ihm viel von der österreichischen Agrarpolitik. „Österreich hat es verstanden, sich auch mit kleinen Höfen, Biolandbau und ökologischen Leistungen in Europa zu behaupten.“

So klingen denn auch die Ideen Ciolos, die er bis November in mehrere Vorschläge bündeln will, für die Ohren österreichischer Bauern nicht fremd. „Die Landwirtschaft ist nicht nur ein Wirtschaftszweig, sondern wirkt auch in andere Bereiche hinein.“ Er verwahrt sich dagegen, die Arbeit der Bauern auf die Erzeugung von Lebensmitteln zu beschränken und verweist auf die Bedeutung für die Wasser- und Bodenressourcen, das Klima, die Umwelt und die Landschaftserhaltung. „Diese Leistungen müssen belohnt werden.“

Was das für Österreichs Bauern genau heißen wird, ist freilich nicht abzuschätzen. Denn Ciolos hat auch Verständnis dafür, dass die Bauern in den neuen EU-Ländern künftig finanziell nicht mehr schlechter behandelt werden wollen. Es sei zu früh über unterschiedliche Auffassungen zu reden. Aber: „Österreich wird einen Platz in der Agrarpolitik finden.“

Salzburger Nachrichten - Wirtschaft, 2. Juli 2010
 
UA-12584698-1