Samstag, 11. Januar 2025

„Es ist keine Spielerei“

Thomas Weigl mag nicht abhängig sein. Jetzt ist sein Bauernhof in Pasching fast energieautark und ein Beispiel dafür, wie Bauern Lösungen selbst in die Hand nehmen.

Hans Gmeiner

Pasching. Am Anfang stand ein Feierabendbier mit zwei Freunden. „Sie haben erzählt, dass sie sich das mit einer Photovoltaikanlage auf dem Dach anschauen wollen“, sagt Thomas Weigl aus Pasching. „Da habe ich mir gedacht, das will ich mir auch anschauen.“ Außerdem habe er nach einem zusätzlichen Einkommen gesucht. Das war 2021.

Heute ist Weigls Landwirtschaft dabei, zu einem Vorzeigebetrieb zu werden für viele, die ihren Bauernhof energieautark machen wollen. Erst kurz vor Weihnachten stand ein Besuch des Hofs von Weigl auf dem Programm eines Seminars des Netzwerks Zukunftsraum Land zum Thema „Krisensichere Bauernhöfe“. Ein Bus voller Fachleute und interessierter Landwirte aus ganz Österreich, angeführt vom Energieexperten der Landwirtschaftskammer, informierte sich vor Ort über die Fortschritte des Projekts, das mit einem Bier begann.

Und die Fortschritte können sich sehen lassen. Die PV-Module auf den Dächern der Gebäude von Weigls Haidlgut, einem Bio-Ackerbaubetrieb mit Pensionspferdehaltung, sind nicht zu übersehen. „Eine Anlage mit 140 kW-Peak“, sagt Weigl. „Dazu haben wir 22 kW Speicher und ein Notstromaggregat.“ Unabhängigkeit ist Weigl, wie vielen anderen Landwirten auch, etwas wert. Mit den meist großen Dachflächen auf ihren Gebäuden und dem Besitz von Waldflächen sind sie prädestiniert, sich mit PV-Anlagen und Holzheizungen bei der Erzeugung von Strom und Wärme bei der Energiegewinnung möglichst unabhängig von Märkten zu machen, die zuweilen unliebsame Überraschungen bereithalten.

An die 170.000 Euro hat Weigl in den vergangenen Jahren in seine Unabhängigkeit von den Energiemärkten investiert. Nicht nur in die PV-Anlage und einen Gutteil davon noch bevor „energieautarker Bauernhof“ zu einem Begriff und zu einem Förderprogramm des Umweltministeriums wurde, das mit 100 Mill. Euro dotiert ist. Auch die obersten Geschoßdecken im Hof wurden isoliert, um Heizenergie zu sparen, und vor wenigen Wochen erst wurde die neue 100 kW-Hackschnitzelheizung installiert, die die 30 Jahre alte Stroh-Holz-Kombiheizung ablöste.

In der Werkstatt stehen heute E-Motorsensen und E-Motorsägen, im Hof ein kleiner E-Transporter, den es dank einer Förderung billig im Handel gab. „Mein Tuk-Tuk“, lacht Weigl. Es ist einstweilen das einzige strombetriebene Fahrzeug am Hof. Ein Auto soll noch kommen. Mit den Traktoren wird es schwieriger. „Da gibt es noch keine serientaugliche Technik“, sagt Weigl.

Das alles bremst ihn freilich nicht. Derzeit ist er dabei, eine Verdoppelung der Stromspeicher für die PV-Anlage auszuloten. Und demnächst will er den Trocknungsanhänger für die Hanfblüten und andere Spezialkulturen, die auf seinen Feldern wachsen, mit Wärme aus der Hackschnitzelheizung betreiben.

Längst hat Weigl Blut geleckt. „Jetzt verfolge ich den Pfad vom energieautarken Bauernhof und alles, was mir gefällt, mache ich“, sagt er. Er schätzt, dass er rechnerisch bereits zu 80 Prozent völlig selbstständig ist in der Energieversorgung. Viel mehr geht derzeit nicht, vor allem wegen der Traktoren.

Und rechnet sich das alles? „Es rechnet sich und es ist keine Spielerei“, kommt die Antwort umgehend. Der Zeitraum sei überschaubar. „Mit dem, was ich da gemacht habe, kann man keinen Hof retten, aber es passt sehr gut und es ergänzt sich alles.“

Der Landwirt in Oberösterreich ist typisch für viele Landwirte im Land. Die Bauern machen sich ihre Lösungen sehr oft selbst und sie sind viel offener für Neues, als gemeinhin angenommen wird. Nicht nur bei der Selbstständigkeit in der Energieversorgung, auch in der Digitalisierung sind sie nicht nur in der Verwaltung, sondern auch in der Produktion vorn dabei. Auch wenn es um die Vermarktung ihrer Produkte geht, beschreiten sie oft neue Wege. So gehört es für rund 30 Prozent der Bauern zum Alltagsgeschäft, die Preise für Getreide, Mais und Sojabohnen über Warenterminbörsen abzusichern und die Ware zu verkaufen, schätzt etwa Helmut Feitzlmayr von der Landwirtschaftskammer in Linz.

„Die Bauern sind sehr innovativ, wenn es darum geht, für die Zukunft Wege zu finden“, bestätigt auch Franz Sinabell vom Wirtschaftsforschungsinstitut. Erfolgsgeschichten nennt er nicht nur die Biolandwirtschaft und das Heumilchprojekt, sondern auch die Anpassung an den Klimawandel und die Entwicklung neuer Verfahren zur Schonung der Böden. „Da zeigen die Bauern, wohin die Entwicklung geht.“ Man probiere etwa mit dem Anbau von Melonen oder Reis neue Wege zu gehen und man tüftle auf den Feldern an bodenschonenden Bearbeitungsverfahren. „Dort kann dann die Wissenschaft hingehen und anschauen, was die Bauern Gescheites machen“, sagt der Wirtschaftsforscher. Das stehe freilich nur selten in der Auslage und es werde nicht einer reich damit, sagt Sinabell, weil meist viele Bauern gemeinsam in der Landwirtschaft etwas besser und für die Verbraucherinnen und Verbraucher billiger machen.

Salzburger Nachrichten - Wirtschaft 11. Jänner 2025

Donnerstag, 9. Januar 2025

Die Implosion eines überholten Systems

So viel wie in der vergangenen Woche ist in der österreichischen Innenpolitik kaum je passiert. Das System ist regelrecht implodiert. Von "Chaostagen" reden viele. Man mag dazu stehen, wie man will, man mag davon halten, was man will, und mag Schlüsse daraus ziehen, welche immer man will. Und man mag auch mit Inbrunst darüber spekulieren, wer wofür verantwortlich ist, dass die Koalitionsgespräche scheiterten und nun doch alles auf den Chef der Freiheitlichen Partei hin zu laufen scheint. Und natürlich haben die Kommentatoren nicht Unrecht, die sagen, dass in allen Parteien nicht die Staatsräson, sondern die Parteiräson gewonnen habe. Und natürlich reiten jetzt wieder die aus, die sich über den neuen Partei-Chef Christian Stocker und die 180-Grad-Wende der ÖVP und das "Glaubwürdigkeitsproblem" nicht genug echauffieren können und zu denen Beate Meinl-Reisinger wenig anderes als das Attribut "naiv" einfällt.

Freilich haben sie in vielem Recht. Wert festzuhalten ist in diesem Polit-Tohuwabohu und auch im Hinblick darauf, was noch auf uns zukommen wird, allem zum Trotz, was Neos-Chefin Beate Meinl-Reisinger in ihrem Statement sagte, als sie den Rückzug aus den Koalitionsverhandlungen bekanntgab. Unbesehen davon, wie man ihr Agieren einschätzt. Denn Beate Meinl-Reisinger sagte sehr viel Richtiges, sehr viel, das man nur unterschreiben kann, und sehr viel, das in Österreich längst gesagt gehört. Eine "gemeinsame Vision für Österreich" forderte sie etwa ein, einen "Staat, der sich klar zu seiner Verantwortung bekennt","Verständnis dafür, dass Arbeitgeber und Arbeitnehmer in einem Boot sitzen und gemeinsam wieder Wachstum ermöglichen". Sie verlangte auf "Eigenverantwortung und Leistungsbereitschaft" zu setzen, ohne "den sozialen Ausgleich und den Ausgleich zwischen den Generationen" aus den Augen zu verlieren. Sie verlangte von den Parteien "Bereitschaft, ihre eigene Macht einzuschränken" und über Legislaturperioden hinaus zu denken. Sie sagte, dass es "definitiv zu wenig" sei als Regierungszweck, die FPÖ zu verhindern, und nannte als Antwort darauf, "doch endlich eine alternative Zukunftserzählung mit Perspektiven, wirklichen Veränderungen und Reformen anzugehen und zu sagen 'Schaut, wir haben ein besseres Programm'".

Es ist wohl so, dass sehr viele Österreicherinnen und Österreicher Meinl-Reisinger Recht geben mit ihren Forderungen. Wenn ihre Ansichten aber auf die Realität treffen, sind diese Forderungen chancenlos, umgesetzt zu werden. Und das hängt wohl auch damit zusammen, dass die Österreicherinnen und Österreicher gerne nach außen anders reden, als sie tatsächlich denken und handeln, zumal dann, wenn es um ihre eigene Brieftasche und ihre Vorstellungen geht, zumal dann, wenn es darum geht, dass sie etwas beitragen oder gar verändern sollten.

Was jetzt kommt ist ungewiss. Man weiß wenig von den Freiheitlichen und wenig von dem, was Kickl vorhat. Wie will er mit dem Budgetloch umgehen, wie mit dem Schuldenberg? Wie wird seine Sozialpolitik in der Realität ausschauen? Was hat er zum Pensions-und Gesundheitssystem zu sagen und zur Bildung? Welche Leute hat er überhaupt aufzubieten, die sich mit all diesen drückenden Themen auseinandersetzen könnten? Wie wird das Ausland reagieren? Kurzum, wie wird das Rendezvous des Paradepopulisten, der in den letzten Jahren ohne jede politische Verantwortung agierte, mit der Realität wirklich ausschauen?

Österreich ist, das wurde in diesen Tagen seit Neujahr unübersehbar, an die Wand gefahren. Das Land ist orientierungslos und ohne Konzept, das Modell, das über Jahrzehnte hielt, überholt. Wir sind jetzt wohl wirklich dort angekommen, wo uns warnende Stimmen schon seit Jahren gesehen haben. Der Staat kommt daher wie ein Auto mit hunderttausenden Kilometern auf dem Tacho, einer verbeulten, rostigen Karosserie, einem spritschluckenden Uralt-Motor und einem Lenkradspiel, mit dem es kaum mehr auf der Straße zu halten ist. Und jetzt ist es auch mit dem Pickerl vorbei.

Ein neues Fahrzeug wäre dringend nötig. Ein Fahrzeug mit einem modernen Konzept, eines, das eine sichere Fahrt in die nächsten Jahrzehnte garantiert.

Ob das die Regierung, respektive der mögliche neue Kanzler, zusammenbringen wird, sei bezweifelt. Aber vielleicht kommt ja eh wieder alles anders.

Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 9. Jänner 2025

Dienstag, 31. Dezember 2024

Alles Gute & Guten Rutsch!

 


Ich danke allen Leserinnen und Lesern und allen Followerinnen und Followern für ihr Interesse und wünsche das Allerbeste fürs neue Jahr - drunter geht es diesmal wohl nicht, nach allem was wir heuer erleben, erfahren und mitmachen mussten ;-)

Guten Rutsch!

Freitag, 27. Dezember 2024

Bio will sich nicht unterkriegen lassen

Die heimische Biolandwirtschaft, lange erfolgsverwöhnt, hat zu kämpfen. Nun hofft man, dass die Talsohle durchschritten ist.

Hans Gmeiner 

Salzburg. Die heimischen Biobauern, jahrelang erfolgsverwöhnt, haben ein schwieriges Jahr hinter sich. Nach Jahren des Wachstums und dem Höhenflug während der Coronapandemie kam der Markt ins Stottern. Die Absatzzahlen gingen zurück und die Preise auch. Der Abstand zwischen den Preisen für Bioprodukte und konventionell erzeugte Waren schrumpft, der Handel verkaufte Bioprodukte zuweilen billiger als konventionelle Ware. Die Einkommen der Biobauern gingen deutlich zurück. Knapp 1000 Bauern stiegen sogar aus dem Biolandbau aus. Zudem geriet Bio Austria wegen Importen in die Schlagzeilen und man musste zusehen, wie die EU von ihren Green-Deal-Plänen, in die man große Hoffnungen setzte, abrückte.

Nun aber glaubt man, die Talsohle erreicht zu haben. „Die Stimmung der Bauern, die vor einem Jahr noch einigermaßen getrübt war, ist wieder am Besserwerden“, sagen Barbara Riegler und Susanne Maier, Obfrau von Bio Austria die eine und Geschäftsführerin des mit 12.500 Mitgliedsbetrieben größten Biobauernverbandes im Land die andere. „Wir sind positiv überrascht, wie sich der Markt entwickelt“, sagen sie.

Die RollAMA, die in regelmäßigen Abständen den Biomarkt analysiert, wies im ersten Halbjahr zumindest wieder mengenmäßige Zuwächse im Absatz aus. Auch der Bioanteil im Handel ist nach einem deutlichen Rückgang 2022 und 2023 im Jahr 2024 wieder gestiegen. Für die zweite Hälfte 2024 liegen zwar noch keine Zahlen vor, bei Bio Austria erwartet man aber, dass sich der Trend wieder gefestigt hat.

Riegler und Maier sind überzeugt, dass die Biolandwirtschaft auf einem guten Weg ist. Das bestätige sich immer wieder, gleich ob man mit jungen Konsumenten oder jungen Bauern rede. „Ich stelle fest, dass der gesellschaftliche Druck hin zu Bio und Ökologisierung größer wird“, sagt Riegler. „Die Leute erwarten, dass Grund und Boden für alle geschützt werden“, das zeigten auch Umfragen. „Die Leute wünschen, dass da mehr gemacht wird.“

Österreichs Agrarpolitik rühmt sich gern, dass der Anteil der Biolandwirtschaft in kaum einem anderen Land so hoch ist wie hier. Mehr als 24.000 Bauern, gut 23 Prozent aller Betriebe, wirtschaften nach den Grundsätzen des Biolandbaus. Der Anteil der Flächen beträgt sogar 27 Prozent. Der Biomarkt in Österreich ist knapp 2,99 Mrd. Euro groß und wird vom Lebensmittelhandel dominiert, auf den 79 Prozent davon entfallen. 13 Prozent des Bio-Umsatzes entfallen auf Direktvermarktung und den Bio-Fachhandel und acht Prozent auf die öffentlichen Versorgungseinrichtungen, Kantinen und die Gastronomie.

Die wichtigsten Hebel, die Absatzmärkte für die Bauern zu vergrößern, aber auch von den Exportmärkten unabhängiger zu werden, sind für die Bio-Austria-Führung die öffentliche Beschaffung, öffentliche und private Kantinenbetreiber und die Gastronomie und Hotellerie. Der Markt verspricht einiges, werden doch zumindest während einer Arbeitswoche rund 2,5 Millionen Mahlzeiten außer Haus eingenommen.

Vor allem Bioprodukte in der öffentlichen Beschaffung unterzubringen, erweist sich freilich als „Bohren in harten Brettern“, wie Maier das formuliert. „Die Zielvorgabe von 25 Prozent, auf die sich die Politik verständigte, wird nicht kontrolliert“, beklagt Maier. Dennoch gibt sie sich zuversichtlich, dass der Anteil der öffentlichen Beschaffung, der Kantinen und der Gastronomie und Hotellerie stark zulegt. „Ich hoffe, dass in absehbarer Zeit der Marktanteil dieses Bereichs auf 20 Prozent wächst.“

Die Agrarpolitik hat zwar vor wenigen Wochen bei der Förderung der Biolandwirtschaft mit einem 20-Millionen-Euro-Paket beim Umweltprogramm, das vor zwei Jahren bei seiner Einführung für Unmut sorgte, nachgebessert, dennoch wollen die Biobauern die Politik nicht aus der Pflicht entlassen. „Markt und Absatzmöglichkeiten müssen gemeinsam wachsen“, fordern Riegler und Maier unisono. „Wenn die Politik sagt, sie will die Ökologisierung der Landwirtschaft vorantreiben, dann muss man schauen, wie dieses Ziel zumindest im Inland unterstützt werden kann.“

Im Zentrum davon sieht man bei Bio Austria die Agrarmarkt Austria (AMA). Es gebe zwar „gute Zusammenarbeit“, gefordert wird aber, dass die AMA im Biobereich „mehr tut und Bioprodukte eigens beworben werden“. Auf den Märkten brauche es einen „ernst gemeinten Anschub“. Bio-Austria-Obfrau Riegler hat dabei sehr konkrete Vorstellungen. „Wenn der Anteil der Biobetriebe bei knapp einem Viertel liegt, dann müsste eigentlich auch der Anteil der Werbung für Bio bei knapp einem Viertel liegen.“

Alles, was die Biobauern vom Export unabhängiger mache, sei hilfreich, sagt Riegler. Denn dort droht Ungemach. Nicht nur, dass in Ländern wie Deutschland die Bioproduktion wächst und damit die Konkurrenz härter wird. Die großen Handelsketten schreiben dort die Mitgliedschaft bei nationalen Bioverbänden vor. Schon jetzt sind rund 2300 Bauern aus Österreich in Deutschland Mitglied bei Naturland, mit dem Rewe und Aldi zusammenarbeiten, um weiterhin – vor allem Milch – liefern zu können. Für Bio-Austria-Mitglieder gibt es zwar Doppelmitgliedschaften, mitzureden hat man bei Naturland, das dabei ist in Österreich eigene Strukturen aufzubauen und um Mitglieder wirbt,  allerdings kaum etwas, was die Position nicht nur auf den Exportmärkten  empfindlich schwächen kann.

Salzburger Nachrichten - Wirtschaft, 27. Dezember 2024

Donnerstag, 19. Dezember 2024

Hoffen, dass man wieder hoffen kann - das zumindest

"Geschenkekauf bleibt krisenresilient", wurde dieser Tage von den Medien vermeldet. Na Gott sei Dank denkt man da, immerhin etwas ist stabil geblieben. Wiewohl -es ist nicht das Einzige. Bei vielem anderem freilich mag man nicht "Gott sei Dank" denken. Vor allem nicht an das, wogegen der Geschenkekauf resilient ist -die Krise. Sie hat das Land fest im Griff. Mehrere Jahre nun schon und mit bescheidenen Aussichten auf Verbesserung. Dass sie es ist, verwundert freilich nicht. Man tut ja nur wenig dagegen.

Und so bleibt vom ablaufenden Jahr eine eher bittere Bilanz zu ziehen. Auch wenn man dem Jahr gerne Positives abgewinnen würde. Aber, wie soll man es anders sagen -zum Besseren hat sich auch heuer kaum etwas gewendet. Es ist alles in allem das, was man wohl ein verlorenes Jahr nennen muss. Für das Land, für die Gesellschaft, für die Wirtschaft. Wenn man zynisch ist und der Partei anhängt, die die Nationalratswahlen gewonnen hat, könnte man sagen, nicht einmal die politische Wende ist gelungen, obwohl eigentlich alles aufbereitet war dafür. Es ist aber auch bisher nicht einmal gelungen, diese politische Wende abzuwehren. Und je mehr Zeit seit den Wahlen vergeht, desto größer werden die Zweifel dran.

In diese Stimmungslage passt, dass innerhalb der vergangenen Woche drei Visionäre verstorben sind. Drei, die Charisma hatten, das in diesem Land oft so vermisst wird. Deren Weitblick und deren Ansichten über Parteigrenzen und gesellschaftliche Schwellen hinweg geschätzt und gehört wurden und die sich nicht scheuten, sich auch in der Öffentlichkeit einzusetzen. Ihnen ging es darum, das Land und auch die Gesellschaft weiterzubringen, wie es in dem einen oder anderen der vielen Nachrufe hieß. Etwas, was man der heutigen Generation wohl kaum nachsagen wird. Leute wie Josef Taus, Hannes Androsch und Claus Raidl, die alle ihre Kanten und auch dunklen Ecken gehabt haben mögen, und zu denen man stehen kann, wie man will, sind es heute, die dem Land fehlen.

Stefan Pierer hätte auch das Zeug dazu gehabt. Vieles von dem, was er sagte, war richtig und notwendig in diesem Land, in dem so viele nichts oder nur Nichtssagendes sagen. Nun freilich ist die Pleite, die er mit seinem Motorradwerk hingelegt hat, für viele wohl nur eine weitere Bestätigung dafür, dass man keinem trauen darf, dass man sich auf keinen verlassen kann, und dass "die da oben" ohnehin nichts anderes im Sinn haben, als es sich zu richten.

Wenn solche Anker wie Pierer scheitern, tut das auch dem nationalen Ego weh. Es ist Gift für Zuversicht in die Zukunft, die alle im Land so dringend brauchen würden, in dem sich Orientierungslosigkeit breit gemacht hat. Die Schwierigkeiten bei den Koalitionsverhandlungen führen das tagtäglich vor. Da ist nichts davon, an einem Strang ziehen zu wollen, nichts davon, die Vergangenheit hinter sich und einen Neuanfang wagen zu wollen. Nein, man verheddert sich in alten Mustern wie eh und je. Man beschäftigt sich immer noch vorzüglich mit sich selbst und nicht mit großen Themen.

Man liefert sich, um nur ein Beispiel anzuführen, lieber ein peinliches, beschämendes und hartherziges Wettrennen darum, zu uns geflüchtete Syrer umgehend zurückzuschicken. Das freilich passt zu dem, was zum politischen Stil geworden ist -man glaubt, mit einfachen Lösungen davonzukommen. Dabei steckt das Land jetzt wirklich in einer veritablen Krise. "Kein weiter wie bisher", wie die Koalitionsverhandler das Ziel ihrer Verhandlungen mantra-artig vor sich hertragen, ist längst zu wenig. Da braucht es sehr viel mehr. Es braucht ein großes gemeinsames Ziel, eine Vision für die Gesellschaft und für das Land, eine Richtung, in die man mit vereinten Kräften gehen will. Das ist es, was seit Jahren fehlt. Es darf nicht mehr darum gehen, sich gegenseitig schlecht zu machen, klein-klein alles gegeneinander aufzurechnen und sich im Durchsetzen der eigenen Interessen zu verlieren. Es muss um das große Ganze gehen, darum, gemeinsam an der Zukunft zu arbeiten und etwas zu schaffen.

Das Land steht am Kipppunkt und die Gesellschaft auch. Dass auch in der Welt um uns so viel im Umbruch ist, macht die Herausforderung nicht kleiner. Rosig kann man die Aussichten nicht nennen. Aber was wir vom neuen Jahr erhoffen können sollen, soll zumindest die Erwartung sein, dass die Aussichten wieder rosig werden können. Das zumindest.

Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 19. Dezember 2024

Mittwoch, 18. Dezember 2024

Bauern naschen am Weihnachtsgeschäft mit

Gansl, Fisch und Geschenkboxen sind gefragt. Gepunktet wird auch mit Neuem, von Tofu bis Garnelen. Für Bäuerinnen und Bauern wird Direktvermarktung immer wichtiger.

Hans Gmeiner

Salzburg. Nicht nur im Handel herrscht in diesen Wochen vor Weihnachten Hochsaison. Auch für viele Bauernhöfe im Land ist das Weihnachtsgeschäft ein wichtiger Umsatzbringer. „Zu Weihnachten spielen natürlich Gansl und Fisch direkt vom Bauern eine große Rolle“, sagt Martina Ortner, die in der Landwirtschaftskammer Österreich für die bäuerlichen Direktvermarkter zuständig ist. „In den Bauernläden und auf den Märkten sieht man zudem aber immer öfter auch sehr schöne Geschenke, die von der Kundschaft auch immer mehr geschätzt werden.“ Die oft hochwertigen und sehr aufwendig gestalteten Geschenkboxen und -kisterl sind im Weihnachtsgeschäft zu einem Markenzeichen der bäuerlichen Direktvermarkter geworden. Mit eigenen Produkten wie Schnaps, Wein, Most, Speck, Würsten, Fruchtsäften bis hin zu Essigen, Kräutern und Tee gefüllt, erfreuen sie sich seit Jahren immer größerer Beliebtheit.

Die Direktvermarktung ihrer Produkte ab Hof, über Gemeinschaftsläden, über Märkte oder auch über das Internet, als Cateringangebote für Feste und Feiern oder über Selbstbedienungsboxen und Automaten wurde in den vergangenen Jahren zu einem immer bedeutenderen Einkommensstandbein für viele Bauern in ganz Österreich. Auch wenn der Hype der ersten Monate in der Coronakrise längst vorbei ist, ist man zufrieden. Das Vermarktungsniveau ist sehr professionell. Das Geschäft wächst. „Es ist der direkte Kontakt, der zählt“, ist Ortner überzeugt.

Daher verwundert es nicht, dass immer öfter Selbstbedienungsboxen und Automaten, die vor nicht allzu langer Zeit als die Zukunft schlechthin gegolten haben, wieder verschwinden. Dafür kommt Neues. So sind derzeit Kooperationsplattformen wie „Ja zu nah“ in Niederösterreich im Kommen, über die Landwirte Gastrobetriebe beliefern.

Die Direktvermarkter gelten als sehr innovativ. „Landwirte sind generell sehr kreativ und finden rasch Lösungen und neue Wege“, sagt Ortner. Bei den Direktvermarktern kommen seit einigen Jahren die Impulse vor allem von Jungen und Quereinsteigern. Ortner: „Die sind besonders innovativ und trauen sich, was Neues zu machen.“

Längst reicht das Angebot weit über die bekannten und geschätzten Produkte wie Fleisch, Milch, Käse oder Eier hinaus. Überraschungen sind dabei nicht ausgeschlossen. So liegen derzeit auch bei den Direktvermarktern pflanzliche Alternativprodukte voll im Trend.

„Die sind bei uns ein Schlager“, sagt Ortner. „Würzsoßen aus Soja, Eiweißprodukte, Hülsenfrüchte und selbst gemachter Tofu werden immer beliebter.“ Mitunter stoßen die Direktvermarkter in ganz neue Marktregionen vor. Fisch etwa gewinnt zunehmend an Bedeutung. Im oberösterreichischen Kremstal, in der Steiermark, aber auch in Tirol befasst man sich sogar mit der Produktion von Garnelen. Einige Bauern setzen auf die Zucht von Edelpilzen, andere haben sich auf die Produktion von Senf verlegt, spezielle Marmeladen und Säfte sind dabei längst zum Dauerbrenner geworden.

Längst ist die bäuerliche Direktvermarktung in der Landwirtschaft zu einer relevanten Größe geworden. Nach Angaben der Landwirtschaftskammer Österreich ist in diesem Geschäft ein Drittel der rund 100.000 landwirtschaftlichen Betriebe aktiv. Im Schnitt erwirtschaften sie dabei rund ein Drittel ihres Einkommens. Bis zu 7000 Betriebe, so Schätzungen, erwirtschaften sogar mehr als die Hälfte ihres Einkommens aus der Direktvermarktung ihrer Produkte. Laut Grünem Bericht erreichte der Produktionswert der Branche im Vorjahr knapp 260 Mill. Euro. Dazu kommen weitere 135 Mill. Euro, die von Heurigen und Buschenschanken erwirtschaftet werden. Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass die Direktvermarktung vielen Bauern als mögliche Strategie für die Zukunft gilt. Laut einer Umfrage des Meinungsforschers Keyquest sehen 83 Prozent der Bäuerinnen und Bauern die Zukunft der Direktvermarktung positiv.

Dieser Optimismus freilich wird derzeit auf eine harte Probe gestellt. Die vorübergehend wieder aufgeschobene Entwaldungsverordnung, aber auch das Lieferkettengesetz und die Nachhaltigkeitsrichtlinie treiben auch den Direktvermarktern die Zornesröte ins Gesicht. Sie fürchten, in der Bürokratie zu versinken. „Es muss jedes Mal jedes Feld eingegeben und erklärt werden, dass es kein Wald ist, und vieles andere mehr, das ist ja absurd“, schimpft Martina Ortner. „All diese Verordnungen werden immer auch für die kleineren und mittleren Landwirtschaftsbetriebe schlagend, weil sie als Zulieferanten immer eine Rolle spielen, und seien sie auch noch so klein.“

Salzburger Nachrichten - Wirtschaft, 18. Dezember 2024

Schon jeder dritte Bauer verdient im Direktverkauf

Salzburg. Ein bescheidener Zusatzverdienst ist es längst nicht mehr. Rund ein Drittel der 100.000 landwirtschaftlichen Betriebe in Österreich ist laut Angaben der Landwirtschaftskammer mittlerweile in der Direktvermarktung aktiv. 7000 Bäuerinnen und Bauern dürften bereits mehr als die Hälfte ihres Einkommens mit dem direkten Verkauf ihrer Produkte erzielen.

Gerade in der Vorweihnachtszeit zeigt sich das deutlich: Bäuerliche Produkte sind gefragt. Ob Gans oder Fisch direkt vom Bauern oder auch aufwendig gestaltete Geschenkboxen oder -kisterl, das Angebot sei vielfältig, sagt Martina Ortner, die in der Landwirtschaftskammer für die bäuerlichen Direktvermarkter zuständig ist. Die Ideen gingen dabei mittlerweile längst über Selbstbedienungsboxen und Automaten hinaus. Gerade die Jungen, aber auch Quereinsteiger seien besonders innovativ, sagt Ortner.

Überraschungen sind dabei nicht ausgeschlossen. So setzen mittlerweile auch bäuerliche Direktvermarkter auf pflanzliche Alternativprodukte, seien es Würzsoßen aus Soja oder selbst gemachter Tofu. Auch Fisch gewinne zunehmend an Bedeutung. So befassen sich bereits mehrere Betriebe mit der Produktion von Garnelen. Andere wiederum setzen auf ihren Höfen auf die Zucht von Edelpilzen oder stellen Senf, Marmeladen oder auch Säfte her.

Laut Grünem Bericht erreichte der Produktionswert in der Direktvermarktung im Vorjahr knapp 260 Mill. Euro. Dazu kommen 135 Mill. Euro, die von Heurigen und Buschenschanken erwirtschaftet werden. Vor dem Hintergrund verwundert es nicht, dass die Direktvermarktung vielen Bauern als mögliche Strategie für die Zukunft gilt. Mit Einschränkung: Denn zunehmende Bürokratie treffe kleine und mittlere Betriebe besonders hart. Seite 11

Salzburger Nachrichten - Seite 1, 18. Dezember 2024
 
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