Dienstag, 6. Dezember 2022

Eine trügerische Sicherheit

 

Mit einer “Versorgungssicherheitstour“ tingelten der Landwirtschaftsminister, Kammern und Bauernbund in den vergangenen Wochen durchs Land. Bei der Agraria in Wels stellte die Landwirtschaftskammer Österreich das Thema ins Zentrum. Was als billiger Trick der Bauern verstanden werden kann, vor dem Hintergrund des Überfalls auf die Ukraine, der Energiekrise und der Teuerung Stimmung für ihre Anliegen zu machen, hat einen ernsten Hintergrund. Auch wenn es viele nicht hören wollen – die Versorgung mit Lebensmitteln steht in Österreich auf tönernen Füssen. Mit Geld und Zuschüssen allein ist das Problem nicht zu lösen. Abgesehen von Fleisch, Milch und Getreide sind die Selbstversorgungsgrade bei Produkten wie Eiern, Geflügel, sogar Butter und Kartoffeln, bei Obst und Gemüse, bei pflanzlichen Ölen und vielen anderen Produkten mitunter sehr bescheiden.

Eine wirklich bedrohliche Dimension bekommt das Thema, wenn man in die Details geht. Da zeigt sich schnell, dass Österreichs Landwirtschaft in der Produktion viel stärker auf Importe angewiesen ist, als ihr lieb sein kann. Denn selbst in Produktgruppen, in denen die Selbstversorgungsgrade über 100 Prozent liegen, kann es sehr schnell sehr eng werden kann.

Das beginnt bei der Abhängigkeit von importiertem Soja und Aminosäuren für die Eiweißversorgung in der Schweine- und Geflügelfütterung und hört bei den Getreidesorten aus dem Ausland nicht auf. Bei Mahlweizen, Gerste, Hafer, Roggen oder Raps kommen 75 Prozent der Genetik und des Saatgutes aus dem Ausland. Bei Gräsern kommen Genetik und das Zuchtmaterial praktisch zur Gänze aus Dänemark und Neuseeland und auch bei Gemüse gibt es in großem Stil weder Züchtung noch Saatgutvermehrung in Österreich. Auch nicht bei Biogemüse, wo alle Sorten in den großen Produktionsbereichen aus dem Ausland kommen – die besten Biotomaten-Sorten dem Vernehmen nach sogar von Monsanto und Bayer. Auch in der tierischen Produktion ist die Abhängigkeit vom Ausland wichtiges Thema. Weniger bei Rindern und Schweinen, aber vor allem bei Geflügel. Bei Mast- und Legehühnern muss die Genetik zu 100 Prozent importiert werden.

Seit Monaten etwa sorgt zudem der geplante Verkauf des Dünger-Erzeugers Borealis für Unruhe in der Bauernschaft. Eigene Entwicklungen von Pflanzenschutzmitteln oder gar Wirkstoffen gibt es schon seit Jahren nicht mehr. Produziert werden nur mehr - von zwei Unternehmen - überwiegend Generika, also Mittel, bei denen der Patentschutz abgelaufen ist.

Und da ist noch gar nicht die Rede von den Sorgen um Gas- und Strompreise und die Versorgung bei den Lebensmittelverarbeitern und Bauern, dem Kampf gegen die Bodenverschwendung und die „Umwelt“-Pläne der EU, die die Produktion weiter beschränken werden.

Vor diesem Hintergrund ist eigentlich erstaunlich, dass sich Politik und Standesvertretung erst jetzt,  drei Jahre nach Beginn der Corona-Pandemie und nicht ganz ein Jahr nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine, dieses Themas besinnen und ein Strategiekonzept erarbeiten wollen. Dass es ein solches Konzept längst gibt, hätte man eigentlich angenommen.

Gmeiner meint - Blick ins Land, Dezember 2022

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