Donnerstag, 24. November 2022

Mit alter Tugend durch die Krise

 

Wir stecken in der Krise und die wird immer heftiger, herausfordernder und unerträglicher, heißt es Tag für Tag in den Medien. Auf den Straßen freilich ist davon nichts zu erkennen, nicht auf den Einkaufsmeilen und auch nichts in den Restaurants und Wirtshäusern, in denen oft ohne Reservierung gar nichts geht. "Wien brummt wieder" stand erst neulich in einem Überblick in der "Presse am Sonntag", Konzertsäle seien wieder ausverkauft, in den Einkaufszentren sei man mit dem Geschäft zufrieden und auch in der Gastronomie. "Die Leute kommen wieder, die Gästezahl stimmt." Und Wien ist in ganz Österreich.

Ist das jetzt wirklich die Krise, von der alle reden? Man mag nicht recht glauben, was man liest, weil der subjektive Eindruck oft ein anderer ist. Man hat den Eindruck, Sprit kann gar nicht teuer genug sein, auf den Urlaub möchte auch schon keiner verzichten und jetzt rüstet man für die Skisaison. Man jammert und klagt zwar über die hohen Preise, aber man bucht dennoch, greift zu und bestellt ohne viel Hemmungen. Gar nicht zu reden davon, dass die Wirtschaft im Großen und Ganzen immer noch gut läuft und der Arbeitsmarkt leergefegt ist wie kaum je zuvor.

Das alles passt oft nicht wirklich zu all den Krisen-Schlagzeilen. Die Lage ist eher undurchsichtig und der Verdacht liegt nahe, dass mit den Prognosen, Einschätzungen und Sorgen sehr viel Politik gemacht wird. Politik, die oft mit der Wirklichkeit ziemlich wenig zu tun hat. Pamela Rendi-Wagner wirft sich ins Zeug, der Gewerkschaftsboss auch und der Anführer der Freiheitlichen Partei will Punkte machen mit der Krise und den damit möglicherweise einhergehenden Gefahren.

Womit Schlagzeilen gemacht wird, sind oft Warnungen und Prognosen. Ob sie wirklich die Panik rechtfertigen, in die sich die Aufregung mitunter steigert, steht auf einem anderen Blatt. "Jeder Zweite muss schon beim Essen sparen" ist so ein Schlagzeile aus den vergangenen Wochen, die eine Dramatik erzeugt, die sich in der Realität zumeist anders darstellt. Auch dass der Lebensmittel-Wocheneinkauf heute um gut 15 Prozent teurer ist als vor einem Jahr, ist geeignet Schaudern zu verbreiten und Aufregung. Und selbst, dass aus Pfandhäusern gemeldet wird, dass dort vermehrt "teure Computer, Rennräder, Smartphones, Luxustaschen und Luxusuhren" versilbert werden.

Die Herausforderungen und Gefahren, vor denen wir stehen, sollen hier nicht kleingeredet werden. Aber es sei gefragt, ob die hitzigen Schlagzeilen und die Stimmung, die mitunter verbreitet wird, wirklich gerechtfertigt sind. "Noch ist es kein Erdbeben, aber der Seismograf schlägt schon aus", wird der Caritas-Generalsekretär in einer Zeitung zitiert. Das wird wohl der aktuellen Lage am ehesten gerecht. Denn zwischen all den zuweilen schrillen Umfrageergebnissen ist auch zu finden, dass der Großteil der Menschen in diesem Land ganz gut mit den Teuerungen und all den anderen Herausforderungen zurechtkommt. Man kann damit leben, genauer hinzuschauen und weniger einzukaufen. Da bricht nicht gleich die große Not aus. Man kann es sich leisten, zwei Euro für Diesel und Benzin zu zahlen. Und wenn man nicht jede Woche groß mit der Familie essen geht, bricht auch nicht gleich die Welt zusammen. Schließlich ist Sparen immer noch eine Tugend, die man hierzulande von klein auf lernt. Jetzt ist wohl die Zeit, sie anzuwenden.

Die meisten werden damit durchkommen. Viele freilich nicht. Und um die muss es in der öffentlichen Diskussion und in der Politik viel mehr gehen. Um jene, die wegen der Strom-und Gasrechnung und den hohen Preisen in den Supermärkten wirklich an ihre Grenzen kommen. Die müssen im Mittelpunkt der Sorge stehen. Die alleinerziehenden Mütter, die kleinen Pensionisten und all die anderen, die oft wirklich jeden Cent dreimal umdrehen müssen, um sich das Lebensnotwendige leisten zu können. Und nicht die, die in diesen Tagen jeden Euro dreimal umdrehen, um sich den Skiurlaub doch noch irgendwie leisten zu können oder das neueste Schuhmodell oder Smartphone um 1000 Euro.

Genau diese Unterscheidung scheint keine Rolle zu spielen. Nicht in der öffentlichen Diskussion und auch nicht in der Politik, die immer noch lieber mit der großen Förder-Gießkanne arbeitet, als ihren Ehrgeiz darein zu setzen, gezielt den wirklich Betroffenen zu helfen. Genau das aber wird die große Aufgabe und auch Herausforderung sein. Nur dann ist auch in schwierigen Zeiten genug für alle da.

Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 24. November 2022

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