Donnerstag, 23. Dezember 2021

Und wieder eskaliert Weihnachten

Spät, aber doch, ist heuer der Weihnachtstrubel noch auf Touren gekommen. Nur an einem statt an vier Wochenenden. Aber immerhin. Da war die Sehnsucht nach Normalität zu spüren, nach der Normalität von früher. Nach Shoppen, nach Treffen mit Freunden, nach Gesellschaft. Trotz Corona und Lockdown. Zuweilen wirkte alles wie weggeblasen, zur Seite geschoben, ausgeblendet. Eingeschränkt zwar lief der Weihnachtsfuror dennoch auf Hochtouren. Nicht auf den Straßen und in den Geschäften vielleicht. Aber in den Köpfen, im Internet, in den eigenen vier Wänden. Da war wenig von der Zeit der Stille zu spüren. Und auch nicht davon, dass man sich im vorigen Jahr vorgenommen hatte, sich einzubremsen und all den Wahnsinn nicht mehr mitzumachen. Der Besinnlichkeit wegen, der eigenen Brieftasche wegen, aber oft auch der Umwelt wegen -"das nächste Mal" nahm man sich damals vor.

Das nächste Mal wäre in den vergangenen Wochen gewesen. Aber man war wieder schwach geworden. Da war wenig zu merken davon, dass man sich einschränkte. Wohl auch, weil man versuchte sich zu trösten und sich nicht unterkriegen zu lassen. Man bestellte Paket um Paket, man trug heim, was man trotz Lockdown kriegen konnte, man versuchte, es sich schön zu machen mit allem, was zu finden war.

Da nimmt nicht wunder, dass da auch wieder die Rekordmeldungen der Post und der Paketdienste kamen. Mehr als eine Million Pakete habe man jeden Tag zuzustellen in den Wochen vor Weihnachten, ließ die Post wissen. Insgesamt 185 Millionen Pakete werde man heuer ausliefern, "nur" 127 Millionen seien es noch vor zwei Jahren gewesen. Dabei war da noch gar nicht die Rede von den zahllosen Klein-Lkw von Versandhändlern wie amazon oder der privaten Paketdienste, die seit Wochen schier Tag und Nacht durch Land und durch die Städte rasen und die auch heuer wieder neue Rekordzahlen liefern.

Weihnachten eskalierte auch heuer wieder. Wie jedes Jahr. Was gibt es nicht alles an Versprechungen, Forderungen und Absichtserklärungen, es beim nächsten Mal besser zu machen? Dann aber? Nichts. Der Paketwahnsinn gehört dazu und die Online-Bestellungen, aber auch Themen wie die Mode, die immer mehr zur Wegwerfmode wird, der Müll, den wir nach dem Weihnachtsfest hinterlassen oder die Verschwendung von Lebensmitteln.

Die ökologischen Folgen dieses Konsumrausches, für die man gerne und mit einem Anflug von Betroffenheit Problembewusstsein zeigt, werden dann schnell vergessen, wenn es um das eigene Paket geht und um die eigenen Wünsche und Bedürfnisse. Nicht anders ist es bei all dem, was man den regionalen Erzeugern und Händlern in Aussicht stellte. Da will man dann nichts hören vom "Riesen-Fußabdruck", den die Verramschung und Vernichtung vor allem zurückgeschickter Pakete und von Retourware hinterlassen. Nichts davon, dass Kleidung heute nur mehr halb so lange getragen wird wie noch vor 15 Jahren, weil allen Beteuerungen zum Trotz selbst Textilriesen in Österreich "Billigmode am laufenden Band", wie Greenpeace beklagt, produzieren lassen. "Wegwerfmode" ist der Begriff dafür. In den heimischen Mülltonnen landet nach den Weihnachtsfeiertagen um 20 Prozent mehr Abfall als im Jahresschnitt. Darunter viel zu oft auch Lebensmittel. Umgerechnet landen Lebensmittel von gut 70.000 Lkw jährlich auf der Deponie.

Alle Appelle scheinen ohne Wirkung und nichts denn Makulatur zu sein. Viel mehr, als dass man die Probleme erkannt hat, scheint in den vergangenen Jahren nicht geschehen zu sein. Fortschritte im Kampf gegen Paketflut, Wegwerfmode, Müll oder Essen-Verschwendung sind mit freiem Auge kaum erkennbar. Nicht zu Weihnachten. Und schon gar nicht in der Statistik. Alle Initiativen scheinen wirkungslos zu verpuffen. Sie werden überrollt von der täglichen Realität, der Rücksichtslosigkeit nicht nur von großen Konzernen, auf die man gerne die Verantwortung abschiebt, sondern von der, die bei uns allen um sich greift. Da wie dort hat man immer Erklärungen und Entschuldigungen dafür, weiter am Rad zu drehen.

Man könnte, zumal in dieser Zeit des Jahres, zumindest sagen, es gibt ja ein neues Jahr und nächstes Jahr wieder Weihnachten und da werde man es besser machen.

Aber das hat man vor einem Jahr auch schon gesagt.

Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 23. Dezember 2021

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