Donnerstag, 24. Februar 2022

Alles Kneissl, oder was?

Eben waren noch alle Corona-Experten, jetzt sind wir, so scheint es, wenn man sich umhört, ein Land voller Ukraine-Experten. Man kennt sich, von sich überzeugt, aus, wie man sich bei Corona auskennt. Man weiß, was falsch gelaufen ist und warum kommt, was kommen muss. Ein Land voller "Experten für eh alles" - um eine Anleihe beim Satiriker Gunkl zu nehmen, der sich ironisch gerne selbst als solcher beschrieb, aber dabei treffend all die karikierend, die sich ohne viel Wissen und Zurückhaltung zu schier jedem Thema schnell eine Meinung basteln und mit der auch nicht hinter dem Berg halten.

Bemerkenswert beim Thema Ukraine ist vor allem der in weiten Bevölkerungskreisen und nicht nur unter Corona-Schwurblern und FP-Parteigängern nicht überhörbare stramme Anti-Amerikanismus mit einer tiefsitzenden Abneigung gegen die USA, unter der zuweilen gar antisemitische Ressentiments durchschimmern, wenn abschätzig über "den Ami" gesprochen wird. Schon vor Jahren bescheinigte eine Gallup-Umfrage, dass in keinem EU-Land die Politik der USA auf so viel Ablehnung stößt wie bei uns. 

Auf der anderen Seite hingegen ist oft ein von viel Sympathie getragenes Verständnis für Russland und seinen Präsidenten Putin durchzuspüren, wenn die Rede auf die Ukraine kommt. Oft scheint es aus einer Bewunderung dafür genährt zu sein, dass Putin sich nichts vorschreiben und sich nicht gängeln lässt, schon gar nicht von Washington oder von Brüssel, und dass man ihn als einen sieht, der das macht, was man sich von den eigenen Politikern öfters wünschen würde.

Bemerkenswert ist freilich auch, dass die Ukraine und die Menschen, die dort leben, ihre Ängste und Sorgen gar, dabei praktisch kaum vorkommen. Und schon gar nicht, dass die Ukraine ein souveränes Land ist -wie Österreich auch.

Und - es fällt auf, dass die Linke im Land schweigt und all die, die sich gerne als Pazifisten bezeichnen. Dröhnend nachgerade. Da ist nichts von Solidaritätsadressen und Forderungen, nichts von Demos und von der Empörung, die sich sonst immer so schnell an den USA entzündet.

Man kann freilich vieles an den USA kritisieren, Biden für schwach, anmaßend und überfordert und von Trump nichts halten und auch von Obama. Man kann die Bushs und Clinton für viele Fehlentwicklungen verantwortlich machen, an denen die Welt heute noch leidet. Und man kann natürlich auch mit der Dominanz der US-Amerikaner in der digitalen Welt hadern, mit Facebook und mit Bill Gates. Aber das erklärt alles nicht, warum man für Putin und seine Politik so viel Verständnis aufbringt in diesen Tagen und warum seine Narrative in so vielen Diskussionen die Argumentation bestimmen.

Wirtschaftlich ist Österreich in einer größeren Abhängigkeit von Russland, der einst am meisten gefürchteten Besatzungsmacht, als viele andere europäische Staaten. Die Verflechtungen, Beziehungen und Freundschaften vieler Politiker aus VP, SP und FP zu Russland und den Spitzen im Kreml sind vielfältig. Und gar nicht zu reden von ehemaligen Kanzlern und anderen Politikern, die für russische Konzerne tätig sind, und von heimischen Top- Managern, die auch in Moskau Größen sind. Sanktionen gegen Russland trägt man nur zähneknirschend und widerwillig mit.

Am perfektesten drückt wohl der Knicks der ehemaligen Außenministerin Karin Kneissl vor dem russischen Präsidenten das Verhältnis Österreichs zu Russland und seinen Herrschern aus. Da fügt sich drein, dass sich heimische Diplomaten in den Zeitungen in diesen Tagen und Wochen gerne zitieren lassen, wenn sie von einer "Hetze der USA" reden, davon, dass die Nato nach dem Zerfall der Sowjetunion ihre Einflusssphäre im Osten erweitert habe, "ohne auf die russischen Befindlichkeiten Rücksicht zu nehmen" und fragen, "was haben die Amerikaner gemacht -im Irak, in Afghanistan?".

Und dennoch verwundert, wie arglos man ausblendet, wie Putin Politik macht. Sein Umgang mit Oppositionellen und mit der Presse wird kritiklos hingenommen, genauso seine Cyber-Attacken gegen den Westen und seine Versuche, die EU zu destabilisieren. Und schon gar kein Wort über die militärische Drohkulisse, die er rund um die Ukraine aufgebaut und mittlerweile auch eingesetzt hat, und nichts über seine kaum mehr verhüllten Ansprüche, auch andere ehemalige Sowjetrepubliken wieder in seinen Einflussbereich zu bringen.

Und kein Wort natürlich auch über die Ukraine und die Menschen, die dort leben.

Als gelernter Österreich weiß man freilich - Rückgrat ist diesem Land noch nie eine wichtige Kategorie gewesen. Wissen auch nur selten. Man sieht sich in diesen Tagen bestätigt.

Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 24. Februar 2022

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