Mittwoch, 7. Januar 2026

„Ein Scheitern von Mercosur wäre grotesk“

Für die Bauern bedeutet das Freihandelsabkommen mit Südamerika mehr Druck – aber auch neue Chancen, meint Agrarprofessor Jens-Peter Loy von der Universität Kiel.


Hans Gmeiner 

SN: Der Mercosur-Vertrag wurde verschoben, wohl auch wegen der Bauernproteste. Was sagen Sie dazu? 

Jens-Peter Loy: Wir haben bei solchen Abkommen immer wieder das Problem, dass sich die Agrarlobby trotz ihrer volkswirtschaftlich relativ geringen Bedeutung doch stark politisch positionieren kann. Aber dieses Abkommen hat eine sehr große Bedeutung für den Außenhandel und für andere Sektoren der Wirtschaft. Und da muss man einfach abwägen, ob nicht andere Bereiche relevanter sind als der Agrarsektor. Ein solches Abkommen kann man nicht einfach vorbeiziehen lassen. Dieses Abkommen scheitern zu lassen, wäre meines Erachtens ein Eingeständnis der Unfähigkeit der EU, wichtige Entscheidungen auch durchzusetzen. 

Verstehen Sie den Widerstand der Bauern? 

Natürlich kann ich das verstehen. Der Berufsstand kommt in gewissen Bereichen wahrscheinlich unter Druck. Das kann bei Rindfleisch oder Geflügelfleisch sein, bei Zucker, aber auch bei anderen Produkten. Aber es gibt auch Produkte von uns, die dort geschätzt werden und für die sich gute Exportchancen bieten werden. Gerade im Bereich der Lebensmittelindustrie. Ob das jetzt Weine oder Produkte wie Käse sind, da haben wir Vorteile. Die Erzeuger landwirtschaftlicher Rohprodukte sehen natürlich derzeit vor allem die andere Seite. Aber man muss sich klar fragen, ob man den Interessen nachgeben muss, kann und darf. 

Renationalisierung scheint überall angesagt zu sein. Ist die Zeit des Freihandels vorbei? 

Ich glaube, dass es in vielen Bereichen politisch immer wieder Moden oder populistische Tendenzen gibt. Im Moment haben wir eher eine Tendenz, dass man die Nation für sich sieht. Was man dabei falsch einschätzt, ist, dass wir mittlerweile Volkswirtschaften sind, die international extrem vernetzt und voneinander abhängig sind. Das gilt auch für den Agrarbereich. Wir brauchen die Inputs, wir brauchen die Düngemittel, wir brauchen die Rohstoffe, wir brauchen die Energie, anders können wir gar nicht produzieren. 

Um im Agrarbereich zu bleiben – auch die geplante EU-Agrarreform fördert die Renationalisierung und gibt den einzelnen Ländern wieder mehr Macht. 

Renationalisierung muss ja nicht unbedingt etwas Negatives sein, zumal die EU in vielen Bereichen viel zu zentralistisch agiert hat. Da geht es um Möglichkeiten, regional angepasst Dinge umzusetzen, solange sie nur die Region betreffen. Wenn es freilich um den Außenhandel geht, dann ergibt es keinen Sinn, dass wir renationalisieren. Aber in einzelnen Bereichen ist das möglich. Die Agrarstruktur in Österreich ist eine ganz andere als im Norden oder im Osten Deutschlands. Da kann man sich natürlich national unterschiedliche Politiken und Unterstützungen vorstellen. 

Sie halten der EU gerne den Spiegel vor, wenn über Zölle geklagt wird, und sagen: „Wir sind noch protektionistischer als die USA.“ 

Definitiv. Im Agrarbereich sind wir das unbestritten. Unsere Agrarzölle sind höher als die der USA. 

Und was soll und kann die EU tun? 

Wir haben in Europa traditionell aufgrund der Situation nach dem Zweiten Weltkrieg immer eine relativ protektionistische Agrarpolitik gehabt, was nachvollziehbar war wegen der Hungersituation. Diese Politik hat sich durch die Bildung der Europäischen Gemeinschaft noch verstärkt. Und daran hat sich bis heute kaum etwas geändert. Von dieser hohen Protektion muss man runter und das macht man auch. Aber natürlich ist man da nicht so weit wie die USA oder klassische Exportländer wie Australien, Kanada oder die südamerikanischen Länder. Wenn man mit diesen Ländern verhandelt, ist klar, dass diese Länder von uns verlangen, dass man den Außenschutz abbaut. Und von daher muss man Kompromisse machen. 

Sie sind gegen eine Handelspolitik, die das Gesellschafts- und Wertesystem der EU in andere Länder transferieren will. Auf der anderen Seite fordern die Landwirte, dass Importware zu gleichen Bedingungen produziert sein sollte. Was sagen Sie da den Bauern? 

Gleiche Bedingungen gibt es nirgends, auch nicht innerhalb der Europäischen Union. Natürlich gibt es aber auch in der Union immer wieder Bestrebungen, dass man versucht, Nachteile bei der Produktion auszugleichen. 

Den Bauern geht es um den Einsatz von Chemie, die unterschiedlichen Standards in der Tierhaltung und bei den sozialen Bedingungen – um die Wettbewerbsgleichheit. 

Es ist aber letztlich alles das Gleiche – es gibt gewisse Standortvorteile, die man hat oder nicht hat. Regional, national, international. Und natürlich gibt es auch „politische Standortbedingungen“, und die können beispielsweise heißen, dass wir in der EU etwa sagen, wir möchten nicht, dass es wegen der Geruchsbelästigung in den Dörfern Emissionen aus Schweineställen gibt. Das ist dann letztlich ein Standortfaktor zulasten der Landwirtschaft. Davon aber haben wir viele, und das betrifft nicht nur die Landwirtschaft, das betrifft auch die Industrie, das betrifft fast jeden Sektor. Das ist unsere gesellschaftliche Entscheidung, dass wir das wollen. Dafür müssen wir ja nicht andere Länder bestrafen oder diesen vorschreiben, es genauso zu machen wie wir. 

Aber wie können die Landwirte in Europa oder in Deutschland und Österreich damit zurechtkommen? 

Die Gesellschaft muss entscheiden, was sie will. Und wenn sie so eine Landwirtschaft will, die viele Rücksichten nehmen muss, dann kann sie sagen: Na ja, gut, dann müssen wir sie halt fördern. Aber das über Handelsinstrumente zu machen, ist meines Erachtens einfach der falsche Weg. 

Themen wie Lieferkettengesetz und Entwaldungsverordnung fallen auch in diesen Bereich, oder? 

Man muss unterscheiden. Zum Beispiel: Klimagasemissionen sind ein weltweites Problem. Da hat es Sinn, über Außenschutzmaßnahmen oder alternative Maßnahmen auch für andere Länder Anreize zu geben, auf diesen Weg einzuschwenken. Dann gibt es aber eine Menge anderer, nennen wir es „lokale Güter“, wie beispielsweise Umweltverschmutzung im Bereich des Bodens, nennen wir als Beispiel Argentinien. Das ist nicht unsere Sache. Das gilt auch für Kinderarbeit. Da muss man sich fragen: Was sind denn die Ursachen für Kinderarbeit? Diese Leute überleben schlicht und ergreifend nicht, wenn ihre Kinder nicht mit zum Lebenserwerb beitragen. Da ändert relativ wenig, wenn ich Firmen dazu verpflichte, aus diesen Ländern keine Waren zu beziehen, dann mache ich das Problem vielleicht sogar noch schlimmer. Das heißt nicht, dass man an diesen Problemen nicht arbeiten sollte, aber vielleicht ist da die Handelspolitik nicht gerade das sinnigste Instrumentarium. 

Sie sprechen von „westeuropäischer Arroganz“ und „grünem Protektionismus“. 

Die EU geht gerne den Weg, zu sagen: „Wir stellen uns das so vor und nur so geht es.“ Das bezeichne ich als Arroganz. Wir haben früher auch viele Sachen gemacht, die wir heute nicht mehr machen würden, deswegen muss man nicht gleich alle Länder verurteilen, die diesen Weg noch nicht gegangen sind oder noch gar nicht gehen konnten. Außerdem muss man häufig attestieren, dass wir es nicht unbedingt tun, um die Probleme wirklich zu lösen, sondern nur, um bestimmte Produzenten in der EU zu schützen. 

Um zur Landwirtschaft zurückzukommen, worauf sollen, müssen, können sich die Bauern einstellen im derzeitigen Umfeld? 

Das hängt davon ab. Ich bin noch guter Hoffnung, dass man mit Südamerika eine Einigung erreicht. Man muss sich darauf einstellen, dass ein liberalerer Handel auch dazu führt, dass es Anpassungen geben muss. Und Anpassung muss ja nicht immer etwas Negatives sein, es bieten sich immer auch neue Chancen. Die Bauern tun sich allem Anschein nach schwer damit. Natürlich. Aber wenn es wirklich so ist, dass die Gesellschaft die Produkte kauft, die die Bauern produzieren – zu den hohen Standards, die verlangt werden –, und das wertschätzt, kann das funktionieren. Woher die Produkte kommen, kann man ja immer kenntlich machen.

Zur Person: Prof. Dr. Jens-Peter Loy ist Inhaber der Professur für landwirtschaftliche Marktlehre am Institut für Agroökonomie an der Uni Kiel.

Mittwoch, 31. Dezember 2025

Alles Gute & Guten Rutsch!


 


Ich danke allen Leserinnen und Lesern und allen Followerinnen und Followern für ihr Interesse und wünsche das Allerbeste fürs neue Jahr - auch heuer geht es wohl nicht drunter, zumal es wohl noch heftiger kommen wird, als wir vor einem Jahr meinten ;-)

Guten Rutsch!

Die fragile Psyche der Bauern

Diese Berufsgruppe hat ein höheres Risiko für Belastungsstörungen. Fast die Hälfte der Bauern leidet an psychischen Beschwerden.

Hans Gmeiner 

Wien, Salzburg. Existenzsorgen, Überlastung, Bürokratie, ein verzerrtes Bild in der Öffentlichkeit – Österreichs Bauernschaft sieht sich vielfältigen Herausforderungen gegenüber. Das bleibt nicht ohne Folgen, wie eine vom Landwirtschaftsministerium beim Wiener Institut L&R Sozialforschung in Auftrag gegebene Studie zu den psychosozialen Belastungen in der Landwirtschaft zeigt.

„Im Vergleich zu anderen Bevölkerungsgruppen haben die Landwirtinnen und Landwirte ein deutlich höheres Risiko, nicht nur was physische, sondern auch was psychische Belastungen betrifft“, fasst Studienleiterin Nadja Bergmann die Ergebnisse zusammen. Die Zahlen, die die Studie liefert, sind alarmierend. Demnach litten in den zwölf Monaten vor der Befragung, die 2024 durchgeführt wurde, nicht weniger als 46 Prozent der Bäuerinnen und Bauern und 39 Prozent der mithelfenden Angehörigen an psychischen Erkrankungen und Beschwerden. 
Damit ist der Anteil fast doppelt so hoch wie in der Gesamtbevölkerung. 

Fast jeder dritte Befragte klagt über Antriebslosigkeit und Konzentrationsschwierigkeiten, jeder fünfte über Schlafstörungen. Mit einem Anteil von 15 Prozent folgen Depression und Niedergeschlagenheit – doppelt so viel wie in der nicht bäuerlichen Bevölkerung – und mit zwölf Prozent Burn-out und emotionaler Erschöpfungszustand aufgrund der Arbeit. Wie groß die Verzweiflung mitunter ist, zeigt, dass fünf Prozent der Bäuerinnen und Bauern und sechs Prozent der mithelfenden Angehörigen in den vergangenen zwölf Monaten darüber nachgedacht haben, sich das Leben zu nehmen – laut Studie „signifikant mehr als in der Gesamtbevölkerung“.

Die Gründe sind vielfältig. Ganz oben steht laut der Studie die wachsende Bürokratie. Zusammen mit Unsicherheiten über gesetzliche Vorschriften und der Entwicklung der Rohstoffpreise wird sie am häufigsten als besonders belastend empfunden. Negativ wirken zudem externe Einflüsse wie die Preisentwicklung und Ernteschäden durch Wetterextreme. Auch mit dem öffentlichen Ansehen der Bauern hadert man auf vielen Höfen. Die oft von Anfeindungen geprägte öffentliche Debatte, aber auch die mediale Berichterstattung werden vor allem in der Milchviehwirtschaft und von den Schweinebauern als Belastung empfunden. Zu all dem kommt die „normale“ Arbeit auf den Feldern und in den Ställen. Dabei machen die ständige Arbeitsbereitschaft und fehlende oder zu kurze Erholungspausen Probleme. Insgesamt liegt die Arbeitsbelastung der Bauern zwar im Durchschnitt der Gesellschaft, nimmt aber mit der Größe der Betriebe stark zu. Überraschend ist für Bergmann, dass sich Nebenerwerbsbauern wohler fühlen als Bauern, die allein von der Landwirtschaft leben. „Das hängt wahrscheinlich damit zusammen, dass das zweite berufliche Standbein die nötige Sicherheit gibt.“

Salzburger Nachrichten - Wirtschaft, 31. Dezember 2025

Donnerstag, 18. Dezember 2025

Ein kleines Weihnachtswunder

Das „goldene Wiener Herz“ scheint es doch zu geben. Und das nicht nur in Wien, sondern in ganz Österreich. Das lässt nicht unbedingt ein Blick in die Gesichter all derer vermuten, die da über die Straßen durch die Adventzeit hetzen. Aber das lässt der alljährliche Bericht über die Spendenbereitschaft der Landsleute vermuten, den der Dachverband von rund 350 Spendenorganisationen Jahr für Jahr veröffentlicht. Diese Spendenbereitschaft ist so groß, dass man in den Berichten darüber durchwegs von „Spendenfreudigkeit“ spricht – gleichsam ein kleines Weihnachtswunder in bewegten Zeiten.

Rund 1,1 Milliarden Euro spenden Frau und Herr Österreicher jährlich. Als Folge des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine gab es vor drei Jahre einen Sprung von 870 Millionen auf mehr als eine Milliarde Euro. Und dabei blieb es. Angesichts der immer wieder aufflammenden Diskussionen um die Hilfe nicht nur für die Ukrainer, sondern auch anderer notleidender Gruppen im Land, ist man geneigt hinzufügen, wundersamerweise. Bemerkenswert dabei: Jeder neunte Spenden-Euro kommt inzwischen aus einer so genannten Testamentsspende, einer Spende also, die in Testamenten festgelegt wurde.

Die Zahlen des Dachverbandes sind in der Tat beeindruckend. 80 von 100 Österreicherinnen und Österreichern greifen regelmäßig ins Börserl respektive überweisen von ihrem Bankkonto und spenden im Schnitt 142 Euro. Und das vorzugsweise in der Zeit vor Weihnachten, in der man offenbar doch bereit ist, der weichen Seite des Herzens nachzugeben. Freilich könnte man jetzt monieren, dass da doch bei vielen noch reichlich Luft nach oben ist, liegt doch das durchschnittliche Spendenaufkommen in Vorarlberg, Tirol und Salzburg bei 202 Euro, in Wien und in Niederösterreich aber nur bei 119 Euro und um Burgenland gar nur bei 109 Euro. Aber man sollte nicht undankbar sein. In Zeiten hoher Teuerung ist durchaus bemerkenswert, dass weiter und viel gespendet wird, wie die Geschäftsführerin des Dachverbandes befand.

Danken werden es jedenfalls die Organisationen im Sozial- und Gesundheitsbereich und jene, die Menschen mit Behinderung helfen, fließen doch rund 30 Prozent in diese Bereiche, die es ja schon von ihrer Aufgabe her, und schon gar nicht vom aktuellen politischen Umfeld her, leicht haben. 25 Prozent der Spendengelder gehen in internationale Hilfsprojekte. Dass Spenden für Tierschutz und Umwelt zulegen konnten und inzwischen 12,5 Prozent des gesamten Spendenaufkommens ausmachen, ist nicht nur der wachsenden Sorge der Menschen, sondern wohl auch dem äußerst professionellen Eintreiben von Spenden durch einschlägige NGOs geschuldet, das von nicht wenigen als nachgerade aggressiv empfunden wird. Auf Spenden für Kinder entfallen hingegen nur neun Prozent der Spenden.

Bei allen Einschränkungen – das Spendenverhalten in Österreich kann auch Hoffnung geben. Und das nicht nur in der Weihnachtszeit. Es überrascht auch, weil die Gesellschaft, angeheizt von einer populistischen Politik, aber auch aufgrund der Teuerung und der von vielen als immer schlechter empfundenen persönlichen wirtschaftlichen Situation für soziale Dinge seit geraumer Zeit wenig übrighat. Der Mensch nebenan und seine Nöte zählen in Zeiten, die immer egoistischer wurden, weniger als noch vor ein paar Jahren, meint man. Oder muss man diese Meinung doch revidieren? Gilt das beim Spendenverhalten nicht, weil man einen Sinn darin sieht und weil man selbst entscheiden kann, wo das Geld hinkommt und wem man welche Hilfe wie zukommen lässt?

Da mag etwas dran sein. Wollen wir das Gute sehen, gerade jetzt in der Zeit vor Weihnachten. Und lassen wir Gedanken beiseite, dass die Spendenfreudigkeit vielleicht auch etwas damit zu tun haben könnte, sich freizukaufen von zuweilen gegenteiligen Verhaltensweisen, die man im täglichen Leben an den Tag legt, oder dass man sich mit Spenden nur selbst auf die Schulter klopft, da man ja doch ein guter Mensch ist.

Und freunden wir uns nolens volens mit dem Gedanken an, dass soziale Verantwortung und damit Spenden angesichts der notwendigen und wohl anstehenden Kürzungen im Sozialbereich, aber auch in der Flüchtlings- und Integrationshilfe vielleicht schnell an neuer Bedeutung gewinnen können, weil der Staat angesichts der leeren Kassen dieser Verantwortung nicht mehr gerecht werden kann. Und wohl auch nicht will, weil der politische Wind immer schärfer wird und aus einer anderen Richtung kommt.

Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 18. Dezember 2025

Donnerstag, 11. Dezember 2025

Von zwei Löwinnen, von einem Löwen - und von Bettvorlegern

Vorige Woche sorgte Salzburg für die innenpolitische Unterhaltung. Vorgeführt wurde, das Bild drängt sich auf, wie Politikerinnen und Politiker als Löwinnen respektive Löwen wegspringen und als Bettvorleger landen. In Salzburg haben sie Namen. Karoline Edtstadler, gerade ein paar Wochen erst Landeshauptfrau, die gerne ihren Ruf als Eiserne Lady sowohl bei Bedarf optisch, immer aber auch politisch, pflegt, mit ihrer Stellvertreterin Marlene Svazek an der Seite, die als Jungstar der Freiheitlichen gerne auf scharf macht. Und da ist Sepp Schellhorn, über die Landes-und Staatsgrenzen hinaus bekannter Gastronom und Flaggschiff der Neos, der nicht nur, aber wohl auch, dank seines Mundwerks in die Politik geriet und dort alles aufzumischen versprach.

Löwen respektive Löwinnen sind sie alle drei, die sich nun als Bettvorleger entpuppten. Entzaubert mit einem Mal, eine Enttäuschung für viele und Bestätigung dafür, dass vollmundiges Auftreten und ebensolche Ankündigungen das eine sind, und die Realität, die Umsetzung und Verwirklichung dessen, mit dem man sich die Wählerstimmen holte, etwas anderes sind.

Edtstadler und Svazek kündigten mit großer Lippe -Edtstadler: "Ich muss nicht geliebt werden" - als ihr erstes großes Projekt an, ausgerechnet dem Pflegepersonal den Bonus zu streichen. Ausgerechnet jener Gruppe, der zu Beginn der Corona-Zeit noch allerorten applaudiert und so viel versprochen wurde. Nach heftigen Protesten gaben die beiden Damen nach und schoben die Streichung auf. Das Feld, den Ruf als Macherinnen zu festigen, war wohl das Falsche. Jetzt haben sie den Schaden auf allen Seiten -bei den Protestierenden haben sie jedes Vertrauen verloren und bei denen, die ihre Maßnahme begrüßt haben, wohl ihr Renommee.

Von Letzterem hat wohl auch Sepp Schellhorn viel verloren. Nach großem Getöse präsentierte er sein "erstes" Entbürokratisierungspaket, eines, das er als Oppositionspolitiker wohl in der Luft zerrissen hätte. Auch er -nicht mehr der Löwe, auf den so viele setzten, sondern nunmehr ein Bettvorleger.

Aber so ist das in und mit der Politik. Das Rendezvous mit der Realität ist meist ein hartes. Ein sehr hartes. Da ist dann nichts so einfach wie man es in Interviews und an den Rednerpulten gefordert und vorgeschlagen hat. Da sind auf einmal Leute mit ganz anderen Interessen und mit ganz anderen Zielen. Da gibt es auf einmal Widerstände, die überwunden, und Menschen, die überzeugt werden wollen. Die Wirklichkeit ist vertrackter, verzwickter, vielschichtiger und sehr viel komplexer als man annehmen mag. Es sind die Mühen der Ebenen, bei denen es gilt sich zu beweisen und zu Erfolg zu kommen. Da sind legistische und bürokratische Erfordernisse und jede Menge andere Stolpersteine. Die Realität ist vielschichtig und kompliziert. Viele haben schon diese Erfahrung machen müssen. Fordern kann man schnell etwas, aber das umzusetzen ist etwas ganz anderes.

Das Schauspiel der Salzburger Politiker zeigt vieles. Nicht nur, dass Politikerinnen und Politikern immer anstünde, den Mund nicht zu voll zu nehmen und mit mehr Demut an ihr Amt heranzugehen. Es zeigt etwa auch, dass eine Steuerautonomie für Länder, wie sie so gerne gefordert wird, nicht wirklich eine so gute Idee ist, als die sie zuweilen dargestellt wird. Edtstadler und Svazek nutzten einen mehr oder weniger zufällig entstandenen neuen Budgetspielraum umgehend, um alle Sparabsichten sofort wieder zu begraben, ganz so als wollten sie etwaige Absichten konterkarieren.

Vielen Politikerinnen und Politikern geht es wie Edtstadler, Svazek und Schellhorn, die vorige Woche in der Auslage gestanden sind. Bundeskanzler Stocker geht es so, wenn von ihm Maßnahmen gefordert werden, seinem Vize Babler erst recht, trat er doch im Wahlkampf als Robin Hood auf. Und auch auf Beate Meinl-Reisinger wächst von ihren Wählerinnen und Wählern der Druck zu liefern.

Einer hat sich diesem Druck nicht ausgeliefert und, wie viele meinen, gekniffen und sich gedrückt, obwohl er es in der Hand gehabt hätte, das Land zu regieren. Herbert Kickl hat in den vergangenen Jahren die allergrößten Erwartungshaltungen aufgebaut. Dementsprechend ist für ihn die Verantwortung am größten und auch die Gefahr des Scheiterns. Noch versteht er es, davon abzulenken. Sowohl sich als auch seine Wählerinnen und Wähler. Vielleicht, weil er schon Erfahrung damit hat. Kaum je ist ein Innenminister so untergangen wie er.

Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 11. Dezember 2025

Donnerstag, 4. Dezember 2025

Bauern weht ein rauer Wind entgegen

Mitarbeiterabbau in der Zuckerindustrie, Fusionen in der Milchbranche, strauchelnde Lagerhäuser – im bäuerlichen Umfeld bahnen sich massive Veränderungen an.

Hans Gmeiner

Salzburg. Ende November erst sorgte die Agrana für Schlagzeilen. „400 bis 500 Stellen“ müsse man in den nächsten zwei bis drei Jahren streichen, kündigte Generaldirektor Stephan Büttner an. Niedrige Preise für Zucker, Stärke und Ethanol und die immer höheren Kosten setzen dem Konzern stark zu. Vor allem bei Zucker schreibt man hohe Verluste, obwohl man im Vorjahr bereits zwei Zuckerfabriken – jene in Leopoldsdorf im Marchfeld sowie eine in Tschechien – geschlossen hat. Seither ist vor allem bei den Rübenbauern die Aufregung groß. Dass Büttner eigens sagte, die Zuckerfabrik in Tulln, inzwischen die einzige in Österreich, stehe nicht zur Disposition, und er davon ausgehe, „dass wir das schaffen“, lässt die Alarmsirenen schrillen und die Gerüchteküche erst recht brodeln.

Die Probleme der Agrana sind nur die Spitze eines Eisbergs. Längst steckt nicht nur die Landwirtschaft in Schwierigkeiten, sondern mit ihr auch immer öfter Unternehmen in ihrem Umfeld. Denn dieses Umfeld, in und mit dem die Bauern arbeiten und leben, wandelt sich immer rasanter. Alte Strukturen brechen auf, Geschäftsmodelle stehen unter Druck. Das hat Folgen. Längst geht es nicht mehr nur um die Bauern, sondern auch um den Handel und die Verarbeiter, um die Landtechnikerzeuger und die Wertschöpfung, die in diesen Unternehmungen erzielt wird, und um die Arbeitsplätze. Aber nicht nur darum – immer stärker rücken damit Themen wie Versorgungssicherheit und Krisenresilienz in den Vordergrund.

Lagerhaus-Genossenschaften leiden unter BayWa-Debakel

Just am gleichen Tag, als die Agrana für Aufregung sorgte, wurde auch bekannt, wie sehr die Lagerhausgenossenschaften, die in bäuerlichem Eigentum stehen, wirklich unter dem BayWa-Debakel der RWA (Raiffeisen Ware Austria) zu leiden haben, das die oft mühsam erzielten Gewinne auffrisst und in Nullkommanichts in satte Verluste verwandelt. So konnten etwa allein die neun Lagerhausgenossenschaften in Oberösterreich das Gesamtbetriebsergebnis im vergangenen Geschäftsjahr (30. Juni) um gut 40 Prozent auf 8,3 Millionen Euro steigern, weil aber die BayWa-Sanierung bei ihnen mit hohen Abschreibungen durchschlägt, weisen die Bilanzen vor Steuern laut „OÖ Nachrichten“ zusammen einen Verlust von 21 Mill. Euro aus. Ob damit das letzte Wort gesprochen ist, ist unklar. „Hoffen wir, dass das nicht noch mehr wird“, ist hinter vorgehaltener Hand zu hören. Und da ist noch gar nicht von den anderen Bundesländern, insbesondere von Niederösterreich und der Steiermark, die Rede, aus denen die Lagerhaus-Zahlen nicht bekannt sind.

Fusionen in der Milchbranche

Weniger dramatisch geht es zwar in anderen Sparten im agrarischen Umfeld zu, die Veränderungen sind aber auch dort oft sehr tiefgreifend für die Bauern. Beispielhaft dafür ist der geplante Zusammenschluss der Salzburg Milch mit der Pinzgau Milch, der in der Vorwoche bekanntgegeben wurde. auch dort geht es um Verringerung der Kosten und  Erhöhung der Wirtschaftlichkeit und damit der Wettbewerbsfähigkeit und Absicherung für die Zukunft. Dabei sind auch unkonventionelle Modelle kein Tabu mehr. So übernahm die niederösterreichische NÖM, die ihr Einzugsgebiet bisher traditionell im Osten Österreichs hatte, im heurigen Frühjahr die angeschlagene Vorarlberg Milch aus dem äußersten Westen des Landes. Bereits 2022 wurde die Gmundner Milch, die drittgrößte Molkerei Österreichs, von der deutschen Privatmolkerei Jäger übernommen, die neue Schwerpunkte setzte. Erst heuer sorgte man mit der Ankündigung, keine Biomilch mehr verarbeiten zu wollen, bei den Bauern für Unruhe und Verunsicherung.

Unruhe bei den Biobauern

Deutsche sorgen seit geraumer Zeit auch bei den Biobauern für Unruhe. Der deutsche Bioverband Naturland, ein internationaler „Multi“ der Szene, wirbt nach Kräften um österreichische Biobauern als Mitglieder. Bio Austria, der größte heimische Verband, sieht dadurch die eingeführten und, wie man sagt, „bewährten“ Strukturen im Biolandbau gefährdet. „Wir sind ja kein Bio-Entwicklungsland, das auf die Deutschen gewartet hat“, sagte man schon damals in einer ersten Reaktion.

Im Fleischgeschäft mischen ausländische Konzerne mit

Auch im Fleischgeschäft blieb kaum etwas beim Alten. Das haben inzwischen wenige Großunternehmen in der Hand, Spar ist mit Tann der größte Fleischverarbeiter im Land. Auch ausländische Unternehmen mischen längst kräftig mit. Der US-Konzern OSI ist mit dem Salzburger Alpenrind der größte heimische Rindfleischverarbeiter. Und im Innviertler Pfaffstätt hat seit 2016 die Schweizer Bell Group bei Huber’s Landhendl, einem der größten Geflügelverarbeiter im Land, das Sagen.

Aus dem Spiel ist Österreich auch in der Produktion von Düngemitteln und Mitteln für den Pflanzenschutz. Bei Letzterem gibt es keine eigenständige Produktion mehr, sondern nur mehr Vertretungen von Herstellern.

Und bei Düngemitteln gibt es zwar noch kleinere Erzeuger von Spezialdüngern, die mit Abstand größte Produktion aber, die LAT in Linz, gehört einem großen ausländischen Konzern. Dessen Eigentümer ist kein Unbekannter – Andrej Babiš, bekannt auch als der möglicherweise nächste Regierungschef in Tschechien.

Salzburger Nachrichten, 4. Dezember 2025

Ein Mann sieht rot – und ein Land auch

Ein Mann sieht rot. Nicht immer, aber immer öfter. Und er ist nicht alleine in Österreich. „Ich stehe mit vier Leuten auf dem Feld und ich bin der Einzige, der etwas erzeugt, verkauft, davon auch lebt und davon seine Steuern zahlt“, schimpft er. „Die, die meinen Grund wollen, genauso wie die von der Finanzprokuratur, die denen beistehen, und auch die von der Landwirtschaftskammer, die auf meiner Seite sind“.

Die Stimmung ist kaputt, der Glauben an die Zukunft geschwächt, der Regierung fehlen Kraft und Vertrauen.“

Der Gute kommt gerade von einer Enteignungsverhandlung, der vierten oder fünften, und ist geladen. Es geht um ein großes öffentliches Bahn-Infrastrukturprojekt, bei dem die Kosten längst völlig aus dem Ruder gelaufen sind, weil man die partout nicht hören wollte, von denen man Grund brauchte. Man gängelte sie lieber über Jahre dahin, provozierte sie mit Geringschätzung, mit allerlei Tricks und billigen Gutachten. „Die haben nichts anderes zu tun als uns zu quälen“, sagt er. „Die klagen jetzt nicht das erste Mal gegen Gutachten, die sie selbst in Auftrag gegeben haben, natürlich auf Kosten der Staatsbürger“, schimpft er. „Dabei haben sie bis jetzt jedes Mal verloren.“ Und da redet er noch gar nicht davon, dass die Bauarbeiten trotzdem schon begonnen haben und dass man das Geld immer noch zurückhält.

Was er erlebt, ist „Austria in a Nutshell“, wie man so schön sagt. Es ist alles da in dieser kleinen Nussschale. Vorschriften und Gesetze zuhauf, Verwaltung und Bürokratie bis zum Abwinken, Fortschritte, die zuweilen nur unterm Mikroskop erkennbar sind, und explodierende Kosten. Das sowieso. Und ein frustrierter Bürger, der wiewohl guten Willens, das alles nicht mehr versteht und nicht mehr verstehen mag. Und der dafür auch nicht mehr bezahlen mag.

Schon gar nicht, nach dem, was er gerade kurz zuvor auch erlebte. „Jetzt hat mir ein Inkassobüro geschrieben wegen des Haushaltsbeitrags für den ORF, den meine Firma bezahlen soll, obwohl ich gar nicht wüsste, was wir dort mit einem Fernseher tun sollen. Und für das wenige ORF online zahlt wohl jeder einzelne Mitarbeiter schon in seinem Haushalt. Ich kann mich jedenfalls an so eine Vorschreibung nicht erinnern.“ So weit, so schlecht, so haben es auch andere schon erlebt. „Und als ich dann angerufen habe, hat man mir dann im Callcenter gesagt, dass sie nicht sagen können, ob sie mir die Vorschreibung überhaupt geschickt haben.“

„Austria in a Nutshell“ – auch das. Die linke Hand weiß oft nicht, was die rechte tut. Und das gar nicht selten.

Der gute Mann war damit aber noch nicht am Ende. „Und da denkt man an Steuererhöhungen und gar neue Steuern, und streicht vielleicht da und dort was“, greift er sich an den Kopf. „Das tut man doch alles nur, um das derzeitige System beibehalten zu können, um nichts umstrukturieren, um nichts neu ordnen zu müssen – genau das System, das so vieles blockiert, so vieles verhindert, so teuer und das oft so abstrus ist.“ Für ihn ist klar: „Das ist an Absurdität nicht zu toppen.“

Er setzt nun auf einen der größten Ökonomen, den das Land je hervorgebracht und der auch internationale Anerkennung erlangt hat, und hält für unausweichlich, dass nur mehr das Schumpeter’sche Gesetz das Land retten kann – das „Gesetz von der schöpferischen Kraft der Zerstörung“, die Neues hervorbringt.

Viele im Land sehen das wohl ähnlich. Und es werden immer mehr. Die Stimmung ist kaputt, der Glauben an die Zukunft geschwächt, der Regierung fehlen Kraft und Vertrauen. Die Umfragen bestätigen das. Die Volkspartei und die SPÖ haben zuletzt in Umfragen historische Tiefststände erreicht. Nicht einmal zusammen können sie mit mehr Wählerinnen und Wählern rechnen als die FPÖ, die immer höher fliegt. Alles schaut danach aus, als werde Kickl die „Kraft der Zerstörung“ und als werde er als solche von immer mehr gewünscht. Man will nicht noch mehr vom Alten, sondern ist zunehmend bereit, stattdessen lieber die Unsicherheit und den Systembruch in Kauf zu nehmen – oft in der Hoffnung, dass das nur eine Zeit des Durchtauchens werde, auf dass sich der Staat und das Gemeinwesen und auch die Politik danach wieder erfangen.

Es sind schon zu viele in diesem Land, die rot sehen. Und die nicht mehr bereit sind, bei all den Gängelungen mitzuspielen und gute Miene zu zeigen.

Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 4. Dezember 2025
 
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