Donnerstag, 10. November 2022

Sind wir die richtige Adresse beim Klimaschutz?

Seit Montag dieser Woche tagen, diesmal im ägyptischen Sharm el Sheik, wieder Heerscharen von Experten aus Wissenschaft und Politik bei der Welt-Klimakonferenz der UNO, der 27. mittlerweile. Von "tragischer Verspätung" im Klimaschutz ist die Rede und davon, dass die Welt weit entfernt davon ist, die immer bedrohlichere Erderwärmung zu stoppen. Und das, obwohl es seit Jahren heißt "Jeder muss tun, was er tun kann". Aber ist das wirklich so? Sind wir als Einzelne die richtige Adresse? Und überhaupt - ist es schon genug zu tun, was man kann? Man kann ins Grübeln kommen. Und man sollte es auch. Denn die Realität ist nicht so simpel, wie sie oft dargestellt wird und die Lösungskonzepte mit dem Problem zurechtzukommen sind es schon gar nicht. Natürlich soll jeder und jede seinen Beitrag leisten. "Ja eh" ist man aber geneigt zu sagen, "aber was ist mit den anderen, die das nicht tun?" und was mit der Politik, die die wirklich entscheidenden Weichenstellungen nicht zusammenbringt? Schon gar nicht auf internationaler Ebene.

Auf den Autobahnen verstopfen Lkws wie eh und je den Verkehr, um oft nicht viel mehr als Luft, billigen Tand und Sachen, die schnell weggeworfen werden, quer durchs Land und über den Kontinent zu transportieren, weil dem kein Einhalt geboten wird. Die Fluglinien bieten wie eh und je Flüge zu Schnäppchenpreisen an, weil niemand "Schluss damit" sagt. Schnell nach Paris, Spanien oder Griechenland zu fliegen, gehört wieder zum guten Ton. Und eine Spritzfahrt mit dem Auto auf einen schnellen Urlaub oder einen Wochenend-Trip sowieso. Lebensmittel werden, wie eh und je, rund um den Globus gekarrt und wenn die Super-Frachter mit Ware aus China nicht nach Europa kommen, wird der Wirtschaft schnell bange. Und da ist noch gar nicht die Rede von den USA, China oder Indien, davon, dass in solchen Ländern der Umweltschutz eine untergeordnete Rolle spielt und in Brasilien der Wald am Amazonas abgeholzt wird. Oder vom Krieg, der nur 1.000 Kilometer von uns entfernt tobt, mit allen seinen fürchterlichen Folgen, wohl auch fürs Klima.

Kann vor diesem Hintergrund der Einzelne wirklich so viel dafür, dass unser Klima am Kippen ist? Und kann er, respektive sie, so viel tun, dass alles wieder gut wird? Man kann verstehen, dass viele ratlos zurückbleiben und sich schwer tun damit mitzumachen. Dass sie die Kids von "Friday for Future" nicht mögen und schon gar nicht die Aktivisten, die sich auf die Straßen kleben oder Kunstwerke anschütten.

Dass vor diesem Hintergrund die Bereitschaft, um des Klimas Willen auf etwas zu verzichten, nicht überbordend ist, ist nachvollziehbar. Und auch, wenn jemand daran zweifelt, ob es überhaupt so viele Einzelne gibt, überhaupt im kleinen Österreich, die etwas bewirken könnten, wo es doch auf der weiten Welt ganz anders ausschaut.

Fraglos soll und muss auch vor diesem Hintergrund jeder Einzelne dazu angehalten sein, seinen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten. Das darf aber nicht davon ablenken, dass ganz andere Maßnahmen und Weichenstellungen nötig sind, als in Wien, Linz oder Graz mit dem Rad zu fahren, im Garten einen dritten Baum zu setzen oder ungebleichtes Papier in den Drucker zu legen. Da braucht es größere Weichenstellungen, um irgendetwas zu bewirken. Politische, technologische, internationale. Da sollte sich niemand etwas vormachen. Und darum sollte man auch niemanden überfordern. Nicht gesellschaftlich, nicht persönlich und nicht politisch.

Die großen und die wirksamen Lösungen müssen von woanders kommen. Und das kann nur die Politik sein. Durch internationalen Konsens, durch internationalen Willen und dadurch, dass sie gemeinsam Weichen stellt und klimafreundlichen Technologien und Konzepten zum Durchbruch verhilft. Es muss ja nicht gerade ein Krieg sein wie Putins Überfall auf die Ukraine, der der Energiewende im Westen offenbar einen Turboschub verpasst.

Möglich ist es, die Klimakrise zu stoppen. Auch wenn das, was bisher geschah, noch zu wenig ist. Aber unter all den schrill-negativen Tönen dieser Tage sind auch zuversichtliche zu finden. Die Internationale Energieagentur spricht bereits von einer historischen Wende. Erstmals sei der "fossil peak" nahe, ein endgültiges Abflachen des Verbrauchs von Kohle, Öl und Gas.

Meine Meinung - Raiffeisenzeitung, 10. November 2022

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